9. Sonette
Ein Strom entrauscht umwölktem
Felsensaale,
Dem Ozean sich eilig zu verbinden;
Was auch sich spiegeln mag von Grund zu Gründen,
Er wandelt unaufhaltsam fort zu Tale.
Dämonisch aber stürzt mit einem Male -
Ihr folgen Berg und Wald in Wirbelwinden -
Sich Oreas, Behagen dort zu finden,
Und hemmt den Lauf, begrenzt die weite Schale.
Die Welle sprüht und staunt zurück udn
weichet,
Und schwillt bergan, sich immer selbst zu trinken;
Gehemmt ist nun zum Vater hin das Streben.
Sie schwankt und ruht, zum See zurück
gedeichet;
Gestirne, spiegelnd sich, beschaun das Blinken
Des Wellenschlags am Fels, ein neues Leben.
Im weiten Mantel bis ans Kinn verhüllet,
Ging ich den Felsenweg, den schroffen, grauen,
Hernieder dann zu winterhaften Auen,
Unruh'gen Sinns, zur nahen Flucht gewillet.
Auf einmal schien der neue Tag
enthüllet:
Ein Mädchen kam, ein Himmel anzuschauen,
So musterhaft wie jene lieben Frauen
Der Dichterwelt. Mein Sehnen war gestillet.
Doch wandt' ich mich hinweg und ließ sie
gehen
Und wickelte mich enger in die Falten,
Als wollt' ich trutzend in mir selbst erwarmen;
Und folgt' ihr doch. Sie stand. Da war's
geschehen!
In meiner Hülle konnt' ich mich nicht halten,
Die warf ich weg, sie lag in meinen Armen.
Sollt' ich mich denn so ganz an sie
gewöhnen?
Das wäre mir zuletzt doch reine Plage.
Darum versuch' ich's gleich am heut'gen Tage
Und nahe nicht dem viel gewohnten Schönen.
Wie aber mag ich dich, mein Herz,
versöhnen,
Dass ich im wicht'gen Fall dich nicht befrage?
Wohlan! Komm her! Wir äußern unsre Klage
In liebevollen, traurig heitern Tönen.
Siehst du, es geht! Des Dichters Wink
gewärtig,
Melodisch klingt die durchgespielte Leier,
Ein Liebesopfer traulich darzubringen.
Du denkst es kaum, und sieh! Das Lied
ist fertig.
Allein was nun? - Ich dächt', im ersten Feuer
Wir eilten hin, es vor ihr selbst zu singen.
Du siehst so ernst, Geliebter! Deinem
Bilde
Von Marmor hier möcht' ich dich wohl vergleichen;
Wie dieses gibst du mir kein Lebenszeichen;
Mit dir verglichen zeigt der Stein sich milde.
Der Feind verbirgt sich hinter seinem
Schilde,
Der Freund soll offen seine Stirn uns reichen.
Ich suche dich, du suchst mir zu entweichen;
Doch halte stand, wie dieses Kunstgebilde.
An wen von beiden soll ich nun ich
wenden?
Sollt' ich von beiden Kälte leiden müssen,
Da dieser tot und du lebendig heißest?
Kurz, um der Worte mehr nicht zu
verschwenden,
So will ich diesen Stein so lange küssen,
Bis eifersüchtig du mich ihm entreißest.
Als kleines art'ges Kind nach Feld und
Auen
Sprangst du mit mir so manchen Frühlingsmorgen.
"Für solch ein Töchterchen mit holden Sorgen
Möcht' ich als Vater segnend Häuser bauen!"
Und als du anfingst in die Welt zu
schauen
War deine Freude häusliches Besorgen.
"Solch eine Schwester! Und ich wär' geborgen:
Wie könnt' ich ihr, ach! Wie sie mir vertrauen!"
Nun kann den schönen Wachstum nichts
beschränken;
Ich fühl' im Herzen heißes Liebetoben.
Umfass' ich sie, die Schmerzen zu beschwicht'gen?
Doch ach! Nun muss ich dich als Fürstin
denken:
Du stehst so schroff vor mir empor gehoben;
Ich beuge mich vor deinem Blick, dem flücht'gen.
Entwöhnen sollt' ich mich vom Glanz der
Blicke,
Mein Leben sollten sie nicht mehr verschönen
Was man Geschick nennt, lässt sich nicht versöhnen,
Ich weiß es wohl und trat bestürzt zurücke.
Nun wusst' ich auch von keinem weitern
Glücke;
Gleich fing ich an von diesen und von jenen
Notwend'gen Dingen sonst mich zu entwöhnen:
Notwendig schien mir nichts als ihre Blicke.
