Johann Wolfgang von Goethe @ www.Wissen-im-Netz.info
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   Literatur
      Johann Wolfgang von Goethe
         Biografien
            Schaefer - Goethes Leben
               Inhalt
               Erster Band
                  Vorrede
                  Kindheit und Jugend
                     1749 - 1765
                     1765 - 1768
                     1768 - 1771
                     1771 - 1773
                     1744
                     1775
                  Weimarsche Lehrjahre
                     1776
                     1777, 1778
                     1779
                     1780, 1781
                     1782
                     1783 - 1786
               Zweiter Band
                  Widmung
                  Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche
                     1786 - 1788
                     1788 - 1791
                     1792, 1793
                     1794 - 1796
                     1797 - 1799
                     1799 - 1805
                  Goethe im Alter
                     1806 - 1813
                     1813 - 1819
                     1820 - 1825
                     1826 - 1832
                  Beilagen
                     I. Charlotte von Stein
                     II. Rede weißer Falkenordens
                     III. Vermächtnis j. Nachwelt
                  Schlusswort

1. Kapitel: Italienische Reise - Herbst 1786 - 1788

Kennst du das Land, wo die Zitronen blüh’n,
Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glüh’n,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,
Kennst du es wohl?
               Dahin! Dahin
Möcht’ ich mit dir, o mein Geliebter, zieh’n!

   Die Sehnsucht, mit der sich Mignon nach ihrem Heimatland Italien hinüberträumt, hatte Goethe jahrelang in sich getragen; es war ihm, als wäre auch er durch ein unfreundliches Geschick unter einen raueren Himmel entführt worden. Er eilt über die Alpen wie in das Land seiner Jugenderinnerungen; er fühlt sich beim ersten Eintritt „in der Welt zu Hause, und nicht wie im Exil“; ihm ist zumute, als wäre er dort geboren und erzogen worden. Die Luft, die ihm von dort entgegenweht, ist ihm ein Hauch des Friedens und des Glückes, der jede Sorge verweht und „die Falten des Geistes austilgt.“ Die ersten Klänge der fremden Sprache machen ihn so froh, wie wenn dem Verbannten zum ersten Mal wieder der traute Ton der Muttersprache entgegen klingt: „Die geliebte Sprache wird ihm lebendig und die Sprache des Gebrauchs.“ Sein Geist gewinnt wieder die jugendliche Elastizität; er fühlt sich erlöst von dem „Stocken und Schleichen.“ Alles wird ihm wieder lieb, was ihm von Jugend auf wert war. „Es liegt in meiner Natur, das Große und Schöne willig und mit Freuden zu verehren, und diese Anlage an so herrlichen Gegenständen Tag für Tag, Stunde für Stunde auszubilden, ist das seligste aller Gefühle.“

   Dies Entzücken begleitet ihn auf allen seinen Schritten; nie findet er seine Erwartungen getäuscht, weil sein Geist geübt ist, die Dinge, wie sie sind, zu sehen und abzulesen, „und er von aller Prätension sich völlig entäußert hat.“ Daher fühlte er sich auf einer Höhe der glücklichsten Empfindung, dass er noch in später Erinnerung zu dem Geständnis kam, im Vergleich mit Italien nicht wieder froh geworden zu sein: „Wohl hatte Mignon Recht, sich dahin zu sehnen!“ Wenn das Glück eben darin besteht, dass aus dem Genuss ein neues höheres Sehnen, aus dem Gewinn ein neues Streben sich erzeugt, so ward ihm dies in reichstem Maß in einem Land zuteil, wo Natur und Kunst für Geist und Sinn eine unerschöpfliche Fülle der Genüsse darbieten, wo Jahrtausende die Schätze einer hohen Kultur aufgehäuft haben. Wer mit Goethes klarem Auge, mit solch’ empfänglichem, regem Geist an sie herantritt, „der den ganzen Tag im Gespräch ist mit den Dingen, so dass ihm keine Existenz mehr ein Rätsel ist,“ dem muss wohl im Vollgefühl einer gehobenen Existenz das Herz freudig emporschlagen, als sei es eine „Wiedergeburt“, eine „neue Lebensepoche, in der die Summe neu entwickelter Kräfte zusammenschließt“, wenn auch zuletzt die Überzeugung sich aufdrängt, dass er nun erst wert sei, einzutreten, dass er nun erst recht sehe, begreife und genieße. „Alles, was ich in dieser Epoche aufgeschrieben“, äußert Goethe später in einem Briefe an Schiller, „hat mehr den Charakter eines Menschen, der einem druck entgeht, als der in Freiheit lebt, eines Strebenden, der erst nach und nach gewahr wird, dass er den Gegenständen, die er sich zuzueignen denkt, nicht gewachsen ist, und der am Ende seiner Laufbahn fühlt, dass er erst jetzt fähig wäre, von vorn anzufangen.“

   Goethes Schilderung seiner Reiseerlebnisse und Genüsse liegen in solcher Ausführlichkeit vor aller Augen, dass uns eine gedrängte Darstellung zur Pflicht wird. Sie sind größtenteils aus Tagebuchsblättern und Briefen an die Freunde und die geliebte Freundin zusammengestellt, und wenn auch die Beziehungen zu den einzelnen Personen durch die Redaktion mehr getilgt und in die Ferne gerückt sind, so treten doch Herder, Knebel und Charlotte von Stein deutlich genug als der Freundeskreis hervor, durch deren Liebe und Andenken ihm jede Freude geweiht wird, indem ihn dabei die Hoffnung künftigen gemeinschaftlichen Genusses der gewonnenen Schätze beglückt: „Ich habe schon Freudentränen vergossen, dass ich Euch Freude machen werde.“ Der Reiz dieser Reiseskizzen liegt im Individuellen, in der Wärme subjektiver Auffassung; oft möchte man sie die Wertherbriefe des Mannes nennen, indem die tiefste Lyrik des Herzens das Episch-Mannigfaltige der Schilderung beseelt. Über sein Verhältnis zu Frau von Stein spreche statt aller eine Stelle aus einem von Palermo datierten Brief: „Geliebteste, mein Herz ist bei Dir; und jetzt, da die weite Ferne, die Abwesenheit alles gleichsam weggeläutert hat, was die letzte Zeit über zwischen uns stockte, so brennt und leuchtet die schöne Flamme der Liebe, der Treue, des Andenkens wieder fröhlich in meinem Herzen.“

   Die Freundschaft mit Herder stand in jenem Jahr auf der Höhe des Vertrauens und der Geistesgemeinschaft. Die Beziehungen zu Merck hatten sich gelockert, und von dem Idealismus Jacobis konnte er kein Verständnis seiner italienischen Studien hoffen. Herder dagegen stand ihm nahe durch seine sinnvolle Auffassung der griechisch-römischen Welt; seine „Ideen zur Geschichte der Menschheit“ wurden Goethe „das liebste Evangelium“, und von Herders „zerstreuten Blättern“ und seinen „Gott“ überschriebenen philosophischen Abhandlungen spricht er mit großer Anerkennung und Wärme, was ihm Herder nach Übersendung der Iphigenie und des Egmont nicht mit Gleichem wieder vergalt. Herder besorgte die Ausgabe der Goetheschen Schriften.

   Goethes Freunde erwarteten von dem Aufenthalt in Italien einen Aufschwung seines poetischen Genius, Dichtungen, welche, wie einst Götz und Werther, die Bewunderung der Welt würden. Ihnen galt seine Beschäftigung mit Naturforschung und technischer Kunstübung nur als eine nutzlose Tändelei, wie es denn z.B. Körner unverantwortlich nennt, dass Goethe, solange für ihn etwas zu tun übrig bleibe, das seines Geistes würdig sei, seine Zeit im Naturgenuss verschwelge und mit Kräutern und Steinen vertändele. Wenn Goethe bei Gelegenheit seiner Iphigenie schreibt: „Es ist nicht das erste Mal, dass ich das Wichtigste nebenher tue, und wir wollen darüber nicht weiter grillisieren und rechten“, so weist er damit ohne Zweifel einen ähnlichen Vorwurf Herders zurück, der ihn stets daran erinnerte, dass die Welt vornehmlich auf sein poetisches Talent Anspruch zu machen habe. Goethe aber war es um harmonische Ausbildung seiner gesamten geistigen Individualität zu tun; darin nahm die Dichtkunst nur eine Stelle, und in Italien nur die zweite ein. Es mangelte damals unserem Dichter an Gegenständen, die als ein Selbsterlebtes sein ganzes Inneres in Bewegung setzten. War das stoffliche und pathologische Interesse, das ihn zu seinen bisherigen Dichtungen getrieben hatte, in den Hintergrund getreten, so machten sich in seinem nach Regel und Gesetz strebenden Geist umso mehr die Forderungen der reinen Kunstform geltend, und dieser glaubte er nur auf dem Weg der bildenden Kunst sich nähern zu können, da die Poetik ihm nur ein regelloses Schwanken zu sein schien. Er suchte außerhalb der Dichtkunst eine Stelle, auf welcher er zu einer Vergleichung gelangen könne. „Ich bin im Land der Künste; lasst uns das Fach durcharbeiten, damit wir für unser übriges Leben Ruh’ und Freude haben und an was andres gehen können“, um diesen Punkt schließen sich die Resultate der italienischen Reise zusammen. So wenig er sich’s verhehlte, dass ihm zur technischen Ausübung der Kunst wenig natürliche Anlage geworden sei, fühlte er doch „zu dem, wozu er eigentlich keine Anlage hatte, einen weit größeren Trieb, als zu dem, was ihm von Natur leicht und bequem war,“ und gesteht, weit mehr auf das Technische der Malerei als auf die poetische Technik geachtet zu haben. Gelangte er dennoch endlich zu der Überzeugung, dass er auf das Ausüben der bildenden Kunst Verzicht zu leisten habe und eigentlich zur Dichtkunst geboren sei, so konnte er sich daran erfreuen „zu sehen, wie Poesie und bildende Kunst wechselseitig aufeinander einwirken können.“ So erntete zuletzt der dichterische Genius die reife Frucht aller dieser Bestrebungen.

