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            23. Aus fremden Sprachen
            24. Zahme Xenien
            25. Inschriften, D.-, S.-Blätter

24. Zahme Xenien

Erste Reihe

I.

Ich rufe dich, verrufnes Wort,
Zur Ordnung auf des Tags:
Denn Wichte, Schelme solchen Schlags,
Die wirken immer fort.


"Warum willst du dich von uns allen
Und unserer Meinung entfernen?"
Ich schreibe nicht euch zu gefallen;
Ihr sollt was lernen.


"Ist denn das klug und wohlgetan?
Was willst du Freund und Feinde kränken!"
Erwachsne gehn mich nichts mehr an,
Ich muss nun an die Enkel denken.


Und sollst auch du und du und du
Nicht gleich mit mir zerfallen;
Was ich dem Enkel zuliebe tu',
Tu' ich euch allen.


Verzeiht einmal dem raschen Wort,
Und so verzeiht dem Plaudern;
Denn jetzo wär's nicht ganz am Ort,
Wie bis hieher zu zaudern.


Wer in der Weltgeschichte lebt,
Dem Augenblick sollt' er sich richten?
Wer in die Zeiten schaut und strebt,
Nur der ist wert, zu sprechen und zu dichten.


"Sag' mir, worauf die Bösen sinnen!"
Andern den Tag zu verderben,
Sich den Tag zu gewinnen:
Das, meinen sie, heiße erwerben.


"Was ist denn deine Absicht gewesen,
Jetzt neue Feuer anzubrennen?"
Diejenigen sollen's lesen,
Die mich nicht mehr hören können.


Einen langen Tag über lebt' ich schön,
Eine kurze Nacht;
Die Sonne war eben im Aufgehn,
Als ich zu neuem Tag erwacht.


"Deine Zöglinge möchten dich fragen:
Lange lebten wir gern auf Erden;
Was willst du uns für Lehre sagen?"
Keine Kunst ist's, alt zu werden,
Es ist Kunst, es zu ertragen.


Nachdem einer ringt,
Also ihm gelingt,
Wenn Mannes Kraft und Hab'
Ihm Gott zum Willen gab.


Den hoch bestandnen Föhrenwald
Pflanzt' ich in jungen Tagen,
Er freut mich so! - ! - ! - Man wird ihn bald
Als Brennholz niederschlagen.


Die Axt erklingt, da blinkt schon jedes Beil,
Die Eiche fällt, und jeder holzt sein Teil.


Ein alter Mann ist stets ein König Lear! -
Was Hand in Hand mitwirkte, stritt,
Ist längst vorbeigegangen;
Was mit und an dir liebte, litt,
Hast sich wo anders angehangen.
Die Jungend ist um ihretwillen hier;
Es wäre törig, zu verlangen:
Komm, ältele du mit mir.


Gutes zu empfangen, zu erweisen,
Alter, geh auf Reisen! -
Meine Freunde
Sind aus einer Mittelzeit,
Eine schöne Gemeinde,
Weit und breit,
Auch entfernt,
Haben sie von mir gelernt,
In Gesinnung treu;
Haben nicht an mir gelitten,
Ich hab' ihnen nichts abzubitten;
Als Person komm' ich neu.
Wir haben kein Konto miteinander,
Sind wie im Paradies selbander.


Mit dieser Welt ist's keiner Wege richtig;
Vergebens bist du brav, vergebens tüchtig,
Sie will uns zahm, sie will sogar uns nichtig!


Von heiligen Männern und von weisen
Ließ' ich mich recht gern unterweisen,
Aber es müsste kurz geschehn,
Langes Reden will mir nicht anstehn:
Wornach soll man am Ende trachten?
Die Welt zu kennen und sie nicht verachten.


Hast du es so lange wie ich getrieben,
Versuche wie ich das Leben zu lieben.


Ruhig soll ich hier verpassen
Meine Müh' und Fleiß;
Alles soll ich gelten lassen,
Was ich besser weiß.


Hör' auf doch, mit Weisheit zu prahlen, zu prangen,
Bescheidenheit würde dir löblicher stehn:
Kaum hast du die Fehler der Jugend begangen,
So musst du die Fehler des Alters begehn.


   Liebe leidet nicht Gesellen,
Aber Leiden sucht und hegt sie;
Lebenswoge, Well' auf Wellen,
Einen wie den andern trägt sie.

   Einsam oder auch selbander,
Unter Lieben, unter Leiden,
Werden vor- und ancheinander
Einer mit dem andern scheiden.


Wie es dir nicht im Leben ziemt,
Musst du nach Ruhm auch nicht am Ende jagen;
Denn bist du nur erst hundert Jahr berühmt,
So weiß kein Mensch mehr was von dir zu sagen.


Ins holde Leben wenn dich Götter senden,
Genieße wohlgemut und froh!
Scheint es bedenklich, dich hinaus zu wenden,
Nimm dir's nicht übel: Allen scheint es so.


Nichts vom Vergänglichen,
Wie's auch geschah!
Uns zu verewigen,
Sind wir ja da.


Hab' ich gerechter Weis' verschuldet
Diese Strafe in alten Tagen?
Erst hab' ich's an den Vätern erduldet,
Jetzt muss ich's an den Enkeln ertragen.


"Wer will der Menge widerstehn?"
Ich widerstreb' ihr nicht, ich lass' sie gehn:
Sie schwebt und webt und schwankt und schwirrt,
bis sie endlich wieder Einheit wird.


"Warum erklärst du's nicht und lässt sie gehn?"
Geht's mich denn an, wenn sie mich nicht verstehn?


"Sag nur, wie trägst du so behäglich
Der tollen Jugend anmaßliches Wesen?"
Fürwahr, sie wären unerträglich,
Wär' ich nicht auch unerträglich gewesen.


Ich hör' es gern, wenn auch die Jugend plappert,
Das Neue klingt, das Alte klappert.


"Warum willst du nicht mit Gewalt
Unter die Toren, die Neulinge schlagen?"
Wär' ich nicht mit Ehren alt,
Wie wollt' ich die Jugend ertragen.


"Was wir denn sollen,
Sag' uns, in diesen Tagen?"
Sie machen, was sie wollen,
Nur sollen sie mich nicht fragen.


"Wie doch, betrügerischer Wicht,
Verträgst du dich mit allen?"
Ich leugne die Talente nicht,
Wenn sie mir auch missfallen.


Wenn einer auch sich überschätzt,
Die Sterne kann er nicht erreichen;
Zu tief wird er herabgesetzt,
Da ist denn alles bald im Gleichen.


Fahrt nur fort nach eurer Weise
Die Welt zu überspinnen!
Ich in meinem lebendigen Kreise
Weiß das Leben zu gewinnen.


Mir will das kranke Zeug nicht munden,
Autoren sollten erst gesunden.


Zeig' ich die Fehler des Geschlechts,
So heißt es: Tue selbst was Rechts.


"Du Kräftiger sei nicht so still,
Wenn auch sich andere scheuen."
Wer den Teufel erschrecken will,
Der muss laut schreien.


"Du hast an schönen Tagen
Dich manchmal abgequält!"
Ich habe mich nie verrechnet,
Aber oft verzählt.


Über Berg und Tal
Irrtum über Irrtum allzumal,
Kommen wir wieder ins Freie!
Doch da ist's gar zu weit und breit,
Nun suchen wir in kurzer Zeit
Irrgang und Berg aufs neue.


Gibt's ein Gespräch, wenn wir uns nicht betrügen
Mehr oder weniger versteckt?
So ein Ragout von Wahrheit und von Lügen,
Das ist die Köcherei, die mir am besten schmeckt.


Kennst du das Spiel, wo man im lust'gen Kreis
Das Pfeifchen sucht und niemals findet,
Weil man's dem Sucher, ohn' dass er's weiß,
In seines Rockes hintre Falten bindet,
Das heißt: An seinen Steiß?


Mit Narren leben wird dir gar nicht schwer,
Versammle nur ein Tollhaus um dich her.
Bedenke dann, das macht dich gleich gelind,
Dass Narrenwärter selbst auch Narren sind.


Wo recht viel Widersprüche schwirren,
Mag ich am liebsten wandern;
Niemand gönnt dem andern -
Wie lustig! - Das Recht zu irren.


Stämme wollen gegen Stämme pochen,
Kann doch einer, was er andre kann!
Steckt doch Mark in jedem Knochen,
Und in jedem Hemde steckt ein Mann.


Hat Welscher-Hahn an seinem Kropf,
Storch an dem Langhals Freude;
Der Kessel schilt den Ofentopf,
Schwarz sind sie alle beide.


Wie gerne säh' ich jeden stolzieren,
Könnt' er das Pfauenrad vollführen.


"Warum nur die hübschen Leute
Mir nicht gefallen sollen?"
Manchen hält man für fett,
Er ist nur geschwollen.


Da reiten sie hin! Wer hemmt den Lauf?
Wer reitet denn? Stolz und Unwissenheit.
Lass sie reiten! Da ist gute Zeit,
Schimpf und Schade sitzen hinten auf.


"Wie ist dir's doch so balde
Zur Ehr' und Schmach gediehn?"
Blieb' der Wolf im Walde,
So würd' er nicht beschrien.


Die Freunde
O! Lass die Jammerklagen,
Da nach den schlimmsten Tagen
Man wieder froh genießt.

Hiob
Ihr wollet meiner spotten;
Denn, ist der Fisch gesotten,
Was hilft es, dass die Quelle fließt?


Was willst du mit den alten Tröpfen?
Es sind Knöpfe, die nicht mehr knöpfen.


   Lass im Irrtum sie gebettet,
Suche weislich zu entfliehn,
Bist ins Freie du gerettet,
Niemand sollst du nach dir ziehn.

   Über alles, was begegnet,
Froh, mit reinem Jugendsinn,
Sei belehrt, es sei gesegnet!
Und das bleibe dir Gewinn.


