Yellowstone-
Nationalpark

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Das größere Ökosystem des Yellowstones

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Wachsende Komplexität der Gemeinschaft

NPS-Foto: Wölfe gegen Bärin mit JungemViele Wissenschaftler erachten die Wiedereinsetzung des Wolfes in den Yellowstone als Wiederherstellung der ökologischen Vollständigkeit des größeren Yellowstone-Ökosystems. Diese Region umfasst jetzt jedes größere Wildsäugetier, Raubtier oder Beutetier, das dort gelebt hat, als die Europäer zum ersten Mal Nordamerika betraten. Aber der Wolf ist nur ein Faktor – obgleich schon wiederhergestellt – in die extrem komplexe und dynamische Gemeinschaft des wilden Yellowstones.

Für den Besucher wird die Komplexität dieser Gemeinschaft hauptsächlich durch die großen Raubtiere und ihre Beutetiere sichtbar. Diese ökologische „Suite“ aus Arten gibt einen seltenen Einblick in die dramatischen vor-europäischen Bedingungen des Wildlebens in Nordamerika.

Verschlungene Schichten

Seitdem die Wölfe wiederhergestellt sind, haben die Wissenschaftler unterschiedliche Schichten der Komplexität weit unterhalb der fotogenen und offensichtlich großen Säugetiere gefunden. Beispielsweise bilden Kadaver von Wapitihirschen, Bisons und anderer großer Säugetiere ein eigenes Ökosystem. Wissenschaftler haben mindestens 57 Arten von Käfern identifiziert, die mit diesen Huftierkadavern im nördlichen Bereich verbunden sind. Nur eine dieser 57 Arten fressen das Fleisch der Huftierkadaver. Der ganze Rest jagen anderen kleinen Aasfressern nach, besonders den Larven von Fliegen und Käfern. Andere konsumieren die Nebenprodukte, wie mikroskopische Pilzsporen. In dieser sehr geschäftigen Nachbarschaft, tausende von hungrigen Mäulern interagieren, bis der Kadaver verschwunden ist und jeder weiterzieht.

So zeigen die großen Raubtiere den wahren Reichtum an, die Unordnung und Feinheit des wilden Yellowstones. Für ein Wolfsrudel ist ein Wapitihirsch ein Abendessen, das darauf wartet stattzufinden, für Käfer, Fliegen und viele andere kleine Tiere, ist ein Wapitihirsch eine Stadt, die darauf wartet stattzufinden.

Trophische Kaskade

Wissenschaftler im Yellowstone untersuchen die Hypothese, dass die Wiederansiedlung des Wolfes eine Änderung der Beziehungen zwischen Raubtier / Beutetier / Vegetation verursachen – was als „trophische Kaskade“ bezeichnet wird. Einige Wissenschaftler behaupten, dass Wölfe das Verhalten der Wapitihirsche verändert haben, so dass diese mehr auf den Weiden oder in den offenen Bereichen mit Espen verweilen, wo sie Pflanzen fressen. Sie zeigen das starke Wachstum der Weiden als Beweis. Wenn Wölfe die Hauptfaktoren für das Wachstum der Weiden sind, können sie auch indirekt den Lebensraum der Ufervögel anwachsen lassen und den Lebensraum der Fische verbessern.

Es ist zu früh, um sicher zu wissen, ob diese trophische Kaskade gerade stattfindet und wie beträchtlich sie sein wird. Außerdem arbeiten weitere Faktoren hier. Zum Beispiel haben Wissenschaftler einen bedeutenden Anstieg der Temperatur im nördlichen Bereich dokumentiert: Von 1995 bis 2005 ist die Anzahl der Tage über dem Gefrierpunkt von 90 auf 110 Tage angestiegen. Änderungen in den Niederschlägen und Effekte der globalen Klimaänderung könnten ebenfalls das Pflanzenwachstum beeinflussen. Fortlaufende, wissenschaftliche Langzeituntersuchungen werden kontinuierlich diese komplizierten Verwebungen des größeren Yellowstone-Ökosystems untersuchen.

Ausgeglichene Natur?

In einigen Gesellschaftsbereichen, erwarten einige Personen, dass Wölfe wieder ein „Gleichgewicht“ im Ökosystem des Parks herstellen, und meinen damit, dass der Tierbestand sich auf einem Niveau stabilisiert, der für Menschen angenehm ist. Stattdessen finden weitaus dynamischere Schwankungen statt, die wahrscheinlich für den Tierbestand in dieser Region für Jahrtausende charakterisierend war. Die Natur hat Gleichgewichte, aber sie sind eher fließend als statisch, sie sind eher flexibel als starr.

Betrachten wir die Wapitihirschherde im nördlichen Yellowstone, die abgenommen hat. Die Wiederansiedlung des Wolfes trat gleichzeitig mit dem Ansteigen der Grizzlybär- und Pumapopulationen auf, vermehrte Jagd von Wapitihirschen durch Menschen (besonders weibliche oder „Geweihlose“) nördlich des Parks und einer extremen Trockenheit. Computermodelle vor der Wiedereinbringung des Wolfes hat eine Abnahme der Wapitihirsche vorhergesagt, aber hat diese anderen Faktoren nicht berücksichtigt und die Abnahme hat die Prognosen überstiegen. Es wird untersucht, wie die Populationen von Beutetieren reagieren, die in ihrem Lebensraum mit mehr, anstatt mit weniger Arten von Raubtieren zurechtkommen müssen. Die Wapitihirschpopulation des Yellowstones wird sich ohne Zweifel auf diesen Druck und ihre Chancen einstellen, genauso wie ihre großen und kleinen wilden Nachbarn.

Während einige Menschen über die Chance zur Sammlung von Erfahrungen über die neue Vollständigkeit des Yellowstones-Ökosystems erfreut sind, sind andere besorgt und aufgebracht durch diese Änderungen. Aber bei so wenig verbleibenden Plätzen auf der Erde, wo wir eine solche ökologische Vollständigkeit bewahren und studieren können, gibt es kaum Zweifel über die außergewöhnliche pädagogische, wissenschaftliche und auch geistige Werte einer solchen wilden Gemeinschaft.

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