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X.

621. Wir sind naturforschend Pantheisten, dichtend Polytheisten, sittlich Monotheisten.

622. Gott, wenn wir hoch stehen, ist alles; stehen wir niedrig, so ist er ein Supplement unsrer Armseligkeit.

623. Die Kreatur ist sehr schwach; denn sucht sie etwas, findet sie’s nicht. Stark aber ist Gott; denn sucht er die Kreatur, so hat er sie gleich in seiner Hand.

624. Glaube ist Liebe zum Unsichtbaren, Vertrauen aufs Unmögliche, Unwahrscheinliche.

625. Das Christentum steht mit dem Judentum in einem weit stärkern Gegensatz als mit dem Heidentum.

626. Die christliche Religion ist eine intentionierte politische Revolution, die, verfehlt, nachher moralisch geworden ist.

627. Es gibt Theologen, die wollten, dass es nur einen einzigen Menschen in der Welt gegeben hätte, den Gott erlöst hätte; denn da hätte er keine Ketzer geben können.

628. „Die Kirche schwächt alles, was sie anrührt.“

629. Die Ohrenbeichte im besten Sinne ist eine fortgesetzte Katechisation der Erwachsnen.

630. In Neuyork, sagt man, finden sich neunzig christliche Kirchen abweichender Konfession, und nun wird diese Stadt besonders seit Eröffnung des Erie-Kanals überschwänglich reich. Wahrscheinlich ist man der Überzeugung, dass religiose Gedanken und Gefühle, von welcher besondern Art sie auch seien, dem beruhigenden Sonntag angehören, angestrengte Tätigkeit, von frommen Gesinnungen begleitet, den Werkeltagen.

631. Wenn ein gutes Wort eine gute Statt findet, so findet ein frommes Wort gewiss noch eine bessere.

632. Alles kommt bei der Mission darauf an, dass der rohe sinnliche Mensch gewahr wird, dass es eine Sitte gebe; dass der leidenschaftliche ungebändigte merkt, dass er Fehler begangen hat, die er sich selbst nicht verzeihen kann. Die erste führt zur Annahme zarter Maximen, das letzte auf Glauben einer Versöhnung. Alles Mittlere von zufällig scheinenden Übeln wird einer weisen unerforschlichen Führung anheim gegeben.

633. Der rechtliche Mensch denkt immer, er sei vornehmer und mächtiger, als er ist.

634. Alle Gesetze sind Versuche, sich den Absichten der moralischen Weltordnung im Welt- und Lebenslaufe zu nähern.

635. Es ist besser, es geschehe dir unrecht, als die Welt sei ohne Gesetz. Deshalb füge sich jeder dem Gesetze.

636. Es ist besser, dass Ungerechtigkeiten geschehn, als dass sie auf eine ungerechte Weise gehoben werden.

637. Nero hätte in den vier Jahren, die das Interregnum dauerte – so nenne ich die Regierungen des Galba, Otho, Vitellius –, nicht so viel Unheil stiften können, als nach seiner Ermordung über die Welt gekommen.

638. Wäre es Gott darum zu tun gewesen, dass die Menschen in der Wahrheit leben und handeln sollten, so hätte er seine Einrichtung anders machen müssen.

639. Man könnte zum Scherze sagen, der Mensch sei ganz aus Fehlern zusammengesetzt, wovon einige der Gesellschaft nützlich, andre schädlich, einige brauchbar, einige unbrauchbar gefunden werden. Von jenen spricht man Gutes: Nennt sie Tugenden; von diesen Böses: Nennt die Fehler.

640. Nicht allein das Angeborene, sondern auch das Erworbene ist der Mensch.

641. Unsre Eigenschaften müssen wir kultivieren, nicht unsre Eigenheiten.

642. Man sieht gleich, wo die zwei notwendigsten Eigenschaften fehlen: Geist und Gewalt.

643. Unsre Meinungen sind nur Supplemente unsrer Existenz. Wie einer denkt, daran kann man sehn, was ihm fehlt. Die leersten Menschen halten sehr viel auf sich, treffliche sind misstrauisch, der Lasterhafte ist frech, und der Gute ist ängstlich. So setzt sich alles ins Gleichgewicht; jeder will ganz sein oder es vor sich scheinen.

