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Heidebilder

Die Lerche

Hörst du der Nacht gespornten Wächter nicht?
Sein Schrei verzittert mit dem Dämmerlicht,
Und schlummertrunken hebt aus Purpurdecken
Ihr Haupt die Sonne; in das Ätherbecken
Taucht sie die Stirn, man sieht es nicht genau,
Ob Licht sie zünde oder trink’ im Blau.
Glührote Pfeile zucken auf und nieder
Und wecken Taues Blitze, wenn im Flug
Sie streifen durch der Heide braunen Zug.
Da schüttelt auch die Lerche ihr Gefieder,
Des Tages Herold seine Liverei;
Ihr Köpfchen streckt sie aus dem Ginster scheu,
Blinzt nun mit diesem, nun mit jenem Aug’;
Dann leise schwankt, es spaltet sich der Strauch,
Und wirbelnd des Mandates erste Note,
Schießt in das feuchte Blau des Tages Bote.

„Auf! Auf! Die junge Fürstin ist erwacht!
Schlaftrunkne Kämmrer, habt des Amtes acht;
Du mit dem Saphirbecken, Genziane,
Zwergweide du mit deiner Seidenfahne,
Das Amt, das Amt, ihr Blumen allzumal,
Die Fürstin wacht, bald tritt sie in den Saal!“

Da regen tausend Wimpern sich zugleich,
Maßliebchen hält das klare Auge offen,
Die Wasserlilie sieht ein wenig bleich,
Erschrocken, dass im Bade sie betroffen;

Wie steht der Zitterhalm verschämt und zage!
Die kleine Weide pudert sich geschwind
Und reicht dem West ihr Seidentüchlein lind,
Dass zu der Hoheit Händen er es trage.
Ehrfürchtig beut den tauigen Pokal
Das Genzian, und nieder langt der Strahl;
Prinz von Geblüte, hat die erste Stätte
Er, immer dienend an der Fürstin Bette.
Der Purpur lischt gemach im Rosenlicht,
Am Horizont ein zuckend Leuchten bricht
Des Vorhangs Falten, und aufs Neue singt
Die Lerche, dass es durch den Äther klingt:

„Die Fürstin kömmt, die Fürstin steht am Tor!
Frischauf, ihr Musikanten in den Hallen,
Lasst euer zartes Saitenspiel erschallen,
Und florbeflügelt Volk, heb’ an den Chor,
Die Fürstin kömmt, die Fürstin steht am Tor!“

Da krimmelt, wimmelt es im Heidgezweige,
Die Grille dreht geschwind das Beinchen um,
Streicht an des Taues Kolophonium
Und spielt so schäferlich die Liebesgeige.
Ein tüchtiger Hornist, der Käfer, schnurrt;
Die Mücke schleift behend die Silberschwingen,
Dass heller der Triangel möge klingen;
Diskant und auch Tenor die Fliege surrt;
Und, immer mehrend ihren werten Gurt,
Die reiche Katze um des Leibes Mitten,
Ist als Bassist die Biene eingeschritten:
Schwerfällig hockend in der Blüte, rummeln
Das Kontraviolon die trägen Hummeln, –
So tausendarmig ward noch nie gebaut
Des Münsters Halle, wie im Heidekraut
Gewölbe an Gewölben sich erschließen;
So tausendstimmig stieg noch nie ein Chor,
Wie’s musiziert aus grünem Heid hervor.

Jetzt sitzt die Königin auf ihrem Throne,
Die Silberwolke Teppich ihrem Fuß,
Am Haupte flammt und quillt die Strahlenkrone,
Und lauter, lauter schallt des Herolds Gruß:
„Bergleute auf! Herauf aus eurem Schacht!
Bringt eure Schätze, und du, Fabrikant,
Breit’ vor der Fürstin des Gewandes Pracht,
Kaufherrn, enthüllt den Saphir, den Demant!“

Schau, wie es wimmelt aus der Erde Schoß,
Wie sich die schwarzen Knappen drängen, streifen
und mühsam stemmend aus den Stollen schleifen
Gewalt’ge Stufen, wie der Träger groß;
Ameisenvolk, du machst es dir zu schwer!
Dein roh Gestein lockt keiner Fürstin Gnaden.
Doch sieh die Spinne, rutschend hin und her:
Schon zieht sie des Gewebes letzten Faden,
Wie Perlen klar, ein duftig Elfenkleid;
Viel edle Funken sind darin entglommen;
Da kommt der Wind und häkelt es vom Heid,
Es steigt, es flattert, und es ist verschwommen. –

Die Wolke dehnte sich, scharf strich der Hauch,
Die Lerche schwieg und sank zum Ginsterstrauch.


