19. Epigrammatisch
Erste Reihe
Sich in erneutem Kunstgebrauch zu üben,
Ist heil'ge Pflicht, die wir die auferlegen.
Du kannst dich auch, wie wir, bestimmt bewegen
Nach Tritt und Schritt, wie es dir vorgeschrieben.
Denn eben die Beschränkung lässt sich
lieben,
Wenn sich die Geister gar gewaltig regen;
Und wie sie sich denn auch gebärden mögen,
Das Werk zuletzt ist doch vollendet blieben.
So möcht' ich selbst in künstlichen
Sonetten,
In sprachgewandter Maße kühnem Stolze,
Das Beste, was Gefühl mir gäbe, reimen;
Nur weiß ich hier mich nicht bequem zu
betten,
Ich schneide sonst so gern aus ganzem Holze,
Und müsste nun doch auch mitunter leimen.
Was reich und arm! Was stark und schwach!
Ist reich vergrabner Urne Bauch?
Ist stark das Schwert im Arsenal?
Greif milde drein, und freundlich Glück
Fließt, Gottheit, von dir aus!
Fass' an zum Siege, Macht, das Schwert.
Und über Nachbarn Ruhm!
Er.
Du gefällst mir so wohl, mein liebes Kind,
Und wie wir hier beieinander sind,
So möcht' ich nimmer scheiden;
Da wär' es wohl uns beiden.
Sie.
Gefall' ich dir, so gefällst du mir;
Du sagst es frei, ich sag' es dir.
Eh nun! Heiraten wir eben!
Das übrige wird sich geben.
Er.
Heiraten, Engel, ist wunderlich Wort;
Ich meint', da müsst' ich gleich wieder fort.
Sie.
Was ist's denn so großes Leiden?
Geht's nicht, so lassen wir uns scheiden.
A.
Was krähst du mir und tust so groß:
"Hab' ich doch ein köstlich Liebchen!"
So weis' mir sie doch! Wer ist sie denn?
Die kennt wohl manches Bübchen!
B.
Kennst du sie denn, du Lumpenhund?
A.
Das will ich grad nicht sagen;
Doch hat sie wohl auch zu guter Stund'
Dem und jenem nichts abgeschlagen.
B.
"Wer ist denn der Der und der Jener denn?
Das sollst du mir bekennen!
Ich schlage dir gleich den Schädel ein,
Wenn du sie mir nicht kannst nennen!"
A.
Und schlügst du mir auch den Schädel ein,
Da könnt' ich ja nimmer reden;
Und wenn du denkst: "Mein Schätzel ist gut!"
Ist weiter ja nichts vonnöten.
Ach, man sparte viel,
Seltner wäre verrückt das Ziel,
Wär' weniger Dumpfheit, vergebenes Sehnen,
Ich könnte viel glücklicher sein -
Gäb's nur keinen Wein
Und keine Weibertränen!
Möcht' ich doch wohl besser sein,
Als ich bin! Was wär'e es?
Soll ich aber besser sein,
Als du bist, so lehr' es!
Möcht' ich auch wohl besser sein
Als so mancher andre!
"Willst du besser sein als wir,
Lieber Freund, so wandre."
"Es ist ein Schuss gefallen!
Mein! Sagt, wer schoss da drauß'?"
Es ist der junge Jäger,
Der schießt im Hinterhaus.
Die Spatzen in dem Garten,
Die machen viel Verdruss.
Zwei Spatzen und ein Schneider,
Die fielen von dem Schuss:
Die Spatzen von den Schroten,
Der Schneider von dem Schreck,
Die Spatzen in die Schoten,
Der Schneider in den -.
Lehrer.
Bedenk', o Kind! Woher sind diese Gaben?
Du kannst nichts von dir selber haben.
Kind.
Ei! Alles hab' ich vom Papa.
Lehrer.
Und der, woher hat's der?
Kind.
Vom Großpapa.
Lehrer.
Nicht doch! Woher hat's denn der Großpapa bekommen?
Kind.
Der hat's genommen.
Ein Kavalier von Kopf und Herz
Ist überall willkommen;
Er hat mit feinem Witz und Scherz
Manch Weibchen eingenommen;
Doch wenn's ihm fehlt an Faust und Kraft,
Wer mag ihn dann beschützen?