644. Historisch betrachtet, erscheint unser Gutes in mäßigem Lichte und unsere Mängel entschuldigen sich.

645. Der liebt nicht, der die Fehler des Geliebten nicht für Tugenden hält.

646. Man kann niemand lieben, als dessen Gegenwart man sicher ist, wenn man sein bedarf.

647. Man kennt nur diejenigen, von denen man leidet.

648. Man beobachtet niemand als die Personen, von denen man leidet. Um unerkannt in der Welt umherzugehen, müsste man nur niemand wehe tun.

649. Mit jemand leben oder in jemand leben, ist ein großer Unterschied. Es gibt Menschen, in denen man leben kann, ohne mit ihnen zu leben, und umgekehrt. Beides zu verbinden, ist nur der reinsten Liebe und Freundschaft möglich.

650. Es ist besser, man betrügt sich an seinen Freunden, als dass man seine Freunde betrüge.

651. Wenn ein paar Menschen recht miteinander zufrieden sind, kann man meistens versichert sein, dass sie sich irren.

652. Der Wolf im Schafpelze ist weniger gefährlich als das Schaf in irgendeinem Pelze, wo man es für mehr als einen Schöps nimmt.

653. Sage nicht, dass du geben willst, sondern gib! Die Hoffnung befriedigst du nie.

654. Man würde viel Almosen geben, wenn man Augen hätte zu sehen, was eine empfangende Hand für ein schönes Bild macht.

655. Zum Tun gehört Talent, zum Wohltun Vermögen.

656. Eine gefallene Schreibfeder muss man gleich aufheben, sonst wird sie zertreten.

657. Es ist keine Kunst, eine Göttin zur Hexe, eine Jungfrau zur Hure zu machen; aber zur umgekehrten Operation, Würde zu geben dem Verschmähten, wünschenswert zu machen das Verworfene, dazu gehört entweder Kunst oder Charakter.

658. Es gibt keine Lage, die man nicht veredeln könnte durch Leisten oder Dulden.

659. Dem Verzweifelnden verzeiht man alles, dem Verarmten gibt man jeden Erwerb zu.

660. Dummheit, seinen Feind vor dem Tode, und Niederträchtigkeit, nach dem Siege zu verkleinern.

661. Das radikale Übel: Dass jeder gern sein möchte, was er sein könnte, und die übrigen nichts, ja nicht wären.

662. Ein Mensch zeigt nicht eher seinen Charakter, als wenn er von einem großen Menschen oder irgend von etwas Außerordentlichem spricht. Es ist der rechte Probierstein aufs Kupfer.

663. Nur solchen Menschen, die nichts hervorzubringen wissen, denen ist nichts da.

664. Warum man doch ewige Missreden hört? Sie glauben sich alle etwas zu vergeben, wenn sie das kleinste verdienst anerkennen.

665. Vom Verdienste fordert man Bescheidenheit; aber diejenigen, die unbescheiden das Verdienst schmälern, werden mit Behagen angehört.

666. Dem Menschen ist verhasst, was er nicht glaubt, selbst getan zu haben; deswegen der Parteigeist so eifrig ist. Jeder Alberne glaubt, ins Beste einzugreifen, und alle Welt, die nichts ist, wird zu was.

667. Egoistische Kleinstädterei, die sich Zentrum deucht.

668. Es ist niemand fähig zu denken, dass jemand etwas konstruieren und protegieren möchte, als um Partei zu machen.

669. Im Laufe des frischen Lebens erduldet man viel, es sei nun vom Veralteten oder Überneuen.

670. Wie haben sich die Deutschen nicht gebärdet, um dasjenige abzuwehren, was ich allenfalls getan und geleistet habe, und tun sie’s nicht noch? Hätten sie alles gelten lassen und wären weiter gegangen, hätten sie mit meinem Erwerb gewuchert, so wären sie weiter, wie sie sind.

671. Dass die Naturforscher nicht durchaus mit mir einig werden, ist bei der Stellung so verschiedener Denkweisen ganz natürlich; die meinige werde ich gleichfalls künftig zu behaupten suchen. Aber auch im ästhetischen und moralischen Felde wird es Mode, gegen mich zu streiten und zu wirken. Ich weiß recht gut, woher und wohin, warum und wozu, erkläre mich aber weiter nicht darüber. Die Freunde, mit denen ich gelebt, für die ich gelebt, werden sich und mein Andenken aufrechtzuerhalten wissen.

672. Das Urteil können sie verwehren, aber die Wirkung nicht hindern.

673. Ich bin mit allen Menschen einig, die mich zunächst angehen, und von den übrigen lass’ ich mir nichts mehr gefallen, und da ist die Sache aus.

