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Letzte Gaben
Pflücke die Stunde, wär’ sie noch so blass,
Ein falbes Moos, vom Dunst des Moores nass,
Ein farblos Blümchen, flatternd auf der Heide;
Ach, einst von allem träumt’ die Seele süß,
Von allem, was, ihr eigen, sie verließ,
Und mancher Seufzer gilt entfloh’nem Leide.
In alles senkt sie Blutstropfen ein,
Legt Perlen aus dem heiligtiefsten Schrein
Bewusstlos selbst in grau verhängte Stunden;
Steigt of ein unklar Sehnen dir empor,
Du schaust vielleicht wie durch Gewölkes Flur
Nach Tagen, längst vergessen, doch empfunden.
Wer, der an seine Kinderzeit gedenkt,
Als die Vokabeln ihn in Not versenkt,
Wer möcht’ nicht wieder Kind sein und sich grauen?
Ja, der Gefangne, der die Wand beschrieb,
Fühlt er nach Jahren Glückes nicht den Trieb,
Die alten Sprüche einmal noch zu schauen?
Wohl gibt es Stunden, die so ganz verhasst,
Dass, dem Gedächtnis eine Zentnerlast,
Wir ihren Schatten abzuwälzen sorgen;
Doch selten schickt sie uns des Himmels Zorn,
Und meistens ist darin ein gift’ger Dorn,
Der Moderwurm geheimer Schuld verborgen.
Drum, wer noch eines Blicks nach oben wert,
Der nehme, was an Liebem ihm beschert,
Die stolze, wie die Stund’ im schlichten Kleide;
Der schlürfe jeden stillen Tropfen Tau,
Und spiegelt drin sich nicht des Äthers Blau,
So lispelt drüber wohl die fromme Weide.
Freu’ dich an deines Säuglings Lächeln, freu’
Dich an des Jauchzens ungewissem Schrei,
Mit dem er streckt die Lust bewegten Glieder;
Wär’ zehnmal stolzer auch, was dich durchweht,
Wenn er vor dir dereinst, ein Jüngling, steht,
Dein lächelnd Kindlein gibt er dir nicht wieder.
Freu’ dich des Freundes, eh’ zum Greis er reift,
Erfahrung ihm die kühne Stirn gestreift,
Von seinem Scheitel Grabesblumen wehen;
Freu’ dich des Greises, schau’ ihm lange nach,
In kurzem gäbst vielleicht du manchen Tag,
Um einmal noch dies graue Haupt zu sehen.
O wer nur ernst und fest die Stund’ ergreift,
Den Kranz ihr auch von bleichen Locken streift,
Dem spendet willig sie die reichste Beute;
Doch wir, wir Toren, drängen sie zurück,
Vor uns die Hoffnung, hinter uns das Glück,
Und unsre Morgen morden unsre Heute.
Wie sank die Sonne glüh’ und schwer,
Und aus versengter Welle dann
Wie wirbelte der Nebel Heer
Die sternenlose Nacht heran! –
Ich höre ferne Schritte gehen –
Die Uhr schlägt zehn.
Noch ist nicht alles Leben eingenickt,
Der Schlafgemächer letzte Türen knarren;
Vorsichtig in der Rinne Bauch gedrückt
Schlüpft noch der Iltis an des Giebels Sparren.
Die schlummertrunkne Färse murrend nickt,
Und fern im Stalle dröhnt des Rosses Scharren,
Sein müdes Schnauben, bis vom Mohn getränkt
Es schlaff die regungslose Flanke senkt.
Betäubend gleitet Fliederhauch
Durch meines Fensters offnen Spalt,
Und an der Scheibe grauem Rauch
Der Zweige wimmelnd Neigen wallt.
Matt bin ich, matt wie die Natur! –
Elf schlägt die Uhr.
O wunderliches Schlummerwachen, bist
Der zarten Nerve Fluch du oder Segen? –
’s ist eine Nacht vom Taue wach geküsst,
Das Dunkel fühl ich kühl wie feinen Regen
An meine Wange gleiten, das Gerüst
Des Vorhangs scheint sich schaukelnd zu bewegen,
Und dort das Wappen an der Decke Gips
Schwimmt sachte mit dem Schlängeln des Polyps.
Wie mir das Blut im Hirne zuckt!
Am Söller geht Geknister um,
Im Pulte raschelt es und ruckt,
Als drehe sich der Schlüssel um,
Und – horch, der Seiger2
hat gewacht!
’s ist Mitternacht.
