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Homepage Literatur Johann Wolfgang von Goethe Biografien Schaefer - Goethes Leben Inhalt Erster Band Vorrede Kindheit und Jugend 1749 - 1765 1765 - 1768 1768 - 1771 1771 - 1773 1744 1775 Weimarsche Lehrjahre 1776 1777, 1778 1779 1780, 1781 1782 1783 - 1786 Zweiter Band Widmung Ital. Reisejahre, Rev.-Epoche 1786 - 1788 1788 - 1791 1792, 1793 1794 - 1796 1797 - 1799 1799 - 1805 Goethe im Alter 1806 - 1813 1813 - 1819 1820 - 1825 1826 - 1832 Beilagen I. Charlotte von Stein II. Rede weißer Falkenordens III. Vermächtnis j. Nachwelt Schlusswort |
6. Kapitel: 1799 - 1805Seit Schiller durch den Wallenstein das Feld wieder gewonnen hatte, auf dem seinem poetischen Talent noch die schönsten Erfolge vorbehalten waren, stand bei ihm der Gedanke fest, durch die anregende Anschauung der Bühne seine dramatische Produktion zu beleben und auszubilden und daher Jena, wo er sich besonders seit der Abreise Wilhelms von Humboldt (1797) sehr vereinsamt fühle, mit Weimar zu vertauschen. Der Herzog kam seinen Wünschen mit liberalen Anerbietungen entgegen, und Schiller zog im Dezember 1799 nach Weimar herüber. Die Freunde kamen dadurch in unmittelbare Nähe und sahen die jenaschen Abende mit ihren anregenden Geistesgenüssen nach Weimar verpflanzt, wenn nicht etwa die mehrmals wiederkehrende Abwesenheit Goethes sie wieder zu der Aushilfe des brieflichen Verkehrs zu greifen nötigte. Die Innigkeit ihres Verhältnisses erlitt auch in den folgenden Jahren keine Beeinträchtigung und Störung, wie sie sich’s in den letzten Stunden des Jahres, das sie neger zusammengeführt hatte, in ernstem Gespräch gelobten und gern der Ansicht huldigten, dass mit dem Jahr 1800 das neue Jahrhundert begonnen werde. Doch konnte ihre gegenseitige, geistige Einwirkung nicht mehr ganz so bedeutend, wie früher, sein, nachdem ihre Naturen sich mehr und mehr dergestalt ausgeglichen hatten, dass sie fast die Rollen vertauscht zu haben schienen. Nichtmehr arbeitete Schiller schüchtern und bedächtig an Goethes Hand, sondern schritt im Selbstgefühl rüstiger Produktionskraft von einem dramatischen Werk zum andern. Goethe dagegen war jetzt mehr der Zögernde, Unschlüssige, der einen Entwurf von dem andern verdrängen ließ, ohne jene freudig schaffende Kraft, die ihm den Wilhelm Meister und seinen Hermann rasch vollenden half, wieder zurückzurufen zu können. Während jener alles Theoretisieren beiseite warf, um nicht in der Produktion gehemmt zu werden, und beides jetzt „im Süd- und Nordpol“ voneinander geschieden sah, stieg Goethe tiefer und tiefer in die philosophische Spekulation hinein. Ob er gleich sein Glaubensbekenntnis auch jetzt noch dahin ausspricht, dass die Forderungen von oben herein den unschuldigen, produktiven Zustand zerstören, und das Werk des Genies unbewusst entstehe, so wagte er doch kaum noch einen Schritt zu tun, bevor er in der Theorie mit sich im Reinen sei; die Reflexion und ihre Tochter, die Symbolik, beginnt seine Poesie zu trüben. Goethe war durch Schillers Tätigkeit fürs Drama und ihr gemeinschaftliches Wirken für die deutsche Bühne ebenfalls in diese Sphäre der Dichtung wieder zurückgeführt worden. Die epischen Entwürfe bleiben liegen, wenn auch der Tell noch zu Zieten sein Nachdenken beschäftigte. Faust, zu dessen Fortsetzung Schiller wiederholt ihn antrieb, rückte „sachte“ vor; der Dichter konnte am 1. August 1800 melden, dass darin ein Knoten gelöst sei. Dies war das Auftreten der Helena, jetzt des zweiten Teils dritter Akt, dessen Ausarbeitung ihm zum größeren teil bei einem Herbstaufenthalt in Jena gelang. Da Wilhelm von Humboldt gleichzeitig mit der Übersetzung von Äschylus Agamemnon beschäftigt war, so ließ er sich bestimmen, bei diesem antiken Stoff zum ersten Mal den Trimeter der griechischen Tragödie in Anwendung zu bringen. Aus der hier beabsichtigten symbolischen Vermittlung des Antiken und Modernen entsprang auch das kleine Festspiel Paläophron und Neoterpe. In einem frohen Zirkel bei Fräulein von Göchhausen diktierte Goethe, auf- und abschreitend, das Stück, wie es ihm gerade einfiel; am 24. Oktober 1800 ward es zur Feier des Geburtsfestes der verwitweten Herzogin aufgeführt. Es war der erste Versuch eines neuen Genre dramatischer Vorstellungen, indem man die Masken des antiken Dramas anwandte; zu diesem Zweck wurden nachmals einige Komödien des Terenz zur Aufführung gebracht.1) Schon diese Versuche sind uns ein Beweis, dass man seit der Aufführung des Wallenstein darauf bedacht war, das Theaterrepertorium von den momentanen Launen des genießenden Publikums zu emanzipieren und für die Bühne die Forderungen eines höheren Kunstgeschmacks zur Geltung zu bringen. In dieser Hinsicht fand Goethe bei seinem Freunde die tätigste, erfolgreichste Unterstützung. Sie teilten sich in die Geschäfte der Leitung der Proben und der Vorbereitung der Vorstellungen, unterstütz durch die Bereitwilligkeit des Goethe in der Theaterintendanz beigeordneten Hofrats Krims und den Fließ des tüchtigen Regisseurs Genast. Durch die von Goethe und Schiller mit bewundernswürdiger Ausdauer und Aufopferung geleitete dramaturgische Ausbildung des Theaterpersonals, wodurch junge Talente, wie Wolf und Gruner, zu Meistern der Kunst herangebildet wurden, machten sie die Weimarer Bühne zu einer Theaterschule für Deutschland. „Da ward“, sagte Kanzler von Müller, der ein Zeuge jener Jahre war, „keine Art persönlicher Hingebung gespart, mit unermüdlicher Geduld Lese- und Darstellungsproben abgewartet und wiederholt, jeder Charakter genau begrenzt, entwickelt, lebendig hingestellt, die Harmonie des Ganzen immer schärfer ins Auge gefasst, erspäht und gerundet. Nirgends vermochte Goethe den Zauber seiner imposanten Persönlichkeit freier zu üben und geltend zu machen als unter seinen dramatischen Jüngern: Streng und ernst in seinen Forderungen, unabwendbar in seinen Beschlüssen, rasch und freudig jedes Gelingen anerkennend, das Kleinste wie das Größte beachtend, und eines jeden verborgenste Kraft hervorrufend, wirkte er im gemessenen Kreise, ja meist bei geringen Mitteln, oft das Unglaubliche; schon sein ermunternder Blick war reiche Belohnung, sein wohlwollendes Wort unschätzbare Gabe. Jeder fühlte sich größer und kräftiger an der Stelle, wo er ihn hingestellt, und der Stempel seines Beifalls schien dem ganzen Leben höhere Weihe zu gewähren. Man muss es selbst gesehen und gehört haben, wie die Veteranen aus jener Zeit des heitersten Zusammenwirkens von Goethe und Schiller noch jetzt mit heiliger Treue jede Erinnerung an diese ihre Heroen bewahren, mit Entzücken einzelne Züge ihres Waltens wiedergeben, und schon bei Nennung ihres Namens sich leuchtenden Blicks gleichsam verjüngen, wenn man ein vollständiges Bild der liebevollen Anhänglichkeit und des Enthusiasmus gewinnen will, die jene großartigen Naturen einzuflößen wussten.