Und wenn er keinen Hintern hat,
Wie mag der Edle sitzen?
Die Physiognomisten
Sollt' es wahr sein, was uns der rohe Wandrer
verkündet,
Dass die Menschengestalt von allen sichtlichen Dingen
Ganz allein uns lüge, dass wir, was edel und albern,
Was beschränkt und groß, im Angesichte zu suchen,
Eitele Toren sind, betrogne, betrügende Toren?
Ach! Wir sind auf den dunkelnen Pfad des verworrenen Lebens
Wieder zurückgescheucht, der Schimmer zu Nächten verfinstert.
Der Dichter
Hebet eure zweifelnden Stirnen empor, ihr Geliebten!
Und verdient nicht den Irrtum, hört nicht bald diesen, bald jenen.
Habt ihr eurer Meister vergessen? Auf! Kehret zum Pindus,
Fraget dorten die Neune, der Grazien nächste Verwandte!
Ihnen allein ist gegeben, der edlen stillen Betrachtung
Vorzustehn. Ergebet euch gern der heiligen Lehre,
Merket bescheiden leise Worte. Ich darf euch versprechen:
Anders sagen die Musen, und anders sagt es Musäus.
Wenn einen würdigen Biedermann,
Pastorn oder Ratsherrn lobesan,
Die Wittib lässt in Kupfer stechen
Und drunter ein Verslein radebrechen,
Da heißt's: "Seht hier mit Kopf und Ohren
Den Herrn, Ehrwürdig, Wohlgeboren!
Seht seine Augen und seine Stirn;
Aber sein verständig Gehirn,
So manch Verdienst ums gemeine Wesen,
Könnt ihr ihm nicht an der Nase lesen."
So, liebe Lotte! Heißt's auch hier:
Ich schicke da mein Bildnis dir.
Magst wohl die ernste Stirne sehen,
Der Augen Glut, der Locken Wehen;
's ist ungefähr das garst'ge Gesicht -
Aber meine Liebe siehst du nicht.
im Sommer 1774.
Zwischen Lavater und Basedow
Saß ich bei Tisch des Lebens froh.
Herr Helfer, der war gar nicht faul,
Setzt' sich auf einen schwarzen Gaul,
Nahm einen Pfarrer hinter sich
Und auf die Offenbarung strich,
die uns Johannes der Prophet
Mit Rätseln wohl versiegeln tät;
Eröffnet' die Siegel kurz und gut,
Wie man Theriaksbüchsen öffnen tut,
Und maß mit einem heiligen Rohr
Die Kubusstadt und das Perlentor
Dem hoch erstaunten Jünger vor.
Ich war indes nicht weit gereist,
Hatte ein Stück Salmen aufgespeist.
Vater Basedow unter dieser Zeit
Packt' einen Tanzmeister an seiner Seit'
Und zeigt' ihm, was die Taufe klar
Bei Christ und seinen Jüngern war;
Und dass sich's gar nicht ziemet jetzt,
Dass man den Kindern die Köpfe netzt
Drob ärgert sich der andre sehr
Und wollte gar nichts hören mehr,
Und sagt': Es wüsste ein jedes Kind,
Dass es in der Bibel anders stünd'.
Und ich behaglich unterdessen
Hätt' einen Hahnen aufgefressen.
Und, wie nach Emmaus, weiter ging's
Mit Geist und Feuerschritten,
Prophete rechts, Prophete links,
Das Weltkind in der Mitten.
den 26. Juli 1814.
Ich ging mit stolzem Geistsvertrauen,
Auf dem Jahrmarkt mich umzuschauen,
die Käufer zu sehn an der Händler Gerüste,
Zu prüfen, ob ich noch etwas wüsste,
Wie mir's Lavater vor alter Zeit
Traulich überliefert; das ging sehr weit!
Da sah ich denn zuerst Soldaten,
Denen war's eben zum besten geraten:
Die Tat und Qual, sie war geschehn,
Wollten sich nicht gleich einer neuen versehn;
Der Rock war schon der Dirne genug,
Dass sie ihm derb in die Hände schlug.
Bauer und Bürger, die schienen stumm,
Die guten Knaben beinahe dumm.
