Johann Wolfgang von Goethe @ www.Wissen-im-Netz.info
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      Johann Wolfgang von Goethe
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               Kerker
            Zweiter Teil

Abend

(Ein kleines reinliches Zimmer.)

Margarete (ihre Zöpfe flechtend und aufbindend).
Ich gäb’ was drum, wenn ich nur wüsst’,
Wer heut der Herr gewesen ist!
Er sah gewiss recht wacker aus,
Und ist aus einem edlen Haus;
Das konnt’ ich ihm an der Stirne lesen –
Er wär’ auch sonst nicht so keck gewesen. (Ab.)

Mephistopheles. Faust.

Mephistopheles.
Herein, ganz leise, nur herein!

Faust (nach einigem Stillschweigen).
Ich bitte dich, lass mich allein!

Mephistopheles (herumspürend).
Nicht jedes Mädchen hält so rein. (Ab.)

Faust (rings aufschauend).
Willkommen, süßer Dämmerschein,
Der du dies Heiligtum durchwebst!
Ergreif mein Herz, du süße Liebespein,
Die du vom Tau der Hoffnung schmachtend lebst!
Wie atmet rings Gefühl der Stille,
Der Ordnung, der Zufriedenheit!
In dieser Armut welche Fülle!
In diesem Kerker welche Seligkeit!

(Er wirft sich auf den ledernen Sessel am Bett.)

O nimm mich auf, der du die Vorwelt schon
Bei Freud’ und Schmerz im offnen Arm empfangen!
Wie oft, ach! Hat an diesem Väterthron
Schon eine Schar von Kindern rings gehangen!
Vielleicht hat, dankbar für den heil’gen Christ,
Mein Liebchen hier, mit vollen Kinderwangen,
Dem Ahnherrn fromm die welke Hand geküsst.
Ich fühl’, o Mädchen, deinen Geist
Der Füll’ und Ordnung um mich säuseln,
Der mütterlich dich täglich unterweist,
Den Teppich auf den Tisch dich reinlich breiten heißt,
Sogar den Sand zu deinen Füßen kräuseln.
O liebe Hand! So göttergleich!
Die Hütte wird durch dich ein Himmelreich.
Und hier! (Er hebt einen Bettvorhang auf.)
Was fasst mich für ein Wonnegraus!
Hier möcht’ ich volle Stunden säumen.
Natur, hier bildetest in leichten Träumen
Den eingebornen Engel aus!
Hier lag das Kind! Mit warmem Leben
Den zarten Busen angefüllt,
Und hier mit heilig reinem Weben
Entwirkte sich das Götterbild!
   Und du! Was hat dich hergeführt?
Wie innig fühl’ ich mich gerührt!
Was willst du hier? Was wird das Herz dir schwer?
Armsel’ger Faust! Ich kenne dich nicht mehr.
   Umgibt mich hier ein Zauberduft?
Mich drang’s, so grade zu genießen,
Und fühle mich in Liebestraum zerfließen!
Sind wir ein Spiel von jedem Druck der Luft?
   Und träte sie den Augenblick herein,
Wie würdest du für deinen Frevel büßen!
Der große Hans, ach wie so klein!
Läg’, hingeschmolzen, ihr zu Füßen.

Mephistopheles (kommt).
Geschwind! Ich seh’ sie unten kommen.

Faust.
Fort! Fort! Ich kehre nimmermehr!

Mephistopheles.
Hier ist ein Kästchen leidlich schwer,
Ich hab’s wo anders hergenommen.
Stellt’s hier nur immer in den Schrein,
Ich schwör’ Euch, ihr vergehn die Sinnen;
Ich tat Euch Sächelchen hinein,
Um eine andre zu gewinnen.
Zwar Kind ist Kind, und Spiel ist Spiel.

Faust.
Ich weiß nicht, soll ich?

Mephistopheles.
Fragt Ihr viel?
Meint Ihr vielleicht den Schatz zu wahren?
Dann rat’ ich Eurer Lüsternheit,
Die liebe schöne Tageszeit
Und mir die weitre Müh’ zu sparen.
Ich hoff’ nicht, dass Ihr geizig seid!
Ich kratz’ den Kopf, reib’ an den Händen –

(Er stellt das Kästchen in den Schrein und drückt das Schloss wieder zu.)

Nur fort! Geschwind! –
Um Euch das süße junge Kind
Nach Herzens Wunsch und Will’ zu wenden,
Und Ihr seht drein,
Als solltet Ihr in den Hörsaal hinein,
Als stünden grau leibhaftig vor Euch da
Physik und Metaphysika!
Nur fort! (Ab.)

Margarete (mit einer Lampe).
Es ist so schwül, so dumpfig hie,

(Sie macht das Fenster auf.)

Und ist doch eben so warm nicht drauß’.
Es wird mir so, ich weiß nicht wie –
Ich wollt’, die Mutter käm’ nach Haus.
Mir läuft ein Schauer übern ganzen Leib –
Bin doch ein töricht furchtsam Weib!

(Sie fängt an zu singen, indem sie sich auszieht.)

      Es war ein König in Thule
   Gar treu bis an das Grab,
   Dem sterbend seine Buhle
   Einen goldnen Becher gab.
      Es ging ihm nichts darüber,
   Er leert’ ihn jeden Schmaus;
   Die Augen gingen ihm über,
   So oft er trank daraus.
      Und als er kam zu sterben,
   Zählt’ er seine Städt’ im Reich’,
   Gönnt’ alles seinem Erben,
   Den Becher nicht zugleich.
      Er saß beim Königsmahle,
   Die Ritter um ihn her,
   Auf hohem Vätersaale,
   Dort auf dem Schloss am Meer.
      Dort stand der alte Zecher,
   Trank letzte Lebensglut
   Und warf den heiligen Becher
   Hinunter in die Flut.
      Er sah ihn stürzen, trinken
   Und sinken tief ins Meer,
   Die Augen täten ihm sinken,
   Trank nie einen Tropfen mehr.

(Sie eröffnet den Schrein, ihre Kleider einzuräumen, und erblickt das Schmuckkästchen.)

Wie kommt das schöne Kästchen hier herein?
Ich schloss doch ganz gewiss den Schrein.
Es ist doch wunderbar! Was mag wohl drinne sein?
Vielleicht bracht’s jemand als ein Pfand,
Und meine Mutter lieh darauf.
Da hängt ein Schlüsselchen am Band –
Ich denke wohl, ich mach’ es auf!
Was ist das? Gott im Himmel! Schau’,
So was hab’ ich mein’ Tage nicht gesehn!
Ein Schmuck! Mit dem könnt’ eine Edelfrau
Am höchsten Feiertage gehn.
Wie sollte mir die Kette stehn?
Wem mag die Herrlichkeit gehören?

(Sie putzt sich damit auf und tritt vor den Spiegel.)

Wenn nur die Ohrring’ meine wären!
Man sieht doch gleich ganz anders drein.
Was hilft euch Schönheit, junges Blut?
Das ist wohl alles schön und gut,
Allein man lässt’s auch alles sein;
Man lobt euch halb mit Erbarmen.
Nach Golde drängt,
Am Golde hängt
Doch alles. Ach wir Armen!

Ü   Þ

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