Ins Sichere willst du dich betten!
Ich liebe mir inneren Streit:
Denn, wenn wir die Zweifel nicht hätten,
Wo wäre denn frohe Gewissheit?


"Was willst du, dass von deiner Gesinnung
Man dir nach ins Ewige sende?"
Er gehörte zu keiner Innung,
Blieb Liebhaber bis ans Ende.


"Triebst du doch bald dies, bald das!
War es ernstlich, war es Spaß?"
Dass ich redlich mich beflissen,
Was auch werde, Gott mag's wissen.


"Dir warum doch verliert
Gleich alles Wert und Gewicht?"
Das Tun interessiert,
Das Getane nicht.


"So still und so sinnig!
Es fehlt dir was, gesteh es frei."
Zufrieden bin ich,
Aber mir ist nicht wohl dabei.


Weißt du, worin der Spaß des Lebens liegt?
Sei lustig - Geht es nicht, so sei vergnügt.


II.

Mit Bakis Weissagen vermischt.

Wir sind vielleicht zu antik gewesen,
Nun wollen wir es moderner lesen.


"Sonst warst du so weit vom Prahlen entfernt,
Wo hast du das Prahlen so grausam gelernt?"
Im Orient lernt' ich das Prahlen.
Doch seit ich zurück bin, im westlichen Land,
Zu meiner Beruhigung find' ich und fand
Zu Hunderten Orientalen.


Und was die Menschen meinen,
Das ist mir einerlei;
Möchte mich mir selbst vereinen,
Allein wir sind zu zwei;
Und im lebend'gen Treiben
Sind wir ein Hier und Dort,
Das eine liebt zu bleiben,
Das andre möchte fort;
Doch zu dem Selbstverständnis
Ist auch wohl noch ein Rat:
Nach fröhlichem Erkenntnis
Erfolge rasche Tat.


Und wenn die Tat bisweilen
Ganz etwas anders bringt,
So lasst uns das ereilen,
Was unverhofft gelingt.


Wie ihr denkt oder denken sollt,
Geht mich nichts an;
Was ihr Guten, ihr Besten wollt,
Hab' ich zum Teil getan.
Viel übrig bleibt zu tun,
Möge nur keiner lässig ruhn! -
Was ich sag', ist Bekenntnis
Zu meinem und eurem Verständnis.
Die Welt wird täglich breiter und größer,
So macht's denn auch vollkommner und besser!
Besser sollt' es heißen und vollkommner;
So sei denn jeder ein Willkommner.


Wie das Gestirn,
Ohne Hast,
Aber ohne Rast,
Drehe sich jeder
Um die eigne Last.


Ich bin so guter Dinge,
So heiter und rein,
Und wenn ich einen Fehler beginge,
Könnt's keiner sein.


Ja, das ist das rechte Gleis,
Dass man nicht weiß,
Was man denkt,
Wenn man denkt;
Alles ist als wie geschenkt.


"Warum man so manches leidet,
Und zwar ohne Sünde? -
Niemand gibt uns Gehör."

Wie das Tätige scheidet,
Alles ist Pfründe,
Und es lebt nichts mehr.


"Manches können wir nicht verstehn."
Lebt nur fort, es wird schon gehn.


"Wie weißt du dich denn so zu fassen?"
Was ich tadle, muss ich gelten lassen.


"Bakis ist wieder auferstanden!"
Ja, wie mir scheint, in allen Landen.
Überall hat er mehr Gewicht
Als hier im kleinen Reimgedicht.


   Gott hat den Menschen gemacht
Nach seinem Bilde;
Dann kam er selbst herab,
Mensch, lieb und milde.

   Barbaren hatten versucht,
Sich Götter zu machen;
Allein sie sahen verflucht,
Garstiger als Drachen.

   Wer wollte Schand' und Spott
Nun weiter steuern?
Verwandelte sich Gott
Zu Ungeheuern?


Und so will ich ein für allemal
Keine Bestien in dem Göttersaal!
Die leidigen Elefantenrüssel,
Das umgeschlungene Schlangengenüssel,
Tief Urschildkröt' im Weltensumpf,
Viel Königsköpf' auf einem Rumpf,
Die müssen uns zur Verzweiflung bringen,
Wird sie nicht reiner Oft verschlingen.


Der Oft hat sie schon längst verschlungen:
Kalidaf' und andre sind durchgedrungen;
Sie haben mit Dichterzierlichkeit
Von Pfaffen und Fratzen uns befreit.
In Indien möcht' ich selber leben,
Hätt' es nur keine Steinhauer gegeben.
Was will man denn vergnüglicher wissen!
Sakontala, Nala, die muss man küssen;
Und Megha-Duta, den Wolkengesandten,
Wer schickt ihn nicht gerne zu Seelenverwandten!


"Willst du, was doch Genesene preisen,
Das Eisen und handhabende Weisen
So ganz entschieden fliehen und hassen?"
Da Gott mir höhere Menschheit gönnte,
Mag ich die täppischen Elemente
Nicht verkehrt auf mich wirken lassen.


Als hätte, da wär' ich sehr erstaunt,
Der Nabel mir was in Ohr geraunt,
Ein Rad zu schlagen, auf'm Kopf zu stehn,
Das mag für lustige Jungen gehn;
Wir aber lassen es wohl beim alten,
Den Kopf womöglich oben zu halten.


Die Deutschen sind ein gut Geschlecht,
Ein jeder sagt: "Will nur, was recht;
Recht aber soll vorzüglich heißen,
Was ich und meine Gevattern preisen;
Das übrige ist ein weitläufig Ding,
Das schätz' ich lieber gleich gering."


Ich habe gar nichts gegen die Menge;
Doch kommt sie einmal ins Gedränge,
So ruft sie, um den Teufel zu bannen,
Gewiss die Schelme, die Tyrannen.


Seit sechzig Jahren seh' ich gröblich irren
Und irre derb mit drein.
Da Labyrinthe nun das Labyrinth verwirren,
Wo soll euch Ariadne sein?


"Wie weit soll das noch gehn!
Du fällst gar oft ins Abstruse,
Wir können dich nicht verstehn."
Deshalb tu' ich Buße;
Das gehört zu den Sünden.
Seht mich an als Propheten!
Viel Denken, mehr Empfinden
Und wenig Reden.


Was ich sagen wollt',
Verbietet mir keine Zensur!
Sagt verständig immer nur,
Was jedem frommt,
Was ihr und andere sollt;
Da kommt,
Ich versichr' euch, so viel zur Sprache,
Was uns beschäftigt auf lange Tage.


O Freiheit süß der Presse!
Nun sind wir endlich froh;
Sie pocht von Messe zu Messe
In dulci jubilo.
Kommt, lasst uns alles drucken
Und walten für und für;
Nur sollte keiner mucken,
Der nicht so denkt wie wir.


Was euch die heilige Pressfreiheit
Für Frommen, Vorteil und Früchte beut?
Davon habt ihr gewisse Erscheinung:
Tiefe Verachtung öffentlicher Meinung.


   Nicht jeder kann alles ertragen:
Der weicht diesem, der jenem aus.
Warum soll ich nicht sagen:
Die indischen Götzen, die sind mir ein Graus?

   Nichts schrecklicher kann den Menschen geschehn,
Als das Absurde verkörpert zu sehn.


Dummes Zeug kann man viel reden,
Kann es auch schreiben,
Wird weder Leib noch Seele töten,
Es wird alles beim alten bleiben.
Dummes aber, vors Auge gestellt,
Hat ein magisches Recht;
Weil es die Sinne gefesselt hält,
Bleibt der Geist ein Knecht.


Auch diese will ich nicht verschonen,
Die tollen Höhl-Exkavationen,
Das düstre Troglodyten-Gewühl,
Mit Schnauz' und Rüssel ein albern Spiel;
Verrückte Zieratbrauerei,
Es ist eine saubre Bauerei.
Nehme sie niemand zum Exempel,
Die Elefanten- und Fratzentempel!
Mit heiligen Grillen trieben sie Spott,
Man fühlt weder Natur noch Gott.


Auf ewig hab' ich sie vertrieben,
Vielköpfige Götter trifft mein Bann;
So Wischnu, Rama, Brama, Schiven,
Sogar den Affen Hannemann.
Nun soll am Nil ich mir gefallen,
Hundsköpfige Götter heißen groß:
O, wär' ich doch aus meinen Hallen
Auch Isis und Osiris los!


Ihr guten Dichter ihr,
Seid nur in Zeiten zahm!
Sie machen Shakespeare
Auch noch am Ende lahm.


Im Auslegen seid frisch und munter!
Legt ihr's nicht aus, so legt was unter.


Was dem einen widerfährt,
Widerfährt dem andern;
Niemand wäre so gelehrt,
Der nicht sollte wandern;
Und ein armer Teufel kommt
Auch von Stell' zu Stelle;
Frauen wissen, was ihm frommt,
Welle folgt der Welle.


"Ich zieh' ins Feld.
Wie macht's der Held?"
Vor der Schlacht hochherzig,
Ist sie gewonnen, barmherzig,
Mit hübschen Kindern liebherzig;
Wär' ich Soldat,
Das wär' mein Rat.


"Gib eine Norm zur Bürgerführung!"
Hienieden
Im Frieden
Kehre jeder vor seiner Türe;
Bekriegt,
Besiegt,
Vertrage man sich mit der Einquartierung.


Wenn der Jüngling absurd ist,
Fällt er darüber in lange Pein;
Der Alte soll nicht absurd sein,
Weil das Leben ihm kurz ist.


"Was hast du uns absurd genannt!
Absurd allein ist der Pedant."


Will ich euch aber Pedanten benennen,
Da muss ich mich erst besinnen können.


