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IX.518. Das erste und letzte, was vom Genie gefordert wird, ist Wahrheitsliebe. 519. Wer gegen sich selbst und andere wahr ist und bleibt, besitzt die schönste Eigenschaft der größten Talente. 520. Große Talente sind das schönste Versöhnungsmittel. 521. Das Genie übt eine Art Ubiquität aus, ins Allgemeine vor, ins Besondere nach der Erfahrung. 522. Eine tätige Skepsis: Welche unablässig bemüht ist, sich selbst zu überwinden und durch geregelte Erfahrung zu einer Art von bedingter Zuverlässigkeit zu gelangen. 523. Das Allgemeine eines solchen Geistes ist die Tendenz: Zu erforschen, ob irgendeinem Objekt irgendein Prädikat wirklich zukomme; und geschieht diese Untersuchung in der Absicht, das als geprüft Gefundene in der Praxis mit Sicherheit anwenden zu können. 524. Der lebendig begabte Geist, sich in praktischer Absicht ans Allernächste haltend, ist das Vorzüglichste auf Erden. 525. „Vollkommenheit ist die Norm des Himmels; Vollkommenes wollen, die Norm des Menschen.“ 526. Der Mensch ist genugsam ausgestattet zu allen wahren irdischen Bedürfnissen, wenn er seinen Sinnen traut und sie dergestalt ausbildet, dass sie des Vertrauens wert bleiben. 527. Die Sinne trügen nicht, das Urteil trügt. 528. Man leugnet dem Gesicht nicht ab, dass es die Entfernung der Gegenstände, die sich neben- und übereinander befinden, zu schätzen wisse; das Hintereinander will man nicht gleichmäßig zugestehen. 529. Und doch ist dem Menschen, der nicht stationär, sondern beweglich gedacht wird, hierin die sicherste Lehre durch Parallaxe verliehen. 530. Die Lehre von dem Gebrauch der korrespondierenden Winkel ist, genau besehen, darin eingeschlossen. 531. Das Tier wird durch seine Organe belehrt, der Mensch belehrt die seinigen und beherrscht sie. 532. Anaxagoras lehrt, dass alle Tiere die tätige Vernunft haben, aber nicht die leidende, die gleichsam der Dolmetscher des Verstandes ist. 533. Jüdisches Wesen. Energie der Grund von allem.
Unmittelbare Zwecke. Keiner, auch nur der kleinste, geringste Jude, der
nicht entschiedenes Bestreben verriete, und zwar ein irdisches,
zeitliches, augenblickliches. 534. Alle unmittelbare Aufforderung zum Ideellen ist bedenklich, besonders an die Weiblein. Wie es auch sei, umgibt sich der einzelne bedeutende Mann mit einem mehr oder weniger religios-moralisch-ästhetischen Serail. 535. Jede große Idee, die als ein Evangelium in die Welt tritt, wird dem stockenden pedantischen Volke ein Ärgernis und einem Viel-, aber Leichtgebildeten eine Torheit. 536. Eine jede Idee tritt als ein fremder Gast in die Erscheinung, und wie sie sich zu realisieren beginnt, ist sie kaum von Phantasie und Phantasterei zu unterscheiden. 537. Dies ist es, was man Ideologie im guten und bösen Sinne genannt hat, und warum der Ideolog den lebhaft wirkenden praktischen Tagesmenschen so sehr zuwider war. 538. Man kann die Nützlichkeit einer Idee anerkennen und doch nicht recht verstehen, sie vollkommen zu nutzen. 539. „Ich glaube einen Gott!“ Dies ist ein schönes, löbliches Wort; aber Gott anerkennen, wo und wie er sich offenbare, das ist eigentlich die Seligkeit auf Erden. 540. Kepler sagte: „Mein höchster Wunsch ist, den Gott, den ich im Äußern überall finde, auch innerlich, innerhalb meiner gleichermaßen gewahr zu werden.“ Der edle Mann fühlte sich nicht bewusst, dass eben in dem Augenblick das Göttliche in ihm mit dem Göttlichen des Universums in genauester Verbindung stand. 541. Den teleologischen Beweis vom Dasein Gottes hat die kritische Vernunft beseitigt; wir lassen es uns gefallen. Was aber nicht als Beweis gilt, soll uns als Gefühl gelten, und wir rufen daher von der Brontotheologie bis zur Niphotheologie alle dergleichen fromme Bemühungen wieder heran. Sollten wir im Blitz, Donner und Sturm nicht die Nähe einer übergewaltigen Macht, in Blütenduft und lauem Luftsäuseln nicht ein liebevoll sich annäherndes Wesen empfinden dürfen? Frage. 