Die Jagd

Die Luft hat schlafen sich gelegt,
Behaglich in das Moos gestreckt;
Kein Rispeln, das die Kräuter regt,
Kein Seufzer, der die Halme weckt.
Nur eine Wolke träumt mit unter
Am blassen Horizont hinunter,
Dort, wo das Tannicht überm Wall
Die dunkeln Kandelaber streckt.
Da horch, ein Ruf, ein ferner Schall:
„Halloh! Hoho!“ – Am Dichicht fort
Ein zögernd Echo – Alles still!
Man hört der Fliege Angstgeschrill
Im Mettennetz1, den Fall der Beere,

Man hört im Kraut des Käfers Gang,
Und dann wie ziehnder Kranichheere
Kling! Klang! Von ihrer luft’gen Fähre,
Wie ferner Unkenruf: Kling! Klang!
Ein Läuten das Gewäld’ entlang –
Hui schlüpft der Fuchs den Wall hinab,
Er gleitet durch die Binsenspeere
Und zuckelt fürder seinen Trab:
Und aus dem Dickicht, weiß wie Flocken,
Nach stäuben die lebend’gen Glocken,
Radschlagend an des Dammes Hang;
Wie Aale schnellen sie vom Grund,
Und weiter, weiter Fuchs und Hund. –

Der schwankende Wacholder flüstert,
Die Binse rauscht, die Heide knistert
Und stäubt Phalänen2 um die Meute.
Sie jappen, klaffen nach der Beute,
Schaumflocken sprühn aus Nas’ und Mund.
Noch hat der Fuchs die rechte Weite,
Gelassen trabt er, schleppt den Schweif,
Zieht in dem Taue dunklen Streif
Und zeigt verächtlich seine Socken.
Doch bald hebt er die Lunte frisch,
Und, wie im Weiher schnell der Fisch,
Fort setzt er über Kraut und Schmehlen3,
Wirft mit den Läufen Kies und Staub;
Die Meute mit geschwollnen Kehlen
Ihm nach wie rasselnd Winterlaub.

Man höret ihre Kiefer knacken,
Wenn fletschend in die Luft sie hacken;
In weitem Kreise so zum Tann
Und wieder aus dem Dickicht dann
Ertönt das Glockenspiel der Bracken.

Was bricht dort im Gestrüppe am Revier?
Im holprichten Galopp stampft es den Grund;
Ha, brüllend Herdenvieh! Voran der Stier,
Und ihnen nach klafft ein versprengter Hund.
Schwerfällig poltern sie das Feld entlang,
Das Horn gesenkt, waagrecht des Schweifes Strang,
Und taumeln noch ein paar Mal in die Runde,
Eh’ Posto wird gefasst im Heidegrunde.
Nun endlich stehn sie, murren noch zurück,
Das Dichicht messend mit verglastem Blick,
Dann sinkt das Haupt, und unter ihrem Zahne
Ein leises Rupfen knirrt im Thymiane;
Unwillig schnauben sie den gelben Rauch,
Das Euter streifend am Wacholderstrauch,
Und peitschen mit dem Schweife in die Wolke
Von summendem Gewürm und Fliegenvolke.
So, langsam schüttelnd den gefüllten Bauch,
Fort grasen sie bis zu dem Heidekolke.

Ein Schuss: „Halloh!“ – Ein zweiter Schuss: „Hoho!“
Die Herde stutzt, des Kolkes Spiegel kraust
Ihr Blasen, dann die Hälse streckend, so
Wie in des Dammes Mönch4 der Strudel saust,
Ziehn sie das Wasser in den Schlund, sie pusten,
Die kranke Stärke5 schaukelt träg herbei,
Sie schaudert, schüttelt sich in hohlem Husten,
Und dann – ein Schuss, und dann – ein Jubelschrei!

Das grüne Käppchen auf dem Ohr,
Den halben Mond am Lederband,
Trabt aus der Lichtung rasch hervor
Bis mitten in das Heideland
Ein Weidmann ohne Tasch’ und Büchse;
Er schwenkt das Horn, er ballt die Hand,
Dann setzt er an, und tausend Füchse
Sind nicht so kräftig tot geblasen,
Als heut es schmettert übern Rasen:

„Der Schelm ist tot, der Schelm ist tot!
Lasst uns dem Schelm begraben!
Kriegen ihn die Hunde nicht,
Dann fressen ihn die Raben,
Hoho halloh!“
Da stürmt von allen Seiten es heran,
Die Bracken brechen aus Genist und Tann;
Durch das Gelände sieht in wüsten Reifen
Man johlend sie um den Hornisten schweifen.