“ Nachdem früher auf der Bühne der Konversationston und ein gewisser Naturalismus geherrscht hatte, war mit der Aufführung des Wallenstein das Problem der rhythmischen Deklamation glücklich gelöst und der Vers wieder in sein Recht eingesetzt. Um auf diesem Weg fortzuschreiten, zog man das französische Drama wieder hervor. Goethe übersetzte 1799 Voltaires Mahomet, mit dessen Aufführung das Theater den Geburtstag der Herzogin (30. Januar 1800) feierte. Das Gedicht Schillers ‚an Goethe als er den Mahomet von Voltaire auf die Bühne brachte’ lässt einiges Misswollen gegen diese Wiederbelebung des französischen Pathos blicken, obwohl auch er späterhin mit der Bearbeitung von Racines Phädra sich anschloss. Dass Goethe nicht zur Bewunderung des einst geschmähten französischen Trauerspiels (die Lustspiele Molieres heilt er stets in ehren) zurückgekehrt war, sieht man genugsam aus einer Äußerung bei Gelegenheit einer Vorlesung der Phädra: „Der Deutsche möchte wohl auf ewig dieser beschränkten Form, diesem abgemessenen und aufgedunsenen Pathos entsagt haben.“ Schiller war um diese Zeit mit Maria Stuart beschäftigt und bearbeitete nebenher den Macbeth für die Bühne. „In Ermangelung des Gefühls eigener Produktion“ begann Goethe im Sommer 1800 Voltaires Tancred zu übersetzen, zunächst den dritten und vierten Akt, indem er bei mehr Muße dem Anfang und dem Ende mehr Fülle als im Original zu geben beabsichtigte. Um mit dieser Arbeit zum nächsten Geburtstag der Herzogin fertig zu werden, begab er sich im Dezember nach Jena. Die geistige Tätigkeit ließ ihn das Unangenehme der kalten Räume des dortigen herzoglichen Schlosses vergessen, selbst eine heftige Erkältung machte ihn in seinem Vorsatz nicht irre. Das Werk ward zustande gebracht. Bald nach seiner Rückkehr nach Weimar ward er von einer Fieberkrankheit befallen, welche ihm einige Tage das Bewusstsein raubte und sein Leben ernstlich bedrohte. Die Kraft seiner Natur und ärztliche Pflege ließen ihn die Gefahr glücklich überstehen. Auch sein häusliches Leiden lag gerade damals schwer auf ihm und ward eine Schule der Prüfung; die ergreifenden Zeilen in einem während Goethes Krankheit geschriebenen Briefe der Frau von Stein lassen uns einen Blick hineinwerfen: „Goethe ist sehr traurig und soll drei Stunden geweint haben; besonders weint er, wenn er den August sieht… Der arme Junge dauert mich, er war entsetzlich betrübt; aber er ist schon gewohnt, sein Leiden zu vertrinken … in einem Club von der Klasse seiner Mutter.“ In den Tagen der Genesung begann Goethe Theophrasts Büchlein von den Farben zu übersetzen. Zu den Vorbereitungen der am 30. Januar 1801 stattfindenden Aufführung des Tancred vermochte er schon einiges mitzuwirken. Schiller leitete die Proben. Mit Anfang des Februars war er seiner früheren Tätigkeit zurückgegeben und wandte sich mit erneuter Lust zum Faust, der eine Strecke vorwärts geschoben ward. Erquickende Frühlingstage genoss er in dem ruhigen ländlichen Aufenthalt zu Oberroßla. Seit drei Jahren war er im Besitz des dortigen Freiguts; doch hatte ihm die Verwaltung des ersten Pächters nur ein Defizit eingetragen. Jetzt ward ein neuer Pächter eingesetzt, dessen leidenschaftliche Neigung zur Baumzucht auch Goethes Interesse für Parkanlagen wieder belebte. Dies veranlasste manche Hin- und Herfahrten; die heitere Gastlichkeit des Besitzers zog viele Freunde herbei, Wieland war ein geselliger Nachbar in seinem nah gelegenen Gut Osmannstedt. Goethe konnte dankbar rühmen, dass dieser ländliche Aufenthalt ihm zu manchen kleinen poetischen Produktionen Stimmung verlieh; das Gedicht „Wanderer und Pächterin“ ist unstreitig unter diese zu zählen. Indes war Goethe froh, im Jahr 1803 das kleine Besitztum wieder los zu werden „ohne irgendeinen Verlust als der Zeit und allenfalls des Aufwandes auf ländliche Feste, deren Vergnügen man aber doch auch für etwas rechnen musste.“ In diesen Frühlingstagen der Genesung ward die Konfirmation seines Sohnes August im Innern des Hauses von Herder „nach seiner edlen Weise“ verrichtet. Sein Sohn begleitete ihn auf der Reise ins Pyrmonter Bad, dessen Gebrauch Ärzte und Freunde ihm zu ferner Stärkung seiner Gesundheit angeraten hatten. Die Aussicht auf einen längeren Aufenthalt unter den Gelehrten und den wissenschaftlichen Schätzen der Göttinger Universität machte ihm diese Reise besonders anziehend. Ein Lebehoch der Studierenden empfing ihn, als er am 7. Juni spät abends in Göttingen eintraf. Einige Tage verflossen im Verkehr mit dortigen Gelehrten und im Beschauen der naturhistorischen und archäologischen Sammlungen; weitere Studien wurden einem zweiten Aufenthalt vorbehalten. Wie ihm alles zum Studium ward, so beschäftigte er sich auch während seines Badeaufenthalts mit jener Umständlichkeit, die wir von seiner letzten Schweizerreise her kennen, mit der Natur, dem Geschichtlichen und den gegenwärtigen Zuständen Pyrmonts, so dass auch Badelisten und Komödienzettel zu den Akten gesammelt wurden. Die Muse kam nur zu seltenem Gruß. Einsame Stunden wurden mit der Fortführung der Übersetzung des Theophrast und der Kollektanen zur Farbenlehre ausgefüllt; doch entspann sich daneben ein Märchen, in welchem das Jahr 1582, wo auf einmal ein Zug von Gästen aus allen Weltgegenden nach Pyrmont strömte, die sich bei völlig mangelnden Einrichtungen auf die wunderlichste Art behelfen mussten, als prägnantes Moment ergriffen war, freilich nur ein Entwurf, dessen Grundzüge uns der Dichter in einem späteren Aufsatz aufgezeichnet hat. Es war ein Fehlgriff der Ärzte, den kaum von einer entzündlichen Krankheit Genesenden einem so entschieden aufregenden Bad zuzuschicken. Er war auf einen solchen Grab reizbar geworden, dass ihn nachts die heftigste Blutsbewegung nicht schlafen ließ und leichte Anlässe in einen exzentrischen Zustand versetzten. Wenig erbaut von den Resultaten seines Aufenthalts, verließ er Pyrmont am 17. Juli und fühlte sich wohler in der Nachkur gelehrter Göttinger Studien, welche er bis Mitte August fortsetzte. Er hatte ein Verzeichnis aller in sein naturwissenschaftliches Fach schlagenden Bücher, deren er bisher nicht hatte habhaft werden können, mitgebracht und verwandte nun die meisten Stunden des Tages, um teils auf der Bibliothek, teils in seiner Wohnung eine Reihe von Werken, besonders in Bezug auf die Geschichte der Farbenlehre, durchzugehen und auszuziehen, nicht selten in Gefahr, durch die Masse von Gelehrsamkeit, der er nahe war, auf Seitenwege abgelockt zu werden; denn was ließ sich aus dem Bereich seiner Kollektaneen ausschließen? Die übrigen Stunden verlebte er in heiterster Geselligkeit. „Ich müsste das ganze damals lebende Göttingen nennen, wenn ich alles, was mir an freundlichen Gesellschaften, Mittags- und Abendtafeln, Spaziergängen und Landfahrten zu Teil ward, einzeln aufführen wollte.