Home-
page

www.wissen-im-Netz.info

Wolfram von Eschenbach - Biografie

Homepage
   Literatur
      Eschenbach

         Biografie
            1. Wolframs Heimat
            2. Stand
            3. Vermögen
            4. Wolfram u. Walther
            5. W. Nachbarschaft
            6. Eheliches Leben
            7. Wolframs Werke
            8. W. und Gottfried
            9. Kiot
            10. Flegetanis
            11. Mythos vom Gral
            12. Deutung
            13. Anklänge Mythen
            14. Chronik Anjou
            15. Parzivals Abent.
            16. Parzival Peridur
            17. Kritik Mabinogi
            18. Ursprung Fortb.
            19. Templerorden
            20. Loherangrin
            21. Klinschor
            22. Priester Johannes
            23. Verchristlichung
            24. Jüngere Titurel
            25. Albrecht und Kiot
            Anmerkungen

11. Mythos vom Gral

Was sollen wir nun von der Nachricht über Flegetanis halten?

"Dass Kiot zu Toledo ein arabisches Manuskript solchen Inhalts gefunden haben könne, wird niemand leugnen, aber auch niemand uns zumuten wollen, diesen Inhalt selber für wahr zu halten. Das Flegetanis in den Sternen vom Gral gelesen habe, sind wir, bis auch die Astrologie wieder zu Ehren gebracht sein wird, nicht zu glauben verpflichtet. Dass der Gral von einer himmlischen Schar auf die Erde gebracht worden, klingt ganz gut im Munde eines Heiden, der ein Kalb anbetete und mutterhalb von Salomon stammte. Auffallen muss nur die Unvollständigkeit dieser Nachricht, die uns weder über das eigentliche Wesen des Grals belehrt, noch ahnen lässt, warum ihn die Engel auf die Erde gebracht haben möchten. Hierüber sollte doch vor allem Flegetanis, wenn nicht von den Sternen, doch von seiner Mutter Auskunft erhalten haben. In der Tat ist uns diese Auskunft überliefert, aber nicht im Parzival, noch im Titurel. "Sechzigtausend Engel," heißt es im Wartburgkriege, "die Gott vom Himmel verdrängen wollten, ließen eine Krone für Luzifer wirken. Als diese der Erzengel Michael vom Haupte Luzifers brach, sprang ein Stein daraus, und dieser Stein ist der Gral."

Ich sehe in dem Bericht über Flegetanis nur eine Andeutung, dass die Sage vom Gral orientalisch-heidnischen Ursprungs sei, es möge ihr nun "das Heliotrapezon, der Sonnentisch der frommen Äthiopien, der schon bei Herodot jede Nacht mit Fleisch und Fisch sich bedeckte," oder "der altägyptische Hermesbecher, der des Dschemschid, Herkules und Bacchus der Mysterien," oder "der schwarze Stein in der Kaaba zu Mekka" der, einer der Edelsteine des Paradieses, mit Adam zugleich auf die Erde gefallen sein soll, oder eine andere Form der vielgestaltigen Mythos, mit der auch der Stein der Weisen, oder das deutsche Tischchen deck dich verwandt sein mag, zugrunde liegen. Es ist uns aber nicht umsonst gesagt, dass Flegetanis mutterhalb aus israelitischem Geschlecht entstammt sei: Mit dem ursprünglich heidnischen Mythus haben sich altjüdische Vorstellungen verbunden, und es ist, obgleich Wolfram nichts davon meldet, um so wahrscheinlicher, dass der himmlische Ursprung des Grals schon bei Flegetanis mit Luzifers Empörung in der vom Wartburgskrieg gemeldeten Weise zusammenhing, als darauf jenes Vorgeben Trevrezents hinzielt.

