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64. An GoetheJena den 15. Mai 1795. Daß Sie sich nicht wohl befanden, erfuhr ich erst vorgestern, und beklage Sie aufrichtig. Wer so wenig gewöhnt ist, krank zu sein, wie sie, dem muß es gar unleidlich vorkommen. Daß die jetzige Witterung auf mich keinen guten Einfluß hatte, ist etwas so gewöhnliches, daß ich nicht davon reden mag. Freilich verliere ich die ganze zweite1) Elegie sehr ungern. Ich hätte geglaubt, daß selbst die sichtbare Unvollständigkeit derselben keinen Schaden bei dem Leser thun würde2), weil man leicht darauf verfallen kann, eine absichtliche Reticenz darunter zu muthmaßen. Übrigens kann man ja der Schamhaftigkeit, die von einem Journal gefordert wird, dieses Opfer bringen, da Sei in einigen Jahren, wenn Sie die Elegien besonders sammeln, alles was jetzt gestrichen wird, wieder herstellen können3). Gern wünschte ich Montag früh die Elegien oder doch einen Bogen derselben zu haben, um sie abschicken zu können. Mit meinem Aufsatz hoffe ich endlich noch fertig zu werden, wenn kein besonderer Unfall dazwischen kommt. An andern Beiträgen ist nichts eingelaufen, und das siebente Stück steht noch ganz in Gottes allmächtiger Hand. Cotta ist mit der Messe ziemlich zufrieden. Es sind ihm zwar von den Exemplarien die er in Commission gegeben, manche remittirt, aber auch eben so viele wieder neu bestellt worden, so daß der Calcul im Ganzen dadurch nichts gelitten hat. Nur bittet er sehr um größere Mannigfaltigkeit der Aufsätze. Viele klagen über die abstracten Materien, viele sind auch an Ihren Unterhaltungen irre, weil sie, wie sie sich ausdrücken, noch nicht absehen können, was damit werden soll. Sie sehen, unsre deutschen Gäste verläugnen sich nicht; sie müssen immer wissen, was sie essen, wenn es ihnen recht schmecken soll. Sie müssen einen Begriff davon haben. Ich sprach noch kürzlich mit Humboldt darüber; es ist jetzt platterdings unmöglich mit irgend einer Schrift, sie mag noch so gut oder noch so schlecht sein, in Deutschland ein allgemeines Glück zu machen. Das Publicum hat nicht mehr die Einheit des Kindergeschmacks, und noch weniger die Einheit einer vollendeten Bildung. Es ist in der Mitte zwischen beiden, und das ist für schlechte Autoren eine herrliche Zeit, aber für solche, die nicht bloß Geld verdienen wollen, desto schlechter. Ich bin jetzt sehr neugierig zu hören, wie von Ihrem Meister wird geurtheilt werden, was nämlich die öffentlichen Sprecher sagen; denn daß das Publicum darüber getheilt ist, versteht sich ja von selbst. Von hiesigen Novitäten4) weiß ich Ihnen nichts zu melden5); denn mit Freund Fcihte ist die reichste Quelle von Absurditäten versiegt. Freund Woltmann hat wieder eine sehr6) ungückliche Geburt und in einem sehr anmaßenden Ton von sich ausgehen lassen. Es ist ein gedruckter Plan zu seinen historischen Vorlesungen: ein warnender Küchenzettel, der auch den hungrigsten Gast verscheuchen müßte. Daß Schütz wieder sehr krank war, sich aber wieder besser befindet, wissen Sie ohne Zweifel. Ihre Beiträge zu dem Musen-Almanach erwarte ich mit rechter Begierde; Herder wird auch etwas dafür thun. Reichardt hat sich durch Hufeland zu einem Mitarbeiter an den Horen anbieten lassen. Haben Sie die Luise von Voß schon gelesen, die jetzt heraus ist? Ich kann Sie Ihnen schicken. Den Aufsatz im Deutschen Merkur werde ich mir geben lassen. Meyern wünsche viel Glück zu seiner Arbeit. Grüßen Sie ihn herzlich von mir. Alles empfiehlt sich Ihnen herzlich. Sch. N. S.
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