“ Die Nächte waren weniger anmutig; es gab hier keine römischen Nächte, „von weichen Gesängen durchklungen“; sondern die Kadenzen einer eifrigen Sängerin, Hundegebell und der Lärm der Nachtwächterhörner brachte ihn bei seiner noch anhaltenden Nervenreizbarkeit oft um den Schlaf, bis die Polizei um des geehrten Gastes willen mehrere dieser Hörner zum schweigen brachte. Am 14. August begab er sich über Dransfeld, wo er die Basaltbrüche besuchte, und Münden nach Kassel, wo er die Seinigen in Begleitung Meyers antraf. Seinen Geburtstag feierte er am Gothaer Hof in dem befreundeten Kreis, dem er viele schöne Stunden schuldig geworden war, und langte am 30. August wieder in Weimar an. Schiller führte indes die Jungfrau von Orleans zu Ende und erfreute sich auch bei dieser Arbeit der unbedingten Zustimmung seines Freundes. Er selbst war der Ansicht, dass sich das Stück nicht zur Aufführung eigne, obwohl Goethe meinte, man habe schon größere Schwierigkeiten überwunden. Die reicher ausgestattete Berliner Bühne unter Ifflands Direktion kam diesmal Weimar in der Darstellung eines Schillerschen Dramas zuvor. Auf die Ausbildung der Weimarer Bühne war indes das Auftreten der Demoiselle Unzelmann von ähnlichem Erfolg, wie Ifflands Gastspiel. Für die Folgezeit war die bald darauf von Goethe gestiftete Theaterschule von großer Wirkung für künstlerische Fortbildung. Corona Schröter, di eienst gefeierte, starb um diese Zeit. Goethe fühlte sich nicht in der Stimmung, ihr eine zweite Euphrosyne als Denkmal zu widmen; was die Liebe der Jugend ihm in „Miedings Tod“ eingegeben hatte, war jetzt nicht mehr zu überbieten. Lessings Nathan ward im November 1801 in Szene gesetzt; im nächsten Jahr folgte Schillers Bearbeitung von Gozzis Turandot und die dem griechischen Drama sich nähernden Versuch der Brüder Schlegel, Ion und Alarkos, neben der Goetheschen Iphigenie. Man erkennt auch hier, wie sehr man bemüht war, der Bühne ein Vielseitigkeit des Geschmacks zu geben und durch das Heranziehen klassischer Leistungen „eine gewisse Anzahl vorhandener Stücke auf dem Theater zu fixieren und dadurch endlich einmal ein Repertorium aufzustellen, das man der Nachwelt überliefern könne.“ Niemand fühlte sich durch diese Bestrebungen der Weimarer Bühnendirektion tiefer verletzt, als August von Kotzebue, der sich seit kurzem wieder nach Weimar gewandt hatte. Über diesen eiteln Neider jedes fremden Ruhmes und Verdienstes sagt Goethe sehr treffend: „Er hatte bei seinem ausgezeichneten Talente in seinem Wesen eine gewisse Nullität, die ihn quälte und nötigte, das Treffliche herunterzusetzen, damit er selber trefflich scheinen möchte.“ Verfeindet mit den emporstrebenden, an Goethe sich anlehnenden und von ihm bevorzugten Dichterjünglingen, den beiden Schlegel und Tieck, war er erbittert über die Aufführung des Ion. Als Darauf der kritische Aufsatz, worin Böttiger, jetzt ein dienstfertiger Knappe Kotzebues, den Dichter des Ion und die Theaterintendanz angriff, auf Goethes Veranlassung von Bertuch, dem Herausgeber des Journals für Luxus und Moden, noch nach erfolgtem Abdruck zurückgezogen ward, als Goethe endlich in den Kotzebueschen Kleinstädtern die Angriffe auf die ihm befreundeten Dichter vor der Bühnenaufführung ausstrich, warb er Partei in den höheren Gesellschaftskreisen Weimars und suchte durch eine öffentliche Demonstration2) zur Verherrlichung Schillers Rache zu nehmen, zugleich mit der geheimen Absicht den Bund der Freunde zu sprengen. Mehrere der ersten Damen Weimars hatten sich zur Teilnahme beriet erklärt; die schöne Gräfin Egloffstein hatte die Jungfrau, Amalie von Imhof Maria Stuart übernommen, und Sophie Mereau sollte die Glocke vortragen. Kotzebue beabsichtigte zum Schluss als Meister Glockengießer aufzutreten; der Schlag seines Hammers sollte die Form zertrümmern, und aus der fallenden Hülle Schillers Büste hervortreten, um von schönen Händen mit dem Lorbeerkranz gekrönt zu werden. Schiller selbst war so sehr Feind solcher eiteln Demonstrationen, „dass er vor Ekel darüber fast krank wurde.“ Das Fest war auf den 5. Mai angesetzt und alles vorbereitet. Allein der Bürgermeister weigerte sich den neu dekorierten Saal des Stadthauses für die Errichtung der Bühne herzugeben, die Bibliotheksverwaltung lieferte die Danneckersche Büste Schillers nicht aus, und da noch andere Hindernisse hinzukamen, war das beabsichtigte Fest vereitelt. Da man dabei Goethe für das feindliche Prinzip heilt, so richtete sich gegen ihn der Grimm der Gegenpartei. Bedauernswerter war, dass infolge dieser Spaltungen der weimarschen höheren Gesellschaft der gesellige Kreis sich auflöste, den Goethe im vergangenen Herbst gestiftet hatte. Mehrere der bei dem Schillerfest beteiligten Damen gehörten ihm an. „Es geht sehr vergnügt dabei zu“, berichtet Schiller über diesen Verein an Körner, „obgleich die Gäste sehr heterogen sind [Kotzebue fand trotz mancher Versuche keinen Zutritt]; der Herzog selbst und die fürstlichen Kinder werden auch eingeladen; wir lassen uns nicht stören; es wird fleißig gesungen und pokuliert, auch soll dieser Anlass allerlei lyrische Kleinigkeiten erzeugen.“ Diesem Verein verdanken wir Schillers „vier Weltalter“ und „an die Freunde“. Zu dem 22. Februar, wo der Erbprinz vor seiner Abreise nach Paris zum letzten Mal in diesem Kreis verweilte, dichtete Schiller das Lied „So bringt denn die letzte volle Schale“ und Goethe das bekannte „Mich ergreift, ich weiß nicht wie“, dessen dritte Strophe durch diese näheren Umstände ihr rechtes Licht erhält3). Wie Goethe in Gemeinschaft mit Schiller für die Bühne tätig war (seine Theaterschule war 1803 auf zwölf Mitglieder angewachsen), so suchte er mit seinem Freund Meyer den reineren Geschmack in der bildenden Kunst zu fördern. Die Propyläen wurden bis 1800 fortgesetzt. Da bei der Teilnahmslosigkeit des Publikums der Absatz nicht über 300 Exemplare stieg, so sahen sich die Herausgeber zu ihrem großen Verdruss genötigt, die Zeitschrift eingehen zu lassen; einige nachfolgende Aufsätze über bildende Kunst wurden in die allgemeine Literaturzeitung eingerückt. Während die „weimarschen Kunstfreunde“ (wie sie sich jetzt zu bezeichnen pflegten) durch die ästhetische Erörterung ihrer Ansichten und Grundsätze von dem Sentimental-Unbedeutenden und Platt-Natürlichen auf die höheren Anforderungen idealer Kunst hinzuweisen bemüht waren, erkannten sie das Bedürfnis, um auf die großen Vorteile einer sorgfältigen Wahl günstiger Gegenstände den Künstler aufmerksam zu machen, diese durch Preisaufgaben zu erleichtern, um bei Gelegenheit der Erläuterung und der Beurteilung derselben bestimmter auf das im Einzelnen zu verfolgende Ziel hinweisen zu können. Zu den Preisaufgaben wählte man vorzugsweise Szenen aus Homers Gedichten, „welche von jeher die reichste Quelle gewesen, aus welcher die Künstler Stoff zu Kunstwerken geschöpft haben.“ Die erste Aufgabe war die Szene aus dem dritten Buch der Ilias, wo Venus dem Paris die Helena zuführt. Sie hatten die Freude, neun Preisstücke eingehen zu sehen, deren Zahl mit jeder neuen Preisaufgabe stieg. Hektors Abschied von Andromache und der Überfall des Rhesus waren für das Jahr 1800 ausgeschrieben. Außer den Konkurrenzstücken wurden auch mehrere andere Arbeiten neuerer und älterer Meister zu den öffentlichen Ausstellungen in Weimar eingesandt. In den nächsten Jahren ließ man Szenen aus dem Leben des Achill, Perseus Befreiung der Andromeda, Odysseus und Polyphem folgen. Dann ging man 1804 zu einem allgemeinen Problem, dem Kampf der Menschen mit dem Element des Wassers, über. Die siebente und letzte Kunstausstellung im Jahre 1805 war den Taten des Herkules gewidmet. Goethe gab in den Abhandlungen über die Ausstellungen eine sorgfältig eingehende Kritik über die einzelnen Zeichnungen und Gemälde. Um sich zu dieser Beurteilung besser vorzubereiten, studierte er die Schilderungen griechischer Gemälde von Philostrat und schrieb die Abhandlung über Polygnots Gemälde in der Lesche zu Delphi, mit denen uns die Schilderungen des Pausanias bekannt machen; sie enthielten die bedeutendsten Szenen aus den homerischen Gedichten. Es leuchtet aus allem diesen