Sie ziehen ihr Geheul so hohl und lang,
Dass es verdunkelt der Fanfare Klang,
Doch lauter, lauter schallt die Gloria,
Braust durch den Ginster die Victoria!

„Hängt den Schelm, hängt den Schelm!
Hängt ihn an die Weide!
Mir den Balg und dir den Talg,
Dann lachen wir alle beide;
Hängt ihn! Hängt ihn,
Den Schelm, den Schelm!“ – –


Der Weiher

Er liegt so still im Morgenlicht,
So friedlich wie ein fromm Gewissen;
Wenn Weste seinen Spiegel küssen,
Des Ufers Blume fühlt es nicht;
Libellen zittern über ihn,
Blaugoldne Stäbchen und Karmin,
Und auf des Sonnenbildes Glanz
Die Wasserspinne führt den Tanz;
Schwertlilienkranz am Ufer steht
Und horcht des Schilfes Schlummerliede;
Ein lindes Säuseln kommt und geht,
Als flüstr’ es: Friede! Friede! Friede!

               Das Schilf spricht:
„Stille, er schläft! Stille, stille!
Libelle, reg’ die Schwingen sacht,
Dass nicht das Goldgewebe schrille,
Und, Ufergrün, hab’ gute Wacht,
Kein Kieselchen lass niederfallen.
Er schläft auf seinem Wolkenflaum,
Und über ihn lässt säuselnd wallen
Das Laubgewölb der alte Baum;
Hoch oben, wo die Sonne glüht,
Wieget der Vogel seine Flügel,
Und wie ein schlüpfend Fischlein zieht
Sein Schatten durch des Teiches Spiegel. –
Stille, stille! Er hat sich geregt,
Ein fallend Reis hat ihn bewegt,
Das grad zum Nest der Hänfling trug;
Su, Su! Breit’, Ast, dein grünes Tuch –
Su, Su! Nun schläft er fest genug.“

               Die Linde spricht:
„Ich breite über ihn mein Blätterdach,
So weit ich es vom Ufer strecken mag.
Schau her, wie langaus meine Arme reichen,
Ihm mit den Fächern das Gewürm zu scheuchen,
Das hundertfarbig zittert in der Luft.
Ich hauch ihm meines Odems besten Duft,
Und auf sein Lager lass ich niederfallen
Die lieblichste von meinen Blüten allen;
Und eine Bank lehnt sich an meinen Stamm,
Da schaut ein Dichter von dem Uferdamm,
Den hör’ ich flüstern wunderliche Weise
Von mir und dir und der Libell so leise,
Dass er den frommen Schläfer nicht geweckt;
Sonst wahrlich hätt’ die Raupe ihn erschreckt,
Die ich geschleudert aus dem Blätterhag.
Wie grell die Sonne blitzt; schwül wird der Tag.
O könnt’ ich meine Wurzeln strecken
Recht mitten in das tief kristallne Becken,
Den Fäden gleich, die, grünlicher Asbest,
Schaun so behaglich aus dem Wassernest,
Wie mir zum Hohne, die im Sonnenbrande
Hier einsam niederlechzt vom Uferstrande.“
„Neid’ uns! Neid’ uns! Lass die Zweige hangen,
Nicht weil flüssigen Kristall wir trinken,
Neben uns des Himmels Sterne blinken,
Sonne sich in unserm Netz gefangen –
Nein, des Teiches Blutsverwandte, fest
Hält er all uns an die Brust gepresst,
Und wir bohren unsre feinen Ranken
In das Herz ihm, wie ein liebend Weib,
Dringen Adern gleich durch seinen Leib,
Dämmern auf wie seines Traums Gedanken;
Wer uns kennt, der nennt uns lieb und treu,
Und die Schmerle birgt in unsrer Hut
Und die Karpfenmutter ihre Brut;
Welle mag in unserm Schleier kosen;
Uns nur traut die holde Wasserfey,
Sie, die schöne, lieblicher als Rosen.
Schleuß, Trifolium6, die Glocken auf,
Kurz dein Tag, doch königlich dein Lauf!“