   Seit vielen Jahren hatte Goethe sich in das geheimnisvolle Wirken und Weben der Natur mit so tief eingehendem Studium versenkt, dass sie in dem Lande, wo sie sich in den herrlichsten Formen und glanzvollsten Erscheinungen seinem Auge darstellte, wiederholt und lebhaft ihn in ihre Gebiete herüberziehen musste. Das Gesetz der Einheut und Harmonie, das ihn in den Werken der bildenden Kunst mit Bewunderung erfüllte, sucht er auch in der Organisation der Pflanzenwelt auf, und die Betrachtung des farbenreichen südlichen Himmels wird ihm eine Aufforderung, dem Rätsel der Farbenbildung nachzuforschen. Obgleich er sich vorgenommen hat, „auf dieser Reise sich nicht mit Steinen zu schleppen“, wird er doch, sowie er sich ihnen naht, wieder von ihnen angezogen, und mineralogische Untersuchungen nehmen von Zeit zu Zeit seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Diese Vielseitigkeit und Vielgeschäftigkeit lag in der Natur seines Wesens und ist seit seiner Kindheit der Grundzug seiner geistigen Tätigkeit. Mag er sich auch manchmal darüber Vorwürfe machen, dass er zu viel treibe und dass es ein Fehler der Neueren sei, so zerstreut zu sein und unerreichbare Forderungen erfüllen zu wollen; mag es auch gestehen, endlich die Kapitalfehler zu entdecken, die ihn sein Leben lang verfolgt und gepeinigt hätten, nämlich die Scheu, das Handwerk der Sache, die er treiben wolle, zu lernen und auf eine Arbeit so viel Zeit zu wenden, als dazu erfordert werde: Dennoch reißt ihn der mächtigere Trieb immer wieder mit sich fort, und er vermag den neu erwachsenden aufgaben sich nicht zu entziehen. Allein der Kern seines Wesens gelangt dennoch zu größerer Festigkeit; es ist kein vages Hin- und Herschweifen mehr, sondern er tritt an jede Frage mit dem Ernst des wissenschaftlichen Forschers.

   Nur eins trat inmitten dieser friedlichen Geisteswelt ihm seltener die Seele, das große Völkerdrama, das auf Italiens und Siziliens Boden vom Beginn des Römerstaats an bis zu der tragischen Vernichtung der politischen Kräfte des italienischen Volks sich entwickelt hat. An der idealen Größe des römischen Geistes konnte er sich entzücken, wenn sie ihm in den Trümmern alter Bauwerke entgegentrat; allein er hieß zürnend den Führer schweigen, der ihm in einer lachenden Flur Siziliens von Hannibal erzählte. Das damals in tiefen Schlummer gesunkene, politische Leben Italiens mit seinen einher gebrachten Formen willkürlich-patriarchalisch regierten kleinen Staaten, wo nur erst leise das Licht der neuen Ideen in den Schriften eines Beccaria und Filangieri und in den Reformen Leopolds von Toskana aufzudämmern begann, bot von dieser Seite seinem Geist keine Anregung. Dass ihn von neuen poetischen Entwürfen der Plan, das Epos der Odyssee in dramatische Form einzuschließen, am lebhaftesten beschäftigte, ist uns der deutlichste Beweis, dass ihn nur noch die plastische Schönheit einer idyllischen Menschenwelt dauernd zu fesseln vermochte und die Welt der Taten keinen Reiz mehr für ihn hatte. Es war daher für unsere dramatische Literatur eine besondere Gunst des Schicksals, dass die reifere Ausbildung der künstlerischen Einsicht und Technik sich mit dem stofflichen Gehalt älterer Entwürfe verschmelzen konnte, um diese zu den vollendetsten, dramatischen Dichtungen zu gestalten, bevor seine Poesie der epischen Richtung, die jetzt vorherrschend ward, sich hingab.

   Iphigenie ward seine Begleiterin auf dem Weg nach Rom. Als mitten ind er erhabneen Alpennatur sein poetischer Genius wieder Flügel erhielt, nahm er – es war auf der Höhe des Brenners, von wo die Alpenstraße sich nach Süden senkt – das Manuskript der Iphigenie aus dem Handschriften-Paket heraus, um sich in Stunden der Muße damit zu beschäftigen, sie in das edlere Gewand der metrischen Form zu kleiden. Am Ufer des Gardasees, wo er sich so glücklich fühlte im ersten Anhauch des südlichen Himmels und zugleich so einsam und getrennt von den Geliebtesten, schrieb er jenen herrlichen Monolog:

– Das Land der Griechen mit der Seele suchend,
Und gegen meine Seufzer bringt die Welle
Nur dumpfe Töne brausend mir herüber.

   Rasch hatte er bis dahin das südliche Deutschland durchflogen, gleich als fürchte er noch zurückgerufen oder von einem Begleiter eingeholt zu werden. Er reiste bis Rom im strengsten Inkognito; sein Name war Möller; er galt für einen reisenden Kaufmann. Selbst den Naturalien- und Kunstsammlungen Münchens hatte er nur kurze Zeit gewidmet. In der Bildergalerie war ihm, als müsse er sein Auge erst wieder an Gemälde gewöhnen; am meisten erfreuten ihn die Skizzen von Rubens. Im Antikensaal sah er ein, dass sein Auge für diese Gegenstände zu wenig geübt sei. Auf dem Durchflug durch Tirol erhebt und erheitert sich sein Geist an dem Großen der umgebenden Natur; er beobachtet, wie auf seiner Schweizerreise, die Wolkenzüge und die Veränderungen des Wetters, die Gebirgsbildung und die neue Pflanzenwelt, welche ihm die Annäherung des Südens stufenweise verkündigte. In den fruchtbehangenen Gärten an den lieblichen Ufern des Gardasees begrüßte er mit schwärmerischem Entzücken den Reichtum der südlichen Vegetation, die ihm auf dem Weg nach Venedig im anmutigsten Wechsel der Flur zur Seite blieb. Besonders entzückte ihn in dem botanischen Garten zu Padua die Fülle fremder Pflanzen, welche seine Forschung lebhaft erregte: „Denn was ist Beschauen ohne Denken?“ Eine Fächerpalme, an der sich die Stufenfolge der Veränderungen ihrer Blätter recht vollendet darstellte, machte ihm aufs neue den Gedanken wieder lebendig, „bei dem er in seiner botanischen Philosophie stecken geblieben war, ohne abzusehen, wie er sich entwirren solle“, nämlich, „dass man sich alle Pflanzengestalten vielleicht aus einer entwickeln könne“, ein Gedanke, der seitdem der Mittelpunkt aller seiner botanischen Untersuchungen ward.

   In den großen Städten gab er sich vorzüglich der Betrachtung der Bauwerke und Kunstschätze hin. Das Amphitheater in Verona war das erste bedeutende Monument der alten Zeit, das er sah. Im Geschmack der heitern hellenischen Bauten hatte Palladio in der letzten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts seine Vaterstadt Vicenza mit Kirchen und Palästen geschmückt. Goethe ward durch die Anschauung derselben ein begeisterter Verehrer des ausgezeichneten Meisters. Er kaufte in Padua seine Werke und bekam durch die „Respekt vor den antiken Bauten“, während er die Verehrung der gotischen Bauwerke ganz los wurde: „Die Baukunst steigt“, schreibt er von Venedig aus, „wie ein alter Geist aus dem Grab hervor; sie heißt mich ihre Lehre, wie die Regeln einer ausgestorbenen Sprache, studieren, nicht um sie auszuüben oder mich an ihr lebendig zu erfreuen, sondern nur um die ehrwürdige, für ewig abgeschiedene Existenz der vergangenen Zeitalter in einem stillen Gemüt zu verehren.

   Am 28. September konnte er freudig bewegt ausrufen: „So ist denn auch, Gott sei Dank, Venedig mir kein bloßes Wort mehr, kein hohler Name!“ Abends fünf Uhr stieg nach einer unterhaltenden Fahrt die alte Lagunenstadt vor ihm aus dem Meer empor, das er zum ersten Mal in seinem Leben sah. Seinen Vorsatz, während eines Aufenthalts von zwei Wochen ein bis in die Einzelheiten vollständiges Bild der einzigen und reichhaltigen Stadt in sich aufzunehmen, führte er mit rastloser Geschäftigkeit aus. Stundenlang durchlief er ohne Führer die engen Gassen der Stadt, um sich „bis in die letzte bewohnte Ecke der Einwohner Sitte und Wesen zu merken.“ Er hört dem Erzähler auf der Riva zu, wohnt den öffentlichen Gerichtsverhandlungen bei, die ihm „unendlich besser gefallen, als unsere Stuben- und Kanzlei-Hockereien“, und besucht fleißig Oper und Schauspiel, um seine Ansichten über Drama und Deklamation zu erweitern. Da er in Venedig die Frühstunden auf seine Iphigenie verwandte, so bildete er sein Ohr für den Klang der fünffüßigen, italienischen Jamben; denn man vergesse nicht, wie weit wir noch in der Technik des dramatischen Verses zurück waren. Auch bestellte er sich den Gesang der Schiffer, aus Ariosts und Tassos Gedichten, welcher schon damals zu den halbverklungenen Sagen der Vorzeit gehörte. Kirchen und Paläste mit ihren zahlreichen Schätzen aus der Blütezeit der Kunst gewährten täglich neuen Genuss, und selbst das Studium der Natur fand am Strand des Meeres an der „Wirtschaft der Seeschnecken, Patellen und Taschenkrebse“ eine anregende Beschäftigung.