hervor, dass die weimarschen Kunstfreunde in ihrem Eifer für antike Plastik zu weit gingen und von Einseitigkeit nicht freizusprechen waren. Von der Hoheit der griechischen bildenden Kunst erfüllt, würdigten sie zu wenig den idealen Gehalt des modernen Lebens, aus dem unsere neuere Malerkunst eine neue Fülle von Kunstleistungen schöpfte. Die aufblühende Romantik der Kunst, welche ihnen als ein Rückschritt erschien, war die Entfaltung einer neuen Kunstblüte, eine Ansicht, der später auch Goethe sich nicht zu verschließen vermochte. Ihr Wirken für die Verehrung echter Kunst traf mit der Richtung Winckelmanns zusammen. Diesem setzten sie daher, gleichsam als Schlussstein ihrer Bemühungen für die Kunst, gemeinschaftlich ein Denkmal in dem 1805 erschienen Werk ‚Winckelmann und sein Jahrhundert’; die erste, von Goethes Hand herrührende Abteilung ist dem Vollendesten beizuzählen, was er in deutscher Prosa geschrieben hat. Wenden wir uns von dieser Abschweifung zu dem Januar des Jahres 1802 zurück, so finden wir Goethe wiederum im Schloss zu Jena in Knebels alter Stube, wo er immer „ein glücklicher Mensch ist, weil er keinem Raum auf der Erde so viele produktive Momente verdankt.“ An einem weißen Fensterpfosten hatte er angemerkt, was er von einiger Bedeutung in diesem Zimmer seit dem 21. November 1798 gearbeitet hatte; dies interessante Autographon des Dichters hat man leider bei späterer Restauration des Zimmers verlöscht. Diesmal rief ihn ein lästiges Geschäft nach Jena, das ihn den größten Teil des Jahres von Weimar entfernt hielt. Die nachgelassene Bibliothek des verstorbnen Hofrats Büttner war, größten teils schon bei Lebzeiten des Besitzers, von der herzoglichen Regierung angekauft. In einer Reihe von Zimmern im Seitengebäude des herzoglichen Schlosses, die ihm zur Wohnung angewiesen waren, lagen die Bücher, zum Teil noch ungebunden, massenweise übereinander gestapelt; andere Kammern waren mit physikalisch-chemischem Apparat angefüllt. Goethes persönliche Anwesenheit war nötig, um „die herkulische Bücherexpedition“ zu leiten, die umso schwieriger war, als die nötigen Räume für die Wiederaufstellung mangelten, indem das bisher benutzte Lokal im Schloss geräumt werden sollte. Die nachgelassenen physikalischen, besonders optischen Instrumente dienten dazu, den Grund zu einem physikalischen Kabinett zu legen. Goethe wandte diesen längern Aufenthalt zugleich dazu an, im Verkehr mit den vielen ausgezeichneten Männern, die damals die Zierde der blühenden Universität waren, fortwährend zu lernen und sich geistig anzuregen; auch den Bestrebungen der aufstrebenden Jugend verschloss er sich nicht. Niethammer, der Anhänger Fichtescher Philosophie, hatte schon bei einem früheren Aufenthalt in Jena ihm förmlich philosophische Vorträge gehalten, um ihn in den Gang des neuesten Systems einzuführen. Schelling war ihm von Seiten seiner naturphilosophischen Spekulation geistesverwandt; er fand in ihm „große Klarheit bei großer Tiefe“. Mit Ritter wurde Physik getrieben, mit Loder vergleichende Anatomie fortgesetzt; die vergleichende Knochenlehre führte Goethe „immer mit sich in Gedanken herum.“ Mit Himly ward vieles über das Sehen und über Farberscheinungen, oft bis tief in die Nacht, verhandelt. Auch mit Mondbeobachtungen beschäftigte sich Goethe gern im Lauf jener Jahre und knüpfte an diese universellen Naturstudien die Idee eines großen Naturgedichts. Aus dem Gedicht „die Metamorphose der Pflanzen“, das er selbst als ein Vorspiel desselben bezeichnet, können wir ungefähr abnehmen, in welchem Sinn er das Ganze aufgefasst und ausgeführt haben würde. Im Herbst hatte er die Freude, das neu erworbene Mineralienkabinett, das der Fürst Dimitri Gallitzin, als Präsident der neu gestifteten mineralogischen Sozietät, der Akademie geschenkt hatte, in dem dortigen bereits höchst reichhaltigen Museum wohlgeordnet aufstellen zu lassen. Mitten zwischen diese jenaschen Beschäftigungen fiel der Bau des Lauchstädter Theaters4). Bis dahin hatte ein leicht von Brettern aufgeführtes kleines Schauspielhaus, in welchem es für Schauspieler und Zuschauer an aller anständigen Bequemlichkeit fehlte, der weimarschen Truppe zu ihren Darstellungen während der Badesaison gedient. Die Notwendigkeit eines Neubaus hatte sich längst fühlbar gemacht; doch war es schwierig, auf fremden Grund und Boden ein solches Unternehmen auszuführen, indem die bis ins lächerliche getriebene Pedanterie der Stift-Merseburgischen Behörden ein Hindernis nach dem andern bereitete. Endlich gelang es die Konzessionsurkunde zu erwirken und den Plan ins Werk zu richten. Mit Hilfe der zum Schlossbau herangezogenen Baumeister entwarf Goethe den Plan des neuen Gebäudes und betrieb die Ausführung „mit leidenschaftlicher Kunstliebe.“ Im März lag das akkordierte Holz noch bei Saalfeld eingefroren; dennoch konnte die neue Bühne am 26. Juni mit der Vorstellung des Tasso eröffnet werden. Goethes Vorspiel ‚Was wir bringen’, welches er anfangs Juni in Jena ungefähr in acht Tagen geschrieben hatte, leitete sie ein. Vor den Augen der Zuschauer ward hier die Verwandlung eines schlechten Bauernwirtshauses in einen Palast dargestellt, und die verschiednen Gattungen des Dramas mit besonderer Beziehung zu den Leistungen der weimarschen Gesellschaft auf symbolische und allegorische Weise vorgeführt. Das in munterer Laune leicht hingeworfene und lebendig durchgeführte Stück machte großes Glück und musste mehrmals, nachher auch in Weimar mit einem neuen Prolog, wiederholt werden. Durch den Aufenthalt in Lauchstädt trat Goethe in ein näheres Verhältnis zu den Professoren der benachbarten Universität Halle. Er war viel mit dem großen Philologen Wolf zusammen, „mit welchem einen Tag zuzubringen ein ganzes Jahr gründlicher Belehrung einträgt“; mit ihm ward in Lauchstädt die Schrift des Theophrast philologisch durchgenommen. Das Band befestigte sich mehr und mehr, auch durch brieflichen Verkehr; Wolf schrieb späterhin eine Abteilung der Charakteristik Winckelmanns. Um von Philologen zu lernen, benutzte Goethe auch in Jena die Anwesenheit Voßes, den er für die Universität zu gewinnen wünschte. Vornehmlich lag ihm daran, über Voßes metrische Grundsätze aus seinem eigenen Mund belehrt zu werden. Während er in den Morgenstunden sich ganz seinen optischen Untersuchungen hingab – so berichtet Eichstädt in seiner Gedächtnisrede auf Goethe – unterhielt er sich mehrere Tage hintereinander Nachmittags mit Voß in dessen Garten über die Gesetze der Metrik und die ihnen entsprechende Verbesserung seiner Gedichte so angelegentlich, als ob es sein eigentliches Geschäft wäre, die Regeln der Metrik zu erforschen und Voß’ Schrift über die deutsche Zeitmessung mit dem Verfasser durchzugehen. Indessen konnten Goethes Freunde, und vor allem Schiller, das Bedauern nicht zurückhalten, dass er auf dem Gebiet der Poesie so selten und höchstens mit unbedeutender Gabe erscheine, hatte man doch seinen Hermann als den eintritt in eine neue dichterische Jugendfülle begrüßt. Noch bei der Übersetzung der Voltaireschen Tragödien hatten ihn die jenaschen Freunde ermahnt, nicht fremdes zu bearbeiten, da er die Kraft habe, deutsche Meisterwerke selbst zu schaffen. Sie ahnten nicht, dass Goethe schon seit dem Schillerschen Wallenstein mit einer