Beutel und Scheune war gefegt,
Und hatten keine Ehre eingelegt.
Erwart'ten alle, was da käme,
Wahrscheinlich auch nicht sehr bequeme.
Frauen und Mägdlein in guter Ruh'
Probierten an die hölzernen Schuh;
Man sah an Mienen und Gebärden:
Sie ist guter Hoffnung oder will es werden.
Invocavit wir rufen laut,
Reminiscere o wär' ich Braut!
Die Oculi gehn hin und her;
Laetare drüber nicht so sehr!
O Judica uns nicht so streng!
Palmarum streuen wir die Meng'.
Auf Ostereier freun sich hie
Viel Quasi modo geniti.
Misericordias brauchen wir all.
Jubilate ist ein seltner Fall.
Cantate freut der Menschen Sinn,
Rogate bringt nicht viel Gewinn.
Exaudi uns zu dieser Frist,
Spiritus, der du der letzte bist.
Alle schöne Sünderinnen,
Die zu Heiligen sich geweint,
Sind, um Herzen zu gewinnen,
All in eine nun vereint.
Seht die Mutterlieb', die Tränen,
Ihre Reu und ihre Pein!
Statt Marien Magdalenen
Soll nun Sankt Oliva sein.
So wie Titania im Feen- und Zauberland
Klaus Zetteln in dem Arme fand,
So wirst du bald zur Strafe deiner Sünden
Titanien in deinen Armen finden.
Liebesqual verschmäht mein Herz,
Sanften Jammer, süßen Schmerz;
Nur vom Tücht'gen will ich wissen,
Heißen Äugeln, derben Küssen.
Sei ein armer Hund erfrischt
Von der Lust, mit Pein gemischt!
Mädchen, gib der frischen Brust
Nichts von Pein und alle Lust!
Nein! Hier hat es keine Not:
Schwarze Mädchen, weißes Brot!
Morgen in ein ander Städtchen!
Schwarzes Brot und weiße Mädchen!
Warum ist alles so rätselhaft?
Hier ist das Wollen, hier ist die Kraft;
Das Wollen will, die Kraft ist bereit,
Und daneben die schöne lange Zeit.
So steht doch hin, wo die gute Welt
Zusammenhält!
Seht hin, wo sie auseinanderfällt!
So wälz' ich ohne Unterlass,
Wie Sankt Diogenes, mein Fass.
Bald ist es Ernst, bald ist es Spaß;
Bald ist es Lieb'; bald ist es Hass;
Bald ist es dies, bald ist es das;
Es ist ein Nichts und ist ein Was.
So wälz' ich ohne Unterlass,
Wie Sankt Diogenes, mein Fass.
Der Teufel hol' das Menschengeschlecht!
Man möchte rasend werden!
Da nehm' ich mir so eifrig vor:
Will niemand weiter sehen,
Will all das Volk Gott und sich selbst
Und dem Teufel überlassen!
Und kaum seh' ich ein Menschengesicht,
So hab' ich's wieder lieb.
Aus einer großen Gesellschaft heraus
Ging einst ein stiller Gelehrter zu Haus.
Man fragte: "Wie seid ihr zufrieden gewesen?"
"Wären's Bücher," sagt' er, "ich würd' sie nicht lesen."
A.
Man sagt: "Sie sind ein
Misanthrop!"
B.
Die Menschen hass' ich nicht, gottlob!
Doch Menschenhass, er blies mich an,
Da hab' ich gleich dazu getan.
A.
Wie hat sich's denn so bald gegeben?
B.
Als Einsiedler beschloss ich zu leben.
A.
Was widert dir der Trank so schal?
B.
Ich trinke gern aus dem frischen Quall.
A.
Daraus kam aber das Bächlein her!
B.
Der Unterschied ist bedeutend sehr:
's wird immer mehr fremden Schmack gewinnen;
Es mag nur immer weiter rinnen.
Ein Quidam sagt: "Ich bin von keiner Schule!
Kein Meister lebt, mit dem ich buhle;
Auch bin ich weit davon entfernt,
Dass ich von Toten was gelernt."
Das heißt, wenn ich ihn recht verstand:
"Ich bin ein narr auf eigne Hand."