543. Apokrypha. Wichtig wäre es, das hierüber historisch schon Bekannte nochmals zusammenzufassen und zu zeigen, dass gerade jene apokryphischen Schriften, mit denen die Gemeinden schon die ersten Jahrhunderte unserer Ära überschwemmt wurden, und woran unser Kanon noch jetzt leidet, die eigentliche Ursache sind, warum das Christentum in keinem Momente der politischen und Kirchengeschichte in seiner ganzen Schönheit und Reinheit hervortreten konnte. 544. Das unheilbare Übel dieser religiösen Streitigkeiten besteht darin, dass der eine Teil auf Märchen und leere Worte das höchste Interesse der Menschheit zurückführen will, der andere aber es da zu begründen denkt, wo sich niemand beruhigt. 545. Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen. 546. Glaube, Liebe, Hoffnung fühlten einst in ruhiger, geselliger Stunde einen plastischen Trieb in ihrer Natur: Sie befleißigten sich zusammen und schufen ein liebliches Gebilde, eine Pandora im höhern Sinne, die Geduld. 547. „Ich bin über die Wurzeln des Baumes gestolpert, den ich gepflanzt hatte.“ Das muss ein alter Forstmann gewesen sein, der dies gesagt hat. 548. „Ein schäbiges Kamel trägt immer noch die Lasten vieler Esel.“ 549. Weiß denn der Sperling, wie’s dem Storch zumute sei? 550. Wo Lampen brennen, gibt’s Ölflecken, wo Kerzen brennen, gibt’s Schnuppen; die Himmelslichter allein erleuchten rein und ohne Makel. 551. Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande. 552. Ein gebranntes Kind scheut das Feuer, ein oft versengter Greis scheut sich zu wärmen. 553. Die gegenwärtige Welt ist nicht wert, dass wir etwas für sie tun: Denn die bestehende kann in dem Augenblick abscheiden. Für die vergangne und künftige müssen wir arbeiten; für jene, dass wir ihr Verdienst anerkennen, für diese, dass wir ihren Wert zu erhöhen suchen. 554. Frage sich doch jeder, mit welchem Organ er allenfalls in seine Zeit einwirken kann und wird. 555. Denke nur niemand, dass man auf ihn als den Heiland gewartet habe. 556. Charakter im Großen und Kleinen ist, dass der Mensch demjenigen eine stete Folge gibt, dessen er sich fähig fühlt. 557. Wer tätig sein will und muss, hat nur das Gehörige des Augenblicks zu bedenken, und so kommt er ohne Weitläufigkeit durch. Das ist der Vorteil der Frauen, wenn sie ihn verstehen. 558. Der Augenblick ist eine Art von Publikum; man muss ihn betrügen, dass er glaube, man tue was; dann lässt er uns gewähren und im geheimen fortführen, worüber seine Enkel erstaunen müssen. 559. Mensche, die ihre Kenntnisse an die Stelle der Einsicht setzen. (Junge Leute.) 560. In einigen Staaten ist infolge der erlebten heftigen Bewegungen fast in allen Richtungen eine gewisse Übertreibung im Unterrichtswesen eingetreten, dessen Schädlichkeit in der Folge allgemeiner eingesehen, aber jetzt schon von tüchtigen, redlichen Vorstehern solcher Anstalten vollkommen anerkannt ist. Treffliche Männer leben in einer Art von Verzweiflung, dass sie dasjenige, was sie amts- und vorschriftsmäßig lehren und überliefern müssen, für unnütz und schädlich halten. 561. Es ist nichts trauriger anzusehen, als das unvermittelte Streben ins Unbedingte in dieser durchaus bedingten Welt; es erscheint im Jahr 1830 vielleicht ungehöriger als je. 562. Vor der Revolution war alles Bestreben, nachher verwandelte sich alles in Forderung. 563. Ob eine Nation reif werden könne, ist eine wunderliche Frage. Ich beantworte sie mit Ja, wenn alle Männer als dreißigjährig geboren werden könnten. Da aber die Jugend vorlaut, das Alter aber kleinlaut ewig sein wird, so ist der eigentlich reife Mann immer zwischen beiden geklemmt und wird sich auf eine wunderliche Weise behelfen und durchhelfen müssen. 