größeren dramatischen Dichtung sich trug, von der es diesmal selbst Schiller ein Geheimnis machte, weil er fürchtete, es werde ihm wieder gehen, wie mit der Jagd und der Achilleis, bei denen er durch vieles Hin- und Herberaten unschlüssig und unsicher geworden war. Die erste Idee der ‚Natürlichen Tochter’ war gegen Ende des Jahres 1799 durch die Lektüre der Memoiren der Prinzessin von Bourbon-Conti angeregt und ein Schema sogleich ausgearbeitet worden. In dem Plan bereitete sich Goethe ein Gefäß, worin er alles, was er so manches Jahr über die französische Revolution geschrieben und gedacht hatte, niederzulegen hoffte. Bei der Bedächtigkeit und Umständlichkeit, mit der er in der späteren Lebensperiode alles, was er vornahm, zu behandeln pflegte, motivierte er die dramatische Handlung mit allzu großer Ausführlichkeit und erweiterte sie zu der Breite des Epos, so dass er nach dem Vorgang des Wallenstein eine Trilogie, welche fünfzehn Akte umfasst haben würde, daraus gestaltete. Der erste Teil ward in den Jahren 1801 bis 1803 vollendet. Dieser enthält nur die Exposition der eigentlichen Handlung. In den Parteiungen und Ränken, welche in den höheren den Thron umgebenden Regionen tätig sind, sieht man den Sturm der Revolution drohend herannahen; es ist die trübe Atmosphäre, welche das aufsteigende Gewitter verkündet. Die Personen, welche uns vorgeführt werden, können uns noch nicht durch ihr Handeln anziehen. Dazu kommt der Mangel individueller Charakteristik; selbst das historische Interesse ist verflüchtigt, indem die Charaktere nur symbolisch als Vertreter ihrer Standesinteressen uns entgegentreten. Unstreitig würden sie in der Fortführung der dramatischen Handlung durch schärfere Zeichnung in ein helleres Licht getreten sein; denn der zweite und der dritte Teil, über deren Anlage uns kurze Andeutungen gegeben sind, waren bestimmt, in die eigentliche Volksbewegung einzuführen und die daraus hervorgehende neue Gestaltung der Dinge zur Darstellung zu bringen. Unser Urteil über den Wert dieses Dramas bleibt daher unvollständig; als Ganzes kann es nicht befriedigen, da es keine in sich abgeschlossene Handlung hat; dagegen ist es reich an einzelnen, tief gedachten und herrlich entwickelten Szenen, in denen sich die volle Meisterschaft des Dichters aufs neue bewährt, und die kunstvolle Sprache hat noch die Klarheit und den melodischen Wohllaut seiner Iphigenie und seines Torquato Tasso. Auf der Bühne konnte dies Drama kein Glück machen. Die kalte Aufnahme, die es bei der ersten Aufführung zu Lauchstädt (am 2. April 1803) fand, trug viel dazu bei, dem Dichter die Fortsetzung zu verleiden. Er beklagt „den großen unverzeihlichen Fehler begangen zu haben, mit dem ersten Teil hervorzutreten, ehe das Ganze vollendet war.“ Goethe konnte sich jedoch damit trösten „den Besten genug getan zu haben.“ Schiller äußert in einem Brief an Wilhelm von Humboldt, der sich damals in Rom befand (18. Aug. 1803): „Goethes N. T. wird Sie sehr erfreuen. Die hohe Symbolik, mit der er den Stoff behandelt hat, so dass alles Stoffartige vertilgt und alles nur Glied eines idealen Ganzen ist, diese ist wirklich bewundernswert. Es ist ganz Kunst, und ergreift dabei die innerste Natur durch die Kraft der Wahrheit. Dass er zu der Zeit, wo sie, nach meinem letzten Brief, an seiner Produktivität ganz verzweifeln mussten, mit einem neuen Werk hervorgetreten, wird Sie ebenso, wie mich selbst, überrascht haben.“ Noch enthusiastischer sprach Fichte in einem an Schiller gerichteten Brief, der auch Goethe mitgeteilt wurde, seine Bewunderung über dies Drama aus, das er für das Meisterwerk des Dichters erklärte. Auch Herder war von dem hohen Sinn, in welchem das Stück gedacht war, ergriffen. Wie sehr er es anerkannte, ersieht man aus Falks Bericht, wonach er es „die köstlichste, gereifteste Frucht eines tiefen, nachdenkenden Geistes nannte, der die ungeheueren Begebenheiten dieser Zeit still in seinem Busen getragen und zu höheren Ansichten entwickelt habe.“ Herder stand in den letzten zehn Jahren nicht mehr in einem innigen Verhältnis zu Goethe. Mit seiner Kränklichkeit hatte sich sein Widerspruchsgeist, der seit dem ersten Beginn ihrer Freundschaft ihrem Verhältnis zueinander so viel Herbes beigemischt hatte, vermehrt; „man kam nicht zu ihm“, äußert Goethe, der nie aufhörte seine edlen Eigenschaften in Ehren zu halten, „ohne sich seiner Milde zu erfreuen, man ging nicht von ihm, ohne verletzt zu sein.“ Indes nach der Konfirmation des Sohnes hatten sie sich wieder mehr genähert, so dass im folgenden Jahr ein „reines Vernehmen“ sich wieder herstellte, doch nicht ohne einen letzten herben Missklang. Bald nach der Aufführung des neuen Goetheschen Dramas wohnten beide im jenaschen Schloss zusammen unter einem Dach und sahen sich häufiger. Herder begann eines Abends sich über die Schönheiten dieser Dichtung in ausführlichem Gespräch ausgelassen. Allein diese schöne Freude sollte Goethe nicht lange gegönnt sein: „Denn er endigte mit einem zwar heiter ausgesprochenen, aber höchst widerwärtigen Trumpf, wodurch das Ganze, wenigstens für den Augenblick, vor dem Verstand vernichtet ward.“ Goethe sah ihn an und schwieg. So trennten sie sich und sahen sich nicht wieder; denn während der letzten Krankheit Herders ward Goethe nicht vorgelassen. Am 18. Dezember 1803 war Herder geschieden, der erste aus dem Sternenkranz, mit welchem Weimar ins neue Jahrhundert eingetreten war. In einigem Zusammenhang mit den Vorstudien zu dem erwähnten Drama steht die im nächsten Jahr unternommene Übersetzung von Rameaus Neffen5), einer damals noch ungedruckten Schriften Diderots, worin uns das Treiben eines humoristischen Proletariers inmitten der aristokratischen Gesellschaftskreis des alten Frankreichs mit lebhaften Farben geschildert wird. Goethe stand damals in enger Beziehung zur französischen Literatur; die dem Rameau beigefügten literarhistorischen Exkurse verraten nur zum Teil, welche genaue Kenntnis sich Goethe von dem Gang und dem Detail der französischen Literatur und ihrer Koryphäen erworben hatte. Die Vertreterin der modernsten Wendung derselben, Frau von Stael, mit ihr der treffliche Benjamin Constant fanden sich damals in Weimar ein, begierig, das gesellige und literarische Weimar, das jetzt zum Mittelpunkt deutscher Bildung geworden war, kennen zu lernen und die deutschen Ansichten in Wissenschaft und Kunst jenseits des Rheins zur Geltung zu bringen. Auch auf seine Schriften (er übersetzte Schillers Wallenstein) lässt sich anwenden, was Goethe in Bezug auf das Werk der Frau von Stael über „Deutschland“ sagt, das zum größeren Teil aus den weimarschen Gesprächen erwachsen ist: Es sei als ein mächtiges Rüstzeug anzusehen, das in die chinesische Mauer veralteter Vorurteile, die uns von Frankreich trennte, eine breite Lücke durchbrach. Dabei musste mancher Zeitverlust, manches Unangenehme von der redseligen, oft zudringlichen und rücksichtslosen Französin, die vom Dezember 1803 bis zum Anfang des März in Weimar blieb, in Geduld ertragen werden. Sie fand ihn daher oft steif und abgemessen, kommt jedoch zu dem Urteil, wenn man ihn zum Erden zu bringen wisse, sei er bewundernswürdig. Überhaupt war um diese Zeit Weimar das Ziel literarischer Wallfahrten; das ‚Salve’ an der Türschwelle im