Was nicht zusammengeht, das soll sich meiden!
Ich hindr' euch nicht, wo's euch beliebt, zu weiden;
Denn ihr seid neu, und ich bin alt geboren.
Macht, was ihr wollt; nur lasst mich ungeschoren!
Lasst euch einen Gott begeisten!
Euch beschränket nur mein Sagen.
Was ihr könnt, ihr werdet's leisten,
Aber müsst mich nur nicht fragen.
Die Abgeschiednen betracht' ich gern,
Stünd' ihr Verdienst auch noch so fern;
Doch mit den edlen lebendigen Neuen
Mag ich, wetteifernd, mich lieber freuen.
Was Gutes zu denken, wäre gut,
Fänd' sich nur immer das gleiche Blut;
Dein Gutgedachtes in fremden Adern
Wird sogleich mit dir selber hadern.
Ich wär' noch gern ein tätig Mann,
Will aber ruhn;
Denn ich soll ja noch immer tun,
Was immer ungern ich getan.
Trüge gern noch länger des Lehrers Bürden,
Wenn Schiller nur nicht gleich Lehrer würden.
Ihr müsst mich nicht durch Widerspruch verwirren!
Sobald man spricht, beginnt man schon zu irren.
Seh' ich die Werke der Meister an,
So seh' ich das, was sie getan;
Betracht' ich meine Siebensachen,
Seh' ich, was ich hätt' sollen machen.
Wenn du dich selber machst zum Knecht,
Bedauert dich niemand, geht's dir schlecht;
Machst du dich aber selbst zum Herrn,
Die Leute sehn es auch nicht gern;
Und bleibst du endlich, wie du bist,
So sagen sie, dass nichts an dir ist.
Über Wetter- und Herren-Launen
Runzle niemals die Augenbraunen!
Und bei den Grillen der hübschen Frauen
Musst du immer vergnüglich schauen.
Willst du der getreue Eckart sein
Und jedermann vor Schaden warnen,
's ist auch eine Rolle, sie trägt nichts ein:
Sie laufen dennoch nach den Garnen.
Ihr lasst nicht nach, ihr bleibt dabei,
Begehret Rat. Ich kann ihn geben;
Allein, damit ich ruhig sei,
Versprecht mir, ihm nicht nachzuleben.
Wenn dir's in Kopf und Herzen schwirrt,
Was willst du Bessres haben!
Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt,
Der lasse sich begraben.
Ich liebe mir den heitern Mann
Am meisten unter meinen Gästen:
Wer sich nicht selbst zum besten haben kann,
Der ist gewiss nicht von den Besten.
Kannst dem Schicksal widerstehen,
Aber manchmal gibt es Schläge;
Will's nicht aus dem Wege gehen,
Ei! So geh du aus dem Wege!
Musst nicht widerstehn dem Schicksal,
Aber musst es auch nicht fliehen!
Wirst du ihm entgegengehen,
Wird's dich freundlich nach sich ziehen.
Wer bescheiden ist, muss dulden,
Und wer frech ist, der muss leiden;
Also wirst du gleich verschulden,
Ob du frech seist, ob bescheiden.
Willst du dir ein hübsch Leben zimmern,
Musst dich ums Vergangne nicht bekümmern;
Das Wenigste muss dich verdrießen;
Musst stets die Gegenwart genießen,
Besonders keinen Menschen hassen
Und die Zukunft Gott überlassen.
Enthusiasmus vergleich' ich gern
Der Auster, meine lieben Herrn,
Die, wenn ihr sie nicht frisch genosst,
Wahrhaftig ist eine schlechte Kost.
Begeisterung ist keine Heringsware,
Die man einpökelt auf einige Jahre.
Jeder ist doch auch ein Mensch! -
Wenn er sich gewahret,
Sieht er, dass Natur an ihm
Wahrlich nicht gesparet,
Dass er manche Lust und Pein
Trägt als er und eigen.
Sollt' er nicht auch hinterdrein
Wohlgemut sich zeigen?
Ein Bruder ist's von vielen Brüdern,
In allem ihnen völlig gleich,
Ein nötig Glied von vielen Gliedern
In eines großen Vaters Reich;
Jedoch erblickt man ihn nur selten,
Fast wie ein eingeschobnes Kind:
Die andern lassen ihn nur gelten
Da, wo sie unvermögend sind.