Des Weines Glut, den Vielgenuss der
Speisen,
Bequemlichkeit und Schlaf und sonst'ge Gaben,
Gesellschaft wies ich weg, dass wenig bliebe.
So kann ich ruhig durch die Welt nun
reisen:
Was ich bedarf, ist überall zu haben,
Und Unentbehrlichs bring' ich mit - die Liebe.
War unersättlich nach viel tausend
Küssen
Und musst' mit einem Kuss am Ende scheiden.
Nach herber Trennung tief empfundnem Leiden
War mir das Ufer, dem ich mich entrissen,
Mit Wohnungen, mit Bergen, Hügeln,
Flüssen,
So lang' ich's deutlich sah, ein Schatz der Freuden;
Zuletzt im Blauen blieb ein Augenweiden
An fern entwichnen lichten Finsternissen.
Und endlich, als das Meer den Blick
umgrenzte,
Fiel mir zurück ins Herz mein heiß' Verlangen;
Ich suchte mein Verlornes gar verdrossen.
Da war es gleich, als ob der Himmel
glänzte;
Mir schien, als wäre nichts mir, nichts entgangen,
Als hätt' ich alles, was ich je genossen.
Ein Blick von deinen Augen in die
meinen,
Ein Kuss von deinem Mund auf meinem Munde,
Wer davon hat, wie ich, gewisse Kunde,
Mag dem was anders wohl erfreulich scheinen?
Entfernt von dir, entfremdet von den
Meinen,
Führ' ich stets die Gedanken in die Runde,
Und immer treffen sie auf jene Stunde,
Die einzige; da fang' ich an, zu weinen.
Die Träne trocknet wieder unversehens:
Er liebt ja, denk' ich, her in diese Stille,
Und solltest du nicht in die Ferne reichen?
Vernimm das Lispeln dieses Liebeswehens!
Mein einzig Glück auf Erden ist dein Wille,
Dein freundlicher zu mir; gib mir ein Zeichen!
Warum ich wieder zum Papier mich wende?
Das musst du, Liebster, so bestimmt nicht fragen;
Denn eigentlich hab' ich dir nichts zu sagen;
Doch kommt's zuletzt in deine lieben Hände.
Weil ich nicht kommen kann, soll, was
ich sende,
Mein ungeteiltes Herz hinüber tragen
Mit Wonnen, Hoffnungen, Entzücken, Plagen:
Das alles hat nicht Anfang, hat nicht Ende.
Ich mag vom heut'gen Tag dir nichts
vertrauen,
Wie sich im Sinnen, Wünschen, Wähnen, Wollen
Mein treues Herz zur dir hinüber wendet.
So stand ich einst vor dir, dich
anzuschauen,
Und sagte nichts. Was hätt' ich sagen sollen?
Mein ganzes Wesen war in sich vollendet.
Wenn ich nun gleich das weiße Blatt dir
schickte,
Anstatt dass ich's mit Lettern erst beschreibe,
Ausfülltest du's vielleicht zum Zeitvertreibe
Und sendetest's an mich, die Hochbeglückte.
Wenn ich den blauen Umschlag dann
erblickte,
Neugierig schnell, wie es geziemt dem Weibe,
Riss' ich ihn auf, dass nichts verborgen bleibe;
Da läs' ich, was mich mündlich sonst entzückte:
Lieb' Kind! Mein artig' Herz! Mein
einzig Wesen!
Wie du so freundlich meine Sehnsucht stilltest
Mit süßem Wort und mich so ganz verwöhntest.
Sogar dein Lispeln glaubt' ich auch zu
lesen,
Womit du liebend meine Seele fülltest
Und mich auf ewig vor mir selbst verschöntest.
Wenn durch das Volk die grimme Seuche
wütet,
Soll man vorsichtig die Gesellschaft lassen.
Auch hab' ich oft mit Zaudern und Verpassen
Vor manchen Influenzen mich gehütet.
Und obgleich Amor öfters mich begütet,
Mocht' ich zuletzt mich nicht mit ihm befassen.
So ging mir's auch mit jenen Lacrimassen,
Als vier- und dreifach reimend sie gebrütet.
Nun aber folgt die Strafe dem Verächter,
Als wenn die Schlangenfackel der Erinnen
Von Berg zu Tal, von Land zu Meer ihn triebe.
Ich höre wohl der Genien Gelächter;
Doch trennet mich von jeglichem Besinnen
Sonettenwut und Raserei der Liebe.
Mein süßes Liebchen! Hier in
Schachtelwänden
Gar mannigfalt geformte Süßigkeiten.
Die Früchte sind es heil'ger Weihnachtszeiten,
Gebackne nur, den Kindern auszuspenden.