Titius, Cajus, die wohl Bekannten! -
Doch wenn ich's recht beim Licht besah,
Einer steht dem andern so nah,
Am Ende sind wir alle Pedanten.


Das mach' ich mir denn zum reichen Gewinn,
Dass ich getrost ein Pedante bin.


Tust deine Sache und tust sie recht,
Halt fest und ehre deinen Orden;
Hältst du aber die andern für schlecht,
So bist du selbst ein Pedant geworden.


Wie einer denkt, ist einerlei,
Was einer tut, ist zweierlei;
Macht er's gut, so ist es recht,
Gerät es nicht, so bleibt es schlecht.


Von Jahren zu Jahren
Muss man viel Fremdes erfahren;
Du trachte, wie du lebst und leibst,
Dass du nur immer derselbe bleibst.


Wenn ich kennte den Weg des Herrn,
Ich ging' ihn wahrhaftig gar zu gern;
Führte man mich in der Wahrheit Haus,
Bei Gott! Ich ging' nicht wieder heraus.


"Sei deinen Worten Lob und Ehre,
Wir sehn, dass du ein Erfahrner bist."
Siehst aus, als wenn es von gestern wäre,
Weil es von heut ist.


Das Beste möcht' ich euch vertrauen:
Sollt erst in eignen Spiegel schauen.


Seid ihr, wie schön geputzte Braut,
Bei diesem Anblick froh geblieben,
Fragt: Ob ihr alles, was ihr schaut,
Mit redlichem Gesicht mögt lieben.


Habt ihr gelogen in Wort und Schrift,
Andern ist es und euch ein Gift.


X hat sich nie des Wahren beflissen,
Im Widerspruche fand er's;
Nun glaubt er alles besser zu wissen,
Und weiß es nur anders.


"Du hast nicht recht!" Das mag wohl sein;
Doch das zu sagen, ist klein;
Habe mehr recht als ich! Das wird was sein.


Da kommen sie von verschiedenen Seiten,
Nord, Ost, Süd, West und anderen Weiten,
Und klagen diesen und jenen an:
Er habe nicht ihren Willen getan!
Und was sie dann nicht gelten lassen,
Das sollen die übrigen gleichfalls hassen;
Warum ich aber mich Alter betrübe?
Dass man nicht liebt - was ich liebe.


Und doch bleibt was Liebes immer,
So im Reden, so im Denken;
Wie wir schöne Frauenzimmer
Mehr als garstige beschenken.


Bleibt so etwas, dem wir huld'gen,
Wenn wir's auch nicht recht begreifen;
Wir erkennen, wir entschuld'gen,
Mögen nicht zur Seite weichen.


"Sagt! Wie könnten wir das Wahre,
Denn es ist uns ungelegen,
Niederlegen auf die Bahre,
Dass es nie sich möchte regen?"


Diese Mühe wird nicht groß sein
Kultivierten deutschen Orten;
Wollt ihr es auf ewig los sein,
So erstickt es nur mit Worten.


   Immer muss man wiederholen:
Wie ich sage, so ich denke!
Wenn ich diesen, jenen kränke,
Kränk' auch er mich unverhohlen.

   Störet ja - mir sagt's die Zeitung -
Unverletzten würd'gen Ortes
Dieser jenem, heft'gen Wortes,
Die beliebige Bereitung.

   Was der eine will bereiten,
Einem andern will's nicht gelten;
Hüben, drüben muss man schelten:
Das ist nun der Geist der Zeiten.


Lässt mich das Alter im Stich?
Bin ich wieder ein Kind?
Ich weiß nicht, ob ich
Oder die andern verrückt sind.


"Sag' nur, warum du in manchem Falle
So ganz untröstlich bist?"
Die Menschen bemühen sich alle,
Umzutun, was getan ist.


"Und wenn was umzutun wäre,
Das würde wohl auch getan;
Ich frage dich bei Wort und Ehre:
Wo fangen wir's an?"


Umstülpen führt nicht ins Weite;
Wir kehren, frank und froh,
Den Strumpf auf die linke Seite
Und tragen ihn so.


Und sollen das Falsche sie umtum,
So fangen sie wieder von vornen an;
Sie lassen immer das Wahre ruhn
Und meinen, mit Falschem wär's auch getan.


Da steht man denn von neuem still,
Warum das auch nicht gehen will.


Niemand muss herein rennen
Auch mit den besten Gaben;
Sollen's die Deutschen mit Dank erkennen,
So wollen sie Zeit haben.


Das Tüchtige, und wenn auch falsch,
Wirkt Tag für Tag, von Haus zu Haus;
Das Tüchtige, wenn's wahrhaft ist,
Wirkt über alle Zeiten hinaus.


III.

Gönnet immer fort und fort
Bakis eure Gnade:
Des Propheten tiefstes Wort,
Oft ist's nur Charade.


Willst du dich als Dichter beweisen,
So musst du nicht Helden noch Hirten preisen.
Hier ist Rhodus! Tanze, du Wicht,
Und der Gelegenheit schaff' ein Gedicht!


   Man mäkelt an der Persönlichkeit,
Vernünftig, ohne Scheu;
Was habt ihr denn aber, was euch erfreut,
Als eure liebe Persönlichkeit?
Sie sei auch, wie sie sei.

   Wer etwas taugt, der schweige still,
Im stillen gibt sich's schon;
Es gilt, man stelle sich, wie man will,
Doch endlich die Person.


"Was heißt du denn Sünde?"
Wie jedermann,
Wo ich finde,
Dass man's nicht lassen kann.


Hätte Gott mich anders gewollt,
So hätt' er mich anders gebaut;
Da er mir aber Talent gezollt,
Hat er mir viel vertraut.
Ich brauch' es zur Rechten und Linken,
Weiß nicht, was daraus kommt;
Wenn's nicht mehr frommt,
Wird er schon winken.


An unsers himmlischen Vaters Tisch
Greift wacker zu und bechert frisch;
Denn Gut' und Böse sind abgespeist,
Wenn's: Jacet ecce Tibbullus! heißt.


Sage mir keiner:
Hier soll ich hausen!
Hier, mehr als draußen,
Bin ich alleiner.


Die echte Konversation
Hält weder früh noch Abend Stich;
In der Jugend sind wir monoton,
Im Alter wiederholt man sich.


"Alter Mond, in deinen Phasen
Bist du sehr zurückgesetzt.
Freunde, Liebchen auch zuletzt
Haben nichts als Phrasen."


"Du hast dich dem allerverdrießlichsten Triev
In deinen Xenien übergeben."
Wer mit XXII den Werther schrieb,
Wie will der mit LXXII leben!


Erst singen wir: Der Hirsch so frei
Fährt durch die Wälder - Lalla bei -
Mit vollem Wohlbehagen;
Doch sieht es schon bedenklich aus,
Wird aus dem Hirsch ein HirscheL,
Hat viel mehr Enden zu tragen!
In Lebens-Wald und Dickicht -graus
Er weiß nicht da noch dort hinaus,
Das geht auf einen HirscheLL hinaus -
Heil unsern alten Tagen!!!


Habt ihr das alles recht bedacht?
So wie der Tag ist wohl vollbracht,
Ist keiner überzählig;
Verstand und Sinn ist hehr und weit,
Doch wird euch zu gelegener Zeit
Auch das Absurde fröhlich.


Fehlst du, lass dich's nicht betrüben,
Denn der Mangel führt zum Lieben;
Kannst dich nicht vom Fehl befrein,
Wirst du andern gern verzeihn.


Die Jugend verwundert sich sehr,
Wenn Fehler zum Nachteil gedeihen;
Sie fasst sich, sie denkt zu bereuen!
Im Alter erstaunt und bereut man nicht mehr.


"Wie mag ich gern und lange leben?"
Musst immer nach dem Trefflichsten streben:
Des unerkannt Trefflichen wirket so viel,
Und Zeit und Ewigkeit legt ihm kein Ziel.


Alt-Tümer sind ein böses Ding
Ich schätze sie aber nicht gering;
Wenn nur Neu-Tümer, in allen Ehren,
Auch umso vieles besser wären.


"Irr-Tümer sollen uns plagen?
Ist nicht an unser Heil gedacht?"
Halb-Tümer solltet ihr sagen,
Wo halb und halb kein Ganzes macht.


Auf Pergament Lieb' und Hass geschrieben,
Ist, was wir heute hassen und lieben;
Wo käme Lieb' und Hass denn her,
Wenn er nicht schon von alters wär'!


Sagt nur nichts halb:
Ergänzen, welche Pein!
Sagt nur nichts grob:
Das Wahre spricht sich rein.


"Entferne dich nicht ganz und gar,
Beruhige dich in unserm Orden!
Es ist alles noch, wie es war.
Nur ist es verworrener geworden."
Und was man für bedeutend hält,
Ist alles auf schwache Füße gestellt.


Was mich tröstet in solcher Not:
Gescheite Leute, sie finden ihr Brot,
Tüchtige Männer erhalten das Land,
Hübsche Mädchen verschlingen das Band;
Wird dergleichen noch ferner geschehn,
So kann die Welt nicht untergehn.


"Wie hast du an der Welt noch Lust,
Da alles schon dir ist bewusst?"
Gar wohl! Das Dümmste, was geschieht,
Weil ich es weiß, verdrießt mich nicht.
Mich könnte dies und das betrüben,
Hätt' ich's nicht schon in Versen geschrieben.


   Zum starren Brei erweitert
Sah ich den See gar eben,
Ein Stein, hineingeschleudert,
Konnte keine Ringe geben.

   Ein Wutmeer sah ich schwellend,
Gischend zum Strand es fuhr,
Der Fels hinab zerschellend
Ließ eben auch keine Spur.


Dreihundert Jahre sind vorbei,
Werden auch nicht wieder kommen,
Sie haben Böses, frank und frei,
Auch Gutes mitgenommen;
Und doch von beiden ist auch euch
Der Fülle genug geblieben:
Entzieht euch dem verstorbnen Zeug,
Lebend'ges lasst uns lieben!