War das ein Geisterlaut? So schwach und leicht
Wie kaum berührten Glases schwirrend Klingen,
Und wieder wie verhaltnes Weinen steigt
Ein langer Klageton aus den Syringen,
Gedämpfter, süßer nun, wie tränenfeucht
Und selig kämpft verschämter Liebe Ringen; –
O Nachtigall, das ist kein wacher Sang,
Ist nur im Traum gelöster Seele Drang.
Da kollert’s nieder vom Gestein!
Des Turmes morsche Trümmer fällt,
Das Käuzlein knackt und hustet drein;
Ein jäher Windesodem schwellt
Gezweig und Kronenschmuck des Hains; –
Die Uhr schlägt eins.
Und drunten das Gewölbe rollt und klimmt;
Gleich einer Lampe aus dem Hünenmale
Hervor des Mondes Silbergondel schwimmt,
Verzitternd auf der Gasse blauem Stahle;
An jedem Fliederblatt ein Fünkchen glimmt,
Und hell gezeichnet von dem blassen Strahle
Legt auf mein Lager sich des Fensters Bild,
Vom schwanken Laubgewimmel überhüllt.
Jetzt möcht’ ich schlafen, schlafen gleich,
Entschlafen unterm Mondeshauch,
Umspielt vom flüsternden Gezweig,
Im Blute Funken, Funk’ im Strauch,
Und mir im Ohre Melodei; –
Die Uhr schlägt zwei.
Und immer heller wird der süße Klang,
Das liebe Lachen, es beginnt zu zeihen
Gleich Bildern von Daguerre die Deck’ entlang,
Die aufwärts steigen mit des Pfeiles Fliehen;
Mir ist, als seh ich lichter Locken Hang,
Gleich Feuerwürmern seh ich Augen glühen,
Dann werden feucht sie, werden blau und lind,
Und mir zu Füßen sitzt ein schönes Kind.
Es sieht empor, so froh gespannt,
Die Seele strömend aus dem Blick;
Nun hebt es gaukelnd seine Hand,
Nun zeiht es lachend sie zurück;
Und – horch, des Hahnes erster Schrei! –
Die Uhr schlägt drei.
Wie bin ich aufgeschreckt, – o süßes Bild,
Du bist dahin, zerflossen mit dem Dunkel!
Die unerfreulich graue Dämmrung quillt,
Verloschen ist des Flieders Taugefunkel,
Verrostet steht des Mondes Silberschild,
Im Walde gleitet ängstliches Gemunkel,
Und meine Schwalbe an des Frieses Saum
Zirpt leise, leise auf im schweren Traum.
Der Tauben Schwärme kreisen scheu,
Wie trunken in des Hofes Rund,
Und wieder gellt des Hahnes Schrei,
Auf seiner Streue rückt der Hund,
Und langsam knarrt des Stalles Tür, –
Die Uhr schlägt vier.
Da flammt’s im Osten auf, o Morgenglut!
Sie steigt, sie steigt, und mit dem ersten Strahle
Strömt Wald und Heide vor Gesangesflut,
Das Leben quillt aus schäumendem Pokale,
Es klirrt die Sense, flattert Falkenbrut,
Im nahen Forste schmettern Jagdsignale,
Und wie ein Gletscher sinkt der Träume Land
Zerrinnend in des Horizontes Brand.
An des Balkones Gitter lehnte ich
Und wartete, du mildes Licht, auf dich.
Hoch über mir, gleich trübem Eiskristalle,
Zerschmolzen schwamm des Firmamentes Halle;
Der See verschimmerte mit leisem Dehnen, –
Zerflossne Perlen oder Wolkentränen?
Es rieselte, es dämmerte um mich,
Ich wartete, du mildes Licht, auf dich.
Hoch stand ich, neben mir der Linden Kamm,
Tief unter mir Gezweige, Ast und Stamm;
Im Laube summte der Phalänen Reigen,
Die Feuerfliege sah ich glimmend steigen,
Und Blüten taumelten wie halb entschlafen;
Mir war, als treibe hier ein Herz zum Hafen,
Ein Herz, das übervoll von Glück und Leid
Und Bildern seliger Vergangenheit.
Das Dunkel stieg, die Schatten drangen ein, –
Wo weilst du, weilst du denn, mein milder Schein!
Sie drangen ein wie sündige Gedanken,
Des Firmamentes Woge schien zu schwanken,
Verzittert war der Feuerfliege Funken,
Längst die Phaläne an den Grund gesunken,
Nur Bergeshäupter standen hart und nah,
Ein düstrer Richterkreis, im Düster da.