Dir möcht' ich dann mit süßem Redewenden
Poetisch Zuckerbrot zum Fest bereiten;
Allein was soll's mit solchen Eitelkeiten?
Weg den Versuch, mit Schmeichelei zu blenden!
Doch gibt es noch ein Süßes, das vom
Innern
Zum Innern spricht, genießbar in der Ferne,
Das kann nur bis zu dir hinüber wehen.
Und fühlst du dann ein freundliches
Erinnern,
Als blinkten froh dir wohlbekannte Sterne,
Wirst du die kleinste Gabe nicht verschmähen.
Am jüngsten Tag, wenn die Posaunen
schallen
Und alles aus ist mit dem Erdeleben,
Sind wir verpflichtet, Rechenschaft zu geben
Von jedem Wort, das unnütz uns entfallen.
Wie wird's nun werden mit den Worten
allen,
In welchen ich so liebevoll mein Streben
Um deine Gunst dir an den Tag gegeben,
Wenn diese bloß an deinem Ohr verhallen?
Darum bedenk', o Liebchen! Dein
Gewissen,
Bedenk' im Ernst, wie lange du gezaudert,
Dass nicht der Welt solch Leiden widerfahre.
Werd' ich berechnen und entschuld'gen
müssen,
Was alles unnütz ich vor dir geplaudert,
So wird der jüngste Tag zum vollen Jahre.
Ihr liebt und schreibt Sonette! Weh der
Grille!
Die Kraft des Herzens, sich zu offenbaren,
Soll Reime suchen, sie zusammenpaaren;
Ihr Kinder, glaubt, ohnmächtig bleibt der Wille.
Ganz ungebunden spricht des Herzens
Fülle
Sich kaum noch aus: Sie mag sich gern bewahren;
Dann Stürmen gleich durch alle Saiten fahren;
Dann wieder senken sich zu Nacht und Stille.
Was quält ihr euch und uns, auf jähem
Stege
Nur Schritt vor Schritt den läst'gen Stein zu wälzen,
Der rückwärts lastet, immer neu zu mühen?
Die Liebenden
Im Gegenteil, wir sind auf rechtem Wege!
Das Allerstarrste freudig aufzuschmelzen,
Muss Liebesfeuer allgewaltig glühen.
Ich zweifle doch am Ernst verschränkter
Zeiten!
Zwar lausch' ich gern bei deinen Silbespielen;
Allein mir scheint, was Herzen redlich fühlen,
Mein süßer Freund, das soll man nicht befeilen.
Der Dichter pflegt, um nicht zu
langeweilen,
Sein Innerstes von Grund aus umzuwühlen;
Doch seine Wunden weiß er auszukühlen,
Mit Zauberwort die tiefsten auszuheilen.
Dichter
Schau, Liebchen, hin! Wie geht's dem
Feuerwerker?
Drauf ausgelernt, wie man nach Maßen wettert,
Irrgänglich-klug miniert er seine Grüfte;
Allein die Macht des Elements ist
stärker,
Und eh' er sich's versieht, geht er zerschmettert
Mit allen seinen Künsten in die Lüfte.
Mit Flammenschrift war innigst
eingeschrieben
Petrarcas Brust vor allen andern Tagen
Karfreitag. Eben so, ich darf's wohl sagen,
Ist mir Advent von Achtzehnhundertsieben.
Ich fing nicht an, ich fuhr nur fort zu
lieben
Sie, die ich früh im Herzen schon getragen,
Dann wieder weislich aus dem Sinn geschlagen,
Der ich nun wieder bin ans Herz getrieben.
Petrarcas Liebe, die unendlich hohe,
War leider unbelohnt und gar zu traurig,
Ein Herzensweh, ein ewiger Karfreitag.
Doch stets erscheine, fort und fort, die
frohe,
Süß, unter Palmenjubel, wonneschaurig,
Der Herrin Ankunft mir, ein ew'ger Maitag.
Zwei Worte sind es, kurz,
bequem zu sagen,
Die wir so oft mit holder Freude nennen,
Doch keineswegs die Dinge deutlich kennen,
Wovon sie eigentlich den Stempel tragen.
Es tut gar wohl in jung
und alten Tagen,
Eins an dem andern kecklich zu verbrennen;
Und kann man sie vereint zusammen nennen,
So drückt man aus ein seliges Behagen.
Nun aber such' ich ihnen
zu gefallen
Und bitte mit sich selbst mich zu beglücken;
Ich hoffe still, doch hoff' ich's zu erlangen:
Als Namen der Geliebten
sie zu lallen,
In einem Bild sie beide zu erblicken,
In einem Wesen beide zu umfangen.
Ü
Þ |