Nichts ist zarter als die Vergangenheit;
Rühre sie an wie ein glühend Eisen;
Denn sie wird dir sogleich beweisen,
Du lebst auch in heißer Zeit.


Dreihundert Jahre sind vor der Türe,
Und wenn man das alles mit erführe,
Erführe man nur in solchen Jahren,
Was wir zusammen in dreißig erfahren.


Lieb' und Leidenschaft können verfliegen,
Wohlwollen aber wird ewig siegen.


"Entfernst du dich, du liebe Seele,
Wie viel ist uns entrissen!"
Wenn ich euch auch nicht fehle,
Werdet ihr mich immer vermissen.


Ein Mann, der Tränen streng entwöhnt,
Mag sich ein Held erscheinen;
Doch wenn's im Innern sehnt und dröhnt,
Geb' ihm ein Gott - zu weinen.


"Du hast Unsterblichkeit im Sinn;
Kannst du uns deine Gründe nennen?"
Gar wohl! Der Hauptgrund liegt darin,
Dass wir sie nicht entbehren können.


Der Sinn ergreift und denkt sich was,
Die Feder eilt hiernach zu walten:
Ein flüchtig Bild, es ist gefasst,
Allein es lässt sich nicht erhalten.


All unser redlichstes Bemühn
Glückt nur im unbewussten Momente.
Wie möchte denn die Rose blühn,
Wenn sie der Sonne Herrlichkeit erkennte!


Wär' nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt' es nie erblicken;
Läg' nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt' uns Göttliches entzücken?


Was auch als Wahrheit oder Fabel
In tausend Büchern dir erscheint,
Das alles ist ein Turm zu Babel,
Wenn es die Liebe nicht vereint.


Das Beste in der Welt
Ist ohne Dank;
Gesunder Mensch ohne Geld
Ist halb krank.


Wohl! Wer auf rechter Spur
Sich in der Stille siedelt;
Im Offnen tanzt sich's nur,
So lang Fortuna siedelt.


Du irrest, Salomo!
Nicht alles nenn' ich eitel:
Bleibt doch dem Greise selbst
Noch immer Wein und Beutel.


Überall trinkt man guten Wein,
Jedes Gefäß genügt dem Zecher;
Doch soll es mit Wonne getrunken sein,
So wünsch' ich mir künstlichen griechischen Becher.


Künstler! Zeiget nur den Augen
Farbenfülle, reines Rund!
Was den Seelen möge taugen,
Seid gesund und wirkt gesund!


Entweicht, wo düstre Dummheit gerne schweift,
Inbrünstig aufnimmt, was sie nicht begreift,
Wo Schreckensmärchen schleichen, stutzend fliehn,
Und unermesslich Maße lang sich ziehn.


Modergrün aus Dantes Hölle
Bannet fern von eurem Kreis,
Ladet zu der klaren Quelle
Glücklich Naturell und Fleiß!


Und so haltet, liebe Söhne,
Einzig euch auf eurem Stand;
Denn das Gute, Liebe, Schöne,
Leben ist's dem Lebensband.


"Denkst du nicht auch an ein Testament?"
Keineswegs! - Wie man vom Leben sich trennt,
So muss man sich trennen von Jungen und Alten,
Die werden's alle ganz anders halten.


"Geht dir denn das von Herzen,
Was man von dir hört und liest?"
Sollte man das nicht bescherzen,
Was uns verdrießt?


Sie schelten einander Egoisten;
Will jeder doch nur sein Leben fristen.
Wenn der und der ein Egoist,
So denke , dass du es selber bist.
Du willst nach deiner Art bestehn,
Musst selbst auf deinen Nutzen sehn!
Dann werdet ihr das Geheimnis besitzen,
Euch sämtlich untereinander zu nützen;
Doch den lasst nicht zu euch herein,
Der andern schadet, um etwas zu sein.


"Bei so verworrnem Spiele
Wird mir wahrhaftig bang!"
Es gibt der Menschen so viele,
Und es ist der Tag so lang.


Volle sechsundsiebzig Jahre sind geschieden,
Und nun, dächt' ich, wäre Zeit zum Frieden:
Tag für Tag wird wider Willen klüger;
Amor jubiliert und Mars den Krieger!


"Was lassen sie denn übrig zuletzt,
Jene unbescheidnen Besen?"
Behauptet doch Heute steif und fest,
Gestern sei nicht gewesen.


Es mag sich Feindliches eräugnen,
Du bleibe ruhig, bleibe stumm;
Und wenn sie dir die Bewegung leugnen,
Geh ihnen vor der Nas' herum.


Vieljähriges dürft' ich euch wohl vertrauen!
Das Offenbare wäre leicht zu schauen,
Wenn nicht die Stunde sich selbst verzehrte
Und immer warnend wenig belehrte;
Wer ist der Kluge, wer ist der Thor?
Wir sind eben sämtlich als wie zuvor.


"Was hast du denn? Unruhig bist du nicht,
Und auch nicht ruhig; machst mir ein Gesicht,
Als schwanktest du, magnetischen Schlaf zu ahnen."
Der Alte schlummert wie das Kind,
Und wie wir eben Menschen sind,
Wir schlafen sämtlich auf Vulkanen.


Zweite Reihe

IV.

Lasst zahme Xenien immer walten,
Der Dichter nimmer gebückt ist.
Ihr ließt verrückten Werther schalten,
So lernt nun, wie das Alter verrückt ist.


Den Vorteil hat der Dichter:
Wie die Gemeinde prüft und probt,
So ist sie auch sein Richter;
Da wird er nun gescholten, gelobt,
Und bleibt immer ein Dichter.


Es schnurrt mein Tagebuch
Am Bratenwender:
Nichts schreibt sich leichter voll
Als ein Kalender.


"Ruf' ich, da will mir keiner horchen;
Hab' ich das um die Leute verdient?"
Es möchte niemand mehr gehorchen,
Wären aber alle gern gut bedient.


"Wann wird der Herr seine Freude sehn?"
Wenn er befiehlt mit Sinnen
Ehrlichen Leuten, die's recht verstehn,
Und lässt sie was gewinnen.


"Wer ist ein unbrauchbarer Mann?"
Der nicht befehlen und auch nicht gehorchen kann.


"Sage, warum dich die Menschen verlassen?"
Glaubet nicht, dass sie mich deshalb hassen;
Auch bei mir will sich die Lust verlieren,
Mit irgend jemand zu konversieren.


So hoch die Nase reicht, da mag's wohl gehn;
Was aber drüber ist, können sie nicht sehn.


Wie einer ist, so ist sein Gott;
Darum ward Gott so oft zu Spott.


Geh' ich, so wird der Schade größer;
Bleib' ich, so wird es auch nicht besser.


"Sei einmal ehrlich nur:
Wo findest du in deutscher Literatur
Die größte Verfänglichkeit?"
Wir sind von vielen Seiten groß;
Doch hie und da gibt sich bloß
Bedauerlichste Unzulänglichkeit.


"Verzeihe mir, du gefällst mir nicht,
Und schiltst du nicht, so schneid'st ein Gesicht,
Wo sämtliche loben und preisen!"
Dass, wenn man das eine von vornen bedeckt,
Das andre bleibt hinten hinausgestreckt,
Das soll ein Anstand heißen!


"Sage, wie es dir nur gefällt,
Solch zerstückeltes Zeug zu treiben?"
Seht nur hin: Für gebildete Welt
Darf man nichts anders beginnen und schreiben.


"Warum willst du das junge Blut
So schnöde von dir entfernen?"
Sie machen's alle hübsch und gut,
Aber sie wollen nichts lernen.


Die holden jungen Geister
Sind alle von einem Schlag,
Sie nennen mich ihren Meister
Und gehen der Nase nach.


Mit seltsamen Gebärden
gibt man sich viele Pein,
Kein Mensch will etwas werden,
Ein jeder will schon was sein.


"Willst dich nicht gern von Alten entfernen?
Hat denn das Neue so gar kein Gewicht?"
Umlernen müsste man immer, umlernen!
Und wenn man umlernt, da lebt man nicht.


"Sag' uns Jungen doch auch was zuliebe!"
Nun! Dass ich euch Jungen gar herzlichen liebe!
Denn als ich war als Junge gesetzt,
Hatt' ich mich auch viel lieber als jetzt.


Ich neide nichts, ich lass' es gehn
Und kann mich immer manchem gleich erhalten;
Zahnreihen aber, junge, neidlos anzusehn,
Das ist die größte Prüfung mein, des Alten.


Künstler! Dich selbst zu adeln,
Musst du bescheiden prahlen;
Lass dich heute loben, morgen tadeln,
Und immer bezahlen.


Als Knabe nahm ich mir's zur Lehre,
Welt sei ein allerliebster Spaß,
Als wenn es Vater und Mutter wäre;
Dann - etwas anders fand ich das.


Die klugen Leute gefallen mir nicht
(Ich tadle mich selbst auch wohl zuweilen):
Sie heißen das Vorsicht,
Wenn sie sich übereilen.


"Anders lesen Knaben den Terenz,
Anders Grotius."
Mich Knaben ärgerte die Sentenz,
Die ich nun gelten lassen muss.


"So widerstrebe! Das wird dich adeln;
Willst vor der Feierstunde schon ruhn?"
Ich bin zu alt, um etwas zu tadeln,
Doch immer jung genug, etwas zu tun.


"Du bist ein wunderlicher Mann,
Warum verstummst du vor diesem Gesicht?"
Was ich nicht loben kann,
Davon sprech' ich nicht.


"Bei mancherlei Geschäftigkeit
Hast dich ungeschickt benommen."
Ohne jene Verrücktheit
Wär' ich nicht so weit gekommen.