Treppenvorsaal des Goetheschen Hauses begrüßte die ausgezeichnetsten Zeitgenossen. Unter denen, welche in engere Beziehung zu Goethe traten, sind vor allen der Philologe Wolf und er Musikdirektor Zelter aus Berlin zu nennen; mit letzterem hatte Goethe infolge der ihm mitgeteilten Kompositionen seiner Lieder einen brieflichen Verkehr eingeleitet, der nachmals zu einer innigen Freundschaftsverbindung führte. Als Erzieher von Goethes Sohn trat Dr. Riemer in sein Haus, das Meyer 1802, wo er sich verheiratete, verlassen hatte, Riemer war ein gründlicher Philologe und wurde dem Dichter bei vielen Arbeiten und Studien ein anhänglicher Gehilfe. Er erhielt später eine Anstellung am Gymnasium und zuletzt die Stelle eines Oberbibliothekars. Auch mit Heinrich Voß, dem Sohn, welchem Goethe 1804 eine Anstellung an dem Weimarer Gymnasium verschaffte, vereinigte er sich manche Stunde zu philologischen Studien. Wenn des Menschen Wesen und Gemüt sich darin spiegelt, wie er geliebt worden ist, so können die, welche Goethe etwa noch für kalt, stolz und abgemessen halten möchten, aus den rührenden Bekenntnissen dieser und anderer jungen Männer, die ihm einer liebevollen Teilnahme würdig schienen, sich überzeugen, mit welcher Gewalt er offene Herzen durch die Sanftheit und Liebeswärme seines Gemüts an sich zog, „durch das Unnennbare“, wie Voß sich ausdrückt, „das durch ihn in die Herzen dringt und mit Worten nicht ausgesprochen werden kann.“ Wir können uns nicht versagen, noch einige charakteristische Stellen aus Voß’ Briefen6) hier folgen zu lassen: „Goethe hat die Kunst inne, andere, ohne dass sie es merken, zum Guten und Schönen zu lenken; ja es ist auch gar nicht Absicht, wenn er es tut; es ist vielmehr sein ganzes Wesen, das es, ihm selbst unbewusst, hervorbringt … Den Mann liebe ich ohne Grenzen; ich sehe ihn als meinen teuren Vater an, und er mich als seinen Sohn, und in diesem Verhältnis ist er einer meiner ersten Freunde, auf den ich wie auf eine feste Burg baue. Was mir der Mann geworden ist, und wie gut er neben seiner geistigen Größe ist, das wünschte ich Dir einmal mündlich erzählen zu können; dafür kann auch ein Sohn seine Eltern nicht inniger lieben, als ich diesen Vater aller guten Kinder liebe. Ich bin täglich bei ihm, ich lebe ganz unter seinen Augen, ich enthülle ihm die geheimsten Winkel meines Herzens, nicht weil er es fordert, sondern weil ich ohne das gar nicht leben kann. Wenn ich traurig bin, so schütte ich gegen ihn mein Herz aus und gehe getröstet von dannen, und wenn ich fröhlich bin – ja, für mich existiert keine Freude, ehe ich ihm nicht mitgeteilt habe, was mich fröhlich macht – und dann ist ein freundlicher Blick von ihm mir doch das Höchste dabei oder ein väterlicher Kuss oder Händedruck oder der süße Laut, wenn er mich mit einem lieben Namen nennt … Oft bin ich bei ihm bis 10 Uhr abends auf seinem Studierzimmer. Da sitzt der Goethe im tiefsten Negligé, im wollenen Jäckchen, auf seinem Sofa und unterhält sich oder lässt sich vorlesen; aber seine Gespräche dabei sind das Lehrreichste und Schönste … In meinem Leben bin ich nicht so innerlich bewegt und so tief erschüttert gewesen, als damals, wo er meinen Blick durch nie gesehene und betretene Pfade von der Erde zum Himmel führte und dort zu einer Aussicht in die Ewigkeit schärfte.“ – „Allerdings konnte Goethe zurückhaltend und steif sein“, sagt Frommann, in dessen elterlichen Haus zu Jena der Dichter häufig verkehrte, „aber eben nur, wenn er in Lagen und Umgebungen war, wo er sich nicht frei äußern konnte, und vorzüglich, wenn er verbildeten, anmaßenden oder neugierigen Menschen gegenüberstand. [Zwei vornehme Russen besahen sich einmal bei einem Besuch den berühmten Dichter, ohne ein einziges Wort zu ihm zu reden]. Am meisten waren ihm aufgespreizte, hohle Patrone zuwider, die nichts leisten konnten, aber doch viel vorstellen wollten. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich behaupte, dass gerade diese Menschengattung am meisten getan hat, ihn in den üblen Ruf des Aristokratismus zu bringen.“ Diese Worte erinnern uns auch an einen früheren, viel herumgetragenen Vorfall mit Bürger. Als dieser bei seinem Besuch in Weimar sich mit der stolzen, derben Ansprache: „Sie sind Goethe; ich bin Bürger!“, vorstellte, wehrte Goethe die zudringliche Brüderlichkeit durch vornehme Haltung ab und unterhielt sich mit ihm, statt über Gedichte, über den Zustand und die Frequenz der Universität Göttingen. Bürger rächte sich hinterher durch ein Epigramm, mit welchem noch Nicolai seine Replik auf die Xenien würzte. Das strebende, hoffnungsvolle Talent fand bei Goethe die bereitwilligste Anerkennung und Förderung. Als unter den Jenaer Dozenten der Physiker Ritter und der Philosoph Hegel noch wenig oder gar nicht beachtet wurden, war Goethe der erste, der ihren Wert erkannte und mit ihnen in nähere Verbindung trat. Überhaupt sah er bei Berufungen für die Universität mehr auf Jugendfrische des Geistes und tüchtiges, wissenschaftliches Streben, als auf die bereits gewonnene literarische Zelebrität. Seit 1803 wurde die jenasche Akademie von einem harten Schlag nach dem andern getroffen. Nicht nur verlor sie mehrere bedeutende Männer durch den Tod, unter ihnen den verdienstvollen Batsch: Mehr noch entzogen ihr die lockenden Anerbietungen, welche vornehmlich von Preußen und Bayern ausgingen und bei den geringeren Mitteln der thüringischen Akademie nicht aufgewogen werden konnten. Karl August war nicht minder als seine Räte schmerzlich davon ergriffen, ohne imstande zu sein, zu halten, was sich nicht durch Dankbarkeit fesseln ließ. Goethe und Voigt suchten der Universität, deren Frequenz sehr abnahm, durch neue Anstrengungen aufzuhelfen. Man berief mehrere tüchtige Gelehrte und erweiterte die vorhandenen Institute. Unter Leitung des von Heidelberg berufenen Professors Ackermann ward 1804 das anatomische Museum errichtet. Goethe selbst übernahm das nach Batsches Tod erledigte Präsidium der Natur forschenden Gesellschaft. Es erschien unter den bedenklichen Umständen, worin sich die Universität befand, als eine Lebensfrage, dass mit dem Abgang des Professors Schütz nicht, wie dessen Plan war, auch die Herausgabe der ‚Allgemeinen Literaturzeitung’ nach Halle verlegt werde. In dieser Angelegenheit schritt Goethe aufs tätigste ein und setzte es durch, dass die Allgemeine Literaturzeitung in Jena selbst, unter Eichstädts Redaktion, fortgeführt ward, wenngleich Schütz nicht gehindert werden konnte, ein ähnliches Institut in Halle zu gründen. Goethe unternahm einen Teil der Korrespondenz, um die Mitarbeiter festzuhalten, neue zu gewinnen und die literarischen Kritiken wieder geistreich zu beleben. Auch schrieb er in den nächsten Jahren mehrere Rezensionen, unter denen die ausführlichen Beurteilungen von Voßes und Hebels Gedichten auszuzeichnen sind. Böttigers Weggang nach Dresden (1804) wurde sowohl von Goethe als von Schiller gern gesehen, da er die Achtung, in der er bei ihnen früher seiner vielseitigen gelehrten Kenntnisse halber stand, durch seine Klatschereien und intriganten Bündnisse mit den ihnen entgegenwirkenden Mittelmäßigkeiten völlig verscherzt hatte. Anfangs war er bei mehreren ihrer Arbeiten ins Vertrauen gezogen worden; als er aber hinterher als Ubique (wie er in ihren Briefen benannt wird) ihnen durch Aushorchen, Ausplaudern und versteckte Invektiven zu schaden versuchte, überließen sie ihn den Kotzebues und Merkels. „Sie haben nicht Unrecht“, sagte Goethe einmal zu einer Freundin, welche Böttiger wegen seiner schätzbaren Gelehrsamkeit verteidigte, „er brauchte kein Lump zu sein, wenn er es nicht wollte.