Johann Wolfgang von Goethe @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Johann Wolfgang von Goethe
         Briefe
            Goethe an Schiller
               Inhaltsverzeichnis
               Vorwort
               An König von Bayern
               Briefe 1794
               Briefe 1795
               Briefe 1796
               Briefe 1797
               Briefe 1798

                  ...
                  416. An Goethe
                  417. An Schiller
                  418. An Goethe
                  419. An Schiller
                  420. An Goethe
                  421. An Schiller
                  422. An Goethe
                  423. An Schiller
                  424. An Schiller
                  425. An Goethe
                  426. An Schiller
                  427. An Goethe
                  428. An Schiller
                  429. An Schiller
                  430. An Goethe
                  431. An Schiller
                  432. An Goethe
                  433. An Schiller
                  434. An Goethe
                  ...
               Briefe 1799
               Briefe 1800
               Briefe 1801
               Briefe 1802
               Briefe 1803
               Briefe 1804
               Briefe 1805
               Anh. 1: Goethe an Ch. Schiller
               Anh. 2: Herzog K.-A. an Schiller
               Anh. 3: Schiller an Prof. Süvern
               Zusammenstellung Band 1
               Zusammenstellung Band 2
               Register Goethe
               Register Schiller
               Register Personen
               Sach-Register
               Orts-Register
              
              

425. An Goethe

Jena den 20. Februar 1798.              

   Da ich eine Zeitlang "von dem Schall der menschlichen Rede" fast ganz entfernt lebte, so war mir die lebhafte Gesprächigkeit des Freundes, der mir gestern Ihren Brief überbrachte, sehr erfrischend und ergötzend. Es ist überhaupt unterhaltend, einen Leser zu sehen, und sich die eigenen oder fremden Ideen in irgend einer Gestalt wiedergeben zu lassen. Diesem sieht man übrigens die Filiation stark an, weil er durch Humboldts in unsern Kreis gezogen worden. eigen ist es, wie sich bei einem gewissen Zustand der Literatur ein solches Geschlecht von Parasiten oder wie Sei's nennen wollen, erzeugt, die sich aus dem was von andern geleistet ist, eine gewisse Existenz bilden, und ohne das Reich der Kunst oder Wissenschaft selbst zu bereichern oder zu erweitern, doch zum Vertrieb dessen dienen, was da ist, Ideen aus Büchern ins Leben bringen, und wie der Wind oder gewisse Vögle den Samen dahin und1) dorthin streuen. Als Zwischenläufer zwischen dem Schriftsteller und dem Publikum muß man sie wirklich sehr in Ehren halten, obgleich es gefährlich sein möchte, sie mit dem Publikum zu verwechseln. Übrigens hat dieser gegenwärtige Freund einen feinen Sinn und bei seinem raisonnirenden Hange scheint er mir eine zarte Empfindung zu besitzen, dabei eine besondre Geschmeidigkeit, sich in fremdes zu finden, ja es sich anzueignen. 2)Gegen Humboldt gehalten scheint er mir zwar ein viel flacheres Urtheil und schwankendere Begriffe, aber mehr Gefühl zu haben.3)

   Die Anwendung der Kategorien auf Ihren aufgehäuften Stoff kann für Sie nicht anders als fruchtbar sein. Indem es zugleich eine treffliche Recapitulation ist, thut Ihnen dieses Geschäft die Dienste eines Freundes von entgegengesetzter Natur. Es zwingt Sie, wie ich mir's vorstelle, zu strengen Bestimmungen, Grenzscheidungen, ja harten Oppositionen, wozu Sie von sich selbst nicht so geneigt sind, weil Sie der Natur Gewalt anzuthun fürchten; und weil diese Härte und Strenge, so gefährlich sie auch im einzelnen aussieht, durch die Totalität des Geschäfts selbst, immer wieder gut gemacht wird, so werden Sie, durch diese Operation, immer wieder befriedigend zu Ihrer eignen Vorstellungsweise zurückgeführt. Diesen Dienst leistet Ihnen vorzugsweise der Begriff der Wechselwirkung und der Limitation; Sie werden aber auch bei dem der Allheit und der Nothwendigkeit das nämliche erfahren. Da Sie bei dem Werke selbst polemisch zu sein nicht vermeiden können, so giebt Ihnen die Kategorienprobe einen entschiedenen Vortheil, und wie sehr sie Ihnen zur Übersicht des historischen Theiles dient, begreife ich sehr gut.

   Auf das Schema selbst bin ich jetzt mehr als jemals begierig, und wenn Sie kommen, so wollen wir uns mit rechter Lust und Ernst darüber verbreiten; ich finde es, unabhängig von der Sache selbst, die mich so sehr interessirt zu approfondiren, sehr interessant Ihnen die Stelle eines guten Lesers zu vertreten und zu versuchen wie sich die doppelte Rücksicht auf den Gegenstand und auf das subjective Bedürfniß des Lesers in Einer und derselben Wendung vereinigen läßt.

   Da ich so oft in meiner Arbeit gehemmt werde und deßwegen das Ende noch nicht absehen kann, so ängstigen mich die Nachfragen nach dem Wallenstein, die nun anfangen von außen an mich zu geschehen. Schröder will ihn selbst spielen und scheint nicht ungeneigt4), selbst in Weimar darin auftreten zu wollen. Auch Unger aus Berlin schreibt mir gestern, daß mir das Berliner Theater jedes beliebige Honorar bezahlen wollte, wenn ich das Stück ihm noch vor dem Abdruck senden wolle. Wäre ich nur erst fertig! Die Arbeit geht jetzt wieder ein wenig, obgleich mir der Kopf noch nicht recht frei ist.

   Leben Sie recht wohl. Meine Frau geht morgen hinüber, um die Zauberflöte zu hören, wird Sie aber, da sie in der Nacht wieder geht, schwerlich sprechen können. Kommen Sie nur endlich einmal, wir sehnen uns nach den hübschen Abenden. Meyern recht viele Grüße.

Sch.

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de