Die Jahre sind allerliebste Leut':
Sie brachten gestern, sie bringen heut,
Und so verbringen wir Jüngern eben
Das allerliebste Schlaraffenleben.
Und dann fällt's den Jahren auf einmal ein,
Nicht mehr wie sonst bequem zu sein;
Wollen nicht mehr schenken, wollen nicht mehr borgen,
Sie nehmen heute, sie nehmen morgen.
Das Alter ist ein höflich Mann,
Einmal übers andre klopft er an,
Aber nun sagt niemand: Herein!
Und vor der Türe will er nicht sein.
Da klinkt er auf, tritt ein so schnell,
Und nun heißt's, er sei ein grober Gesell.
Als Knabe verschlossen und trutzig,
Als Jüngling anmaßlich und stutzig,
Als Mann zu Taten willig,
Als Greis leichtsinnig und grillig! -
Auf deinem Grabstein wird man lesen:
Das ist fürwahr ein Mensch gewesen!
Wenn ich 'mal ungeduldig werde,
Denk' ich an die Geduld der Erde,
Die, wie man sagt, sich täglich dreht
Und jährlich so wie jährlich geht.
Bin ich denn für was andres da? -
Ich folge der lieben Frau Mama.
Sind die im Unglück, die wir lieben,
Das wird uns wahrlich bass betrüben,
Sind aber glücklich, die wir hassen,
Das will sich gar nicht begreifen lassen;
Umgekehrt ist's ein Jubilo,
Da sind wir lieb- und schadenfroh.
Sollen die Menschen nicht denken und dichten,
Müsst ihr ihnen ein lustig Leben errichten;
Wollt ihr ihnen aber wahrhaft nützen,
So müsst ihr sie scheren und sie beschützen.
Darf man das Volk betrügen?
Ich sage: Nein!
Doch willst du sie belügen,
So mach' es nur nicht fein.
Das Größte will man nicht erreichen,
Man beneidet nur seinesgleichen;
Der schlimmste Neidhart ist in der Welt,
Der jeden für seinesgleichen hält.
Mann mit zugeknöpften Taschen,
Dir tut niemand was zulieb:
Hand wird nur von Hand gewaschen;
Wenn du nehmen willst, so gib!
A.
Sag' mir, warum dich keine Zeitung freut?
B.
Ich liebe sie nicht, sie dienen der Zeit.
Hör' auf die Worte harum horum:
Ex tenui Spes Saeculorum.
Willst du die harum horum kennen,
Jetzt werden sie dir sich selber nennen.
Wer will denn alles gleich ergründen!
Sobald der Schnee schmilzt, wird sich's finden.
Hier hilft nun weiter kein Bemühn!
Sind's Rosen, nun sie werden blühn.
Zweite Reihe
Auf der recht- und linken Seite,
Auf dem Berg und in der Mitten
Sitzen, stehen sie zum Streite,
All' einander ungelitten.
Wenn du dich ans Ganze wendest
Und votierest, wie du sinnest,
Merke, welchen du entfremdest,
Fühle, wen du dir gewinnest.
Dreihundert Jahre hat sich schon
Der Protestant erwiesen,
Dass ihn von Papst- und Türkenthron
Befehle bass verdrießen.
Was auch der Pfaffe sinnt und schleicht,
Der Prediger steht zur Wache,
Und dass der Erbfeind nichts erreicht,
Ist aller Deutschen Sache.
Auch ich soll gottgegebne Kraft
Nicht ungenützt verlieren
Und will in Kunst und Wissenschaft
Wie immer protestieren.
Der Deutsche ist gelehrt,
Wenn er sein Deutsch versteht;
Doch bleib' ihm unverwehrt,
Wenn er nach außen geht.
Er komme dann zurück,
Gewiss um viel gelehrter;
Doch ist's ein großes Glück,
Wenn nicht um viel verkehrter.
Strenge Fräulein zu begrüßen,
Muss ich mich bequemen;
Mit den liederlichen Süßen
Werd' ich's leichter nehmen.
Auf der Bühne lieb' ich droben
Keine Redumschweife,
Soll ich denn am Ende loben,
Was ich nicht begreife?