   Am 14. Oktober befand er sich auf dem Weg nach Ferrara. Den Unmut, den die Öde der Stadt erweckte, konnte kaum die Erinnerung an die Tage, welche der Gesang Ariosts und Tassos verherrlichte, verscheuchen. Der Ebenen überdrüssig, war er froh, als er in Cento zum ersten Mal die Apenninen sah. In Bologna verweilte er nur wenige Tage, da es ihn nach Rom vorwärts trieb. Die dortigen Gemäldesammlungen, welche viele ausgezeichnete Werke, namentlich von Domenichino, Guido Reni, Guercino da Cento und den Caraccis enthalten, ließen nur flüchtige Eindrücke zurück, und mit den Heiligenbildern konnte er sich nicht recht befreunden. Als lichte Punkte jedoch blieben in seiner Phantasie die heilige Cäcilia von Rafael, das Meisterwerk aus dessen letzter und höchster Kunstperiode, und eine heilige Agathe mit dem Ausdruck „einer gesunden, sichern Jungfräulichkeit.“ – „Ich habe mir“, äußert er, „die Gestalt wohl gemerkt und werde ihr im Geist meine Iphigenie vorlesen, und meine Heldin nichts sagen lassen, was diese Heilige nicht aussprechen möchte.“

   Die Fortsetzung dieser Dichtung stockte jedoch, da die poetische Meditation unsers Dichters auf andere Fährten verlockt wurde. Er fühlte sich plötzlich angetrieben, den Plan einer Iphigenie in Delphi, gleichsam einen zweiten Teil seines Dramas, auszubilden. Schon die hellenische Sage kennt diese Erweiterung. Elektra, in gewisser Hoffnung, dass Orestes das Bild der Diana nach Delphi bringen werde, erscheint im Tempel des Apoll, um die Axt, die im Haus der Pelopiden so viel Unheil angerichtet hat, als Sühnopfer zu weihen. Zu ihr tritt ein Grieche und erzählt, wie er Orest und Pylades nach Tauris begleitet und die beiden Freunde zum Tode habe führen sehen. Indes sind diese nebst Iphigenie in Delphi angekommen. Der entflohene Grieche erkennt in Iphigenie die Priesterin, welche die Freunde geopfert habe, und entdeckt es Elektra. Diese, von leidenschaftlicher Wut ergriffen, entreißt das Beil wieder dem Altar, um Iphigenie damit zu morden, als eine glückliche Wendung den Irrtum aufklärt und eine rührende Szene des wieder Erkennens und der glücklichen Wiedervereinigung der Geschwister herbeiführt. Der Gegenstand lag noch mehr als der Elpenor innerhalb des Kreises der Goetheschen Poesie, wurde aber leider nicht wieder aufgenommen.

   Um zur Zeit der großen Kirchenfeste im Beginn des Novembers in Rom zu sein, beschleunigte Goethe seine Weiterreise so sehr, dass er von Florenz sich schon nach drei Stunden losriss und die Betrachtung seiner Kunstschätze für die Rückreise aufsparte. Er nahm seinen Weg über Arezzo, Perugia und Foligno. Nach Assisi machte er eine Seitentour zu Fuß, um den herrlichen wohl, erhaltenen Minervatempel, jetzt die Kirche Maria della Minerva, zu betrachten; es war das zweite großartige Denkmal antiker Baukunst, das seinem Auge begegnete: „Was sich durch die Beschauung dieses Werkes in mir entwickelt, ist nicht auszusprechen und wird ewige Früchte bringen.“ Dass er die Konstruktion der sechs korinthischen Säulen, welche die Fassade bilden, richtiger als Palladio und Winckelmann erkannte und beurteilte, beweist uns, wie sehr sein Blick für architektonische Verhältnisse geschärft war. In Spoleto sah er das dritte Werk der Alten, in welchem ihm „derselbe große Sinn“ entgegen trat, die aus zehn Bogen gewölbte Wasserleitung, die zugleich Brücke von einem Berg bis zu einem andern ist. Neben solchen freudigen Momenten gab es auch, seit er das Gebiet der päpstlichen Herrschaft betreten hatte, Unzufriedenheit mit dem Vetturin und seinem schlechten Fuhrwerk, elende Beherbergung in den Wirtshäusern, Gefahr unter einer banditenartigen Gesellschaft; doch alles ward ihm erträglich durch den Gedanken, dass er der ersehnten Weltstadt sich nähere: „Ich will mich nicht beklagen, wenn sie mich auch auf Ixions Rad nach Rom schleppen.“ Die überall sich kundgebende Verwahrlosung des geistlichen Staates, der zu Zeremonien eines krassen Aberglaubens herabgesunkene, kirchliche Kultus regte indes seinen Unmut so sehr auf, dass sein Gedicht vom ewigen Juden wieder in seinem Geist lebendig ward und er die Idee des ‚Venio iterum crucifigi’ aufs Neue ausbildete.

   Allein jede Wolke war von seinem Gemüt weggeweht, als er am 28. Oktober unter der Porta del Popolo die Gewissheit hatte, in dem ewigen einzigen Rom zu sein. Überfüllt, überdrängt von dem Bedeutenden, das tagtäglich ein Neues seinem Geist sich darbietet, erkennt er, dass Rom eine Welt ist und man Jahre gebraucht, um sich nur erst darin gewahr zu werden; er tut nur die Augen auf und sieht und geht und kommt wieder, bis er abends müde ist vom Schauen und Staunen. Mit dem neuen Rom machte er sich wenig zu schaffen und im Glanz der Kirchenfeste, die er gleich nach seinem Eintritt erwartungsvoll aufsuchte, regte sich seien „protestantische Erbsünde“. Es war vielmehr sein Geschäft, das ihm die schönste Befriedigung gewährte, „das alte Rom aus dem neuen herauszuklauben“, und es ging ihm bei Betrachtung der Stadt, „wie man die See immer tiefer findet, je weiter man hineingeht“.

   Nach Anleitung der Winckelmannschen Kunstgeschichte begann er die alten Kunstwerke nach Epochen zu studieren. An den römischen Altertümern ging ihm der Sinn für die alte Geschichte auf; er wünschte in Rom den Tacitus zu lesen, und fühlte, dass sich in Rom Geschichte ganz anders lese, als an jedem Ort der Welt; „Inschriften, Münzen, von denen er sonst nichts wissen mochte. Alles drängte sich heran.“ Man begleitete ihn an der Hand seiner lebenswarmen Schilderungen zu dem Coliseo, der Rotonda, dem Apoll von Belvedere, der Sixtinischen Kapelle und anderen Kunstschätzen Roms, und man fühlt sich aufs tiefste ergriffen von dieser kindlichen, poesievollen Hingebung an das Schöne und Große der Gebilde der Kunst. Mehr und mehr gelangte er zu der Einsicht, dass er nicht nach Italien gekommen sei, um Lücken auszufüllen, sondern dass er weit in der Schule zurückgehen und durchaus umlernen müsse; er verglich sich daher mit einem Baumeister, der zu dem Turm, den er aufführen wollten, ein schlechtes Fundament gelegt hat; er wird es noch beizeiten gewahr und bricht gern wieder ab; seinen Grundriss sucht er zu erweitern, sich seines Grundes mehr zu versichern und freut sich schon im voraus der Festigkeit des künftigen Baues. Von der Klarheit und Befriedigung, in der er jetzt lebe, hatte er lange kein Gefühl gehabt. Darin erkannte er auch die sittliche Rückwirkung des Kunstgenusses; er fühlte, dass durch die anhaltende Betrachtung des Schönen und Erhabenen der Geist zum Ernst und zur Tüchtigkeit gestempelt werde, und auch der sittliche Mensch eine große Erneuerung erleide.

   Goethes Reisezweck ward sehr dadurch begünstigt, dass er in Rom mit Landsleuten zusammentraf, die ihm aufs bereitwilligste förderlich zu sein bemüht waren. Wilhelm Tischbein, mit dem schon ein altes Verhältnis durch Briefe befestigt war, wurde sein bester Führer in Rom, wo er schon seit mehreren Jahren tätig war. „Ich werde nie“, schreibt Goethe im Januar, „und wenn auch mein Schicksal wäre, das schöne Land zum zweiten Mal zu besuchen, so viel in so kurzer Zeit lernen können, als jetzt in Gesellschaft dieses ausgebildeten, erfahrenen, feinen, richtigen, mir mit Leib und Seele anhängenden Mannes.“ Er stand der Geistesrichtung unseres Dichters umso näher, als auch er die Malerkunst mit der Poesie in Verbindung zu setzen suchte. Schon 1782 beschäftigte er sich mit Zeichnungen nach Goethes Gedichten und stellte eine Szene aus dem Götz in einem Gemälde dar. Jetzt versuchte er umgekehrt Goethe für die Idee zu gewinnen, Gedichte zu seinen Gemälden zu machen, ein Projekt, von dem kein Erfolg zu erwarten stand. Er malte während dieses freundschaftlichen Zusammenlebens das große Portrait Goethes, welches ihn darstellt, wie er als Reisender, in einen Mantel gehüllt und auf einem umgestürzten Obelisken ruhend, die tief im Hintergrund liegenden Ruinen der Campagna di Roma überschaut. Hofrat Reiffenstein, Direktor des Erziehungsinstituts für russische Künstler, belebte die geselligen Verhältnisse der fremden Künstlerkolonie, in der damals die Malerin Angelica Kaufmann als ein Stern erster Größe glänzte1). In diesem engeren Kreis von Kunstfreunden verkehrte Goethe am liebsten, da er eine Abneigung hatte, in Rom eine Rolle zu spielen. Er suchte sich wenigstens durch ein Halbinkognito gegen die Zudringlichen zu schützen, um den Erörterungen über sich und seine poetischen Arbeiten zu entgehen. Indes musste er manchmal nachgeben, und selbst italienische Dichter bemühten sich um sein kritisches Urteil über ihre Werke. Der Abbate Monti, den er in dem Gesellschaftszirkel des Fürsten von Liechtenstein kennen gelernt hatte, las ihm sein neues Trauerspiel Aristodemus vor, das im Januar mit vielem Beifall, den besonders die deutsche Künstlerbank freigebig spendete, auf die Bühne gebracht ward. Die Folge dieser Bekanntschaft war, dass Goethe am 4. Januar mit einem schmeichelhaften Diplom in die Dichtergesellschaft der Arcadia aufgenommen ward.