               Kinder am Ufer sprechen:
„O sieh doch! Siehst du nicht die Blumenwolke?
Da drüben in dem tiefsten Weiherkolke?
O das ist schön! Hätt’ ich nur einen Stecken,
Schmalzweiße Kelch’ mit dunkelroten Flecken,
Und jede Glocke ist frisiert so fein
Wie unser wächsern Engelchen im Schrein.
Was meinst du, schneid’ ich einen Haselstab
Und wat’ ein wenig in die Furt hinab?
Pah! Frösch’ und Hechte können mich nicht schrecken –
Allein, ob nicht vielleicht der Wassermann
Dort in den langen Kräutern hocken kann?
Ich geh’, ich gehe schon – ich gehe nicht –
Mich dünkt, ich sah am Grunde ein Gesicht –
Komm, lass uns lieber heim, die Sonne sticht!“


Die Mergelgrube

Stoß deinen Scheit drei Spannen in den Sand,
Gesteine siehst du aus dem Schnitte ragen,
Blau, gelb, zinnoberrot, als ob zur Gant7
Natur die Trödelbude aufgeschlagen.
Kein Pardelfell war je so bunt gefleckt,
Kein Rebhuhn, keine Wachtel so gescheckt,
Als das Gerölle, gleißend wie vom Schliff,
Sich aus der Scholle bröckelt bei dem Griff
Der Hand, dem Scharren mit des Fußes Spitze.

Wie zürnend sturt dich an der schwarze Gneis,
Spatkugeln kollern nieder, milchig weiß,
Und um den Glimmer fahren Silberblitze;
Gesprenkelte Porphyre, groß und klein,
Die Okerdruse und der Feuerstein –
Nur wenige hat dieser Grund gezeugt,
Der sah den Strand und der des Berges Kuppe;
Die zorn’ge Welle hat sie hergescheucht,
Leviathan mit seiner Riesenschuppe,
Als schäumend übern Sinai er fuhr,
Des Himmels Schleusen dreißig Tage offen,
Gebirge schmolzen ein wie Zuckerkand,
Als dann am Ararat die Arche stand
Und eine fremde, üppige Natur,
Ein neues Leben quoll aus neuen Stoffen. –
Findlinge nennt man sie, weil von der Brust,
Der mütterlichen, sie gerissen sind,
In fremde Wiege, schlummernd unbewusst,
Die fremde Hand sie legt wie’s Findelkind.
O welch ein Waisenhaus ist diese Heide,
Die Mohren, Blassgesicht und rote Haut
Gleichförmig hüllet mit dem braunen Kleide!
Wie endlos ihre Zellenreihn gebaut!

Tief ins Gebröckel, in die Mergelgrube
War ich gestiegen, denn der Wind zog scharf;
Dort saß ich seitwärts in der Höhlenstube
Und horchte träumend auf der Luft Geharf.
Es waren Klänge, wie wenn Geisterhall
Melodisch schwinde im zerstörten all;
Und dann ein Zischen, wie von Moores Klaffen,
In sich zusammen brodelnd eingesunken,
Mir überm Haupt ein Rispeln und ein Schaffen,
Als scharre in der Asche man den Funken.
Findlinge zog ich Stück auf Stück hervor
Und lauschte, lauschte mit berauschtem Ohr.
Vor mir, um mich der graue Mergel nur,
Was drüber, sah ich nicht; doch die Natur
Schien mir verödet, und ein Bild entstand
Von einer Erde, mürbe, ausgebrannt;
Ich selber schien ein Funken mir, der doch
Erzittert in der toten Asche noch,
Ein Findling im zerfallnen Weltenbau.
Die Wolke teilte sich, der Wind ward lau;
Mein Haupt nicht wagt’ ich aus dem Hohl zu strecken,
Um nicht zu schauen der Verödung Schrecken.
Wie Neues quoll und Altes sich zersetzte –
War ich der erste Mensch oder der letzte?
Ha, auf der Schieferplatte hier Medusen –
Noch schienen ihre Strahlen sie zu zücken,
Als sie geschleudert von des Meeres Busen
Und das Gebirge sank, sie zu zerdrücken.
Es ist gewiss, die alte Welt ist hin,
Ich Petrefakt, ein Mammutsknochen drin!
Und müde, müde sank ich an den Rand
Der staub’gen Gruft, da rieselte der Grand
Auf Haar und Kleider mir, ich ward so grau
Wie eine Leich’ im Katakombenbau,
Und mir zu Füßen hört ich leises Knirren,
Ein Rütteln, ein Gebröckel und ein Schwirren.
Es war der Totenkäfer, der im Sarg
Soeben eine frische Leiche barg;
Ihr Fuß, ihr Flügelchen empor gestellt
Zeigt eine Wespe mir von dieser Welt.
Und anders ward mein Träumen nun gewandet,
Zu einer Mumie ward ich versandet,
Mein Linnen Staub, fahlgrau mein Angesicht,
Und auch der Scarabäus fehlte nicht.
Wie! Leichen über mir? – Soeben gar
Rollt mir ein Byssusknäuel in den Schoß;
Nein, das ist Wolle, ehrlich Lämmerhaar –
Und plötzlich ließen mich die Träume los.
Ich gähnte, dehnte mich, fuhr aus dem Hohl,
Am Himmel stand der rote Sonnenball,
Getrübt von Dunst, ein glüher Karneol,
Und Schafe weideten am Heidewall.