564. Was vonseiten der Monarchen in den Zeitungen gedruckt wird, nimmt sich nicht gut aus; denn die Macht soll handeln und nicht reden. Was die Liberalen vorbringen, lässt sich immer lesen; denn der Übermächtigte, weil er nicht handeln kann, mag sich wenigstens redend äußern. „Lasst sie singen, wenn sie nur bezahlen!“, sagte Mazarin, als man ihm die Spottlieber auf eine neue Steuer vorlegte. 565. Wenn man einige Monate die Zeitungen nicht gelesen hat, und man liest sie alsdann zusammen, so zeigt sich erst, wie viel Zeit man mit diesen Papieren verdirbt. Die Welt war immer in Parteien geteilt, besonders ist sie es jetzt, und während jedes zweifelhaften Zustandes kirrt der Zeitungsschreiber eine oder die andere Partei mehr oder weniger und nährt die innere Neigung und Abneigung von Tag zu Tag, bis zuletzt Entscheidung eintritt und das Geschehene wie eine Gottheit angestaunt wird. 566. Eitelkeit ist eine persönliche Ruhmsucht: Man will nicht wegen seiner Eigenschaften, seiner Verdienste, Taten geschätzt, geehrt, gesucht werden, sondern um seines individuellen Daseins willen. Am besten kleidet die Eitelkeit deshalb eine frivole Schöne. 567. Welcher Gewinn wäre es fürs Leben, wenn man dies früher gewahr würde, zeitig erführe, dass man mit seiner Schönen nie besser steht, als wenn man seinen Rivalen lobt. Alsdann geht ihr das Herz auf, jede Sorge, euch zu verletzen, die Furcht, euch zu verlieren, ist verschwunden: Sie macht euch zum Vertrauten, und ihr überzeugt euch mit Freuden, dass ihr es seid, dem die Frucht des Baumes gehört, wenn ihr guten Humor genug habt, anderen die abfallenden Blätter zu überlassen. 568. Für die vorzüglichste Frau wird diejenige gehalten, welche ihren Kindern den Vater, wenn er abgeht, zu ersetzen imstande ist. 569. Klassisch ist das Gesunde, romantisch das Kranke. 570. Ovid blieb klassisch auch im Exil: Er sucht sein Unglück nicht in sich, sondern in seiner Entfernung von der Hauptstadt der Welt. 571. Das Romantische ist schon in seinen Abgrund verlaufen: Das Grässlichste der neueren Produktionen ist kaum noch gesunkener zu denken. 572. Engländer und Franzosen haben uns darin überboten. Körper, die bei Leibesleben verfaulen und sich in detaillierter Betrachtung ihres Verwesens erbauen; Tote, die zum Verderben anderer am Leben bleiben und ihren Tod am Lebendigen ernähren – dahin sind unsere Produzenten gelangt. 573. Im Altertum spuken dergleichen Erscheinungen nur vor wie seltene Krankheitsfälle; bei den Neuern sind sie endemisch und epidemisch geworden. 574. Die Literatur verdirbt sich nur in dem Maße, als die Menschen verdorbener werden. 575. Was ist das für eine Zeit, wo man die Begrabenen beneiden muss! 576. Das Wahre, Gute und Vortreffliche ist einfach und sich immer gleich, wie es auch erscheine. Das Irren aber, das den Tadel hervorruft, ist höchst mannigfaltig, in sich selbst verschieden und nicht allein gegen das Gute und Wahre, sondern auch gegen sich selbst kämpfend, mit sich selbst im Widerspruch. Daher müssen in jeder Literatur die Ausdrücke des Tadels die Worte des Lobes überwiegen. 577. Bei den Griechen, deren Poesie und Rhetorik einfach und positiv war, erscheint die Billigung öfter als die Missbilligung; bei den Lateinern hingegen ist es umgekehrt, und je mehr sich Poesie und Redekunst verdirbt, desto mehr wird der Tadel wachsen und das Lob sich zusammenziehen. 578. Es gibt empirische Enthusiasten, die, obgleich mit Recht, an neuen guten Produkten aber mit einer Ekstase sich erweisen, als wenn sonst in der Welt nichts Vorzügliches zu sehen gewesen wäre. 579. „Sakuntala.