"Lass doch, was du halb vollbracht,
Mich und andre kennen!"
Weil es uns nur irre macht,
Wollen wir's verbrennen.


"Willst du uns denn nicht auch was gönnen?
Kannst ja, was mancher andre kann."
Wenn sie mich heute verbrauchen können,
Dann bin ich ihnen ein rechter Mann.


Das alles ist nicht mein Bereich -
Was soll ich mir viel Sorge machen?
Die Fische schwimmen glatt im Teich
Und kümmern sich nicht um den Nachen.


Mit der Welt muss niemand leben,
Als wer sie brauchen will;
Ist er brauchbar und still,
Sollt' er sich lieber dem Teufel ergeben
Als zu tun, was sie will.


"Was lehr' ich dich vor allen Dingen?"
Möchte über meinen eignen Schatten springen!


Sie möchten gerne frei sein.
Lange kann das einerlei sein;
Wo es aber drunter und drüber geht,
Ein Heiliger wird angefleht;
Und wollen die alten uns nicht befreien,
So macht man sich behend einen neuen.
Im Schiffbruch jammert jedermann,
Dass keiner mehr als der andre kann.


Grenzlose Lebenspein
Fast, fast erdrückt sie mich!
Das wollen alle Herren sein,
Und keiner ist Herr von sich.


Und wenn man auch den Tyrannen ersticht,
Ist immer noch viel zu verlieren.
Sie gönnten Cäsarn das Reich nicht
Und wussten's nicht zu regieren.


Warum mir aber in neuster Welt
Anarchie gar so wohl gefällt?
Ein jeder lebt nach seinem Sinn,
Das ist nun also auch mein Gewinn.
Ich lass' einem jeden sein Bestreben,
Um auch nach meinem Sinne zu leben.


Da kann man frank und fröhlich leben,
Niemanden wird recht gegeben,
Dafür gibt man wieder niemand recht,
Macht's eben gut, macht's eben schlecht
Im ganzen aber, wie man sieht,
Im Weltlauf immer doch etwas geschieht.
Was Kluges, Dummes auch je geschah,
Das nennt man Welthistoria:
Und die Herrn Bredows künft'ger Zeiten
Werden daraus Tabellen bereiten,
Darin studiert die Jugend mit Fleiß,
Was sie nie zu begreifen weiß.


Wie es in der Welt so geht -
Weiß man, was geschah?
Und was auf dem Papiere steht,
Das steht eben da.


Das Weltregiment - über Nacht
Seine Formen hab' ich durchgedacht.
Den hehren Despoten lieb' ich im Krieg,
Verständigen Monarchen gleich hinter dem Sieg;
Dann wünscht' ich jedoch, dass alle die Trauten
Sich nicht gleich neben und mit ihm erbauten.
Und wie ich das hoffe, so kommt mir die Menge,
Nimmt hüben und drüben mich derb ins Gedränge;
Von da verlier' ich alle Spur. -
Was will mir Gott für Lehre daraus gönnen?
Dass wir uns eben alle nur
Auf kurze Zeit regieren können.


Ich tadl' euch nicht,
Ich lob' euch nicht;
Aber ich spaße;
Dem klugen Wicht
Fährt's ins Gesicht
Und in die Nase.


Und wenn er ganz gewaltig niest,
Wer weiß, was dann daher entsprießt
Und was er alles mache;
Besinnung aber hinterdrein,
Verstand, Vernunft, womöglich rein,
Das ist die rechte Sache.


Soll man euch immer und immer beplappern?
Gewinnt ihr nie einen freien Blick?
Sie frieren, dass ihnen die Zähne klappern,
Das heißen sie nachher Kritik.


"Du sagst gar wunderliche Dinge!"
Beschaut sie nur, sie sind geringe;
Wird Vers und Reim denn angeklagt,
Wenn Leben und Prosa das Tollste sagt?


"Du gehst so freien Angesichts,
Mit muntern offnen Augen!"
Ihr tauget eben alle nichts,
Warum sollt' ich was taugen?


"Warum bist du so hochmütig?
Hast sonst nicht so die Leute gescholten!"
Wäre sehr gerne demütig,
Wenn sie mich nur so lassen wollten.


Wenn ich dumm bin, lassen sie mich gelten;
Wenn ich recht hab', wollen sie mich schelten.


Überzeugung soll mir niemand rauben,
Wer's besser weiß, der mag es glauben.


Dem ist es schlecht in seiner Haut,
Der in seinen eignen Busen schaut.


"Wohin wir bei unsern Gebresten
Uns im Augenblick richten sollten?"
Denke nur immer an die Besten,
Sie mögen stecken, wo sie wollen.


Den Reichtum muss der Neid beteuern,
Denn er kreucht nie in leere Scheuern.


Soll der Neider zerplatzen,
Begib dich deiner Fratzen.


Soll es reichlich zu dir fließen,
Reichlich andre lass genießen.


"Ist dein Geschenk wohl angekommen?"
Sie haben es eben nicht übel genommen.


Der Teufel! Sie ist nicht gering,
Wie ich von weiten spüre;
Nun schelten sie das arme Ding,
Dass sie euch so verführe.
Erinnert euch, verfluchtes Pack,
Des paradiesischen Falles!
Hat euch die Schöne nur im Sack,
So gilt sie euch für alles.


Wenn dir's bei uns nun nicht gefällt,
So geh in deine östliche Welt.


Ich wünsche mir eine hübsche Frau,
Die nicht alles nähme gar zu genau,
Doch aber zugleich am besten verstände,
Wie ich mich selbst am besten befände.


Wäre Gott und eine,
So wäre mein Lied nicht kleine.


Gott hab' ich und die Kleine
Im Lied erhalten reine.


So lasst mir das Gedächtnis
Als fröhliches Vermächtnis.


"Sie betrog dich geraume Zeit,
Nun siehst du wohl, sie war ein Schein."
Was weißt du denn von Wirklichkeit;
War sie drum weniger mein?


"Betrogen bist du zum Erbarmen,
Nun lässt sie dich allein!"
Und war es nur ein Schein;
Sie lag in meinen Armen;
War sie drum weniger mein?


Gern hören wir allerlei gute Lehr',
Doch Schmähen und Schimpfen noch viel mehr.


Glaube dich nicht allzu gut gebettet;
Ein gewarnter Mann ist halb gerettet.


Wein macht munter geistreichen Mann;
Weihrauch ohne Feuer man nicht riechen kann.


Willst du Weihrauchs Geruch erregen,
Feurige Kohlen musst unterlegen.


Wem ich ein besser Schicksal gönnte?
Es sind die erkünstelten Talente;
An diesem, an jenem, am Besten gebricht's,
Sie mühen und zwängen und kommen zu nichts.


"Sage deutlicher, wie und wenn;
Du bist uns nicht immer klar."
Gute Leute, wisst ihr denn,
Ob ich mir's selber war?


"Wir quälen uns immerfort
In des Irrtums Banden."
Wie manches verständliche Wort
Habt ihr missverstanden.


Einem unverständigen Wort
Habt ihr Sinn geliehen;
Und so geht's immerfort,
Verzeiht, euch wird verziehen.


Nehmt nur mein Leben hin in Bausch
Und Bogen, wie ich's führe;
Andre verschlafen ihren Rausch,
Meiner steht auf dem Papiere.


Besser betteln als borgen!
Warum sollen zwei denn sorgen?
Wenn einer sorgt und redlich denkt,
Kommt andrer wohl und heiter und schenkt.
Das sind die besten Intressen,
Die Schuldner und Gläubiger vergessen.


"Ich bin ein armer Mann,
Schätze mich aber nicht gering:
Die Armut ist ein ehrlich Ding,
Wer mit umgehn kann."


Erlauchte Bettler hab' ich gekannt,
Künstler und Philosophen genannt;
Doch wüsst' ich niemand, ungeprahlt,
Der seine Zeche besser bezahlt.


"Was hat dich nur von uns entfernt?"
Hab' immer den Plutarch gelesen.
"Was hast du denn dabei gelernt?"
Sind eben alles Menschen gewesen.


Cato wollte wohl andre strafen;
Selbander mocht' er gerne schlafen.


Deshalb er sich zur Unzeit
Mit Schwiegertochter und Sohn entzweit,
Auch eine junge Frau genommen,
Welches ihm gar nicht wohl bekommen;
Wie Kaiser Friedrich der Letzte
Väterlich auseinandersetzte.


"Was willst du, redend zur Menge,
Dich selbst fürtrefflich preisen?"
Cato selbst war ruhmredig, der Strenge,
Plutarch will's ihm gar ernst verweisen.


Man könnt' erzogene Kinder gebären,
Wenn die Eltern erzogen wären.


Was ich in meinem Haus ertrag',
Das sieht ein Fremder am ersten Tag;
Doch ändert er sich's nicht zuliebe,
Und wenn er hundert Jahre bliebe.


Wie auch die Welt sich stellen mag,
Der Tag immer belügt den Tag.


Dagegen man auch nicht gerne hört,
Wenn der Tag den Tag zerstört.


Ich bin euch sämtlichen zur Last,
Einigen auch sogar verhasst;
Das hat aber gar nichts zu sagen,
Denn mir behagt's in alten Tagen,
So wie es mir in jungen behagte,
Dass ich nach alt und junge nicht fragte.


Mit sich selbst zu Rate gehn,
Immer wird's am besten stehn:
Gern im Freien, gern zu Haus,
Lausche da und dort hinaus
Und kontrolliere dich für und für,
Da horchen alt und jung nach dir.


Die Xenien, sie wandeln zahm,
Der Dichter hält sich nicht für lahm;
Belieben euch aber geschärftere Sachen,
So wartet, bis die wilden erwachen.


Sibyllinisch mit meinem Gesicht
Soll ich im Alter prahlen!
Je mehr es ihm an Fülle gebricht,
Desto öfter wollen sie's malen!