Dicht über mir sah ich den Hirten sitzen,
Er schlingt den Faden, und die Nadeln blitzen,
Wie er bedächtig seinen Socken strickt.
Zu mir hinunter hat er nicht geblickt.
„Ave Maria“ hebt er an zu pfeifen,
So sacht und schläfrig, wie die Lüfte streifen.
Er schaut so seelengleich die Herde an,
Dass man nicht weiß, ob Schaf er oder Mann.
Ein Räuspern dann, und langsam aus der Kehle
Schiebt den Gesang er in das Garngestrehle:

„Es stehet ein Fischlein in einem tiefen See,
Danach tu ich wohl schauen, ob es kommt in die Höh;
Wandl’ ich über Grunheide bis an den kühlen Rhein,
Alle meine Gedanken bei meinem Feinsliebchen sein.

Gleich wie der Mond ins Wasser schaut hinein,
Und gleich wie die Sonne im Wald gibt güldnen Schein,
Also sich verborgen bei mir die Liebe findt,
All meine Gedanken, sie sind bei dir, mein Kind.

Wer da hat gesagt, ich wollte wandern fort,
Der hat sein Feinsliebchen an einem andern Ort;
Trau nicht den falschen Zungen, was sie dir blasen ein,
Alle meine Gedanken, sie sind bei dir allein.“

Ich war hinauf geklommen, stand am Bord,
Dicht vor dem Schäfer, reichte ihm den Knäuel;
Er steckt’ ihn an den Hut und strickte fort,
Sein weißer Kittel zuckte wie ein Weihel8.
Im Moose lag ein Buch; ich hob es auf –
„Bertuchs Naturgeschichte! Lest ihr das?“
Da zog ein Lächeln seine Lippen auf:
„Der lügt mal, Herr! Doch das ist just der Spaß!
Von Schlangen, Bären, die in Stein verwandelt,
Als, wie Genesis sagt, die Schleusen offen;
Wär’s nicht zur Kurzweil, wär’ es schlecht gehandelt:
Man weiß ja doch, dass alles Vieh versoffen.“
Ich reichte ihm die Silberplatte: „Schau,
Das war ein Tier.“ Da zwinkert er die Brau
Und hat mir lange pfiffig nachgelacht –
Dass ich verrückt sei, hätt’ er nicht gedacht!


Die Krähen

Heiß, heiß der Sonnenbrand
Drückt vom Zenit herunter,
Weit, weit der gelbe Sand
Zieht sein Gestäube drunter;
Nur wie ein grüner Strich
Am Horizont die Föhren;
Mich dünkt, man müsst’ es hören,
Wenn nur ein Kanker schlich.

Der blasse Äther siecht,
Ein Ruhen rings, ein Schweigen,
Dem matt das Ohr erliegt;
Nur an der Düne steigen
Zwei Fichten, dürr, ergraut –
Wie trauernde am Grabe –
Wo einsam sich ein Rabe
Die rupp’gen Federn kraut.

Da zieht’s im Westen schwer
Wie eine Wetterwolke,
Kreist um die Föhren her
Und fällt am Heidekolke;
Und wieder steigt es dann,
Es flattert, und es ächzet,
Und immer näher krächzet
Das Galgenvolk heran.

Recht, wo der Sand sich dämmt,
Da lagert es am Hügel;
Es badet sich und schwemmt,
Stäubt Asche durch die Flügel,
Bis jede Feder grau;
Dann rasten sie im Bade
Und horchen der Suade
Der alten Krähenfrau,

Die sich im Sande reckt,
Das Bein lang ausgeschossen,
Ihr eines Aug’ gefleckt,
Das andre ist geschlossen;
Zweihundert Jahr und mehr
Gehetzt mit allen Hunden,
Schnarrt sie nun ihre Kunden
Dem jungen Volke her:

„Ja, ritterlich und kühn all sein Gebar!
Wenn er so herstolzierte vor der Schar
Und ließ sein bäumend Ross so drehn und schwenken,
Da musst ich immer an Sankt Görgen denken,
Den Wettermann, der – als am Schlot ich saß,
Ließ mir die Sonne auf den Rücken brennen –
Vom Wind getrillt mich schlug so hart, dass bald
Ich es dem alten Raben möchte gönnen,
Der dort von seiner Hopfenstange schaut,
Als sei ein Baum er und wir andern Kraut! –

