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351. An Goethe

Jena den 7. August 1797.              

   Wir sind recht verlangend zu erfahren, theurer Freund, wie Ihre Reise abgelaufen ist. Die drückende Hitze am Tage und die fast unaufhörlichen Gewitter des Nachts haben uns viel Sorge um Sie gemacht, denn es war hier kaum zum Aushalten, und ich habe mich seitdem noch nicht erholt, so heftig hat es meine Nerven angegriffen.

   Ich kann Ihnen darum auch heute wenig sagen, denn ich fange kaum an, mich von starken Fieberbewegungen frei zu fühlen, die ich schon seit acht Tagen spüre, und fürchtete wirklich schon in eine ernstliche Krankheit zu fallen.

   Zelter schickte mir dieser Tage die Melodien zu Ihrer Bajadere und zum Lied an Mignon. Das letztere gefällt mir besonders. Die Melodie zur Ballade paßt freilich nicht gleich gut zu allen Strophen, aber bei einigen wie bei der drittletzten macht sich der Chor: "wir tragen die Jugend etc." sehr gut. Ich lege die Melodien bei, wenn Sie in Frankfurt ein paar schöne Stimmen fänden, die sie Ihnen vortragen können.

   Herder hat mir nun auch unsre Balladen, die ich ihm communicirt hatte, zurückgeschickt; was für Eindruck sie aber gemacht haben, kann ich aus seinem Briefe nicht erfahren. Dagegen erfahre ich daraus, daß ich in dem Taucher bloß einen gewissen Nicolaus Pesce, der dieselbe Geschichte entweder erzählt oder besungen haben muß, veredelnd umgearbeitet habe. Kennen Sie etwa diesen1) Nicolaus Pesce, mit dem ich da so unvermuthet in Concurrenz gesetzt werde? Übrigens haben wir von Herdern wirklich nichts für den dießjährigen Almanach zu hoffen; er klagt über seine Armuth, versichert aber, daß er anderer Reichthum nur desto mehr schätze.

   Ich habe in diesen Tagen Diderot sur la peinture wieder vorgehabt2), um mich in der belebenden Gesellschaft dieses Geistes wieder zu stärken. Mir kommt vor, daß es Diderot ergeht wie vielen andern, die das Wahre mit ihrer Empfindung treffen, aber es durch das Raisonnement manchmal wieder verlieren. Er sieht mir bei ästhetischen Werken noch viel zu sehr auf fremde und moralische Zwecke, er sucht diese nicht genug in dem Gegenstande3) und in seiner Darstellung. Immer muß ihm das schöne Kunstwerk zu etwas anderm dienen. Und da das wahrhaftig Schöne und Vollkommene in der Kunst den Menschen nothwendig verbessert, so sucht er diesen Effect der Kunst in ihrem Inhalt und in einem bestimmten Resultat für den Verstand, oder für die moralische Empfindung. Ich glaube es ist einer von den Vortheilen unserer neueren Philosophie, daß wir eine reine Formel haben, um die subjecitve Wirkung des Ästhetischen auszusprechen, ohne seinen Charakter zu zerstören.

   Leben Sie recht wohl. Erfreuen Sie uns bald mit guten Nachrichten. Von meiner Frau die herzlichsten Grüße, die Kleinen sind wohl auf; neues kann ich aus meinem kleinen Kreise nichts melden.

Sch.

Ü   Þ

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