So schrieb ich 1841; mir scheint jetzt, über den Ursprung der Gralssage, die eine besondere Untersuchung fordre, könne aus Wolframs Angaben allein nicht entschieden werden. Sie spiegeln uns nur seine eigenen Vorstellungen darüber, oder die seiner Quelle, denn wir wissen nicht, ob er die Nachricht über Flegetanis frei erfand oder irgendwoher entlieh. Flegetanis ist derselbe, welcher im Wartburgkrieg Zabulon heißt, denn auch von ihm wird dort gesagt, er habe ein Kalb angebetet und sei ein Jude von der Mutter Art, ein Heide vaterhalb gewesen. dies würde uns doch wieder auf jüdische Überlieferungen leiten, wie sie im Mittelalter verbreitet waren. Dagegen schreibt Ferd. Wolf an Dr. Holland (Chrestien von Troies 209): "Der Gralmythos ist wohl aus keltisch-druidischen Elementen im südlichen (?) Frankreich von den Anhängern des Tempeltums ausgebildet worden, und da lag die Versetzung des Montsalvage nach Spanien nahe genug und ist wohl ebenso wohl wie Kiots Fund zu Toledo, dem Sitze der schwarzen Kunst, nur eine Mystifikation, wie denn bekanntlich Spanien, das Morgenland, Griechenland und Ungarn in der Geographie der Sagen die Heimatländer des Wunderbaren und Mystischen sind oder nur die Bedeutung der fernen, unbekannten Fremde haben."

Auf das unbekannte Gebiet des druidischen Tempeltums darf ich mich nicht verlocken lassen; doch macht mir, was ich über Ursprung und Bedeutung der Gralssage jetzt mitzuteilen habe, nicht wahrscheinlich, dass druidische Elemente den Grund derselben bildeten.

Was zunächst den Ursprung der Gralssage betrifft, so ist der Gral eine Schüssel, auf der jedoch, nicht mehr bei Wolfram, wohl aber in dem unter §§ 16 und 17 besprochenen Mabinogi das Haupt eines Menschen lag. Das erinnert an Johannes den Täufer, auf welchen wir auch § 19 in den gegen die Templer erhobenen Beschuldigungen gewiesen werden, und wieder darin, dass die Genueser die bei der Einnahme von Cäsarea erbeutete kostbare Schale, die schon Helinandus auf den Gral bezog, der Kapelle Johannes des Täufers weihten. Vgl. unten § 19 und San Marte Wolframs Leben und Dichten II, 415. Nach Chrestiens Fortsetzer Menessier legt Parzival, nachdem er zum König des Grals gekrönt ist, an einem Johannistage ein strenges Gelübde ab, lebt fünf Jahre nur von den Speisen des Grals genähert und wird dann bei seinem Tode zu den Heiligen empor geführt. San Marte S. 423. Nach dem Prosaroman vom Gral setzt Artus auf einen Johannistag, nicht zu der Ritter Verwunderung auf Pfingsten, jenen großen Hefotag an, bei welchem die Hässliche (Kundrie) über die unterlassene Frage Klage erhebt. S. Marte S. 422.

Dem Haupte des Täufers ward schon früh große Verehrung gewidment. Als es unter dem arianisch gesinnten Kaiser Valens entdeckt wurde, fand man es nach dem fast gleichzeitigen Bericht des Sozomenus (hist. eccl. VII, 21) bei Mönchen, die zur Sekte der Mazedonianer gehörten: Es konnte aber nicht nach Konstantinopel gebracht werden, weil die vorgespannten Maultiere es nicht weiter ziehen wollten, als bis zu dem Dorfe Cosilai unweit Chalcedon. Als es der rechtgläubige Kaiser Theodosius später von dort nach der Hauptstadt bringen ließ, wohnte in Cosilai eine fromme Matrone jener Sekte, welche das heilige Haupt als Dienerin und Wächterin hütete und sich jetzt, seiner Wegbringung mit aller Macht widersetzte. Der Kaiser verbot, ihr die Reliquie mit Gewalt zu nehmen, bewog aber die Frau durch gütliche Vorstellungen, nachzugeben, wozu sie sich indes nur in der festen Überzeugung herbeiließ, die Reliquie werde abermals wie unter Kaiser Valens nicht von der Stelle weichen. Theodosius erhob aber nun das Heiligtum und setze es in einer Vorstadt Konstantinopels bei, wo sich bald ein prächtiger Tempel über ihm erhob. Jene Frau blieb in Cosilai; dagegen ein Priester persischer Abkunft, der gleich ihr das heilige Haupt gehütet hatte, folgte ihm, als er sah, dass das Heiligtum dem Kaiser keinen Widerstand geleistet hatte, nach Konstantinopel, wo er, bisher ebenfalls Mazedonianer, in die Gemeinschaft der Katholischen trat, und täglich über der Reliquie das heilige Opfer darbrachte.