Kühn war der Halberstadt9, das ist gewiss!
Wenn er die Braue zog, die Lippe biss,
Dann standen seine Landsknecht’ auf den Füßen
Wie Speere, solche Blicke konnt er schießen.
Einst brach sein Schwert; er riss die Kuppel los,
Stieß mit der Scheide einen Mann vom Pferde.
Ich war nur immer froh, dass flügellos,
Ganz sonder Witz der Mensch geboren werde:
Denn nie hab’ ich gesehn, dass aus der Schlacht
Er eine Leber nur bei Seit’ gebracht.

An einem Sommertag – heut’ sind es grad
Zweihundertfünfzehn Jahr’, es lief die Schnat10
Am Damme drüben damals bei den Föhren –
Da konnte man ein frisch Trompeten hören,
Ein Schwerterklirren und ein Feldgeschrei,
Radschlagen sah man Reiter von den Rossen,
Und die Kanone fuhr ihr Hirn zu Brei;
Entlang die Gleise ist das Blut geflossen,
Granat’ und Wachtel liefen kunterbunt
Wie junge Kiebitze am sand’gen Grund.

Ich saß auf einem Galgen, wo das Bruch
Man überschauen konnte recht mit Fug;
Dort an der Schnat hat Halberstadt gestanden,
Mit seinem Sehrohr streifend durch die Banden,
Hat seinen Stab geschwungen so und so;
Und wie er schwenkte, zogen die Soldaten –
Da plötzlich aus den Mörsern fuhr die Loh’,
Es knallte, dass ich bin zu Fall geraten,
Und als kopfüber ich vom Galgen schoss,
Da pfiff der Halberstadt davon zu Ross.

Mir stieg der Rauch in Ohr und Kehl’, ich schwang
Mich auf, und nach der Qualm in Strömen drang;
Entlang die Heide fuhr ich mit Gekrächze.
Am Grunde, welche Geschrei, Geschnaub’, Geächze!
Die Rosse wälzten sich und zappelten,
Todwunde zuckten auf, Landsknecht’ und Reiter
Knirschten den Sand, da näher trappelten
Schwadronen, manche krochen winselnd weiter,
Und mancher hat noch einen Stich versucht,
Als über ihn der Bayer weggeflucht.

Noch lange haben sie getobt, geknallt,
Ich hatte mich geflüchtet in den Wald;
Doch als die Sonne färbt’ der Föhren Spalten,
Ha, welch ein köstlich Mahl ward da gehalten!
Kein Geier schmaust, kein Weihe je so reich!
In achtzehn Schwärmen fuhren wir herunter,
Das gab ein Hacken, Picken, Leich’ auf Leich’ –
Allein der Halberstadt war nicht darunter:
Nicht kam er heut’ noch sonst mir zu Gesicht,
Wer ihn gefressen hat, ich weiß es nicht.“

Sie zuckt die Klaue, kraut den Schopf
Und streckt behaglich sich im Bade;
Da streckt ein grauer Herr den Kopf,
Weit älter als die Scheh’razade.
„Ha“, krächzt er, „das war wüste Zeit –
Da gab’s nicht Frauen wie vor Jahren,
Als Ritter mit dem Kreuz gefahren
Und man die Münster hat geweiht!“
Er hustet, speit ein wenig Sand und Ton,
Dann hebt er an, ein grauer Seladon:

„Und wenn er kühn, so war sie schön,
Die heil’ge Frau im Ordenskleide!
Ihr mocht’ der Weihel süßer stehn
Als andern Güldenstück und Seide.
Kaum war sie holder an dem Tag,
Da ihr jungfräulich Haar man fällte,
Als ich ans Kirchenfenster schnellte
Und schier Tobias Hündlein brach.
Da stand die alte Gräfin, stand
Der alte Graf, geduldig harrend,
Er aufs Barettlein in der Hand,
Sie fest aufs Paternoster starrend;
Ehrbar, wie bronzen sein Gesicht –
Und aus der Mutter Wimpern glitten
Zwei Tränen auf der Schaube Mitten,
Doch ihre Lippe zuckte nicht.

Und sie in ihrem Sammetkleid,
Von Perlen und Juwel’ umfunkelt,
Bleich war sie, aber nicht von Leid,
Ihr Blick – doch nicht von Gram – umdunkelt.
So mild hat sie das Haupt gebeugt,
Als wollt’ auf den Altar sie legen
Des Haares königlichen Segen,
Vom Antlitz ging ein süß Geleucht.

