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Weltliteratur

German Romance

   Um den Sinn dieses Titels im Deutschen wiederzugeben, müssten wir allenfalls sagen: Musterstücke romantischer, auch märchenhafter Art, ausgewählt aus den Werken deutscher Autoren, welche sich in diesem Fache hervorgetan haben; sie enthalten kleinere und größere Erzählungen von Musäus, Tieck, Hoffmann, Jean Paul Richter und Goethe in freier anmutiger Sprache. Merkwürdig sind die einem jeden Autor vorgesetzten Notizen, die man, so wie die Schiller’sche Biographie, gar wohl rühmen, auch unsern Tagesblättern und -heften zu Übersetzung und Mitteilung, wenn es nicht etwa schon uns unbewusst geschehen ist, empfehlen darf. Die Lebenszustände und -ereignisse sind mit Sorgfalt dargestellt und geben von dem individuellen Charakter eines jeden, von der Einwirkung desselben auf seine Schriften genugsame Vorkenntnis. Hier sowohl wie in der Schiller’schen Biographie beweist Herr Carlyle eine ruhige, klare, innige Teilnahme an dem deutschen poetisch-literarischen Beginnen; er gibt sich hin an das eigentümliche Bestreben der Nation, er lässt den einzelnen gelten, jeden an seiner Stelle, und schlichtet hiedurch gewissermaßen den Konflikt, der innerhalb der Literatur irgendeines Volkes unvermeidlich ist. Denn leben und wirken heißt ebensoviel als Partei machen und ergreifen. Niemand ist zu verdenken, wenn er um Platz und Rang kämpft, der ihm seine Existenz sichert und einen Einfluss verschafft, der auf eine glückliche weitere Folge hindeutet.

   Trübt sich nun hiedurch der Horizont einer innern Literatur oft viele Jahre lang – der Fremde lässt Staub, Dunst und Nebel sich setzen, zerstreuen und verschwinden und sieht jene fernen Regionen vor sich aufgeklärt mit ihren lichten und beschatteten Stellen, mit einer Gemütsruhe, wie wir in klarer Nacht den Mond zu betrachten gewohnt sind.

   Hier nun mögen einige Betrachtungen, vor längerer Zeit niedergeschrieben, eingeschaltet stehen, sollte man auch finden, dass ich mich wiederhole – wenn man nur zugleich gesteht, dass Wiederholung irgend zum Nutzen gereichen könne.

   Offenbar ist das Bestreben der besten Dichter und ästhetischen Schriftsteller aller Nation schon seit geraumer Zeit auf das allgemein Menschliche gerichtet. In jedem Besondern, es sei nun historisch, mythologisch, fabelhaft, mehr oder weniger willkürlich ersonnen, wird man durch Nationalität und Persönlichkeit hin jenes Allgemeine immer mehr durchleuchten und durchschienen sehen.

   Da nun auch im praktischen Lebensgang ein gleiches obwaltet und durch alles irdisch Rohe, Wilde, Grausame, Falsche, Eigennützige, Lügenhafte sich durchschlingt und überall einige Milde zu verbreiten trachtet, so ist zwar nicht zu hoffen, dass ein allgemeiner Friede dadurch sich einleite, aber doch, dass der unvermeidliche Streit nach und nach lässlicher werde, der Krieg weniger grausam, der Sieg weniger übermütig.

   Was nun in den Dichtungen aller Nationen hierauf hindeutet und hinwirkt, dies ist es, was die übrigen sich anzueignen haben. Die Besonderheiten einer jeden muss man kennen lernen, um sie ihr zu lassen, um gerade dadurch mit ihr zu verkehren; denn die Eigenheiten einer Nation sind wie ihre Sprache und ihre Münzsorten, sie erleichtern den Verkehr, ja sie machen ihn erst vollkommen möglich.

   Eine wahrhaft allgemeine Duldung wird am sichersten erreicht, wenn man das Besondere der einzelnen Menschen und Völkerschaften auf sich beruhen lässt, bei der Überzeugung jedoch festhält, dass das wahrhaft Verdienstliche sich dadurch auszeichnet, dass es der ganzen Menschheit angehört. Zu einer solchen Vermittlung und wechselseitigen Anerkennung tragen die Deutschen seit langer Zeit schon bei. Wer die deutsche Sprache versteht und studiert, befindet sich auf dem Markte, wo alle Nationen ihre Waren anbieten; er spielt den Dolmetscher, indem er sich selbst bereichert.

   Und so ist jeder Übersetzer anzusehen: Dass er sich als Vermittler dieses allgemein-geistigen Handels bemüht und den Wechseltausch zu befördern sich zum Geschäft macht. Denn was man auch von der Unzulänglichkeit des Übersetzens sagen mag, so ist und bleibt es doch eines der wichtigsten und würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltverkehr.

   Der Koran sagt: „Gott hat jedem Volke einen Propheten gegeben in seiner eigenen Sprache.“ So ist jeder Übersetzer ein Prophet in seinem Volke. Luthers Bibelübersetzung hat die größten Wirkungen hervorgebracht, wennschon die Kritik daran bis auf den heutigen Tag immerfort bedingt und mäkelt. Und was ist denn das ganze ungeheure Geschäft der Bibelgesellschaft anders, als das Evangelium einem jeden Volk, in seine Sprache und Art gebracht, zu überliefern?