“ Hier erscheint der Dichter in seiner höchsten Funktion; als Repräsentant des natürlichsten Zustandes, der feinsten Lebensweise, des reinsten sittlichen Bestrebens, der würdigsten Majestät und der ernstesten Gottesverehrung wagt er sich in gemeine und lächerliche Gegensätze. 580. „Heinrich der Vierte“, von Shakespeare. Wenn alles verloren wäre, was je dieser Art geschrieben zu uns gekommen, so könnte man Poesie und Rhetorik daraus vollkommen wiederherstellen. 581. „Eulenspiegel.“ Alle Hauptspäße des Buchs beruhen darauf, dass alle Menschen figürlich sprechen und Eulenspiegel es eigentlich nimmt. 582. Mythologie = Luxe de Croyance. 583. Über die wichtigsten Angelegenheiten des Gefühls wie der Vernunft, der Erfahrung wie des Nachdenkens soll man nur mündlich verhandeln. Das ausgesprochene Wort ist sogleich tot, wenn es nicht durch ein folgendes, dem Hörer gemäßes, am Leben erhalten wird. Man merke nur auf ein geselliges Gespräch! Gelangt das Wort nicht schon tot zu dem Hörer, so ermordet er es alsogleich durch Widerspruch, Bestimmen, Bedingen, Ablenken, Abspringen und wie die tausendfältigen Unarten des Unterhaltens auch heißen mögen. Mit dem Geschriebenen ist es noch schlimmer. Niemand mag lesen als das, woran er schon einigermaßen gewöhnt ist; das Bekannte, das Gewohnte verlangt er unter veränderter Form. Doch hat das Geschriebene den Vorteil, dass es dauert und die Zeit abwarten kann, wo ihm zu wirken gegönnt ist. 584. Vernünftiges und Unvernünftiges haben gleichen Widerspruch zu erleiden. 585. Was man mündlich ausspricht, muss der Gegenwart, dem Augenblick gewidmet sein; was man schreibt, widme man der Ferne, der Folge. 586. Die Dialektik ist die Ausbildung des Widerspruchsgeistes, welcher dem Menschen gegeben, damit er den Unterschied der Dinge erkennen lerne. 587. Mit wahrhaft Gleichgesinnten kann man sich auf die Länge nicht entzweien, man findet sich immer wieder einmal zusammen; mit eigentlich Widergesinnten versucht man umsonst Einigkeit zu halten, es bricht immer wieder einmal auseinander. 588. Gegner glauben uns zu widerlegen, wenn sie ihre Meinung wiederholen und auf die unsrige nicht achten. 589. Diejenigen, welche widersprechen und streiten, sollten mitunter bedenken, dass nicht jede Sprache jedem verständlich sei. 590. Es hört doch jeder nur, was er versteht. 591. Ich erwarte wohl, dass mir mancher Leser widerspricht; aber er muss doch stehen lassen, was er schwarz auf weiß vor sich hat. Ein anderer stimmt vielleicht mir bei, ebendasselbe Exemplar in der Hand. 592. Die wahre Liberalität ist Anerkennung. 593. Die schwer zu lösende Aufgabe strebender Menschen ist, die Verdienste älterer Mitlebenden anzuerkennen und sich von ihren Mängeln nicht hindern zu lassen. 594. Es gibt Menschen, die auf die Mängel ihrer Freunde sinnen; dabei ist nichts zu gewinnen. Ich habe immer auf die Verdienste meiner Widersacher acht gehabt und davon Vorteil gezogen. 595. Es gibt viele Menschen, die sich einbilden, was sie erfahren, das verstünden sie auch. 596. Das Publikum will wie Frauenzimmer behandelt sein: Man soll ihnen durchaus nichts sagen, als was sie hören möchten. 597. Jedem Alter des Menschen antwortet eine gewisse Philosophie. Das Kind erscheint als Realist; denn es findet sich so überzeugt von dem Dasein der Birnen und Äpfel als von dem seinigen. Der Jüngling, von innern Leidenschaften bestürmt, muss auf sich selbst merken, sich vorfühlen: Er wird zum Idealisten umgewandelt. Dagegen ein Skeptiker zu werden, hat der Mann alle Ursache; er tut wohl, zu zweifeln, ob das Mittel, das er zum Zwecke gewählt hat, auch das rechte sei. Vor dem Handeln, im Handeln hat er alle Ursache, den Verstand beweglich zu erhalten, damit er nicht nachher sich über eine falsche Wahl zu betrüben habe. Der Greis jedoch wird sich immer zum Mystizismus bekennen: Er sieht, dass so vieles vom Zufall abzuhängen scheint; das Unvernünftige gelingt, das Vernünftige schlägt fehl, Glück und Unglück stellen sich unerwartet ins gleiche; so ist es, so war es, und das hohe Alter beruhigt sich in dem, der da ist, der da war und der da sein wird. 598. Wenn man älter wird, muss man mit Bewusstsein auf einer gewissen Stufe stehen bleiben. 