Doch als nun, wie am Blutgerüst,
Ein Mann die Seidenstränge packte,
Da fasste mich ein wild Gelüst,
Ich schlug die Scheiben, dass es knackte,
Und flattert fort, als ob der Stahl
Nach meinem Nacken wollte zücken –
Ja wahrlich, über Kopf und Rücken
Fühlt’ ich den ganzen Tag mich kahl!

Und später sah ich manche Stund
Sie betend durch den Kreuzgang schreiten,
Ihr süßes Auge übern Grund
Entlang die Totenlager gleiten;
Ins Quadrum flog ich dann hinab,
Spazierte auf dem Leichensteine,
Sang oder suchte auch zum Scheine
Nach einem Regenwurm am Grab.

Wie sie gestorben, weiß ich nicht;
Die Fenster hatte man verhangen,
Ich sah am Vorhang nur das Licht
Und hörte, wie die Schwestern sangen;
Auch hat man keinen Stein geschafft
Ins Quadrum, doch ich hörte sagen,
Dass manchem Kranken Heil getragen
Der sel’gen Frauen Wunderkraft.

Ein Loch gibt es am Kirchenend’,
Da kann man ins Gewölbe schauen,
Wo matt die ew’ge Lampe brennt,
Steinsärge ragen, fein gehauen;
Da steck’ ich oft im Dämmergrau
Den Kopf durchs Gitter, klage, klage
Die Schlafende im Sarkophage,
So hold wie keine Krähenfrau!“

Er schließt die Augen, stößt ein lang „krahah!“
Gestreckt die Zunge und den Schnabel offen;
Matt, flügelhängend, ein zerstrümmert Hoffen,
Ein Bild gebrochnen Herzens sitzt er da.

Da schnarrt es über ihm: „Ihr Narren all!“
Und nieder von der Fichte plumpt der Rabe:
„Ist einer hier, der hörte von Walhall,
Von Teut und Thor und von dem Hünengrabe?
Saht ihr den Opferstein“ – da mit Gekrächz
Hebt sich die Schar und klatscht entlang den Hügel.
Der Rabe blinzt, er stößt ein kurz Geächz.
Die Federn sträubend wie ein zorn’ger Igel;
Dann duckt er nieder, kraut das kahle Ohr,
Noch immer schnarrend fort von Teut und Thor.


Das Hirtenfeuer

Dunkel, dunkel im Moor,
Über der Heide – Nacht,
Nur das rieselnde Rohr
Neben der Mühle wacht,
Und an des Rades Speichen
Schwellende Tropfen schleichen.

Unke kauert im Sumpf,
Igel im Grase duckt,
In dem modernden Stumpf
Schlafend die Kröte zuckt,
Und am sandigen Hange
Rollt sich fester die Schlange.

Was glimmt dort hinterm Ginster
Und bildet lichte Scheiben?
Nun wirft es Funkenflinster,
Die löschend niederstäuben;
Nun wieder alles dunkel –
Ich hör’ des Stahles Picken,
Ein Knistern, ein Gefunkel –
Und auf die Flammen zücken.

Und Hirtenbuben hocken
Im Kreis umher, sie strecken
Die Hände, Torfes Brocken
Seh’ ich die Lohe lecken;
Da bricht ein starker Knabe
Aus des Gestrüppes Windel
Und schleifet nach im Trabe
Ein wüst Wacholderbündel.

Er lässt’s am Feuer kippen –
Hei, wie die Buben johlen
Und mit den Fingern schnippen
Die Funken Girandolen!
Wie ihre Zipfelmützen
Am Ohre lustig flattern,
Und wie die Nadeln spritzen,
Und wie die Äste knattern!
Die Flamme sinkt, sie hocken
Aufs neu umher im Kreise,
Und wieder fliegen Brocken,
Und wieder schwelt es leise;
Glührote Lichter streichen
An Haarbusch und Gesichte,
Und schier Dämonen gleichen
Die kleinen Heidewichte.

Der da, der unbeschuhte,
Was streckt er in das Dunkel
Den Arm wie eine Rute? –
Im Kreise welch Gemunkel?
Sie spähn wie junge Geier
Von ihrer Ginsterschütte:
Ha, noch ein Hirtenfeuer,
Recht an des Dammes Mitte!

Man sieht es eben steigen
Und seine Schimmer breiten,
Den wirren Funkenreigen
Über’n Wacholder gleiten;
Die Buben flüstern leise,
Sie räuspern ihre Kehlen,
Und alte Heideweisen
Verzittern durch die Schmehlen.