   Mit warmer Verehrung schloss sich in Rom Karl Philipp Moritz an ihn an, der arme, deutsche Gelehrte voll lebendigen Geistes, welchen ebenfalls das Verlangen nach den Wunderwerken des alten Roms über die Alpen geführt hatte2). „Es ist eine Wollust“, schreibt Moritz an einen Freund in der Heimat, „einen großen Mann zu sehen; wie arm empfinde ich dies jetzt. Wie ein wohltätiger Genius konnte mir Goethe nirgends gewünschter erscheinen, als hier. O, warum kannst Du nicht auch Dich an seines Geistes milder Flamme wärmen! Ich fühlte mich durch seinen Umgang veredelt; die schönsten Träume längst verflossener Jahre gehen in Erfüllung.“ Auf einem Spazierritt, den sie in den letzten Novembertagen zusammen gemacht hatten, brach Moritz den linken Arm, indem sein Pferd auf dem ausgeglätteten, durch einen Staubregen schlüpfrig gewordenen Pflaster in der Nähe des Pantheon stürzte. Er musste einige Monate hindurch das Bett hüten. In dieser Zeit nahm sich Goethe seiner aufs freundlichste an und ward sein „Wärter und Beichtvater, sein Finanzminister und geheimer Sekretär.“ Aber auch Goethe kamen seine vielseitigen antiquarischen und mythologischen Kenntnisse in Rom trefflich zustatten. Auch räumt er ein, dass er nicht gewagt haben würde, seien Iphigenie in jambisches Metrum zu übertragen, wenn er nicht in Moritz „Versuch einer deutschen Prosodie“ einen Leitstern gefunden hätte; durch die mündlichen Erörterungen des Verfassers fühlte er seine Einsicht noch mehr gefördert.

   Die Umarbeitung der Iphigenie ward in Rom zu Ende geführt. Die Frühstunden waren ihr gewidmet. Der Dichter verfuhr dabei mit solcher Strenge, dass er gesteht, an manchen Versen sich stumpf gearbeitet zu haben. Er nennt sie in dem Brief vom 10. Januar 1787, womit er ihre Absendung an die Freunde in der Heimat begleitete, „sein Schmerzenskind, aus mehr als einem Sinn.“ – „Ob es mir gleich ganz gleichgültig ist, wie das Publikum diese Sachen betrachtet, so wünschte ich doch meinen Freunden einige Freude bereitet zu haben.“ Auch diese bescheidene Hoffnung sollte indes nur unvollkommen sich erfüllen. So einsam stand der Dichter mit seinem Meisterwerk, über dessen Wert jetzt nur eine Stimme der Anerkennung herrscht, dass man ihm von keiner Seite die Mühe, die er darauf gewandt hatte, recht Dank wusste. Die Freunde in Rom, denen er es vorlas, erwarteten etwas Berlichingisches und konnten sich in den ruhigen Gang nicht gleich finden; nur „die zarte Seele Angelica nahm das Stück mit unglaublicher Innigkeit auf.“ Noch unerklärlicher ist, dass man im weimarschen Freundeskreis die Vorzüge der neuen Bearbeitung so wenig würdigte, dass man ihm durch die kühle Aufnahme ziemlich deutlich zu verstehen gab, man habe lieber das ältere das ältere Prosa-Drama zurückkehren sehen. „Ich merke wohl,“ schreibt Goethe einige Monate später, „dass es meiner Iphigenie wunderlich gegangen ist … und dass im Grund mir niemand für die unendlichen Bemühungen dankt; … doch das soll mich nicht abschrecken, mit Tasso eine ähnliche Operation vorzunehmen.“

   Inzwischen durchkreuzten sich im Beginn des neuen Jahres mancherlei Pläne wegen der Fortsetzung der Reise. Anfänglich sollte Rom das südlichste Ziel derselben sein; gleich nach Ostern wollte er Rom verlassen und über Florenz in die Heimat wieder zurückkehren. „Mein dringendsten Bedürfnis“, schreibt er, „wird befriedigt sein; ich bin von einer ungeheueren Leidenschaft und Krankheit geheilt, wieder zum Lebensgenuss, zum Genuss der Geschichte, der Dichtkunst, der Altertümer genesen und habe Vorrat auf Jahre lang auszubilden und zu komplettieren.“ Da ihm jedoch freundliche Stimmen aus der Heimat zuredeten, nicht zu eilen, um mit vollständigerem Gewinn nach Haus zurückzukehren, auch der Herzog ihn in einem gütigen teilnehmenden Brief auf unbestimmte Zeit von seinen amtlichen Pflichten entband und ihn über seine Entfernung beruhigte, so nahm er auch Neapel und Sizilien in seinen Plan auf, so dass er mit dem Frühjahr 1788 heimzukehren gedachte.

   Goethe blieb in Rom diesmal nur bis gegen das Ende des Februars, nachdem er noch zuvor die „Karnevalstorheit“ an sich hatte vorübergehen lassen. Er war in diesen letzten Wochen „keinen Augenblick müßig“, „vom Morgen bis in die Nacht in Bewegung.“ Was er von Merkwürdigkeiten noch nicht gesehen hatte, suchte er auf, damit vor seiner Abreise nach Neapel „die Ernte wenigstens niedergemäht sei.“ Das Beste ward zum zweiten Mal betrachtet, und „das erste Staunen löste sich mehr in ein Mitleben und reineres Gefühl des Wertes der Sache auf;“ – „Meine Liebschaften“, äußerte er, „reinigen und entscheiden sich, und nun erst kann mein Gemüt dem Größeren und Echtesten mit gelassener Teilnahme sich entgegen heben.“ Um sich den großen Intentionen der Künstler durch Nachbildung und Nachahmung mehr zu nähern, zeichnete er fleißig römische Bauten und Kunstwerke; den Weimarer Freunden ward eine Sammlung von Zeichnungen zugesandt.

   Am 22. Februar 1787 reiste er in Tischbeins Gesellschaft nach Neapel ab. Von seinen Manuskripten begleitete ihn nur der Tasso, zu dem er jetzt „die beste Hoffnung hatte.“ Zwar drängte sich ihm zugleich das Bedenken auf, ob er nicht besser tue, neue Gegenstände, an denen er lebendigeren Anteil nehme, mit frischem Mut zu unternehmen, und etwa die Iphigenie in Delphi zu schreiben, statt „sich mit den Grillen des Tasso herumzuschlagen.“ Allein er fühlte doch, dass er in diese Dichtung schon zu viel von dem eignen hineingelegt habe, als dass er sie fruchtlos aufgeben sollte. Es war jedoch dies zweite „Schmerzenskind“ mit den schwermutvollen Zügen eines leidenden Dichterherzens nicht bestimmt, unter der heiteren Sonne Neapels und Siziliens ins Leben gerufen zu werden.

   So wie er die lachenden Fluren Campaniens betritt, ergreift ihn die heitere Lust des Daseins, welche aus der üppigen Fülle der Natur ihm entgegen quillt und im munteren Lebensgenuss des Volks ihn umrauscht. Der Strom des Lebens reißt ihn mächtig mit sich fort; er gesteht sich selbst nicht mehr zu kennen und erst zur Besinnungen kommen zu müssen. „Neapel“, schreibt er, „ist ein Paradies; jedermann lebt in einer Art von trunkener Selbstvergessenheit. Mir geht es ebenso, ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz andrer Mensch.“ Mit Rührung gedenkt er seines Vaters, der von den Schönheiten Neapels einen unauslöschlichen Eindruck erhalten hatte, und meint, der habe nie ganz unglücklich werden können, weil er sich immer wieder nach Neapel versetzt habe. Im Gegensatz dieses Paradieses erschien ihm jetzt die Tiberstadt wie ein Kloster, an das er kaum noch zurückdenken mochte. Dort konnte er ganz den Studien der Kunst leben und im Geist das alte Rom aus den Ruinen wieder aufbauen. Hier war alles Leben und Gegenwart. Es ward ihm eine Lust, sich unter das Volksgewühl zu mischen, charakteristische Züge aufzuzeichnen und dem bunten Treiben mit entzücktem Staunen zuzuschauen. Besonders zog ihn das Schiffs- und Seewesen an, das den Kreis seiner Begriffe erweiterte. Nie hatte er die Reize des Meeres so gekannt, mochte es sich in glänzender Spiegelfläche vor ihm endlos ausbreiten oder die Pracht der sturmbewegten Wellen ihm den Ausruf entlocken, dass doch die Natur das einzige Buch sei, das auf allen Blättern großen Gehalt biete.

   Die Ausbrüche des Vesuvs reizten seine Wissbegier mehrmals zum Anschauen dieser großartigen Naturphänomene. Seine Verwegenheit brachte ihn dabei in nicht geringe Gefahr. Der dritte Besuch, den er am 20. März in Begleitung von zwei Führern in der Absicht unternahm, einer eben ausbrechenden Lava möglichst nahe zu kommen, hätte leicht unglücklich enden können. Er hatte Verlangen, dem Punkt, wo die Lava aus dem Berge quillt, von hinten her nahe zu kommen und befand sich plötzlich auf dem glühenden Boden, aus dessen Ritzen ringsum der Dampf Sonne verfinsternd empor wirbelte. Der Führer ergriff ihn noch zu rechter Zeit und entriss ihn dem erstickenden Qualm.

   In Gesellschaft Tischbeins besah Goethe auch die Kunstschätze und Überreste des Altertums in und um Neapel. Indes scheint er an Kunstgenüssen in Rom etwas übersättigt worden zu sein; sein Sinn gehörte jetzt zu sehr der Gegenwart, als dass er sich den Ernst der römischen Kunststudien hier hätte erhalten können. Die Betrachtung der Gräber der Städte Herculaneum und Pompeji gewährte ihm wenig mehr als eine flüchtige Befriedigung der Neugier, und es scheint von diesen ehrwürdigen Resten eines untergegangenen Daseins der Geisteshauch des Altertums nicht zu ihm gedrungen zu sein. Ein Ausflug zu den großartigen Trümmern von Pästum ward jedoch nicht unterlassen.

   Da überhaupt Goethe in Neapel mehr genießen und beobachten, als studieren wollte, so gab er es auf, sich in das sonst beliebte Inkognito zu hüllen und machte daher manche unterhaltende und belehrende Bekanntschaft. Auch in Neapel war er durch seinen Werther empfohlen. Mit großer Teilnahme gedenkt er der Bekanntschaft mit dem trefflichen Filangieri, mit dem er sich in anregenden staatsphilosophischen Unterhaltungen erging. Da Tischbein auf Anraten des Malers Philipp Hackert, der damals als Künstler eines ausgezeichneten Rufes genoss und bei Hof großen Einfluss hatte, nach Neapel gekommen war und eine Zeitlang bei ihm wohnte, so kam Goethe auch mit diesem in ein freundschaftliches Verhältnis und gewann ihn sehr lieb. Er besuchte ihn auf einige Tage in seiner Wohnung im alten Schloss zu Caserta und bediente sich seines Rats bei seinen Übungen im Zeichnen. Hackert sagte zu ihm: „Sie haben Anlage, aber Sie können nichts machen. Bleiben Sie achtzehn Monate bei mir, so sollen Sie etwas hervorbringen, was Ihnen und Andern Freude macht“, eine Äußerung, welche, je richtiger sie war, umso mehr seinen Künstlerehrgeiz spornte, sich des Technischen gründlicher zu bemächtigen.