Lose fassliche Gebärden
Können mich verführen;
Lieber will ich schlechter werden
Als mich ennuyieren.
Wo ist einer, der sich quälet
Mit der Last, die wir getragen?
Wenn es an Gestalten fehlet,
Ist ein Kreuz geschwind geschlagen.
Pfaffenhelden singen sie,
Frauen wohl empfohlen,
Oberleder bringen sie,
Aber keine Sohlen.
Jung und Alte, groß und klein,
Grässliches Gelichter!
Niemand will ein Schuster sein,
Jedermann ein Dichter.
Alle kommen sie gerennt,
Möchten's gerne treiben;
Doch wer keinen Leisten kennt,
Wird ein Pfuscher bleiben.
Willst du das verfluchte Zeug
Auf dem Markte kaufen,
Wirst du, eh' es möglich deucht,
Wirst du barfuss laufen.
Seit vielen Jahren hab' ich still
Zu eurem Tun geschwiegen,
Das sich am Tag und Tages-Will'
Gefällig mag vergnügen.
Ihr denkt, woher der Wind auch weht
Zu Schaden und Gewinne,
Wenn es nach eurem Sinne geht,
Es ging' nach einem Sinne.
Du segelst her, der andre hin,
Die Woge zu erproben,
Und was erst eine Flotte schien,
Ist ganz und gar zerstoben.
Das geht so fröhlich
Ins Allgemeine!
Ist leicht und selig,
Als wär's auch reine.
Sie wissen gar nichts
Von stillen Riffen;
Und wie sie schiffen,
Die lieben Heitern,
Sie werden wie gar nichts
Zusammen scheitern.
Saturnus eigne Kinder frisst,
Hat irgend kein Gewissen;
Ohne Senf und Salz und, wie ihr wisst,
Verschlingt er euch den Bissen.
Shakespearen sollt' es auch ergehn
Nach hergebrachter Weise: -
Den hebt mir auf, sagt Polyphem,
Dass ich zuletzt ihn speise.
Sprichst du von Natur und Kunst,
Habe beide stets vor Augen;
Denn was will die Rede taugen
Ohne Gegenwart und Gunst!
Eh' du von der Liebe sprichst,
Lass sie erst im Herzen leben,
Eines holden Angesichts
Phosphorglanz dir Feuer geben.
Ohne Schrittschuh und Schellengeläut'
Ist der Januar ein böses Heut.
Ohne Fastnachtstanz und Mummenspiel
Ist am Februar auch nicht viel.
Willst du den März nicht ganz verlieren,
So lass nicht in April dich führen.
Den ersten April muss überstehn,
Dann kann dir manches Guts geschehn.
Und weiterhin im Mai, wenn's glückt,
Hat dich wieder ein Mädchen berückt.
Und das beschäftigt dich so sehr,
Zählst Tage, Wochen und Monde nicht mehr.
Hast du das Mädchen gesehn
Flüchtig vorübergehn?
Wollt', sie wär' meine Braut!
Ja wohl! Die Blonde, die Falbe!
Sie fitticht so zierlich wie die Schwalbe,
Die ihr Nest baut.
Du bist mein und bist so zierlich,
Du bist mein und so manierlich,
Aber etwas fehlt dir noch:
Küssest mit so spitzen Lippen,
Wie die Tauben Wasser nippen;
Allzu zierlich bist du doch!
"In deinem Liede walten
Gar manche schöne Namen!"
Sind mancherlei Gestalten,
Doch nur ein Rahmen.
"Nun aber die Schöne,
Die dich am Herzen hegte?"
Jede kennt die Töne,
Die sie erregte.
Immer niedlich, immer heiter,
Immer lieblich und so weiter,
Stets natürlich, aber klug;
Nun das, dächt' ich, wär' genug.
"Wir streben nach dem Absoluten,
Als nach dem allerhöchsten Guten."
Ich stell' es einem jeden frei;
Doch merkt' ich mir vor andern Dingen:
Wie unbedingt, uns zu bedingen,
Die absolute Liebe sei.