"Ist's in der Näh'? Kam's aus der Ferne?
Was beugt dich heute so schwer?"
Ich spaßte wohl am Abend gerne,
Wenn nur der Tag nicht so ernsthaft wär'.


Spricht man mit jedermann,
Da hört man keinen;
Stets wird ein andrer Mann
Auch anders meinen;
Was wäre Rat sodann,
Sie zu verstehen?
Kennst du nicht Mann für Mann,
Es wird nicht gehen.


Gott hat die Gradheit selbst ans Herz genommen,
Auf gradem Weg ist niemand umgekommen.


Wirst du die frommen Wahrheitswege gehen,
Dich selbst und andere trügst du nie.
Die Frömmelei lässt Falsches auch bestehen,
Derwegen hass' ich sie.


Du sehnst dich, weit hinaus zu wandern,
Bereitest dich zu raschem Flug;
Dir selbst sei treu und treu den andern,
Dann ist die Enge weit genug.


Halte dich nur im stillen rein
Und lass es um dich wettern;
Je mehr du fühlst ein Mensch zu sein,
Desto ähnlicher bist du den Göttern.


Was hätte man vom Zeitungstraum,
Der leidigen Ephemere,
Wenn es uns nicht im stillen Raum
Noch ganz behaglich wäre!


Das Schlimmste, was uns widerfährt,
Das werden wir vom Tag gelehrt.
Wer in dem Gestern Heute sah,
Dem geht das Heute nicht allzu nah,
Und wer im Heute sieht das Morgen,
Der wird sich rühren, wird nicht sorgen.


Liegt dir Gestern klar und offen,
Wirkst du heute kräftig frei,
Kannst auch auf ein Morgen hoffen,
Das nicht minder glücklich sei.


V.

Kein Stündchen schleiche dir vergebens,
Benutze, was dir widerfahren.
Verdruss ist auch ein Teil des Lebens,
Den sollen die Xenien bewahren.
Alles verdient Reim und Fleiß,
Wenn man es recht zu sondern weiß.


Gott grüß' euch, Brüder,
Sämtliche Oner und Aner!
Ich bin Weltbewohner,
Bin Weimaraner,
Ich habe diesem edlen Kreis
Durch Bildung mich empfohlen,
Und wer es etwa besser weiß,
Der mag's wo anders holen.


"Wohin willst du dich wenden?"
Nach Weimar-Jena, der großen Stadt,
Die an beiden Enden
Viel Gutes hat.


Gar nichts Neues sagt ihr mir!
Unvollkommen war ich ohne Zweifel.
Was ihr an mir tadelt, dumme Teufel,
Ich weiß es besser als ihr!


"Sag' mir doch! Von deinen Gegnern
Warum willst du gar nichts wissen?"
Sag' mir doch! Ob du dahin trittst,
Wo man in den Weg ...?


Jude.
Sie machen immerfort Chausseen,
Bis niemand vor Wegegeld reisen kann!

Student.
Mit den Wissenschaften wird's auch so gehen;
Eine jede quält ihren eignen Mann.


"Was ist denn die Wissenschaft?"
Sie ist nur des Lebens Kraft.
Ihr erzeuget nicht das Leben,
Leben erst muss Leben geben.


"Wie ist denn wohl ein Theaterbau?"
Ich weiß es wirklich sehr genau:
Man pfercht das Brennlichste zusammen,
Da steht's denn alsobald in Flammen.


"Wie reizt doch das die Leute so sehr?
Was laufen sie wieder ins Schauspielhaus?"
Es ist doch etwas Weniges mehr,
Als säh' man grade zum Fenster hinaus.


Konversations-Lexikon heißt's mit Recht,
Weil, wenn die Konversation ist schlecht,
Jedermann
Zur Konversation es nutzen kann.


Wie sollen wir denn da gesunden?
Haben weder Außen noch Innen gefunden.


Was haben wir denn da gefunden?
Wir wissen weder oben noch unten.


Mit diesem Versatilen
Scheint nur das Wort zu spielen;
Doch wirkt ein Wort so mächtig,
Ist der Gedanke trächtig.


Wenn sie aus deinem Korbe naschen,
Behalte noch etwas in der Taschen.


Sollen dich die Dohlen nicht umschrein,
Musst nicht Knopf auf dem Kirchturm sein.


Man zieht den Toten ihr ehrenvolles Gewand an
Und denkt nicht, dass man zunächst auch wohl balsamiert wird;
Ruinen sieht man als malerisch interessant an
Und fühlt nicht, dass man soeben auch ruiniert wird.


Und wo die Freunde verfaulen,
Das ist ganz einerlei,
Ob unter Marmorsäulen
Oder im Rasen frei.
Der Lebende bedenke,
Wenn auch der Tag ihm mault,
Dass er den Freunden schenke,
Was nie und nimmer fault.


"Hast du das alles nicht bedacht?
Wir haben's doch in unserm Orden."
Ich hätt' es gern euch recht gemacht,
Es wäre aber nichts geworden.


Noch bin ich gleich von euch entfernt,
Hass' euch Zyklopen und Silbenfresser!
Ich habe nichts von euch gelernt,
Ihr wusstet's immer besser.


Die Jugend ist vergessen
Aus geteilten Interessen;
Das Alter ist vergessen
Aus Mangel an Interessen.


"Brich doch mit diesem Lump sogleich,
Er machte dir einen Schelmenstreich;
Wie kannst du mit ihm leben?"
Ich mochte mich weiter nicht bemühn;
Ich hab' ihm verziehn
Aber nicht vergeben.


"Schneide so kein Gesicht!
Warum bist der Welt so satt?"
Das weiß alles nicht,
Was es neben und um sich hat.


"Wie soll ich meine Kinder unterrichten,
Unnützes, Schädliches zu sichten?
Belehre mich!" - Belehre sie vom Himmel und Erden,
Was sie niemals begreifen werden!


Tadle nur nicht! Was tadelst du nur!
Bist mit Laternen auf der Spur
Dem Menschen, den sie nimmer finden;
Was willst ihn zu suchen dich unterwinden!


Die Bösen soll man nimmer schelten,
Sie werden zur Seite der Guten gelten;
Die Guten aber werden wissen,
Vor wem sie sich sorglich hüten müssen.


"In der Urzeit seien Menschen gewesen,
Seien mit Bestien zusammen gewesen."


"Sie malträtieren dich spät und früh;
Sprichst du denn gar nicht mit?"
†††Seliger Erben und Kompanie,
Die Firma hat immer Kredit.


Das Zeitungsgeschwister,
Wie mag sich's gestalten,
Als um die Philister
Zum Narren zu halten?


Dem Arzt verzeiht! Denn doch einmal
Lebt er mit seinen Kindern.
Die Krankheit ist ein Kapital,
Wer wollte das vermindern!


"Mit unsern wenigen Gaben
Haben wir redlich geprahlt,
Und was wir dem Publikum gaben,
sie haben es immer bezahlt."


Frömmigkeit verbindet sehr;
Aber Gottlosigkeit noch viel mehr.


Verständige Leute kannst du irren sehn,
In Sachen nämlich, die sie nicht versehn.


Der Achse wird mancher Stoß versetzt,
Sie rührt sich nicht - und bricht zuletzt.


Johannisfeuer sei unverwehrt!
Die Freude nie verloren!
Besen werden immer stumpf gekehrt,
Und Jungens immer geboren.


   Das Schlechte kannst du immer loben;
Du hast dafür sogleich den Lohn:
In deinem Pfuhle schwimmst du oben
Und bist der Pfuscher Schutzpatron.

   Das Gute schelten? - Magst's probieren!
Es geht, wenn du dich frech erkühnst;
Doch treten, wenn's die Menschen spüren,
Sie dich in Quark, wie du's verdienst.


Jeder solcher Lumpenhunde
Wird vom zweiten abgetan;
Sei nur brav zu jeder Stunde,
Niemand hat dir etwas an.


Komm her! Wir setzen uns zu Tisch,
Wen möchte solche Narrheit rühren!
Die Welt geht auseinander wie ein fauler Fisch,
Wir wollen sie nicht balsamieren.


Sage mir ein weiser Mann,
Was das Mick-Mack heißen kann?
Solch zweideutig Achseltragen
Nutzen wird's nicht noch behagen.


Ihr seht uns an mit scheelem Blick,
Ihr schwanket vor, ihr schwankt zurück
Und häufet Zeil' auf Zeile.
So zerret Lesers dürftig Ohr
Mit viel gequirltem Phrasenflor;
Uns habt ihr nicht am Seile!
Die W. K. Fs.
Mit ihren Treffs,
Sie wirken noch eine Weile.


Der trockne Versemann
Weiß nur zu tadeln;
Ja, wer nicht ehren kann,
Der kann nicht adeln.


"So lass doch auch noch diese gelten,
Bist ja im Urteil sonst gelind!"
Sie sollen nicht die schlechten Dichter schelten,
Da sie nicht vielmal besser sind.


Deinen Vorteil zwar verstehst du,
Doch verstehst nicht, aufzuräumen;
Hass und Widerwillen säst du,
Und dergleichen wird auch keimen.


Will einer sich gewöhnen,
So sei's zum Guten, zum Schönen.
Man tue nur das Rechte,
Am Ende duckt, am Ende dient der Schlechte.


Es darf sich einer wenig bücken,
So hockt mit einem leichten Sprung
Der Teufel gleich dem Teufel auf dem Rücken.


Anbete du das Feuer hundert Jahr,
Dann fall hinein, dich frisst's mit Haut und Haar.


   "Der Mond soll im Kalender stehn,
Doch auf den Straßen ist er nicht zu sehn!
Warum darauf die Polizei nicht achtet?"

   Mein Freund, urteile nicht so schnell!
Du tust gewaltig klug und hell,
Wenn es in deinem Kopfe nachtet.


