Johann Wolfgang von Goethe @ www.Wissen-im-Netz.info
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      Johann Wolfgang von Goethe
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               Nacht, offen Feld
               Kerker
            Zweiter Teil

Kerker

Faust (mit einem Bund Schlüssel und einer Lampe, vor einem eisernen Türchen).
Mich fasst ein längst entwohnter Schauer,
Der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an.
Hier wohnt sie, hinter dieser feuchten Mauer,
Und ihr Verbrechen war ein guter Wahn!
Du zauderst, zu ihr zu gehen!
Du fürchtest, sie wieder zu sehen!
Fort! Dein Zagen zögert den Tod heran.

(Er ergreift das Schloss. Es singt inwendig:)

   Meine Mutter, die Hur’,
   Die mich umgebracht hat!
   Mein Vater, der Schelm,
   Der mich gessen hat!
   Mein Schwesterlein klein
   Hub auf die Bein’
   An einem kühlen Ort;
   Da ward ich ein schönes Waldvögelein,
   Fliege fort, fliege fort!

Faust (aufschließend).
Sie ahnet nicht, dass der Geliebte lauscht,
Die Ketten klirren hört, das Stroh, das rauscht.

(Er tritt ein.)

Margarete (sich auf dem Lager verbergend).
Weh! Weh! Sie kommen. Bittrer Tod!

Faust (leise).
Still! Still! Ich komme, dich zu befreien.

Margarete (sich vor ihn hinwälzend).
Bist du ein Mensch, so fühle meine Not.

Faust.
Du wirst die Wächter aus dem Schlafe schreien!

(Er fasst die Ketten, sie aufzuschließen.)

Margarete (auf den Knien).
Wer hat dir, Henker, diese Macht
Über mich gegeben!
Du holst mich schon um Mitternacht.
Erbarme dich und lass mich leben!
Ist’s morgen früh nicht zeitig genung?

(Sie steht auf.)

Bin ich doch noch so jung, so jung!
Und soll schon sterben!
Schön war ich auch, und das war mein Verderben.
Nah war der Freund, nun ist er weit;
Zerrissen liegt der Kranz, die Blumen zerstreut.
Fasse mich nicht so gewaltsam an!
Schone mich! Was hab’ ich dir getan?
Lass mich nicht vergebens flehen,
Hab’ ich dich doch mein’ Tage nicht gesehen!

Faust.
Werd’ ich den Jammer überstehen!

Margarete.
Ich bin nun ganz in deiner Macht.
Lass mich nur erst das Kind noch tränken.
Ich herzt’ es diese ganze Nacht;
Sie nahmen mir’s, um mich zu kränken,
Und sagen nun, ich hätt’ es umgebracht.
Und niemals werd’ ich wieder froh.
Sie singen Lieder auf mich! Es ist bös von den Leuten!
Ein altes Märchen endigt so,
Wer heißt sie’s deuten?

Faust (wirft sich nieder).
Ein Liebender liegt dir zu Füßen,
Die Jammerknechtschaft aufzuschließen.

Margarete (wirft sich zu ihm).
O lass uns knien, die Heil’gen anzurufen!
Sieh! Unter diesen Stufen,
Unter der Schwelle
Siedet die Hölle!
Der Böse,
Mit furchtbarem Grimme,
Macht ein Getöse!

Faust (lacht).
Gretchen! Gretchen!

Margarete (aufmerksam).
Das war des Freundes Stimme!

(Sie springt auf. Die Ketten fallen ab.)

Wo ist er? Ich hab’ ihn rufen hören.
Ich bin frei! Mir soll niemand wehren.
An seinen Hals will ich fliegen,
An seinem Busen liegen!
Er rief: Gretchen! Er stand auf der Schwelle.
Mitten durchs Heulen und Klappen der Hölle,
Durch den grimmigen, teuflischen Hohn,
Erkannt’ ich den süßen, den liebenden Ton.

Faust.
Ich bin’s!

Margarete.
Du bist’s! O sag’ es noch einmal!

(Ihn fassend.)

Er ist’s! Er ist’s! Wohin ist alle Qual?
Wohin die Angst des Kerkers? Der Ketten?
Du bist’s! Kommst, mich zu retten!
Ich bin gerettet! –
Schon ist die Straße wieder da,
Auf der ich dich zum ersten Male sah,
Und der heitere Garten,
Wo ich und Marthe deiner warten.

Faust (fortstrebend).
Komm mit! Komm mit!

Margarete.
O weile!
Weil’ ich doch so gern, wo du weilest.

(Liebkosend.)

Faust.
Eile!
Wenn du nicht eilest,
Werden wir’s teuer büßen müssen.

Margarete.
Wie? Du kannst nicht mehr küssen?
Mein Freund, so kurz von mir entfernt,
Und hast’s Küssen verlernt?
Warum wird mir an deinem Halse so bang?
Wenn sonst von deinen Worten, deinen Blicken
Ein ganzer Himmel mich überdrang,
Und du mich küsstest, als wolltest du mich ersticken.
Küsse mich!
Sonst küss’ ich dich!

(Sie umfasst ihn.)

O weh! Deine Lippen sind kalt,
Sind stumm.
Wo ist dein Lieben
Geblieben?
Wer brachte mich drum?

(Sie wendet sich von ihm.)

Faust.
Komm! Folge mir! Liebchen, fasse Mut!
Ich herze dich mit tausendfacher Glut,
Nur folge mir! Ich bitte dich nur dies!

Margarete (zu ihm gewendet).
Und bist du’s denn? Und bist du’s auch gewiss?