   Der Fürst von Waldeck, welcher sich damals in Neapel aufhielt und unserm Dichter große Zuneigung bewies, hätte ihn fast zur Mitreise nach Griechenland überredet. Allein er heilt doch das Projekt der sizilianischen Reise fest und nahm für diese einen jungen deutschen Landschaftsmaler namens Kniep, welcher ihm von Tischbein empfohlen war und durch sein offenes Wesen bald sein Vertrauen und seine Zuneigung gewann, als Begleiter mit sich. Als Vertrag war zwischen ihnen verabredet, dass Goethe die Reisekosten bestreite, Kniep dagegen für ihn Zeichnungen von Landschaften entwerfe; damit aber nach seiner Rückkehr für den jungen Maler ein ferneres Wirken entspringe, sollte er einige später auszuwählende Gegenstände für ihn bis zu einer bestimmten Summe ausführen.

   Die Reise nach Sizilien trat Goethe mit frohen Erwartungen an. Schon die Überfahrt däuchte ihm nichts Geringes, weil eine Seereise „Noch in dem Kreis seiner Begriffe fehlte“ und „ihm die Welt erweiterte.“ Auf einer Corvette segelte er am 29. März nach Palermo ab. Während er die ersten Anfälle der Seekrankheit „ganz behaglich“, in seinem Kämmerchen ausgestreckt, überstand, nahm er zu seiner Unterhaltung auf der langsamen Fahrt den Tasso wieder vor, dessen Plan diese Tage hindurch ziemlich ins Klare gebracht ward. Am 2. April befand er sich in der reizenden Bucht von Palermo, im Hintergrund die von der Sonne beleuchtete Stadt, rechts den zierlich geformten Monte Pellegrino, links das weithin gestreckte Ufer mit Buchten, Landzungen und Vorgebirgen, alles vom jungen Grün des Frühlings bekleidet. Goethe und sein in Naturschönheiten eingeweihter Begleiter suchten sich gleich diese mannigfaltigen Prospekte malerisch zu entwickeln und sahen hier eine grenzenlose Ernte für den Künstler vor sich. Noch abends lockte sie der helle Schein des Vollmonds auf die Reede und hielt sie noch nach der Rückkehr lange Zeit auf dem Altan. „Nun verstehe ich erst“, ruft Goethe nach einer Schilderung seines Entzückens aus, „die Claude Lorrain, und habe Hoffnung, auch dereinst im Norden aus meiner Seele Schattenbilder dieser glücklichen Wohnung hervorzubringen.“

   Sizilien erschein ihm als der eigentliche Schlussstein seiner Reise, die gepriesene Insel, um die schon die uralte Sage in bald ernster, blad lieblicher Dichtung spielt. Der Punkt, „wo die Radien der Weltgeschichte zusammenlaufen“, der ihm „nach Asien und Afrika deutete.“ Er erkannte jetzt, dass erst durch Sizilien das Bild von Italien vollständig werde, und hier der Schlüssel zu allem sei. Kein entschiedenes, leidenschaftliches Bestreben hielt ihn während dieser genussreichen Wochen in Spannung und Unruhe; gelassen und behaglich gab er sich den Gegenständen hin und drückte sich das Bild tief in die Seele. Manche eine Zeitlang zurückgedrängte Neigung trat wieder freier hervor; er ließ den Reiz des Augenblicks über sich gebieten. Seine Schilderungen von Sizilien lassen uns an den mannigfaltigsten Beobachtungen teilnehmen und die Vielseitigkeit seiner geistigen Interessen aufs klarste überschauen; ihre poesievolle Klarheit gemahnt uns, wie der klare Duft, der an Siziliens Küsten ihm so reizend erschien.

   Aufs genaueste betrachtete er auf seiner Rundreise durch die Insel allenthalben die Eigentümlichkeit des Bodens sowohl in mineralogischer als botanischer Hinsicht. Umgab ihn dann die Frühlingsnatur in solcher Herrlichkeit, wie in den glücklichen Tagen von Palermo, Girgenti und Taormina, so schlug wieder das Entzücken als reine Flamme der poetischen Begeisterung empor. „Wer dichtet nicht, dem diese schöne reine Sonne scheint, der diesen Hauch des Lebens in sich zieht“, sagte er uns noch in seiner auf Siziliens Flur versetzten Claudine.

   Auch das Studium antiker Kunst heilt eine ergiebige Ernte auf dem klassischen, mit Trümmern alter Pracht übersäten Boden. Die Ruinen der Tempel von Segeste, Girgenti und Catania gehörten zu den großartigsten Anschauungen alter Baukunst, die ihm seine Reise gewährte, und durch Knieps Zeichnungen wurden sie auch zu weiterer Betrachtung festgehalten. Selbst aus den Münz- und Medaillensammlungen, welche er zu Palermo und Girgenti in einem noch nicht gekannten Reichtum kennen zu lernen Gelegenheit hatte, „lachte ihm ein unendlicher Frühling von Blüten und Früchten der Kunst entgegen;“ er musste bekennen, bis jetzt wenig davon zu verstehen; doch war das Interesse für dies Studium seitdem bei ihm in seine Rechte getreten.

   In Palermo, wo er bis zum 18. April blieb, war ihm ganz besonders wohl geworden, weniger in der ohne eigentlichen Kunstgeschmack erbauten und unreinlich gehaltenen Stadt, als in de rüber allen Ausdruck reizenden Umgebung. Aus jedem seiner Worte, womit er diese Genüsse zu schildern versucht, haucht uns das Gefühl des heitersten Seelenfriedens an, mag er uns längs der Wald bewachsenen Höhen, welche die Bucht umsäumen, oder in das fruchtreiche Tal, das der Orbeto durchschlängelt, geleiten oder uns den Pellerino hinauf zur Grotte der heiligen Rosalie führen, wo er, bei dem reizenden Bild der Heiligen niederkniend, einsam sich in die Träume seiner dichtenden Phantasie verliert. Die vergnügtesten Stunden brachte er im Stillen in dem öffentlichen Garten unmittelbar an der Reede zu. Geschmückt mit der üppigsten Fülle von blütenreichen Oleandern, Zitronenbäumen und andern Baumgruppen des Südens, die von großen Bassins, darin Gold- und Silberfische spielten, unterbrochen wurden, umspült von der plätschernden Welle des dunkeln Meeres, während über Land und Meer der glanzvolle Duft des wolkenlosen Äthers schwebte, erschein er ihm wie ein Zaubergarten und entrückte ihn in eine poetische Welt. Die glückliche Insel der Phäaken, deren er schon einmal im Fruchtgarten Italiens eingedenk geworden war, tauchte vor ihm aus dem Meer hervor. Er eilte sich einen Homer zu kaufen und verstand die Odyssee niemals besser als jetzt. Sizilien hat ihn zum Homeriden geweiht, wie wir namentlich in dem Geständnis erkennen: „Was den Homer betrifft, ist mir wie eine Decke von den Augen gefallen; die Beschreibungen, die Gleichnisse etc. kommen uns poetisch vor und sind doch unsäglich natürlich, aber freilich mit einer Reinheit und Innigkeit gezeichnet, vor der man erschrickt;“ später gesteht er noch Schiller, „die Odyssee habe ihm aufgehört, ein Gedicht zu sein; sie habe ihm die Natur selbst geschienen.“

   Nichts mehr war er jetzt ein schwermutvoll träumender Tasso, sondern der lebensmutige Odysseus, der, die Liebe zur Heimat im Herzen, von Küste zu Küste umherschweift und vieler Menschen Städte und Sitte kennen lernt.

   Aus dem persönlichen Interesse, das er für diesen Ältervater aller Touristen fühlte, erwuchs der Entwurf zu einem Drama Nausikaa, in welchem er die Haupthandlung der Odysse zu konzentrieren gedachte. Das einfache Sujet, dass ein Mädchen, welches bisher alle Bewerbungen von sich gewiesen hat, sich von einem Fremdling angezogen fühlt, ohne dass eine Verbindung möglich wird, „sollte durch den Reichtum der untergeordneten Motive und besonders durch das Meer- und Inselhafte der eigentlichen Ausführung und des besondern Tons erfreulich werden.“ Vornehmlich ward er dadurch an diesen Plan gefesselt, dass er alles aus eigenen Erfahrungen nach der Natur ausmalen konnte. Er beschäftigte sich anhaltend damit während seiner ganzen Reise. Schon einige Tage vor seiner Abreise von Palermo brachte er in seinem Lieblingsgarten den Entwurf zur Reife und konnte sich nicht enthalten, einige Stellen auszuführen. Diese Blättchen finden sich unter seinen fragmentarischen Dichtungen abgedruckt. Sie lassen nur soweit auf das Ganze schließen, dass man den idyllischen Charakter, den das Drama erhalten sollte, darin erkennt; dem dritten Akt war die Erzählung von Odysseus Abenteuern zugeteilt. Diesen scheint er noch kurz vor seiner Trennung von Sizilien durchdacht zu haben, als er zu Taormina, während Kniep mit Zeichnen beschäftigt war, zwischen den Orangenästen eines schlechten Bauerngartens die Einsamkeit suchte und „den Grundunterschied des Dramas und der Epopöe ins Auge fasste“, ein Thea, das er später als Epiker wieder aufnahm. Durch die nachfolgenden Zerstreuungen ward der sorgfältig bis ins kleinste Detail durchdachte Entwurf zurückgedrängt.