O ihr Tags- und Splitterrichter,
Splittert nur nicht alles klein!
Denn, fürwahr, der schlechtste Dichter
Wird noch euer Meister sein.


Habe nichts dagegen, dass ihm so sei;
Aber dass mich's erfreut,
Das müsst' ich lügen.
Eh' ich's verstand, da sprach ich frei,
Und jetzt versteh' ich mancherlei,
Warum sollt' ich nun schweigen,
Uns neuen Weg zu zeigen?


Das ist doch nur der alte Dreck,
Werdet doch gescheiter!
Tretet nicht immer denselben Fleck,
So geht doch weiter!


Viel Wunderkuren gibt's jetzunder,
Bedenkliche, gesteh' ich's frei!
Natur und Kunst tun große Wunder,
Und es gibt Schelme nebenbei.


Mit diesen Menschen umzugehen,
Ist wahrlich keine große Last:
Sie werden dich recht gut verstehn,
Wenn du sie nur zum besten hast.


O Welt, vor deinem hässlichen Schlund
Wird guter Wille selbst zunichte.
Scheint das Licht auf einen schwarzen Grund,
So sieht man nichts mehr von dem Lichte.


Mit Liebe nicht, nur mit Respekt
Können wir uns mit dir vereinen.
O Sonne, tätest du deinen Effekt,
Ohne zu scheinen!


Sie täten gern große Männer verehren,
Wenn diese nur auch zugleich Lumpe wären.


Wir.
Du toller Wicht, gesteh nur offen:
Man hat dich auf manchem Fehler betroffen!

Er.
Ja wohl! Doch macht' ich ihn wieder gut.

Wir.
Wie denn?

Er.
Ei, wie's ein jeder tut.

Wir.
Wie hast du denn das angefangen?

Er.
Ich hab' einen neuen Fehler begangen,
Darauf waren die Leute so versessen,
Dass sie des alten gern vergessen.


Wie mancher auf der Geige fiedelt,
Meint er, er habe sich angesiedelt;
Auch in natürlicher Wissenschaft,
Da übt er seine geringe Kraft
Und glaubt, auf seiner Violin
Ein anderer, dritter Orpheus zu syn.
Jeder streicht zu, versucht sein Glück,
Es ist zuletzt eine Katzenmusik.


Alles will reden,
Jeder will wandeln;
Ich allein soll nicht sprechen
Noch handeln.


Sie kauen längst an dem schlechten Bissen;
Wir spaßen, die wir's besser wissen.


Das ist eine von den alten Sünden:
Sie meinen: Rechnen, das sei Erfinden.


Und weil sie so viel Recht gehabt,
Sei ihr Unrecht mit Recht begabt.


Und weil ihre Wissenschaft exakt,
So sei keiner von ihnen vertrackt.


Man soll nicht lachen!
Sich nicht von den Leuten trennen!
Sie wollen alle machen
Was sie nicht können.


Wenn du hast, das ist wohl schön,
Doch du musst es auch verstehn.
Können, das ist große Sache,
Damit das Wollen etwas mache.


Hier liegt ein überschlechter Poet!
Wenn er nur niemals aufersteht.


Hätt' ich gezaudert, zu werden,
Bis man mir's Leben gegönnt,
Ich wäre noch nicht auf Erden,
Wie ihr begreifen könnt,
Wenn ihr seht, wie sie sich gebärden,
Die, um etwas zu scheinen,
Mich gerne möchten verneinen.


Mag's die Welt zur Seite weisen,
Wenig Schüler werden's preisen,
Die an deinem Sinn entbrannt,
Wenn die Vielen dich verkannt.


Ein reiner Reim wird wohl begehrt;
Doch den Gedanken rein zu haben,
Die edelste von allen Gaben,
Das ist mir alle Reime wert.


Allerlieblichste Trochäen
Aus der Zeile zu vertreiben
Und schwerfälligste Spondeen
An die Stelle zu verleiben,
Bis zuletzt ein Vers entsteht,
Wird mich immerfort verdrießen.
Lass die Reime lieblich fließen,
Lass mich des Gesangs genießen
Und des Blicks, der mich versteht!


"Ein Schnippchen schlägst du doch im Sack,
Der du so ruhig scheinest;
So sag' doch frank und frei dem Pack,
Wie du's mit ihnen meinest."

Ich habe mir mit Müh und Fleiß
Gefunden, was ich suchte;
Was schiert es mich, ob jemand weiß,
Dass ich das Volk verfluchte.


Für mich hab' ich genug erworben,
So viel auch Widerspruch sich regt;
Sie haben meine Gedanken verdorben
Und sagen, sie hätten mich widerlegt.


Nur stille! Nur bis morgen früh!
Denn niemand weiß recht, was er will.
Was für ein Lärm! Was für eine Müh!
Ich sitze gleich und schlummre still.


Alles auch Meinende
Wird nicht vereint,
Weil das Erscheinende
Nicht mehr erscheint.


Reuchlin! Wer will sich ihm vergleichen,
Zu seiner Zeit ein Wunderzeichen!
Das Fürsten- und das Städtewesen
Durchschlängelte sein Lebenslauf,
Die heiligen Bücher schloss er auf.
Doch Pfaffen wussten sich zu rühren,
Die alles breit ins Schlechte führen,
Sie finden alles da und hie
So dumm und so absurd wie sie.
Dergleichen will mir auch begegnen,
Bin unter Dache, lass' es regnen:
Denn gegen die obskuren Kutten,
Die mir zu schaden sich verquälen,
Auch mir kann es an Ulrich Hutten,
An Franz von Sickingen nicht fehlen.


Am Lehrling mäkelten sie,
Nun mäkeln sie am Wandrer;
Jener lernte spät und früh,
Dieser wird kein andrer.
Beide wirken im schönen Kreise
Kräftig, wohlgemut und zart;
Lerne doch jeder nach seiner Weise,
Wandle doch jeder in seiner Art.


Nein, das wird mich nicht kränken,
Ich acht' es für Himmelsgabe!
Soll ich geringer von mir denken,
Weil ich Feinde habe?


Warum ich Royaliste bin,
Das ist sehr simpel:
Als Poet fand ich Ruhms Gewinn,
Frei Segel, freie Wimpel;
Musst' aber alles selber tun,
Konnt' niemand fragen;
Der alte Fritz wusst' auch zu tun,
Durft' ihm niemand was sagen.


"Sie wollten dir keinen Beifall gönnen,
Du warst niemals nach ihrem Sinn!"
Hätten sie mich beurteilen können,
So wär' ich nicht, was ich bin.


Das Unvernünftige zu verbreiten,
Bemüht man sich nach allen Seiten;
Es täuschet eine kleine First,
Man sieht doch bald, wie schlecht es ist.


"Der Pseude-Wandrer, wie auch dumm,
Versammelt sein Geschwister."
Es gibt manch Evangelium;
Hab' es auch der Philister!


   Ihr edlen Deutschen wisst noch nicht,
Was eines treuen Lehrers Pflicht
Für euch weiß zu bestehen;

   Zu zeigen, was moralisch sei,
Erlauben wir uns frank und frei,
Ein Falsum zu begehen.


Hiezu haben wir Recht und Titel.
Der Zweck heiligt die Mittel.


Verdammen wir die Jesuiten,
So gilt es doch in unsern Sitten.


Ist dem Gezücht Verdienst ein Titel?
Ein Falsum wird ein heilig Mittel,
Das schmeichelt ja, sie wissen's schon,
Der frommen deutschen Nation,
Die sich erst recht erhaben fühlt,
Wenn all ihr Würdiges ist verspielt.
Doch gegen die obskuren Kutten,
Die mir zu schaden sich verquälen,
Auch mir soll es an Ulrich Hutten,
An Franz von Sickingen nicht fehlen.


Ihr schmähet meine Dichtung;
Was habt ihr denn getan?
Wahrhaftig, die Vernichtung,
Verneinend fängt sie an,
Doch ihren scharfen Besen
Strengt sie vergebens an;
Ihr seid gar nicht gewesen
Wo träfe sie euch an?


Haben da und dort zu mäkeln,
An dem äußern Rand zu häkeln,
Machen mir den kleinen Krieg.
Doch ihr schadet eurem Rufe;
Weilt nicht auf der niedern Stufe,
Die ich längst schon überstieg!


"Die Feinde, sie bedrohen dich,
Das mehrt von Tag zu Tage sich;
Wie dir doch gar nicht graut!"
Das seh' ich alles unbewegt,
Sie zerren an der Schlangenhaut,
Die jüngst ich abgelegt.
Und ist die nächste reif genung,
Abstreif' ich die sogleich
Und wandle, neubelebt und jung,
Im frischen Götterreich.


Ihr guten Kinder,
Ihr armen Sünder,
Zupft mir am Mantel -
Lasst nur den Handel!
Ich werde wallen
Und lass' ihn fallen;
Wer ihn erwischet,
Der ist erfrischet.


Über Moses' Leichnam stritten
Selige mit Fluchdämonen;
Lag er doch in ihrer Mitten,
Kannten sie doch kein Verschonen!
Greift der stets bewusste Meister
Nochmals zum bewährten Stabe,
Hämmert auf die Pustrichsgeister;
Engel brachten ihn zu Grabe.


VI.

Lasset walten, lasset gelten,
Was ich wunderlich verkündigt!
Dürftet ihr den Guten schelten,
Der mit seiner Zeit gesündigt?


Nichts wird rechts und links mich kränken,
Folg' ich kühn dem raschen Flug;
Wollte jemand anders denken,
Ist der Weg ja breit genug.


Schwärmt ihr doch zu ganzen Scharen
Lieber als in wenig Paaren,
Lasst mir keine Seite leer!
Summst umher, es wird euch glücken!
Einzeln stechen auch die Mücken,
Brauch nicht gleich ein ganzes Heer.