„Helo, heloe!
Heloe, loe!
Komm du auf unsre Heide,
Wo ich meine Schäflein weide,
Komm, o komm in unser Bruch,
Da gibt’s der Blümelein genug! –
Helo, heloe!“

Die Knaben schweigen, lauschen nach dem Tann,
Und leise durch den Ginster zieht’s heran:
„Helo, heloe!
Ich sitze auf dem Walle,
Meine Schäflein schlafen alle,
Komm, o komm in unsern Kamp,
Da wächst das Gras wie Brahm so lang! –
Helo, heloe!
Heloe, loe!“


Der Heidemann

„Geht, Kinder, nicht zu weit ins Bruch!
Die Sonne sinkt, schon surrt den Flug
Die Biene matter, schlafgehemmt,
Am Grunde schwimmt ein blasses Tuch,
Der Heidemann kömmt!“ –

   Die Knaben spielen fort am Raine,
   Sie rupfen Gräser, schnellen Steine,
   Sie plätschern in des Steines Rinne,
   Erhaschen die Phalän’ am Ried
   Und freu’n sich, wenn die Wasserspinne
   Langbeinig in die Binse flieht.

„Ihr Kinder, legt euch nicht ins Gras!
Seht, wo noch grad die Biene saß,
Wie weißer Rauch die Glocken füllt.
Scheu aus dem Busche glotzt der Has,
Der Heidemann schwillt!“ –

   Kaum hebt ihr schweres Haupt die Schmehle
   Noch aus dem Dunst, in seine Höhle
   Schiebt sich der Käfer, und am Halme
   Die träge Motte höher kreucht,
   Sich flüchtend vor dem feuchten Qualme,
   Der unter ihre Flügel steigt.

„Ihr Kinder, haltet euch bei Haus!
Lauft ja nicht in das Bruch hinaus;
Seht, wie bereits der Dorn ergraut,
Die Drossel ächzt zum Nest hinaus,
Der Heidemann braut!“ –

   Man sieht des Hirten Pfeife glimmen
   Und vor ihm her die Herde schwimmen,
   Wie Proteus seine Robbenscharen
   Heimschwemmt im grauen Ozean.
   Am Dach die Schwalben zwitschernd fahren,
   Und melancholisch kräht der Hahn.

„Ihr Kinder, bleibt am Hofe dicht!
Seht, wie die feuchte Nebelschicht
Schon an des Pförtchens Klinke reicht;
Am Grunde schwimmt ein falsches Licht,
Der Heidemann steigt!“ –

   Nun strecken nur der Föhren Wipfel
   Noch aus dem Dunste grüne Gipfel
   Wie übern Schnee Wacholderbüsche;
   Ein leises Brodeln quillt im Moor,
   Ein schwaches Schrillen, ein Gezische
   Dringt aus er Niederung hervor.

„Ihr Kinder, kommt, kommt schnell herein!
Das Irrlicht zündet seinen Schein,
Die Kröte schwillt, die Schlang’ im Ried;
Jetzt ist’s unheimlich, draußen sein,
Der Heidemann zieht!“ –

   Nun sinkt die letzte Nadel, rauchend
   Zergeht die Fichte, langsam tauchend
   Steigt Nebelschemen aus dem Moore,
   Mit Hünenschritten gleitet’s fort;
   Ein irres Leuchten zuckt im Rohre,
   Der Krötenchor beginnt am Bord.

   Und plötzlich scheint ein schwaches Glühen
   Des Hünen Glieder zu durchziehen;
   Es siedet auf, es färbt die Wellen
   Der Nord, der Nord entzündet sich –
   Glutpfeile, Feuerspeere schnellen,
   Der Horizont ein Lavastrich!

„Gott gnad’ uns, wie es zuckt und dräut,
Wie’s schwelet an der Dünenscheid’!
Ihr Kinder, faltet eure Händ’,
Das bringt uns Pest und teure Zeit –
Der Heidemann brennt!“ –


Der Knabe im Moor

O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehen,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt –
O, schaurig ist’, übers Moor zu gehen,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstige Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor’,
Die den Haspel dreht im Geröhre!
Voran, voran! Nur immer im Lauf,
Voran, als woll’ es ihn holen;
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstige Melodei;
Das ist der Geigenmann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margreth:
„Ho, ho, meine arme Seele!“
Der Knabe springt wie ein wundes Reh,
Wär’ nicht Schutzengel in seiner Näh’,
Seine bleichen Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwele.

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war’s fürchterlich,
O, schaurig war’s in der Heide!

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