   Er hatte schon am Tage vor seiner Abreise von Palermo sich zu beklagen, dass er von vielerlei Geistern verfolgt und versucht werde. Als er nach dem öffentlichen Garten gegangen war mit dem festen Vorsatz, seine dichterischen Träume fortzusetzen, ergriff ihn mitten unter der mannigfaltigen Pflanzenwelt aufs neue die Idee der Pflanzenmetamorphose, und „zerstört war sein guter poetischer Vorsatz, der Garten des Alcinous war verschwunden, ein Weltgarten hatte sich aufgetan.“ Diese Idee verfolgte er auch auf seiner Weiterreise in Betrachtung der reichen Vegetation der Insel. Von Neapel aus schreibt er darüber an Herder: „Ferner muss ich Dir vertrauen, dass ich dem Geheimnis der Pflanzenerzeugung und Organisation ganz nahe bin, und dass es das Einfachste ist, was nur gedacht werden kann. Unter diesem Himmel kann man die schönsten Beobachtungen machen. Den Hauptpunkt, wo der Keim steckt, habe ich ganz klar und zweifellos gefunden; alles Übrige seh’ ich auch schon im Ganzen und nur noch einige Punkte müssen bestimmt werden. Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpft von der Welt, um welches mich die Natur selbst beneiden soll. Mit diesem Modell und dem Schlüssel dazu kann man alsdann noch Pflanzen ins Unendliche erfinden, die konsequent sein müssen, d.h. die, wenn sie auch nicht existieren, doch existieren könnten und nicht etwa malerische oder dichterische Schatten und Scheine sind, sondern eine innerliche Wahrheit und Notwendigkeit haben. Dasselbe Gesetz wird sich auf alles übrige Lebendige anwenden lassen.“ So entwickelte sich ein genialer Gedanke, den ein namhafter neuerer Naturforscher zu den luminosen zählt, welche für alle Zeit und die gesamte Menschheit ihre volle Geltung behalten.

   Goethe nahm seinen Weg zuerst über Alcamo nach Girgenti, von hier, um auch das Innere der Insel kennen zu lernen, über Caltanisetta nach Catania, wo er am 1. Mai eintraf. Den Gipfel des Ätna in dieser Jahreszeit, wo der Schnee noch sehr tief lag, musste er aufgeben und sich mit dem niedrigeren Monte Rosso begnügen, von wo er unter heftigem Sturm einen flüchtigen Blick auf den lang ausgedehnten Strand von Messina bis Syrakus genoss. Eine ruhigere Ansicht dieser Küstenlandschaft gewährte ihm das Theater von Taormina, wo ihm das herrlichste Panorama vor Augen lag, der lange Gebirgsrücken des Ätna und die Meeresküste bis Kalabrien hin. Umso niederschlagender war der Anblick des verwüsteten Messina, das sich nach dem schrecklichen Erbeben von 1783 noch nicht aus seinen Trümmern wieder erhoben hatte. Ein finsterer, despotischer Gouverneur machte es überdies für den Fremden zu einer Zyklopenhöhle, so dass Goethe nur mit einiger Odysseus-Gewandtheit, über die er uns ausführlich berichtet, sich den drohenden Folgen der Versäumnis einer Einladung entzog. Verdrießlich daher und ungeduldig ergriff er die erste beste Gelegenheit fort zu kommen und schiffte sich nach einem viertägigen Aufenthalt am 14. Mai auf einem französischen Kauffahrteischiff ein.

   Verdruss und Langeweile begleiteten seine diesmalige Seereise mehr, als die vorige. Bei dem von Anfang an ungünstigen Wind rückte das Schiff nur langsam vorwärts, die Seekrankheit befiel ihn ärger als früher, und er konnte nicht einmal, wie auf der bequem eingerichteten Corvette, in seinem Kämmerchen die Einsamkeit aufsuchen, sondern musste zwischen einer dicht gedrängten Menge von Passagieren Platz nehmen. Erfreulicher verflossen die Stunden, wo er, mit Kniep auf dem Verdeck verweilend, an dem munteren Tummeln der Delfine oder an den malerischen Küsten Unteritaliens das Auge weiden konnte. Schon lag am dritten Tag der Fahrt Cap Minerva vor ihnen, der Vesuv ward sichtbar, über dem eine ungeheure Dampfwolke aufgetürmt war, links ließen sich die Felswände der Insel Capri unterschieden. Völlige Windstille war eingetreten, und sie entzückten sich an dem Anblick des ruhigen, glänzenden Meeres und der Küste, als ein laut und lauter werdender Lärm unter den Passagieren sie herbeizog und blad mit der Gefahr bekannt machte, in der man sich befand. Das Schiff war in die Strömung um Capri geraten und trieb den Felsen zu, die es zu zertrümmern drohten. Alle ereiferten sich in ungestümen Reden gegen den Kapitän und den Steuermann, deren Ungeschicklichkeit man das Unheil zuschrieb, wie man denn von Beginn der Fahrt an ihnen kein rechtes Zutrauen hatte schenken wollen. Goethe, „dem von Jugend auf Anarchie verdrießlicher war, als der Tod“, war es unmöglich länger zu schweigen. Er stellte ihnen vor, dass gerade in diesem Augenblick ihr Lärmen und Schreien denen, von welchen noch allein Rettung zu hoffen sei, Ohr und Kopf verwirrten, so dass sie weder denken noch sich untereinander verständigen könnten. Darauf ermahnte er sie, ihr brünstiges Gebet zur Mutter Gottes zu richten, damit sie sich bei ihrem Sohn verwende und er jetzt tue, was er für seine Apostel getan habe, als auf dem See Tiberias schon die Wellen in das Schiff schlugen und er dem Wind zu ruhen gebot; ebenso könne er jetzt der Luft gebieten, sich zu regen, wenn es anders sein heiliger Wille sei. Diese Worte taten die beste Wirkung. Man beruhigte sich; die Frauen lagen betend auf ihren Knien. Goethe begab sich in die Kajüte hinab und legte sich halb betäubt auf seine Matratze. Bald darauf eilte Kniep herunter und verkündigte, dass Rettung da sei; ein gelinder Windhauch hatte sich erhoben, man konnte von den Segeln Gebrauch machen, und es gelang aus der Strömung herauszukommen. Am folgenden Morgen (17. Mai) ließ das Schiff die gefährliche Felseninsel hinter sich und fuhr in den Golf von Neapel ein.

   Während der beiden Wochen, die Goethe noch in Neapel zubrachte, bemühte er sich, manches zu sehen, was ihm beim vorigen Besuch noch entgangen war, wobei ihm Hackert und andere Freunde (Tischbein war nach Rom gereist) sich sehr gefällig bewiesen. Dem geselligen Zudrang entzog er sich jetzt weniger; die sizilianische Reise, meint er, habe ihn leutseliger und zutätiger gemacht. Am 3. Juni riss er sich los, von niemand bewegter und herzlicher scheidend, als von seinem treuherzigen Reisegefährten Kniep, dem er auch in der Ferne die beste Fürsorge zu widmen versprach, und fuhr „durch das unendliche Leben dieser unvergleichlichen Stadt halb betäubt hinaus, vergnügt jedoch, dass weder Reue noch Schmerz hinter ihm blieb.“

   In Rom3), wo er am 6. Juni wieder anlangte, weihte ihn das Fronleichnamsfest schnell wieder zum Römer ein, nicht sowohl durch das fromme Festgewirr, als durch die Anschauung der nach Rafaels Cartonen gewirkten Teppiche, welche an diesem Tag öffentlich ausgehängt wurden; sie führten ihn wieder in den Kreis höherer Kunstbetrachtungen zurück. Rom war ihm jetzt vertrauter geworden; er hatte nichts mehr, was ihn überspannte, „sondern die Gegenstände hatten ihn jetzt zu sich hinauf gehoben.“ Der Trieb zur Ausübung der bildenden Kunst war durch diese Umgebung wieder aufs lebhafteste in ihm angeregt, und er schien Hackerts scharfe Mahnung beherzigen zu wollen, um durch Ausdauer über die Mängel des Dilettantismus hinauszukommen und „das Handwerk der Sache zu lernen.“ – „Ich mag nun“, äußerte er in einem seiner Briefe, „gar nichts mehr wissen, als etwas hervorzubringen und meinen Sinn recht zu üben; ich liege an dieser Krankheit von Jugend auf krank, und gebe Gott, dass sie sich einmal auflöse.“ Mit Hackert, der auf kurze Zeit nach Rom kam, verlebte er vierzehn Tage auf dem Lande und sah sich durch seine Anleitung „sehr im Landschaftszeichnen gefördert.“ Diese Übungen wurden zunächst seine Aufgabe. Mehrere Ausflüge ins Gebirge, nach Tivoli, Frascati, Albano etc. wurden unternommen, um nach der Natur zu zeichnen. In Rom bezog er nach Tischbeins Abreise, der sich nach Neapel begab, dessen kühlen Saal und war hier während der heißen Sommermonate in friedlicher Abgeschiedenheit überaus tätig, um „seine Talente durchzuarbeiten“, als einer, der „nur der Mühe lebt“ und darin das reinste Glück empfindet. „Meine größte Freude ist“, schreibt er am 22. Juli, „dass mein Auge sich an sicheren Formen bildet und sich an Gestalt und Verhältnis leicht gewöhnt, und dabei mein alt Gefühl für Haltung und Ganzes recht lebhaft wiederkehrt.“

   So viel er konnte, hütete er sich, in die Welt gezogen zu werden, um nicht aus der Ordnung zu kommen. Sein Umgang beschränkte sich auf den früheren engen Freundeskreis, und er hatte dankbar anzuerkennen, dass alle Künstler sich bemühten, sein Talent fortzubilden. Angelica Kaufmann bewies ihm ihre frühere, freundschaftliche Teilnahme. Verschaffelt, ein Sohn des Mannheimer Direktors, förderte ihn in der Perspektive. Mit Trippel, der seine Büste im Auftrag des Fürsten von Waldeck modellierte, hatte er belehrende Unterhaltungen in Bezug auf Bildhauerkunst, und er begann ebenfalls zu modellieren, um die menschliche Gestalt, die ihm zuletzt der Gipfel aller Kunst zu sein schien, genauer studieren zu können. Höchst unterrichtend war auch für ihn der Umgang mit Heinrich Meyer aus Zürich, der „den sichern, von Winckelmann und Mengs eröffneten Pfad ruhig fort ging“ und seine Aufmerksamkeit vornehmlich dahin richtete, „die zarten Abstufungen der früheren und späteren Kunst zu prüfen und kennen zu lernen.“ – „Er spricht niemals mit mir, ohne dass ich alles aufschreiben möchte, was er sagt, so bestimmt, richtig, die einzig wahre Linie bestimmend sind seine Worte. Sein Unterricht gibt mir, was mir kein Mensch geben konnte, und seine Entfernung wird mir unersetzlich bleiben.“ Die Hochschätzung, die sein ernstes Studium für ihn erweckte, hatte später eine innige Freundschaft mit Goethe und ein dauerndes geistiges Zusammenwirken zur Folge.