Im fünften Jahrhundert verschwindet das heilige Haupt aus Konstantinopel; erst im neunten wurde es wieder dahin zurückgebracht. Als im Jahre 1027 Basil der Purpurgeborene auf dem Sterbebette lag, brachte Alexius, der Abt des Klosters Studion, die Reliquie an das Bett des Kaisers, wofür ihn dieser alsbald zum Patriarchen ernannte. Glaubte man etwa der Anblick des heiligen Hauptes werde den Kaiser nicht sterben lassen? Von dem Grale wird uns gemeldet, dass niemand desselben Tages sterben konnte, da er ihn sah und noch die nächste Woche nicht (Parz. 469, 15-17).

Es mag dahin gestellt bleiben, ob die oben erwähnten Macedonianer in irgend einer, wenn auch nur äußerlichen Verbindung standen mit der ketzerischen, halbjüdischen Sekte der sog. Johannischristen (Mondäer), die aus den schon Apostelgeschichte 18, 25 und 19, 3 erwähnten Johannisjüngern hervorgegangen, sich durch eine eigene Taufe unterscheiden, außer diesem Sakrament aber auch noch das Abendmahl festhalten. Vgl. Petermann, deutsche Zeitschrift für christliche Wissenschaft usw. 1856, Nr. 42. Auf eine solche Verbindung scheint zu deuten, dass Persien, wo sich ihre Lehre ausbildete und noch jetzt 10000 Johanneschristen leben sollen (Freiberger Kirchenlexikon s. v. Zabier), als die Heimat jenes mazedonianischen Priesters ausgegeben wird. Von den Johannischristen aber weiß man, dass sie lange mit andern Christen unter dem Patriarchen der Nestorianer vereinigt gelebt haben. Vgl. Schröckhs Kirchengeschichte Bd. 35, S. 193. Da es nun Nestorianer waren, welche jenes schon unserem Dichter (P. 822, 21, 823, 3) bekannte Reich des Priesters Johanns (s. unten § 22) bildeten, so ist die Vermutung begründet, dass es jene Johannischristen gewesen, welche die auch in der ältesten Gestalt der Gralssage nachtönende Verehrung des enthaupteten Täufers in den fernen Orient trugen und jenem priesterlichen Könige den Namen gaben, der sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbte.

Wolfram, der fast alles, was noch bei den spätern Nordfranzosen an Johannes erinnerte, aus der Sage getilgt hatte, scheint nach § 22 gleichwohl der erste gewesen zu sein, der den Priester Johannes in dieselbe einführte. In beiden Stücken müssen wir seine Wahl verständig finden, denn nachdem einmal das blutige Menschenhaupt von der Schüssel verschwunden war, konnten jene Anklänge an Johannes nicht mehr verstanden werden; indem er aber den Priester Johannes nicht mehr verstanden werden; indem er aber den Priester Johannes in das Geschlecht der Gralskönige aufnahm, tat er der Sage ihr Recht und stellte den ursprünglichen, geschichtlich begründeten Zusammenhang wieder her.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.