“ Bei diesen von vielen Seiten andrängenden Geschäften blieb für poetische Arbeiten nicht viel Raum, noch weniger Stimmung. Die Szenen der Fortsetzung der natürlichen Tochter besuchten ihn nur manchmal noch „wie unstete Geister, die wiederkehrend flehentlich nach Erlösung seufzen.“ Nebenbei kam ihm auch wohl der Gedanke, „aus dem Ganzen der erst intendierten drei Teile ein einziges Stück zu machen.“ Mit seinem Rat begleitete er inzwischen Schillers Bearbeitung des Wilhelm Tell, auf den er mehr Einfluss geübt hat, als auf die übrigen dem Wallenstein folgenden Stücke. Schiller war jetzt darin vor ihm bevorzugt, dass er sich ungestörter seinem poetischen Schaffen überlassen konnte, während sein Freund durch Verhältnisse und Geschäfte hin und her gezogen ward. Goethe beschäftigte sich auch mit der Bühnenredaktion des Shakespeareschen ‚Julius Cäsar’ und der Umarbeitung seines ‚Götz von Berlichingen’, „um ihn zu einem Bissen zusammenzukneten, den das deutsche Publikum allenfalls auf einmal hinunterschlucke.“ Die Szenenveränderungen wurden vermindert, das Darzustellende ward in größere Massen vereinigt; jedoch wurde allzu viel von dem früheren Stück geopfert, und die hinzugefügten Szenen entbehren der Jugendfrische, wie er denn nicht einmal mit besonderer Liebe an diese Arbeit gegangen war. Des Dichters eigene Redaktion hat dem Stück einen ebenso schlechten Dienst geleistet, wie früher beim Egmont die Redaktion Schillers, welcher diesmal der Bearbeitung des Götz sich nicht hatte unterziehen wollen. Im September 1804 ging das Stück in dieser neuen Form zum ersten Mal über die Bühne. Bei dem Mangel an produktiver Stimmung fiel die poetische Ausbeute des Jahres 1804 nur gering aus. Sogar bei den Festlichkeiten, welche im November ganz Weimar in freudiger Aufregung erhielten, reichte ihm die sonst so gefällige Muse der Feste keine poetische Gabe dar. Der Erbprinz hielt mit seiner jungen Gemahlin, der kaiserlichen Prinzessin Maria Paulowna, seinen Einzug, bewillkommnt von dem diesmal aufrichtigen Jubel der Weimaraner, welche das neu vermählte Fürstenpaar in festlichem Zug durch eine Ehrenpforte in die Residenz einführten. Wie hätten die Dichter Weimars, der Metropole deutscher Poesie, inmitten dieser Festlichkeiten sich stumm verhalten können? Die ganze Welt, wie Schiller an Körner schreibt, erwartete etwas von ihnen. Da Goethe nichts vorbereitet hatte, so half Schiller aus; rasch arbeitete er das kleine inhaltsschwere Vorspiel ‚Die Huldigung der Künste’ aus, in welchem er in würdigster Weise die Huldigung, die der liebenswürdigen Fürstin dargebracht wurde, mit den erhabensten Ideen des Schönen umkränzte. Bei der Aufführung am 12. November ward die edle Dichtung gewürdigt, wie sie es verdiente. Die Fürstin vergoss Tränen der Wehmut und Freude, und alle fühlten sich ergriffen und erhoben von dem Gefühl, dass die Hoffnung, die des Dichters Phantasie in reizenden Bildern vorführte, sich erfüllen und der das Edle und Schöne liebevoll pflegende hohe Sinn des weimarschen Fürstenhauses in seinen jüngeren Gliedern fortleben werde. „Ich danke dem Himmel“, schreibt Wieland, „dass er mich nicht lange genug leben ließ, um des beseligenden Anschauens eines solchen Engels in jungfräulicher Gestalt noch in meinem 72. Jahr zu genießen. Mit ihr wird ganz gewiss eine neue Epoche in Weimar angehen; sie wird durch ihren allbelebenden Einfluss fortsetzen und zu höherer Vollkommenheit bringen, was Amalie vor mehr als vierzig Jahren angefangen hat.“ Die „Huldigung der Künste“ war die letzte Dichtung, welche Schiller vollendete. In den besseren Stunden, die ihm noch gewährt waren, arbeitete er an seinem Demetrius, dessen Plan mit Goethe bis ins Einzelne beraten ward. Aber unter den Krankheitsanfällen der raueren Jahreszeit brach der letzte Rest seiner physischen Kräfte zusammen. Auch Goethe litt während der Wintermonate schwer an einer von Krämpfen begleiteten Nierenkolik, welche zweimal zurückkehrte; sein Arzt zweifelte, ihn ganz herstellen zu könne. Seine Stimmung war daher sehr niedergedrückt, trübe Ahnungen stiegen auf. Als ihm beim Neujahrsbrief an Schiller zufällig die Worte „zum letzten Neujahrstag“ aus der Feder geflossen waren, und er den Brief deshalb zerrissen hatte, äußerte er an Frau von Stein, es ahne ihm, dass entweder er oder Schiller in diesem Jahr sterben würde. Es war ein wehmütiges herzliches Wiedersehen, als nach einer längeren Krankheitsperiode Schiller, der sich zuerst wieder erholt hatte, in Goethes Zimmer trat. Heinrich Voß, welcher dabei zugegen war, konnte nie ohne Rührung daran zurückdenken. Sie fielen sich um den Hals und sprachen ohne Worte die Freude der Wiedervereinigung in einem langen Kuss aus. An guten Tagen war Goethe mit Rameau und Winckelmann beschäftigt und begann einige Kapitel zur Geschichte der Farbenlehre zu diktieren. Beide hofften auf den Genesung bringenden Frühling; aber Schillers Auge sollte sich nicht mehr an der ersehnten Blüte des Mais erquicken. Am 30. April sahen sich die Freunde zum letzten Mal. Schiller ging ins Schauspiel; Goethe ward durch sein Befinden abgehalten, ihn dahin zu begleiten, und so schieden sie vor Schillers Haustür, um sich nie wieder zu sehen. Während Schillers Krankheit war Goethe sehr niedergeschlagen. Voß traf ihn einmal weinend in seinem Garten; er erzählte ihm viel von Schiller; Goethe hörte es mit Fassung an: „Das Schicksal“, war seine einzige Äußerung, „ist unerbittlich, und der Mensch wenig.“ Am Abend des 9. Mai war Schiller nicht mehr. Niemand hatte den mut, Goethe bei seinem jetzigen krankhaften Zustand die Nachricht von dem Tod des Freundes zu bringen. Meyer war gerade bei ihm, als die Nachricht draußen anlangte: Er ward herausgerufen, wagte aber nicht zurückzukehren, sondern ging weg, ohne Abschied zu nehmen. Die Verwirrung, die Besorgnis, welche Goethe um sich herum wahrnahm, ließ ihn nichts Tröstliches ahnen; „ich merke es“, sagte er endlich, „Schiller muss sehr krank sein.“ Man hörte ihn in der Nacht weinen. Am Morgen sagte er zu einer eintretenden Freundin: „Nicht wahr, Schiller war gestern sehr krank.“ Diese Betonung wirkte so heftig auf sie, dass sie in lautes Schluchzen ausbrach. „Er ist tot?“, sagte Goethe mit Festigkeit. „Sie haben es selbst ausgesprochen!“, war ihre Antwort. „Er ist tot!“, wiederholte Goethe noch einmal und bedeckte sich die Augen mit den Händen. Sein erster leidenschaftlich ergriffener Gedanke war, über das Grab hinaus das geistige Zusammenwirken fortzusetzen und den mit Schiller durchdachten und durchgesprochenen Demetrius in seinem Geist zu vollenden; so schien es ihm, als ob er den geschiedenen Freund ins Dasein zurückrufe und sich seinen Verlust ersetze; so dünkte er sich gesund und getröstet. Allein in diesem Zustand, wo ihn überdies körperliche Leiden von jeglicher Gesellschaft trennten und er in traurigster Einsamkeit seinem Schmerz überlassen war, konnte nicht ein Werk gedeihen, das nur durch die höchste Anspannung produktiver Kraft einigermaßen möglich gemacht wäre. „Meine Tagebücher“, berichtet Goethe, „melden nichts von jener Zeit; die weißen Blätter deuten auf den hohlen Zustand, und was sonst noch an Nachrichten sich findet, zeugt nur, dass ich den laufenden Geschäften ohne weiteren Anteil zur Seite ging, und mich von ihnen leiten ließ, anstatt sie zu leiten.