   Auch die Einsicht in die Architektur schärfte Goethe durch Zeichenübungen und fand eine ungehoffte Gelegenheit, seine Kenntnisse nach dieser Seite hin zu erweitern, indem gerade damals umfassende Sammlungen von Zeichnungen griechischer und orientalischer Bauwerke nach Rom gebracht wurden.

   Moritz war Goethe der liebste Gesellschafter, wenn gleich die Haltlosigkeit seines geistigen und sittlichen Wesens einer offenen Hingebung der Freundschaft im Wege stand. Ihm trug Goethe zum ersten Mal sein Pflanzensystem vor und brachte bei diesem Anlass die ersten Grundlinien desselben aufs Papier, erfreut, eine empfängliche Seele zu finden, der seine Vorstellungsart fasslich zu machen war. Moritz arbeitete an seiner Mythologie und konnte durch positive Kenntnisse auf dem Gebiet der Antiquitäten auch seinem Freund wieder nützlich werden. Ästhetische Gegenstände wurden zwischen ihnen vielfach durchgesprochen. Eine kleine Schrift von Moritz „über die bildende Nachahmung des Schönen“ (Berlin, 1788) erwuchs aus diesen Unterhaltungen.

   Ungeachtet dieser ausgebreiteten Studien der bildenden Kunst entzog sich Goethe seinen poetischen Arbeiten nicht, wenngleich die weimarschen Freunde aufs neue klagen mochten, dass er das Wichtigste nebenher tue, und es klingt fast wie eine Rechtfertigung, wenn er dorthin die Worte richtet: „Dass ich zeichne und die Kunst studiere, hilft dem Dichtungsvermögen auf, statt es zu hindern; denn schreiben muss man nur wenig, zeichnen viel.“ Statt Tasso oder Nausikaa fortzusetzen, fühlte er sich am meisten zur Vollendung des Egmont aufgelegt. Zu dieser Wahl trug ohne Zweifel am meisten der Umstand bei, dass gerade damals ähnliche revolutionäre Szenen, wie er in seinem Drama geschildert hatte, in den Niederlanden vorgingen; in Brüssel erhob sich das Volk zur Verteidigung seiner von Joseph II. angetasteten Verfassung, in Holland stand die oranische und die patriotische Partei in Waffen gegeneinander. Goethe nennt die Überarbeitung dieses Dramas eine unsäglich schwere Aufgabe, die er ohne eine ungemessene Freiheit des Lebens und des Gemüts nicht zustande gebracht hätte; es galt das Werk durchzuarbeiten und zu vollenden, ohne es umzuschreiben. In einem der späteren Briefe äußert er, kein Stück habe er mit mehr Freiheit des Gemüts und mit mehr Gewissenhaftigkeit vollbracht, als dieses; er wisse, was er hineingearbeitet habe. Der 5. September, wo er die letzten Lücken in der Handschrift ausfüllte, erschien ihm wie ein festlicher Tag; sein Brief, der die Sendung nach Deutschland begleitete, sprach die Hoffnung aus, dass er seinen Freunden damit Freude machen werde. Diese ging indes auch diesmal nur teilweise in Erfüllung. Es war immer schwer, von Herder eine Anerkennung zu erhalten. Seine Kritik betraf namentlich das Verhältnis Egmonts zu Klärchen und scheint in der Hauptsache auf die Punkte hinauszulaufen, welche Schillers bekannte Rezension hervorgehoben hat. Goethe konnte Anforderungen nicht befriedigen, die außerhalb seines Plans, ja außerhalb des Kreises seiner dramatischen Poesie lagen. Sein Drama sollte eben kein heroisches Trauerspiel sein, sondern das Gemälde eines edlen menschlichen Daseins, das sich mit frischer Lebenskraft und Freiheit auf dem Hintergrund einer trüben Zeit vor uns ausbreitet. Es weht darin der Hauch der frischen jugendlichen Lebensfreude, welche dem Dichter in Rom eine zweite Jugend bereitete. „Es hat doch im Grunde“, musste er sich schließlich gestehen, „niemand einen rechten Begriff von der Schwierigkeit der Kunst als der Künstler selbst.“

   Auf die vier Monate eines stillen, anhaltenden Fleißes folgten genussreiche Ausflüge in den schönen Wochen des Herbstes, der nach einem drückend heißen Sommer doppelt willkommen war. Einige Septemberwochen verlebte Goethe in Gesellschaft des Hofrats Reiffenstein in Frascati, und fühlte sich „recht munter und lustig“; da ward „den ganzen Tag bis in die Nacht gezeichnet, gemalt, getuscht und geklebt, indes er nebenher auch die Umarbeitung des Singspiels ‚Erwin und Elmire’ im anmutigen Versgewand zustande brachte. Im Oktober hielt er in Castel Gandolfo eine Villegiatur; mehrere Freunde und Freundinnen aus Rom fanden sich dort zusammen, und man gab sich dort, wie an Badeorten, einer zwanglosen, munter Geselligkeit hin. In den wenigen dort geschriebenen Briefen fühlt sich die Erregtheit seines Innern, und der rasche Wurf seines Stils lässt ahnen, dass in seinem Herzen etwas vorging; „mit Vorsatz irrend, zweckmäßig unklug, lässt er seine Leben mehr laufen, als er es führt, und weiß auf alle Fälle nicht, wo es hinaus will.“ An Herder berichtet er, er habe sogar einige Idyllen gefunden. Dies möchten die ersten Ansätze zu den „römischen Elegien“ sein, wenn auch die eigentliche Ausführung oder Fortsetzung mit einem späteren Liebesverhältnis in Verbindung steht.

   Goethe hatte während seiner bisherigen Reise sein Herz sorgfältig, wie durch ein Gelübde, vor Liebesneigungen bewahrt, um sich dadurch nicht von seinen nähern und höhern Zwecken ablenken zu lassen, so dass er sich „von Frauen bis zur trocknen Unhöflichkeit entfernt hielt.“ Auf einem kleinen Gartenball zu Rom an einem schönen Juli-Abend, wo es recht lustig herging, konnte er kaum bis zu Ende aushalten, weil die Mädchen ihn nicht mehr, „wie vor zehn Jahren“, anzogen; diese Ader, äußerte er damals, sei vertrocknet. Das erinnert uns an die Vorwürfe, welche in den römischen Elegien Amor dem Dichter wegen seines lässigen Dienstes macht, und die sophistischen Ermahnungen desselben, womit er ihm wieder das Glück der Jugend, Stoff zum Lied und Glanz der Erfindungen zu gewähren verspricht. Amor belebt ihm auch (in dem damals entstandenen Gedicht „Amor als Landschaftsmaler“) die farbenreiche Landschaft, indem er vor seinen Augen das anmutigste Mädchenbild entstehen lässt. Dieses ward in den heiteren Tagen von Castel Gandolfo gefunden. Eine junge Mailänderin hatte seine Neigung rasch und entschieden gewonnen. Unvorsichtig, wie in den Jugendtagen von Sesenheim und Wetzlar, gab er sich dieser Leidenschaft hin, ihre Gefahr nicht ahnend, und durch den Unterricht im Englischen, der wohl nur auf ein Spiel zärtlicher Annäherung hinauslaufen konnte, war blad der Vertraulichkeit ein Mittel gefunden. Nicht lange aber, so ward er in den schmerzlichsten Zustand versetzt, als er erfuhr, dass seine Geliebte Braut sei. Seitdem hielt er sich in rücksichtsvoller Entfernung und suchte ein offenes Freundschaftsverhältnis herzustellen. Wie weit ihm dies gelungen sei, lässt seine Erzählung nur zum Teil erkennen; sie ist verblasst und gibt absichtlich nicht die volle Wahrheit. Den Kampf einer tieferen Leidenschaft verrät das erst im Winter gedichtete Liedchen:

Eupido, loser, eigensinniger Knabe!
Du batst mich um Quartier auf einige Stunden;
Wie viele Tage und Nächte bist du geblieben,
Und bist nun herrisch und Meister im Hause geworden! etc.

Dies sein damaliges „Leibliedchen“ symbolisch zu nehmen und auf den durch Kunst und Poesie überhaupt erregten Zustand seines Innern zu beziehen, kann uns nicht zugemutet werden. Das Wiedersehen der Geleibten beim Karneval, nachdem sie eine schwere Krankheit überstanden hatte, und den letzten Abschied vor der Abreise aus Rom hebt die Schilderung des Greises mit einer Innigkeit hervor, in der die leidenschaftliche Erregtheit des Gemüts noch nachzittert. Was dazwischen liegt, lässt sich nur ahnen. Es mögen manche Parallelen zu den idyllischen und schmerzlichen Szenen seiner jugendlichen Liebesverhältnisse unberührt geblieben sein. Die römischen Elegien berechtigen jedoch zu keinen Vermutungen.

   Inzwischen ward Goethe durch die Nachricht aus der Heimat überrascht, dass im weimarschen Freundeskreis infolge seiner enthusiastischen Schilderungen des italienischen Himmels und des überreichen Kunstgenusses das Verlangen rege geworden sei, diese Freuden mit ihm zu teilen, und dass Herzogin Amalie mit ihrer Umgebung, sowie Herder, Anstalt träfen, noch diesen Herbst nach Italien aufzubrechen. Schon vor einem Jahr hatte er gefürchtet, durch eine solche Begleitung um den reinen Eindruck der Gegenstände gebracht zu werden. Jetzt schein es ihm nicht minder unleidlich, in Rom der Führer von uneingeweihten Neulingen in der Kunstkennerschaft zu sein und überhaupt der Poesie der einfachen Lebensverhältnisse, in denen er sich jetzt frei und glücklich fühlte und „sich wieder frisch des humanen Zustands erfreute“, durch den Zwang, welchen ihm der eng geschlossene heimatliche Kreis auferlegen würde, entrückt zu werden. Er war daher bei sich entschieden, die Ankunft der Freunde in Italien nicht abzuwarten. Zuvörderst ging sein Rat an die Freunde dahin, weil der Herbst schon so weit vorgerückt sei, den Winter vorübergehen zu lassen und in der mittleren Jahreszeit bis Rom zu gelangen, was denn auch im nächsten Jahr zur Ausführung kam.