Ferneres über Weltliteratur

Einwendung

   Wenn nun aber eine solche Weltliteratur, wie bei der sich immer vermehrenden Schnelligkeit des Verkehrs unausbleiblich ist, sich nächstens bildet, so dürfen wir nur nicht mehr und nichts andres von ihr erwarten, als was sie leisten kann und leistet.

   Die weite Welt, so ausgedehnt sie auch sei, ist immer nur ein erweitertes Vaterland und wird, genau besehen, uns nicht mehr geben, als was der einheimische Boden auch verlieh. Was der Menge zusagt, wird sich grenzenlos ausbreiten und, wie wir jetzt schon sehen, sich in allen Zonen und Gegenden empfehlen; dies wird aber dem Ernsten und Tüchtigen weniger gelingen; diejenigen aber, die sich dem Höheren und dem höher Fruchtbaren gewidmet haben, werden sich geschwinder und näher kennen lernen. Durchaus gibt es überall in der Welt solche Männer, denen es um das Gegründete und von da aus um den wahren Fortschritt der Menschheit zu tun ist. Aber der Weg, den sie einschlagen, der Schritt, den sie halten, ist nicht eines jeden Sache; die eigentlichen Lebemenschen wollen geschwinder gefördert sein, und deshalb lehnen sie ab und verhindern die Fördernis dessen, was sie selbst fördern könnte. Die Ernsten müssen deshalb eine stille, fast gedrückte Kirche bilden, da es vergebens wäre, der breiten Tagesflut sich entgegenzusetzen; standhaft aber muss man seine Stellung zu behaupten suchen, bis die Strömung vorübergegangen ist. Die Haupttröstung, ja die vorzüglichste Ermunterung solcher Männer müssen sie darin finden, dass das Wahre auch zugleich nützlich ist. Wenn sie diese Verbindung nun selbst entdecken und den Einfluss lebendig vorzeigen und aufweisen können, so wird es ihnen nicht fehlen, kräftig einzuwirken, und zwar auf eine Reihe von Jahren.

Ermunterung

   Wenn es schon in manchen Fällen wohlgetan sein mag, dem Leser nicht grad das Gedachte zu überliefern, vielmehr sein eignes Denken aufzuwecken und anzuregen, so möcht’ es doch wohlgetan sein, die eben ausgesprochene, vor geraumer Zeit niedergeschriebene Bemerkung nochmals aufzunehmen.

   Die Frage, ob diese oder jene Beschäftigung, welcher sich der Mensch widmet, auch nützlich sei, wiederholt sich oft genug im Laufe der Zeit und muss jetzt besonders wieder hervortreten, wo es niemandem mehr erlaubt ist, nach Belieben ruhig, zufrieden, mäßig und ohne Anforderung zu leben. Die Außenwelt bewegt sich so heftig, dass ein jeder einzelne bedroht ist, in den Strudel mit fortgerissen zu werden: Hier sieht er sich genötigt, um seine eignen Bedürfnisse zu befriedigen, unmittelbar und augenblicklich für die Bedürfnisse anderer zu sorgen; und da fragt sich denn freilich, ob er irgendeine Fertigkeit habe, diesen aufdringlichen Pflichten genugzutun. Da bleibt nun nichts übrig, als sich selbst zu sagen, nur der reinste und strengste Egoismus könne uns retten; dieser aber muss ein selbstbewusster, wohl gefühlter und ruhig ausgesprochner Entschluss sein.

   Der Mensch frage sich selbst, wozu er am besten tauge, um dieses in sich und an sich eifrigst auszubilden. Er betrachte sich als Lehrling, als Geselle, als Altgeselle, am spätesten und höchst vorsichtig als Meister.

   Weiß er, mit einsichtiger Bescheidenheit, die Forderungen an die Außenwelt nur mit dem Wachstum seiner Fähigkeiten zu steigern, um sich bei ihr, dadurch nutzend, einzuschmeicheln, so wird er stufenweise seinen Zweck errechen und, wenn ihm das Höchste gelingt, behaglich wirken können.

   Über Fördernisse und Hindernisse, wie sie die empirische Welt darreicht oder zwischenschiebt, mag ihn das Leben, wenn er genau aufmerkt, belehren; so viel aber mag der wirklich Tüchtige immer vor Augen haben: Sich um der Gunst des Tags willen abzuhetzen, bringt keinen Vorteil für morgen und übermorgen.

   Jede Nation hat Eigentümlichkeiten, wodurch sie von den andern unterschieden wird, und diese sind es auch, wodurch die Nationen sich untereinander getrennt, sich angezogen oder abgestoßen fühlen. Die Äußerlichkeiten dieser innern Eigentümlichkeit kommen der andern meist auffallend widerwärtig und im leidlichsten Sinne lächerlich vor. Diese sind es auch, warum wir eine Nation immer weniger achten, als sie es verdient. Die Innerlichkeiten hingegen werden nicht gekannt noch erkannt; nicht von Fremden, sogar nicht von der Nation selbst, sondern es wirkt die inner Natur einer ganzen Nation, wie die des einzelnen Menschen, unbewusst; man verwundert sich zuletzt, man erstaunt über das, was zum Vorschein kommt.

Ü   Þ

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