599. Es ziemt sich dem Bejahrten, weder in der Denkweise noch in der Art, sich zu kleiden, der Mode nachzugehen. 600. Aber man muss wissen, wo man steht und wohin die andern wollen. 601. Was man Mode heißt, ist augenblickliche Überlieferung. Alle Überlieferung führt eine gewisse Notwendigkeit mit sich, sich ihr gleichzustellen. 602. Man hat sich lange mit der Kritik der Vernunft beschäftigt; ich wünschte eine Kritik des Menschenverstandes. Es wäre eine wahre Wohltat fürs Menschengeschlecht, wenn man dem Gemeinverstand bis zur Überzeugung nachweisen könnte, wie weit er reichen kann, und das ist gerade so viel, als er zum Erdenleben vollkommen bedarf. 603. „Genau besehen, ist alle Philosophie nur der Menschenverstand im amphigurischer Sprache.“ 604. Der Menschenverstand, der eigentlichst aufs Praktische angewiesen ist, irrt nur alsdann, wenn er sich an die Auflösung höherer Probleme wagt; dagegen weiß aber auch eine höhere Theorie sich selten in den Kreis zu finden, wo jener wirkt und west. 605. Denn eben wenn man Probleme, die nur dynamisch erklärt werden können, beiseite schiebt, dann kommen mechanische Erklärungsarten wieder zur Tagesordnung. 606. In Rücksicht aufs Praktische ist der unerbittliche Verstand Vernunft, weil der Vernunft Höchstes ist, vis-à-vis des Verstandes nämlich, den Verstand unerbittlich zu machen. 607. Alle Empiriker streben nach der Idee und können sie in der Mannigfaltigkeit nicht entdecken; alle Theoretiker suchen sie im Mannigfaltigen und können sie darinne nicht auffinden. 608. Beide jedoch finden sich im Leben, in der Tat, in der Kunst zusammen, und das ist so oft gesagt; wenige aber verstehen es zu nutzen. 609. Der denkende Mensch irrt besonders, wenn er sich nach Ursach’ und Wirkung erkundigt: Sie beide zusammen machen das unteilbare Phänomen. Wer das zu erkennen weiß, ist auf dem rechten Wege zum tun, zur Tat. 610. Das genetische Verfahren leitet uns schon auf bessere Wege, ob man gleich damit auch nicht ausreicht. 611. Alle praktische Menschen suchen sich die Welt handrecht zu machen; alle Denker wollen sie kopfrecht haben. Wie weit es jedem gelingt, mögen sie zusehen. Die Realen 613. Dass man gerade nur denkt, wenn man das, worüber man denkt, nicht ausdenken kann! 614. Es ist mit der Geschichte wie mit der Natur, wie mit allem Profunden, es sei vergangen, gegenwärtig oder zukünftig: Je tiefer man ernstlich eindringt, desto schwierigere Probleme tun sich hervor. Wer sich nicht fürchtet, sondern kühn darauf losgeht, fühlt sich, indem er weiter gedeiht, höher gebildet und behaglicher. 615. Jede Erscheinung ist zugänglich wie ein planum inclinatum, das bequem zu ersteigen ist, wenn der hintere Teil des Keiles schroff und unerreichbar dasteht. 616. Wer sich in ein Wissen einlassen soll, muss betrogen werden oder sich selbst betrügen, wenn äußere Nötigungen ihn nicht unwiderstehlich bestimmen. Wer würde ein Arzt werden, wenn er alle Unbilden auf einmal vor sich sähe, die seiner warten? 617. Wie viele Jahre muss man nicht tun, um nur einigermaßen zu wissen, was und wie es zu tun sei! 618. Falsche Tendenzen sind eine Art realer Sehnsucht, immer noch vorteilhafter als die falsche Tendenz, die sich als ideelle Sehnsucht ausdrückt. 619. Lüsternheit: Spiel mit dem zu Genießenden. Spiel mit dem Genossenen. 620. Pflicht: Wo man liebt, was man sich selbst befiehlt. |
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