Ein Werkzeug ist es, alle Tage nötig,
Den Männern weniger, den Frauen viel,
Zum treusten Dienste gar gelind erbötig,
Im einen vielfach, spitz und scharf. Sein Spiel
Gern wiederholt, wobei wir uns bescheiden:
Von außen glatt, wenn wir von innen leiden.
Doch Spiel und Schmuck erquickt uns nur aufs neue,
Erteilte Lieb' ihm erst gerechte Weihe.
Die besten Freunde, die wir haben,
Sie kommen nur mit Schmerzen an,
Und was sie uns für Weh getan,
Ist fast so groß als ihre Gaben.
Und wenn sie wieder Abschied nehmen,
Muss man zu Schmerzen sich bequemen.
"Du kommst doch über so viele hinaus,
Warum bist du gleich außerm Haus,
Warum gleich aus dem Häuschen,
Wenn einer dir mit Brillen spricht?
Du machst ein ganz verflucht Gesicht
Und bist so still wie Mäuschen."
Das scheint doch wirklich sonnenklar!
Ich geh' mit Zügen frei und bar,
Mit freien treuen Blicken;
Der hat eine Maske vorgetan,
Mit Späherblicken kommt er an,
Darein sollt' ich mich schicken?
Was ist denn aber beim Gespräch,
Das Herz und Geist erfüllet,
Als dass ein echtes Wortgepräg'
Von Aug' zu Auge quillet!
Kommt jener nun mit Gläsern dort,
So bin ich stille, stille;
Ich rede kein vernünftig Wort
Mit einem durch die Brille.
Spricht man mit jedermann,
Da hört man keinen;
Stets wird ein andrer Mann
Auch anders meinen.
Was wäre Rat sodann
Vor unsern Ohren?
Kennst du nicht Mann für Mann,
Du bist verloren.
Befrei' uns Gott von s und ung,
Wir können sie entbehren;
Doch wollen wir durch Musterung
Nicht uns noch andre scheren.
Es schreibt mir einer: "Den Vergleich
Von Deutschen und Franzosen,"
Und jeder Patriot sogleich
Wird heftig sich erbosen.
Kein Christenmensche hört ihm zu;
Ist denn der Kerl bei Sinnen?
Vergleichung aber lässt man zu:
Da müssen wir gewinnen.
"Was ist denn Kunst und Altertum,
Was Altertum und Kunst?"
Genug, das eine hat den Ruhm,
Das andre hat die Gunst.
"Sprich, wie du dich immer und immer erneust?"
Kannst's auch, wenn du immer am Großen dich freust.
Das Große bleibt frisch, erwärmend, belebend;
Im Kleinlichen fröstelt der Kleinliche bebend.
Scharfsinnig habt ihr, wie ihr seid,
Von aller Verehrung uns befreit,
Und wir bekannten überfrei,
Dass Ilias nur ein Flickwerk sei.
Mög' unser Abfall niemand kränken;
Denn Jugend weiß uns zu entzünden,
Dass wir ihn lieber als Ganzes denken,
Als Ganzes freudig ihn empfinden.
Die Wanderjahre sind nun angetreten,
Und jeder Schritt des Wandrers ist bedenklich.
Zwar pflegt er nicht zu singen und zu beten;
Doch wendet er, sobald der Pfad verfänglich,
Den ernsten Blick, wo Nebel ihn umtrüben,
Ins eigne Herz und in das Herz der Lieben.
Geht einer mit dem andern hin,
Und auch wohl vor dem andern;
Drum lasst uns treu und brav und kühn
Die Lebenspfade wandern.
Es fällt ein jüngerer Soldat
Wohl in den ersten Schlachten;
Der andre muss ins Alter spat
Im Biwak übernachten.
Doch weiß er eifrig seinen Ruhm
Und seines Herrn zu mehren,
So bleibt sein letztes Eigentum
Gewiss das Bett der Ehren.
"Wie
man nur so leben mag?
Du machst dir gar keinen guten Tag!"
Ein guter Abend kommt heran,
Wenn ich den ganzen Tag getan.
Wenn man mich da- und dorthin zerrt
Und wo ich nichts vermag,
Bin von mir selbst nur abgesperrt,
Da hab' ich keinen Tag.
Tut sich nun auf, was man bedarf
Und was ich wohl vermag,
Da greif' ich ein, es geht so scharf,
Da hab' ich meinen Tag.