Und Zweige zischelten an meinem Fuß
Wie Warnungsflüstern oder Todesgruß;
Ein Summen stieg im weiten Wassertale
Wie Volksgemurmel vor dem Tribunale;
Mir war, als müsste etwas Rechnung geben,
Als stehe zagend ein verlornes Leben,
Als stehe ein verkümmert Herz allein,
Einsam mit seiner Schuld und seiner Pein.
Da – auf die Welle sank ein Silberflor,
Und langsam stiegst du, frommes Licht, empor;
Der Alpen finstre Stirnen strichst du leise,
Und aus den Richtern wurden sanfte Greise;
Der Wellen Zucken ward ein lächelnd Winken,
An jedem Zweige sah ich Tropfen blinken,
Und jeder Tropfen schien ein Kämmerlein,
Drin flimmerte der Heimatlampe Schein.
O Mond, du bist mir wie ein später Freund,
Der seine Jugend dem Verarmten eint,
Um seine sterbenden Erinnerungen
Des Lebens zarten Widerschein geschlungen,
Bist keine Sonne, die entzückt und blendet,
In Feuerströmen lebt, in Blute endet, –
Bist, was dem kranken Sänger sein Gedicht,
Ein fremdes, aber o ein mildes Licht.
Jüngst hast die Phrase scherzend du gestellt:
„Wer Reichtum, Liebe will und Glück erlangen,
Der mache sich zum Mittelpunkt der Welt,
Zum Kreise, drin sich alle Strahlen fangen.“
Dein Wort, mein Freund, war wie des Tempels Tür,
Die Inschrift draußen und das Volksgedränge,
Doch durch die Spalten blinkt der Lampen Zier,
Zieh’n Opferduft und heilige Gesänge.
Wie könnte jemals wohl des Glückes Born
Aus anderm als dem eignen Herzen fließen?
Aus welcher Schale wohl des Himmels Zorn
Als aus der selbst gebotnen sich ergießen?
O glücklich sein, geliebt und glücklich sein –
Möge ein Engel mir die Pfade deuten!
Da schwillt des Tempels Vorhang, zart und rein
Hör ich’s wie Echo durch die Falten gleiten:
„Standest an einem Krankenbett du je,
Nach wochenlangen selbstvergessnen Sorgen,
Hobst diene schweren Wimpern in die Höh’,
Gerührt zum heißen Dankgebet am Morgen,
Und sahst um des Genesenden Gesicht
Ein neu erwachtes Seelenschimmern schweben,
Und einen Liebesblick auf dich, wie nicht
Ihn Freund und nicht geliebte können geben?
Hieltest du je den Griffel in der Hand
Und rechnetest mit frohem Geiz zusammen
Die Groschen, die du selber dir entwandt;
Schien jeder Heller dir wie Gold zu flammen
Des Schatzes für den fremden Sorgenpfühl,
Um den du deine Freuden schlau betrogen,
Und hast du deines Reichtums Vollgefühl
Tief, tief den Odem in die Brust gesogen?
Und der Moment, wo eine Rechte schwimmt
Ob teurem Haupte mit bewegtem Segen,
Wo sie das Herz vom eignen Herzen nimmt,
Um freudig an das fremde es zu legen,
Hast du ihn je erlebt und standest dann,
Die Arme still und freundlich eingeschlagen,
Selig berechnend, welche Früchte kann,
Wie liebliche, das neue Bündnis tragen?
Dann bist du glücklich, bist geliebt und reich,
Ein Fels, an dem sich alle Blitze spalten;
Dann mag dein Kranz verwelken, mögen bleich
Krankheit und Alter dir die Stirne falten:
Dann bist der Mittelpunkt du deiner Welt,
Der Kreis, aus dem die Freudenstrahlen quillen,
Und was so frisch der Bäche Ufer schwellt,
Wie sollte seinen Born es nicht erfüllen!“
Steigt mir in diesem fremden Lande
Die allbekannte Nacht empor,
Klatscht es wie Hufesschlag vom Strande,
Rollt sich die Dämmerung hervor,
Gleich Staubeswolken mir entgegen
Von meinem lieben starken Nord,
Und fühl ich meine Locken regen
Der Luft geheimnisvolles Wort –
Dann ist es mir, als hör’ ich reiten
Und klirren und entgegenzieh’n
Mein Vaterland von allen Seiten,
Und seine Küsse fühl ich glüh’n;
Dann wird des Windes leises Munkeln
Mir zu verworrnen Stimmen bald,
Und jede schwache Form im Dunkeln
Zur tief vertrautesten Gestalt.