Da ich viel allein verbleibe,
Pflege weniges zu sagen;
Da ich aber gerne schreibe,
Mögen's meine Leser tragen!
Sollte heißen: Gern diktiere;
Und das ist doch auch ein Sprechen,
Wo ich keine Zeit verliere;
Niemand wird mich unterbrechen.


Wie im Auge mit fliegenden Mücken,
So ist's mit Sorgen ganz genau:
Wenn wir in die schöne Welt hineinblicken,
Da schwebt ein Spinnewebengrau;
Es überzieht nicht, es zeiht nur vorüber,
Das Bild ist gestört, wenn nur nicht trüber;
Die klare Welt bleibt klare Welt:
Im Auge nur ist's schlecht bestellt.


Trage dein Übel, wie du magst,
Klage niemand dein Missgeschick;
Wie du dem Freunde ein Unglück klagst,
Gibt er dir gleich ein Dutzend zurück!


In keiner Gilde kann man sein,
Man wisse denn zu schultern fein;
Das, was sie lieben, was sie hassen,
Das muss man eben geschehen lassen;
Das, was sie wissen, lässt man gelten,
Was sie nicht wissen, muss man schelten,
Althergebrachtes weiter führen,
Das Neue klüglich retardieren;
Dann werden sie dir zugestehn,
Auch nebenher deinen Weg zu gehn.


Doch würden sie, könnt' es gelingen,
Zum Widerruf dich pfäffisch zwingen.


Hemmt ihr verschmähten Freier
Nicht die schlecht gestimmte Leier,
So verzweifl' ich ganz und gar;
Isis zeigt sich ohne Schleier;
Doch der Mensch, er hat den Star.


Die geschichtlichen Symbole -
Törig, wer sie wichtig hält;
Immer forschet er ins Hohle
Und versäumt die reiche Welt.


Suche nicht verborgne Weihe!
Unterm Schleier lass das Starre!
Willst du leben, guter Narre,
Sieh nur hinter dich ins Freie.


Einheit ewigen Lichts zu spalten,
Müssen wir für törig halten,
Wenn euch Irrtum schon genügt.
Hell und Dunkel, Licht und Schatten,
Weiß man klüglich sie zu gatten,
Ist das Farbenreich besiegt.


Die beiden lieben sich gar fein,
Mögen nicht ohne einander sein.
Wie eins im andern sich verliert,
Manch buntes Kind sich ausgebiert.
Im eignen Auge schaue mit Lust,
Was Plato von Anbeginn gewusst;
Denn das ist der Natur Gehalt,
Dass außen gilt, was innen galt.


   Freunde, flieht die dunkle Kammer,
Wo man euch das Licht verzwickt
Und mit kümmerlichstem Jammer
Sich verschrobnen Bildern bückt.
Abergläubische Verehrer
Gab's die Jahre her genug,
In den Köpfen eurer Lehrer
Lasst Gespenst und Wahn und Trug.

   Wenn der Blick an heitern Tagen
Sich zur Himmelsbläue lenkt,
Beim Sirok der Sonnenwagen
Purpurrot sich niedersenkt,
Da gebt der Natur die Ehre,
Froh, an Aug' und Herz gesund,
Und erkennt der Farbenlehre
Allgemeinen ewigen Grund!


Das wirst du sie nicht überreden,
Sie rechnen dich ja zu den Blöden,
Von blöden Augen, blöden Sinnen;
Die Finsternis im Lichte drinnen,
Die kannst du ewig nicht erfassen;
Musst das den Herren überlassen,
Die's zu beweisen sind erbötig.
Gott sei den guten Schülern gnädig!


Mit widerlegen, bedingen, begrimmen
Bemüht und brüstet mancher sich;
Ich kann daraus nichts weiter gewinnen,
Als dass er anders denkt wie ich.


Wie man die Könige verletzt,
Wird der Granit auch abgesetzt;
Und Gneis der Sohn ist nun Papa!
Auch dessen Untergang ist nah;
Denn Plutos Gabel drohet schon
Dem Urgrund Revolution;
Basalt, der schwarze Teufelsmohr,
Aus tiefster Hölle bricht hervor,
Zerspaltet Fels, Gestein und Erden,
Omega muss zum Alpha werden.
Und so wäre denn die liebe Welt
Geognostisch auch auf den Kopf gestellt.


Kaum wendet der edle Werner den Rücken,
Zerstört man das Poseidaonische Reich;
Wenn alle sich vor Hephästos bücken,
Ich kann es nicht sogleich;
Ich weiß nur in der Folge zu schätzen.
Schon hab' ich manches Kredo verpasst;
Mir sind sie alle gleich verhasst,
Neue Götter und Götzen.


   Ursprünglich eignen Sinn
Lass dir nicht rauben!
Woran die Menge glaubt,
Ist leicht zu glauben.

   Natürlich mit Verstand
Sei du beflissen!
Was der Gescheite weiß,
Ist schwer zu wissen.


Je mehr man kennt, je mehr man weiß,
Erkennt man, alles dreht im Kreis;
Erst lehrt man jenes, lehrt man dies,
Nun aber waltet ganz gewiss
Im innern Erdenspatium
Pyro-Hydrophylacium,
Damit's der Erden Oberfläche
An Feuer und Wasser nicht gebreche.
Wo käme denn ein Ding sonst her,
Wenn es nicht längst schon fertig wär'?
So ist denn, eh' man sich's versah,
Der Vater Kircher wieder da.
Will mich jedoch des Worts nicht schämen:
Wir tasten ewig an Problemen.


   Keine Gluten, keine Meere
Geb' ich in dem Innern zu;
Doch allherrschend waltet Schwere,
Nicht verdammt zu Tod und Ruh.

   Vom lebendigen Gott lebendig,
Durch den Geist, der alles regt,
Wechselt sie, nicht unbeständig,
Immer in sich selbst bewegt.

   Seht nur hin! Ihr werdet's fassen:
Wenn Merkur sich hebt und neigt,
Wird im Anziehn, im Entlassen
Atmosphäre schwere und leicht..


Mir genügt nicht eure Lehre:
Ebb' und Flut der Atmosphäre
Denk' sich's jeder, wie er kann!
Will mich nur an Hermes halten,
Denn des Barometers Walten
Ist der Witterung Tyrann.


Westen mag die Luft regieren,
Sturm und Flut nach Osten führen,
Wenn Merkur sich schläfrig zeigt;
Aller Elemente Toben,
Osther ist es aufgehoben,
Wenn er aus dem Schlummer steigt.


Das Leben wohnt in jedem Sterne:
Er wandelt mit den andern gerne
Die selbsterwählte reine Bahn;
Im innern Erdenball pulsieren
Die Kräfte, die zur Nacht uns führen
Und wieder zu dem Tag heran.


Wenn im Unendlichen dasselbe
Sich wiederholend ewig fließt,
Das tausendfältige Gewölbe
Sich kräftig ineinander schließt,
Strömt Lebenslust aus allen Dingen,
Dem kleinsten wie dem größten Stern,
Und alles Drängen, alles Ringen
Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn.


Nachts, wann gute Geister schweifen,
Schlaf dir von der Stirne streifen,
Mondenlicht und Sternenflimmern,
Dich mit ewigem All umschimmern,
Scheinst du dir entkörpert schon,
Wagest dich an Gottes Thron.


Aber wenn der Tag die Welt
Wieder auf die Füße stellt,
Schwerlich möcht' er dir's erfüllen
Mit der Frühe bestem Willen;
Zu Mittag schon wandelt sich
Morgentraum gar wunderlich.


Sei du im Leben wie im Wissen
Durchaus der reinen Fahrt beflissen;
Wenn Sturm und Strömung stoßen, zerr'n;
Sie werden doch nicht deine Herrn;
Kompass und Pol-Stern, Zeitenmesser
Und Sonn' und Mond verstehst du besser,
Vollendest so nach deiner Art
Mit stillen Freuden deine Fahrt.
Besonders, wenn dich's nicht verdrießt,
Wo sich der Weg im Kreise schließt;
Der Weltumsegler freudig trifft
Den Hafen, wo er ausgeschifft.


Wie fruchtbar ist der kleinste Kreis,
Wenn man ihn wohl zu pflegen weiß.


Wenn Kindesblick begierig schaut,
Er findet des Vaters Haus gebaut;
Und wenn das Ohr sich erst vertraut,
Ihm tönt der Muttersprache Laut.
Gewahrt es dies und jenes nah,
Man fabelt ihm, was fern geschah,
Umsittigt ihn, wächst er heran;
Er findet eben alles getan,
Man rühmt ihm dies, man preist ihm das:
Er wäre gar gern auch etwas.
Wie er soll wirken, schaffen, lieben,
Das steht ja alles schon geschrieben
Und, was noch schlimmer ist, gedruckt;
Da steht der junge Mensch verduckt,
Und endlich wird ihm offenbar:
Er sei nur, was ein andrer war.


Gern wär' ich Überliefrung los
Und ganz original;
Doch ist das Unternehmen groß
Und führt in manche Qual.
Als Autochthone rechnet' ich
Es mir zur höchsten Ehre,
Wenn ich nicht gar zu wunderlich
Selbst Überliefrung wäre.


Vom Vater hab' ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren.
Urahnherr war der Schönsten hold,
Das spukt so hin und wieder;
Urahnfrau liebte Schmuck und Gold,
Das zuckt wohl durch die Glieder.
Sind nun die Elemente nicht
Aus dem Komplex zu trennen,
Was ist denn an dem ganzen Wicht
Original zu nennen?


Teilen kann ich nicht das Leben,
Nicht das Innen noch das Außen,
Allen muss das Ganze geben,
Um mit euch und mir zu hausen.
Immer hab' ich nur geschrieben,
Wie ich fühle, wie ich's meine,
Und so spalt' ich mich, ihr Lieben,
Und bin immerfort der Eine.

Ü   Þ

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