“ Gleich nach Schillers Hinscheiden eine Totenfeier auf der Bühne zu veranstalten, wie von mehreren Seiten gewünscht ward, schien ihm verletzend; er spricht sich gegen Zelter bitter aus über „die Sucht der Menschen, aus jedem Verlust und Unglück wieder einen Spaß herauszubilden.“ In gefassterer Stimmung veranstaltete er zu würdiger Feier des Andenkens am 10. August auf dem Theater zu Lauchstädt die Aufführung der Schillerschen Glocke. Die mannigfaltigen einzelnen Rollen waren unter die Gesellschaft verteilt, und die Vorstellung des Glockengusses belebte das Ganze durch dramatische Handlung. Am Schluss trat unter der empor schwebenden Glocke die Muse hervor und sprach den Epilog Goethes, jene bekannte Elegie in hohem Stil, eingegeben von inniger Liebe und hochherziger Anerkennung des mit ihm ringenden großen Dichtergeistes. „Von seinem Grab her“, so schloss er den ihm wie späte rauch Winckelmann gewidmeten Nachruf, „stärkt uns der Anhauch seiner Kraft und erregt in uns den lebhaftesten Drang, das, was er begonnen, mit Eifer und Liebe fort- und immer fortzusetzen.“ Dieser trüben Stimmung, in der er mit dem Verlust seines Freundes die Hälfte seines Daseins verloren zu haben beklagte, entrissen ihn im Juni einige erheiternde und geistvoll anregende Freundesbesuche. Am 30. Mai langte Wolf von Halle in Weimar an, „begleitet von seiner jüngeren Tochter, die in allen Reizen der frischen Jugend mit dem Frühling wetteiferte“, und brachte vierzehn Tage in Goethes gastlichem Haus zu. Die tief eingehenden Unterhaltungen über alte Kunst und Literatur wurden durch den heitersten Humor und selbst den Widerspruchsgeist, der Wolf eigen war, gewürzt, so dass Goethe bekannte, „durch die Gegenwart dieses so höchst tüchtigen Mannes in jedem Sinn gestärkt zu sein.“ Bald darauf ward er durch die Anmeldung Jacobis erfreut, der nach vielen prüfungsreichen Jahren, seit er sein idyllisches Pempelfort verlassen hatte, jetzt auf der Reise nach Süddeutschland begriffen war, um in seine neue Stellung an der Akademie der Wissenschaften in München einzutreten. Seine Ankunft machte Goethe sehr glücklich; die alte Freundschaft war wieder lebendig wie sonst; es zeigte sich, wie Goethe sich äußert, „das unbedingte liebevolle Vertrauen in seiner ganzen Klarheit und Reinheit.“ Freilich tat sich im Verlauf der Unterhaltungen, da Jacobi in ausführliche Erörterungen über sein philosophisches System einging, die geistige Differenz wieder hervor; Goethe verstand nicht mehr die Sprache seiner Philosophie, und Jacobi konnte sich in der Welt der Goetheschen Dichtung nicht recht behagen. In Jacobis Frage, was er denn eigentlich mit der natürlichen Tochter gewollt habe, war es ihm vor allem deutlich geworden, wie weit sie in allen geistigen Beziehungen voneinander gekommen seien. Ließ sich gleich hier keine Vereinigung vermitteln, so bekräftigten sie doch wieder treulich und liebevoll den alten Bund. Der Sommeraufenthalt in Lauchstädt brachte Goethe wieder in Wolfs Nähe, mit dem er von neuem heitere Tage verlebte. Außer den höchst lehrreichen Unterhaltungen mit dem gründlich gelehrten Freunde (mehreren seiner Vorlesungen hörte er hinter einer Tapetentür zu) hatte er noch den Gewinn, dass Dr. Gall in den ersten Augusttagen in Halle seine Vorlesungen über Schädellehre begann, welche mit Goethes Naturforschung in inniger Berührung stand und von ihm als der Gipfel vergleichender Anatomie anerkannt ward. Goethe suchte von Galls öffentlichen Vorlesungen wie von seinen Privatunterhaltungen den möglichsten Nutzen zu ziehen. Die geistige Anstrengung wirkte jedoch ungünstig auf seinen körperlichen Zustand. Während dieser Krankheitsanfälle behandelte ihn Dr. Reil, mit dem er dadurch in ein engeres Freundschaftsverhältnis trat. Gall hatte die Gefälligkeit, den Apparat jeder Vorlesung auf das Zimmer des Erkrankten zu schaffen und ihm den Verfolg seiner Theorien mitzuteilen, so dass er seinen ferneren Unterricht nicht vermisste. Es versteht sich, dass bei diesen Unterhaltungen die Gallsche Schädeltheorie auch an den Mitgliedern des gelehrten Kreises erprobt ward, bei welcher Gelegenheit Gall unserem Dichter ganz ernstlich versicherte, er sei nicht sowohl zum Dichter, als zum Volksredner geboren. An diese vielseitig belebten Tage, in welche auch ein Besuch Zelters in Lauchstädt fiel, schloss sich gegen Ende des Augusts ein Ausflug in die Harzgegend. Begleitet von Wolf und seinem Sohn August, reiste Goethe nach Magdeburg, wo er sich vorzüglich mit den Altertümern des Doms beschäftigte, und von da nach Helmstedt, welches, zu jener Zeit noch braunschweigsche Landesuniversität, mehrere tüchtige Männer besaß. Über die originelle Persönlichkeit des gelehrten Sonderlings Hofrat Beireis und seine konfuse Raritätensammlung, wie über manche Spezialitäten dieser Reise hat uns Goethe in seinen Annalen eine anziehende Schilderung aufgezeichnet. Auf dem Rückweg berührte er noch einmal den Harz und ging, zum dritten Mal in seinem Leben, an dem rauschenden Wasser der von Granitfelsen eingeschlossenen Bode hin, ergriffen von bedeutenden Momenten vergangener Jahre. 1) Die ergötzlichen Einzelheiten bei der Abfassung und Aufführung von Paläophron und Neoterpe s. im Weimar-Album: „die Freundschaftstage der Fräulein von Göchhausen“, S. 125 ff. – Im folgenden Jahr wurden „die Brüder“ des Terenz nach v. Einsiedels Bearbeitung aufgeführt; Niemeyer übersetzte 1803 die Andria. 1801 ward ein Preis auf das beste Intriguenstück ausgesetzt; es lief etwa ein Dutzend ein, wovon indes keins einer Auszeichnung wert schien. 2) Über die Kotzebuesche Demonstration s. außer Goethes Bericht in den Annalen: Falk, Goethe aus näherem, persönlichem Umgang etc. S. 176-198, welcher nach Riemers Urteil in diesem Fall gute Quellen gehabt hat, und Ludecus in der angef. Schrift S. 72 ff., wo sich auch Kotzebues Brief an Krims über die in den Kleinstädtern gestrichenen Stellen findet (S. 76-78). (Die von Goethes als anzüglich gestrichenen Stellen hat Kotzebue später beim Abdruck des Stückes größtenteils weggelassen). Goethes Verhältnis zu Kotzebue und Böttiger bespricht des weiteren Riemer in den Mitteilungen etc. I. S. 325-339. 3) Das „Taschenbuch auf das Jahr 1804, hgg. von Wieland und Goethe“ (Stuttgart b. Cotta) enthielt zuerst neben anderem Lyrischen Goethes gesellige Lieder. 4) Über den Bau des Lauchstädter Theaters und die damit verbundenen Unterhandlungen s. Ludecus a.a.O., besonders die Schilderung der Eröffnung S. 38 ff.; Bad Lauchstädt, sonst und jetzt, von Krieg, 1848, S. 74 ff. 5) Über die Schicksale der Handschrift und der Ausgaben des französischen Textes ist ein Aufsatz Goethes nachzulesen: Bd. XLVI, S. 67-88 (Ausg. in 60 Bden.) oder Bd. XXIX. S. 367-382 (Ausg. In 40 Bden). 6) S. „Mitteilungen über Goethe und Schiller“ in den Briefen von Heinrich Voß, hgg. von Abr. Voß, 1834. |
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