Und meine Arme muss ich strecken,
Muss Küsse, Küsse hauchen aus,
Wie sie die Lieber könnten wecken,
Die modernden im grünen Haus;
Muss jeden Waldeswipfel grüßen,
Und jede Heid’ und jeden Bach,
Und alle Tropfen, die da fließen,
Und jedes Hälmchen, das noch wach.
Du, Vaterhaus, mit deinen Türmen
Vom stillen Weiher eingewiegt,
Wo ich in meines Lebens Stürmen
So oft erlegen und gesiegt;
Ihr breiten, Laub gewölbten Hallen,
Die jung und fröhlich mich gesehn,
Wo ewig meine Seufzer wallen,
Und meines Fußes Spuren stehn.
Du feuchter Wind von meinen Heiden,
Der wie verschämte Klage weint,
Du Sonnenstrahl, der so bescheiden
Auf ihre Kräuter nieder scheint;
Ihr Gleise, die mich fort getragen,
Ihr Augen, die mir nachgeblinkt,
Ihr Herzen, die mir nachgeschlagen,
Ihr Hände, die mir nachgewinkt.
Und Grüße, Grüße, Dach, wo nimmer
Die treuste Seele mein vergisst,
Und jetzt bei ihres Lämpchens Schimmer
Für mich den Abendsegen liest,
Wo bei des Hahnes erstem Krähen
Sie matt die graue Wimper streicht,
Und einmal noch vor Schlafengehen
An mein verlassnes Lager schleicht.
Ich möcht euch alle an mich schließen,
Ich fühl euch alle um mich her;
Ich möchte mich in euch ergießen,
Gleich siechem Bache in das Meer.
O wüsstet ihr, wie krank gerötet,
Wie fieberhaft ein Äther brennt,
Wo keine Seele für uns betet
Und keiner unsre Toten kennt!
’s war eine Nacht, vom Taue wachgeküsst,
Das Dunkel fühlt’ ich kühl wie zarten Regen
An meine Wange gleiten. Das Gerüst
Des Vorhangs schien sich schaukelnd zu bewegen,
’s war ein Nacht, wo man am Morgen denkt:
Ward Dasein jetzt dir, oder dort geschenkt?
Mir war so wohl und federleicht zu Mut,
So schwimmend nun die Wimper halb geschlossen;
Verlorne Funken zuckten durch mein Blut,
Von fernen Lauten wähnt’ ich mich umflossen;
’s war eine Nacht, wo man am Morgen fragt:
Hat’s damals, oder hat es jetzt getagt?
Und immer heller ward der süße Klang,
Das liebe Lachen, es begann zu schwimmen
Wie Bilder von Daguerre die Deck’ entlang,
Gleich Feuerwürmern sah ich Augen glimmen,
Dann wurden feucht sie, blau und lind,
Und mir zu Füßen saß ein schönes Kind.
Das sah zu mir empor, so ernst gespannt,
Als quelle ihm die Seele aus den Blicken,
Bald schloss es, schmerzlich zuckend, seine Hand,
Bald schüttelt es sie funkelnd vor Entzücken,
Und horchend klomm es sacht heran
Zu meiner Schulter – und wo blieb es dann?
O wären’s Geisterstimmen aus der Luft,
Die sich wie Vogelzwitschern um mich reihten!
Wär Grabesbrodem nur der leise Duft,
Der mich umseufzte aus verschollnen Zeiten!
Doch nur mein Herz ist eure stille Gruft,
Und meine Heil’gen, meine einst Geweihten,
Sie leben alle, wandeln allzumal –
Vielleicht zum Segen sich, doch mir zur Qual.
Süße Ruh, süßer Taumel im Gras,
Von des Krautes Arom umhaucht,
Tiefe Flut, tief, tieftrunkne Flut,
Wenn die Wolk’ am Azure verraucht,
Wenn aufs müde, schwimmende Haupt
Süßes Lachen gaukelt herab,
Liebe Stimme säuselt und träuft
Wie die Lindenblüt’ auf ein Grab.
Wenn im Busen die Toten dann,
Jede Leiche sich streckt und regt,
Leise, leise den Odem zieht,
Die geschlossne Wimper bewegt,
Tote Lieb’, tote Lust, tote Zeit,
All’ die Schätze, im Schutt verwühlt,
Sich berühren mit schüchternem Klang
Gleich den Glöckchen, vom Winde umspielt.