Faust.
Ich bin’s! Komm mit!

Margarete.
Du machst die Fesseln los,
Nimmst wieder mich in deinen Schoß.
Wie kommt es, dass du dich vor mir nicht scheust? –
Und weißt du denn, mein Freund, wen du befreist?

Faust.
Komm! Komm! Schon weicht die tiefe Nacht.

Margarete.
Meine Mutter hab’ ich umgebracht,
Mein Kind hab’ ich ertränkt.
War es nicht dir und mir geschenkt?
Dir auch – du bist’s! Ich glaub’ es kaum.
Gib deine Hand! Es ist kein Traum!
Deine liebe Hand! – Ach aber sie ist feucht!
Wische sie ab! Wie mich deucht,
Ist Blut dran.
Ach Gott! Was hast du getan!
Stecke den Degen ein,
Ich bitte dich drum!

Faust.
Lass das Vergangne vergangen sein,
Du bringst mich um.

Margarete.
Nein, du musst übrig bleiben!
Ich will dir die Gräber beschreiben;
Für die musst du sorgen
Gleich morgen;
Der Mutter den besten Platz geben,
Meinen Bruder sogleich darneben,
Mich ein wenig beiseit’,
Nur nicht gar zu weit!
Und das Kleine mir an die rechte Brust.
Niemand wird sonst bei mir liegen! –
Mich an deine Seite zu schmiegen,
Das war ein süßes, ein holdes Glück!
Aber es will mir nicht mehr gelingen;
Mir ist’s, als müsst’ ich mich zu dir zwingen,
Als stießest du mich von dir zurück.
Und doch bist du’s und blickst so gut, so fromm.

Faust.
Fühlst du, dass ich es bin, so komm!

Margarete.
Da hinaus?

Faust.
Ins Freie.

Margarete.
Ist das Grab drauß,
Lauert der Tod, so komm!
Von hier ins ewige Ruhebett
Und weiter keinen Schritt –
Du gehst nun fort? O Heinrich, könnt’ ich mit!

Faust.
Du kannst! So wolle nur! Die Tür steht offen.

Margarete.
Ich darf nicht fort; für mich ist nichts zu hoffen.
Was hilft es, fliehn? Sie lauern doch mir auf.
Es ist so elend, betteln zu müssen,
Und noch dazu mit bösem Gewissen!
Es ist so elend, in der Fremde schweifen,
Und sie werden mich doch ergreifen!

Faust.
Ich bleibe bei dir.

Margarete.
Geschwind! Geschwind!
Rette dein armes Kind!
Fort! Immer den Weg
Am Bach hinauf,
Über den Steg,
In den Wald hinein,
Links, wo die Planke steht,
Im Teich.
Fass es nur gleich!
Es will sich heben,
Es zappelt noch,
Rette! Rette!

Faust.
Besinne dich doch!
Nur einen Schritt, so bist du frei!

Margarete.
Wären wir nur den Berg vorbei!
Da sitzt meine Mutter auf einem Stein,
Es fasst mich kalt beim Schopfe!
Da sitzt meine Mutter auf einem Stein
Und wackelt mit dem Kopfe;
Sie winkt nicht, sie nickt nicht, der Kopf ist ihr schwer,
Sie schlief so lange, sie wacht nicht mehr.
Sie schlief, damit wir uns freuten.
Es waren glückliche Zeiten!

Faust.
Hilft hier kein Flehen, hilft kein Sagen,
So wag ich’s, dich hinweg zu tragen.

Margarete.
Lass mich! Nein, ich leide keine Gewalt!
Fasse mich nicht so mörderisch an!
Sonst hab’ ich dir ja alles zulieb’ getan.

Faust.
Der Tag graut! Liebchen! Liebchen!

Margarete.
Tag! Ja, es wird Tag! Der letzte Tag dringt herein!
Mein Hochzeittag sollt’ es sein!
Sag’ niemand, dass du schon bei Gretchen warst.
Weh meinem Kranze!
Es ist eben geschehn!
Wir werden uns wieder sehn;
Aber nicht beim Tanze.
Die Menge drängt sich, man hört sie nicht.
Der Platz, die Gassen
Können sie nicht fassen.
Die Glocke ruft, das Stäbchen bricht.
Wie sie mich binden und packen!
Zum Blutstuhl bin ich schon entrückt.
Schon zuckt nach jedem Nacken
Die Schärfe, die nach meinem zückt.
Stumm liegt die Welt wie das Grab!

Faust.
O wär’ ich nie geboren!

Mephistopheles (erscheint draußen).
Auf! Oder ihr seid verloren.
Unnützes Zagen! Zaudern und Plaudern!
Mein Pferde schaudern,
Der Morgen dämmert auf.

Margarete.
Was steigt aus dem Boden herauf?
Der! Der! Schick’ ihn fort!
Was will der an dem heiligen Ort?
Er will mich!

Faust.
Du sollst leben!

Margarete.
Gericht Gottes! Dir hab’ ich mich übergeben.

Mephistopheles (zu Faust).
Komm! Komm! Ich lasse dich mit ihr im Stich.

Margarete.
Dein bin ich, Vater! Rette mich!
Ihr Engel! Ihr heiligen Scharen,
Lagert euch umher, mich zu bewahren!
Heinrich! Mir graut’s vor dir.

Mephistopheles.
Sie ist gerichtet!

Stimme (von oben).
Ist gerettet!

Mephistopheles (zu Faust).
Her zu mir!

(Verschwindet mit Faust.)

Stimme (von innen, verhallend).
Heinrich! Heinrich!

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