   Höchst erfreulich war ihm dagegen die Ankunft seines Freundes Kayser, der zu den übrigen Künsten nun auch das lebhaftere Interesse für die Musik belebte, „einer von den Menschen, durch deren Nähe man gesunder wird.“ Die nächste Veranlassung zu dieser Reise gaben Goethes letzte dramatische Dichtungen. Da er zum Egmont eine passende Musik zu komponieren begonnen hatte, so war es rätlich befunden, dass Komponist und Dichter sich gegenseitig verständigten, und wie er bereits die früheren Singspiele Goethes komponiert hatte, so widmete er auch sein Talent den jüngsten kleineren dramatischen Dichtungen seines Freundes, die, wenn auch die Haupthandlung und die lyrische Zugabe beibehalten ward, doch im Übrigen völlig neue Arbeiten waren. Mit Kayser „studierte er erst recht die Gestalt des Singspiels“ und benutzte zugleich die Erfahrungen, welche ihm die lyrische Bühne Italiens an die Hand gab, wenn er gleich bekennen musste, dass die Opern ihm keine rechte Unterhaltung gewährten und ihn nur das innig und ewig Wahre erfreuen könne. Erwin und Elmire ward abgeschlossen und im Beginn des neuen Jahres abgesandt; im Februar folgte Claudine von Villabella, das lieblichste und gehaltvollste der Goetheschen Singspiele: „Beide Stücke sind mehr gearbeitet, als man ihnen ansieht.“

   Unter diesen Arbeiten trat endlich der Zug zur Poesie wieder mächtig und siegreich hervor; Goethe verschloss sich nicht länger der Überzeugung, dass er in der Ausübung der bildenden Kunst nur ein Dilettant bleibe, erfreut, auf dem rechten Weg der Betrachtung und des Studiums zu sein. „Täglich wird mir’s deutlicher“, bekennt er in einem Brief vom 22. Februar, „dass ich eigentlich zur Dichtkunst geboren bin, und dass ich die nächsten zehn Jahre, die ich höchstens noch arbeiten darf (!), dieses Talent excolieren und noch etwas Gutes machen sollte, da mir das Feuer der Jugend manches ohne großes Studium gelingen ließ. Von meinem längeren Aufenthalt in Rom werde ich den Vorteil haben, dass ich auf das Ausüben der bildenden Kunst Verzicht tue.“ Daher wandte er sich mit erneuter Liebe zu den älteren noch unvollendeten Dichtungen. Er ordnete seine kleinen Gedichte und suchte durch Stellung und Verbindung „die allzu individuellen und momentanen Stücke einigermaßen genießbar zu machen.“ Den Faden des Faust suchte er wieder auf und war dabei fast überrascht sich so unverändert zu finden, als habe sein Inneres durch Jahre und Begebenheiten nicht gelitten. In dem Garten Borghese schrieb er die Szene der Hexenküche und meinte, wenn er das Papier räuchere, sollte ihm niemand die neue Dichtung aus seinem alten Manuskript, das, schon sehr vergilbt und vergriffen, dem Fragment eines alten Codex „glich“, herausfinden. Auch war er jetzt entschlossen, ‚Künstlers Erdenwallen’ neu auszuführen und ‚Künstlers Apotheose’ hinzuzufügen, indem er „zu diesen Jugendeinfällen erst jetzt die Studien gemacht habe, und ihm alles Detail lebendig sei.“ Der Plan zum Tasso war in Ordnung, und in fernerer Aussicht stand Wilhelm Meister, worin die Resultate seiner italienischen Kunstbeobachtungen zusammengefasst werden sollten.

   Andere Studien gingen daneben ihren geordneten Gang fort. Knochen- und Muskelbau ward studiert, um die menschliche Gestalt in Bezug auf bildende Kunst genauer kennen zu lernen, und unter anderem ein Fuß modelliert. Seine Pflanzentheorie beschäftigte ihn wieder bei der ersten Entwicklung der Frühlingsvegetation, und es gesellten sich „allerlei Spekulationen über Farben“ hinzu, auf die ihn außer dem Interesse an den atmosphärischen Farben des glanzvollen italienischen Himmels auch der häufig im römischen Künstlerkreis sich wiederholende Meinungsstreit über das Colorit in der Malerei hinführten. Er ahnte damals noch nicht, welch einen neuen Gährungsstoff er damit unter seine Ideen aufgenommen hatte. So viel hatte er eingesehen, „man müsse den Farben erst von der Seite der Natur beikommen, wenn man in Absicht auf Kunst etwas über sie gewinnen wolle.“

   Der Karneval sah er jetzt zum zweiten Mal und, war es ihm auch diesmal peinlich, „andere toll zu sehen, ohne selbst angesteckt zu sein“, so sprach es doch auch seinen künstlerischen Sinn an, als ein Volksfest, das seinen naturgemäß geordneten Verlauf habe. Er bemerkte sich genau den Gang der Fastnachtstorheiten und die einzelnen Vorkommnisse, und veranlasste seinen Hausgenossen Georg Schütz, die einzelnen Masken zu zeichnen. Aus diesen Vorarbeiten entstand später Goethes meisterhafte Schilderung des römischen Karnevals. Mit gleicher Objektivität betrachtete er die Eigentümlichkeiten anderer römischer Feste und fasste den Plan, einen römischen Festkalender zu schreiben, den er uns freilich schuldig geblieben ist. Bei diesen Festbeobachtungen leistete ihm Freund Kayser Gesellschaft, den es besonders zu den großartigen römischen Kirchenmusiken hinzog. Von dem Miserere in der Sixtinischen Kapelle spricht auch Goethe mit Entzücken.

   Nach dem Osterfest bereitete er sich zur Abreise von Rom. Der Abschied, so schwer er ihm ward, war nicht länger zu verschieben. Es waren schmerzliche Tage, da er von seinem Freundeskreis, von der Stätte, wo er so friedlich und glücklich gelebt hatte, scheiden musste, ohne die Hoffnung mitzunehmen, je dahin zurückzukehren. Einen Piniensprössling pflanzte er in Angelicas Garten, einige Dattelpflanzen, die er aus Kernen gezogen hatte, an der Sixtinischen Straße, die, später zu stattlichen Bäumen herangewachsen, manchem Reisenden als Denkmal der Abschiedsstunden des deutschen Dichters teuer waren. Mit einigen Freunden durchwanderte er noch das geliebte Rom in verschiedenen Richtungen und tief ergriffen ließ er zum letzten Mal, vom Kapitol „dem einsamen Palast in der Wüste“ hernieder blickend, das Bild der untergegangenen Herrlichkeit der Weltstadt in seiner Seele lebendig werden. Er war zu stark an sie gefesselt, als dass er einen freudigen Blick zur Heimat richten konnte; ihn begleitete nur das schmerzliche Gefühl eines Verbannten, als (etwa am 22. April) Rom hinter ihm verschwand.

Wandelt von jener Nacht mir das traurige Bild vor die Seele,
   Welche die letzte für mich ward in der römischen Stadt,
Wiederhol’ ich die Nacht, wo des Teueren so viel mir zurückblieb,
   Gleitet vom Auge mir noch jetzt eine Träne herab. –

Diese Verse, mit denen Ovid die Elegie einleitet, in welcher er die Empfindung schildert, womit er, in die Verbannung zeihend, sich von seinem geliebten Rom und allem, was ihm teuer war, losriss, wurden unserm Dichter der Ausdruck seiner eigenen Empfindungen, und ihn verließ diese elegische Stimmung während seiner Rückreise nicht, trotz aller Zerstreuung und Ableitung. „Ich kann und darf nicht sagen“, schreibt er noch im Herbst an Heinrich Meyer, „wie viel ich bei meiner Abreise von Rom gelitten habe.“ Er konnte dieses Schmerzes nicht bis zu dem Maß Herr werden, um für ihn den poetischen Ausdruck zu finden, oder, wie er sich ausdrückt, er vermochte diese mehrmals durchdachte Elegie nicht niederzuschreiben, aus Furcht, der zarte Duft inniger Schmerzen möchte verschwinden. Diesen hat er seinem Tasso eingehaucht, auf den sich während seiner Rückreise seine poetische Tätigkeit richtete. Er bearbeitete die Stellen mit vorzüglicher Neigung, welche ihm in diesen Augenblicken am nächsten lagen. Ein Teil wurde in Florenz vollendet, wo er den größten Teil seines Aufenthalts in den dortigen Lust- und Prachtgärten zubrachte. Über Mailand reiste er nach Deutschland zurück und langte am 18. Juni abends 10 Uhr in Weimar wieder an.

Ü   Þ


1) Zur Erläuterung von Goethes Äußerungen über Angelica Kaufmann dient eine Stelle in Herders Briefen aus Rom: „Je mehr ich sie kennen lerne, desto mehr gewinne ich dieses seltene, jungfräuliche Kunstwesen lieber; eine wahre himmlische Muse voll Grazie, Feinheit, Bescheidenheit und einer ganz unnennbaren Güte des Herzens … Ihr Eindruck wird mir wohl tun auf mein ganzes Leben; denn er ist von allen Buhlereien, aller Eitelkeit und Falschheit entfernt; sie weiß nichts davon und ist bei aller der demütigen Engelsklarheit und Unschuld, von der alle ihre Arbeiten zeugen, vielleicht die kultivierteste Frau in Europa.“ ­

2) Über K. Ph. Moritz s. Wilib. Alexis in Prutz’ literarhistorischem Taschenbuch, 5. Jahrg. 1847. S. 3 - 71. ­

3) Zu Goethes Schilderung des zweiten Aufenthalts in Rom vgl. W. v. Humboldts Beurteilung in den Berliner Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik, 1830. S. 353 ff. Die in Beilage I. angezogenen Briefe an Frau von Stein geben über die Motive seiner Abreise aus Rom einige nähere Aufschlüsse, wie sie auch dartun, dass der Herzog ihn nicht zurückrief. ­

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