Stunden, flüchtiger ihr als der Kuss
Eines Strahls auf den trauernden See,
Als des ziehenden Vogels Lied,
Das mir niederperlt aus der Höh’,
Als des schillernden Käfers Blitz,
Wenn den Sonnenpfad er durcheilt,
Als der flücht’ge Druck einer Hand,
Die zum letzten Male verweilt.
Dennoch, Himmel, immer mir nur,
Dieses eine nur: Für das Lied
Jedes freien Vogels im Blau
Eine Seele, die mit ihm zieht,
Nur für jeden kärglichen Strahl
Meinen farbig schillernden Saum,
Jeder warmen Hand meinen Druck,
Und für jedes Glück einen Traum.
Wie war mein Dasein abgeschlossen,
Als ich im grün umhegten Haus,
Durch Lerchenschlag und Fichtensprossen
Noch träumt’ in den Azur hinaus!
Als keinen Blick ich noch erkannte
Als den des Strahles durchs Gezweig,
Die Felsen meine Brüder nannte,
Schwester mein Spiegelbild im Teich!
Nicht rede ich von jenen Jahren,
Die dämmernd uns die Kindheit beut, –
Nein, so verdämmert und zerfahren
War meine ganze Jugendzeit!
Wohl sah ich freundliche Gestalten
Am Horizont vorüber fliehn;
Ich konnte heiße Hände halten
Und heiße Lippen an mich ziehn.
Ich hörte ihres Grußes Pochen,
Ihr leises Wispern um mein haus,
Und sandte schwimmend, halb gebrochen,
Nur einen Seufzer halb hinaus.
Ich fühlte ihres Hauches Fächeln,
Und war doch keine Blume süß;
Ich sah der Liebe Engel lächeln,
Und hatte doch kein Paradies.
Mir war, als habe in den Noten
Sich jeder Ton an mich verwirrt,
Sich jede Hand, die mir geboten,
Im Dunkel wunderlich verirrt.
Verschlossen blieb ich, eingeschlossen
In meiner Träume Zauberturm,
Die Blitze waren mir Genossen
Und Liebesstimme mir der Sturm.
Dem Wald ließ ich ein Lied erschallen
Wie nie vor einem Menschenohr,
Und meine Träne ließ ich fallen,
Die heiße, in den Blumenflor.
Und alle Pfade musst ich fragen:
Kennt Vögel ihr und Strahlen auch?
Doch keinen: Wohin magst du tragen,
Von welchem Odem schwillt dein Hauch?
Wie ist das anders nun geworden,
Seit ich ins Auge dir geblickt;
Wie ist nun jeder Welle Borden
Ein Menschenbildnis eingedrückt!
Wie fühl ich allen warmen Händen
Nun ihre leisen Pulse nach,
Und jedem Blick sein scheues Wenden
Und jeder schweren Brust ihr Ach!
Und alle Pfade möcht ich fragen:
Wo zeiht ihr hin, wo ich das Haus,
In dem lebend’ge Herzen schlagen,
Lebend’ger Odem schwillt hinaus?
Entzünden möcht ich alle Kerzen
Und rufen jedem müden Sein:
Auf ist mein Paradies im Herzen,
Zieht alle, alle nun hinein!
Ihr, die beim frohen Mahle lacht,
Euch eure Blumen zieht in Scherben,
Und was an Gut euch zugedacht,
Euch wohlbehaglich lasst vererben,
Ihr starrt dem Dichter ins Gesicht,
Verwundert, dass er Rosen bricht
Von Disteln, aus dem Quell der Augen
Korall’ und Perle weiß zu saugen;
Dass er den Blitz herniederlangt,
Um seine Lampe zu entzünden,
Im Wettertoben, wenn euch bangt,
Den rechten Odem weiß zu finden;
Ihr starrt ihn an mit halbem Neid,
Den Geistes-Krösus seiner Zeit,
Und wisst es nicht, mit welchen Qualen
Er seine Schätze muss bezahlen.
Wisst nicht, dass ihn, Verdammten gleich,
Nur reines Feuer kann ernähren,
Nur der durchstürmten Wolke Reich
Den Lebensodem kann gewähren;
Dass, wo das Haupt ihm sinnend hängt,
Sich blutig ihm die Träne drängt,
Nur in des schärfsten Dornes Spalten
Sich seine Blume kann entfalten.
Meint ihr, das Wetter zünde nicht?