Ich scheine mir an keinem Ort,
Auch Zeit ist keine Zeit,
Ein geistreich-aufgeschlossnes Wort
Wirkt auf die Ewigkeit.
Unmöglich ist's, den Tag dem Tag zu zeigen,
Der nur Verworrnes im Verworrnen spiegelt,
Und jeder selbst sich fühlt als recht und eigen,
Statt sich zu zügeln, nur am andern zügelt;
Da ist's den Lippen besser, dass sie schweigen,
Indes der Geist sich fort und fort beflügelt.
Aus Gestern wird nicht Heute; doch Äonen,
Sie werden wechselnd sinken, werden thronen.
Sage, Muse, sag' dem Dichter,
Wie er denn es machen soll!
Denn der wunderlichsten Richter
Ist die liebe Welt so voll.
Immer hab' ich doch den rechten
Klaren Weg im Lied gezeigt,
Immer war es doch den schlechten
Düstren Pfaden abgeneigt.
Aber was die Herren wollten,
Ward mir niemals ganz bekannt;
Wenn sie wüssten, was sie sollten,
Wär' es auch wohl bald genannt.
"Willst du dir ein Maß bereiten,
Schaue, was den Edlen misst,
Was ihn auch entstellt zu Zeiten,
Wenn der Leichtsinn sich vergisst.
Solch ein Inhalt deiner Sänge,
Der erbauet, der gefällt,
Und im wüstesten Gedränge
Dankt's die stille bessre Welt.
Frage nicht nach anderm Titel!
Reinem Willen bleibt sein Recht.
Und die Schurken lass dem Büttel
Und die Narren dem Geschlecht."
Fastnacht 1825.
Da das Alter, wie wir wissen,
Nicht für Thorheit helfen kann,
Wär' es ein gesundner Bissen
Einem heitern alten Mann,
Dass am Rhein, dem vielbeschwommnen,
Mummenschar sich zum Gefecht
Rüstet gegen angekommnen
Feind, zu sichern altes Recht.
Auch dem Weisen fügt behäglich
Sich die Thorheit wohl zur Hand;
Und so ist es gar verträglich,
Wenn er sich mit euch verband.
Selbst Erasmus ging den Spuren
Der Moria scherzend nach;
Ulrich Hutten mit Obskuren
Derbe Lanzenkiele brach.
Löblich wird ein tolles Streben,
Wenn es kurz ist und mit Sinn;
Heiterkeit zum Erdeleben
Sei dem flüchtigen Rausch Gewinn!
Häuset nur an diesem Tage
Kluger Thorheit Vollgewicht,
Dass mit uns die Nachtwelt sage:
Jahre sind der Lieb' und Pflicht!
Manch gutes Werk hab' ich verricht,
Ihr nehmt das Lob, das kränkt mich nicht.
Ich denke, dass sich in der Welt
Alles bald wieder ins Gleiche stellt.
Lobt man mich, weil ich was Dummes gemacht,
Dann mir das Herz im Leibe lacht;
Schilt man mich, weil ich was Gutes getan,
So nehm' ich's ganz gemächlich an.
Schlägt mich ein Mächtiger, dass es schmerzt,
So tu' ich, als hätt' er nur gescherzt;
Doch sit es einer von meinesgleichen,
Den weiß ich wacker durchzustreichen.
Hebt mich das Glück, so bin ich froh
Und sing' in dulci jubilo;
Senkt sich das Rad und quetscht mich nieder,
So denk' ich: Nun, es hebt sich wieder!
Grille nicht bei Sommersonnenschein,
Dass es wieder werde Winter sein;
Und kommen die weißen Flockenscharen,
Da lieb' ich mir das Schlittenfahren.
Ich mag mich stellen, wie ich will,
Die Sonne hält mir doch nicht still,
Und immer geht's den alten Gang
Das liebe lange Leben lang.
Der Knecht sowie der Herr vom Haus
Ziehen sich täglich an und aus,
Sie mögen sich hoch oder niedrig messen,
Müssen wachen, schlafen, trinken und essen.
Drum trag' ich über nichts ein Leid;
Macht's wie der Narr, so seid ihr gescheit!
Ü
Þ
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