Meint ihr, der Sturm erschüttre nicht?
Meint ihr, die Träne brenne nicht?
Meint ihr, die Dornen stechen nicht?
Ja, eine Lamp’ hat er entfacht,
Die nur das Mark ihm sieden macht;
Ja, Perlen fischt er und Juwele,
Die kosten nichts – als seine Seele.
Auf hohem Felsen lieg’ ich hier,
Der Krankheit Nebel über mir,
Und unter mir der tiefe See
Mit seiner nächt’gen Klage Weh,
Mit seinem Jubel, seiner Lust,
Wenn bunt geschmückte Wimpel fliegen,
Mit seinem Dräu’n aus hohler Brust,
Wenn Sturm und Welle sich bekriegen.
Mir ist er gar ein trauter Freund,
Der mit mir lächelt, mit mir weint;
Ist, wenn er grünlich golden ruht,
Mir ein sanfte Zauberflut,
Aus deren tiefem, klarem Grund
Gestalten meines Lebens steigen,
Geliebte Augen, süßer Mund
Sich lächelnd tröstend zu mir neigen.
Wie hab ich schon so manche Nacht
Des Mondes Widerschein bewacht!
Die klare Bahn auf dunklem Grün,
Wo meiner Toten Schatten ziehn;
Wie manchen Tag den lichten Hang,
Bewegt von hüpfend leichten Schritten,
Auf dem mit leisem Geistergang
Meiner Lebend’gen Bilder glitten.
Und als dein Bild vorüber schwand,
Da streckte ich nach dir die Hand,
Und meiner Seele ward es weh,
Dass dir verborgen ihre Näh’;
So nimm denn meine Lieder nun
Als liebesrote Flammenzungen,
Lass sie in deinem Busen ruhn
Und denk, ich hab sie dir gesungen.
Das war gewiss ein andrer März,
Ein Mond, den Blütenkränz’ umhegten,
Als Engel dich, geliebtes Herz,
In deine erste Wiege legten;
Das war gewiss ein Tag so frei,
So frisch vom Sonnenstrahl umglommen!
Doch auch im Wintermantel sei
Er, wie der schönste, mir willkommen.
Mir ward ein schlimm’rer Mond zu Teil,
Um den kein Vogel je gesungen,
Nur Eiseszapfen blank und steil
Das kalte Diadem geschlungen;
Ach anders wirken Schnee und Eis,
Und anders wohl der Sonnen Güte!
Ich steh, ein düstres Tannenreis,
Du eine zarte Veilchenblüte.
Doch fest zusammen, fest im Raum,
Gehalten in des Winters Stürmen,
Du schmücke mich zum Weihnachtsbaum,
Und ich will deine Blüte schirmen;
Dann muss uns willig oder nicht
Das Leben reiche Gaben zählen,
Und niemals wird das Himmelslicht,
Der Poesie Beleuchtung fehlen.
An Levin Schücking
Lebt wohl, es kann nicht anders sein!
Spannt flatternd eure Segel aus,
Lasst mich in meinem Schloss allein,
Im öden, geisterhaften Haus.
Lebt wohl und nehmt mein Herz mit euch
Und meinen letzten Sonnenstrahl;
Er scheide, scheide nur sogleich,
Denn scheiden muss er doch einmal.
Lasst mich an meines Sees Bord,
Mich schaukelnd mit der Wellen Strich,
Allein mit meinem Zauberwort,
Dem Alpengeist und meinem Ich.
Verlassen, aber einsam nicht,
Erschüttert, aber nicht zerdrückt,
Solange noch das heil’ge Licht
Auf mich mit Liebesaugen blickt,
Solange mir der frische Wald
Aus jedem Blatt Gesänge rauscht,
Aus jeder Klippe, jedem Spalt
Befreundet mir der Elfe lauscht,
Solange noch der Arm sich frei
Und waltend mir zum Äther streckt
Und jedes wilden Geiers Schrei
In mir die wilde Muse weckt.
Geliebte, wenn mein Geist geschieden,
So weint mir keine Träne nach,
Denn wo ich weile, dort ist Frieden,
Dort leuchtet mir ein ew’ger Tag!
Wo aller Erdengram verschwunden,
Soll Euer Bild mir nicht vergehn,
Und Linderung für eure Wunden,
Für euren schmerz will ich erflehn.
Weht nächtlich seine Seraphsflügel
Der Friede übers Weltenreich,
So denkt nicht mehr an meinen Hügel,
Denn von den Sternen grüß ich euch!
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