674. Ich höre das ganze Jahr jedermann anders reden, als ich’s meine, warum sollt’ ich denn auch nicht einmal sagen, wie ich gesinnt bin?

675. Eine nachgesprochne Wahrheit verliert schon ihre Grazie, aber ein nachgesprochner Irrtum ist ganz ekelhaft.

676. Das Absurde, Falsche lässt sich jedermann gefallen: Denn es schleicht sich ein; das Wahre, Derbe nicht: Denn es schließt aus.

677. Es ist ganz einerlei, ob man das Wahre oder das Falsche sagt: Beidem wird widersprochen.

678. Eine richtige Antwort ist wie ein lieblicher Kuss.

679. Wer kann sagen, er erfahre was, wenn er nicht ein Erfahrender ist?

680. Man frage nicht, ob man durchaus übereinstimmt, sondern ob man in einem Sinne verfährt.

681. Nichts Peinlicheres habe gefunden, als mit jemand in widerwärtigem Verhältnis zu stehen, mit dem ich übrigens aus einem Sinne gern gehandelt hätte.

682. Beim Zerstören gelten alle falschen Argumente, beim Aufbauen keineswegs. Was nicht wahr ist, baut nicht.

683. Es ist nichts furchtbarer anzuschauen als grenzenlose Tätigkeit ohne Fundament. Glücklich diejenigen, die im Praktischen gegründet sind und sich zu gründen wissen! Hiezu bedarf’s aber einer ganz eigenen Doppelgabe.

684. Es ist nichts inkonsequenter als die höchste Konsequenz, weil sie unnatürliche Phänomene hervorbringt, die zuletzt umschlagen.

685. Man geht nie weiter, als wenn man nicht mehr weiß, wohin man geht.

686. Wer sein Leben mit einem Geschäft zubringt, dessen Undankbarkeit er zuletzt einsieht, der hasst es und kann es doch nicht los werden.

687. Derjenige, der’s allen andern zuvortun will, betrügt sich meist selbst; er tut nur alles, was er kann, und bildet sich dann gefällig vor, das sei so viel und mehr als das, was alle können.

688. Versuche, die eigne Autorität zu fundieren: Sie ist überall begründet, wo Meisterschaft ist.

689. Der Tag an und für sich ist gar zu miserabel; wenn man nicht ein Lustrum anpackt, so gibt’s keine Garbe.

690. Der Tag gehört dem Irrtum und dem Fehler, die Zeitreihe dem Erfolg und dem Gelingen.

691. Wer vorsieht, ist Herr des Tags.

692. Ich verwünsche das Tägliche, weil es immer absurd ist. Nur was wir durch mögliche Anstrengung ihm übergewinnen, lässt sich wohl einmal summieren.

693. Indes wir, dem Ungeheuren unterworfen, kaum auf- und umschauen, was zu tun sei und wohin wir unser Bestes von Kräften, Tätigkeiten hinwenden sollen, und des höchsten Enthusiasmus bedürftig sind, der nur nachhalten kann, wenn er nicht empirisch ist, nagen zwar keine Lind-, aber Lumpwürme an unsern Täglichkeiten.

694. Das ganze Leben besteht aus
         Wollen und Nichtvollbringen,
         Vollbringen und Nichtwollen.

695. Wollen und Vollbringen ist nicht der Mühe wert oder verdrießlich, davon zu sprechen.

696. Das Leben vieler Menschen besteht aus Klatschigkeiten, Tägigkeiten, Intrige zu momentaner Wirkung

697. Wenn die Affen es dahin bringen könnten, Langeweile zu haben, so können sie Menschen werden.

698. Dem Klugen kommt das Leben leicht vor, wenn dem Toren schwer, und oft dem Klugen schwer, dem Toren leicht.

699. Es ist besser, eine Torheit pure geschehen zu lassen, als ihr mit einiger Vernunft nachhelfen zu wollen. Die Vernunft verliert ihre Kraft, indem sie sich mit der Torheit vermischt, und die Torheit ihr Naturell, das ihr oft forthilft.

700. Mit Gedanken, die nicht aus der tätigen Natur entsprungen sind und nicht wieder aufs tätige Leben wohltätig hinwirken und so in einem mit dem jedesmaligen Lebenszustand übereinstimmenden mannigfaltigen Wechsel unaufhörlich entstehen und sich auflösen, ist der Welt wenig geholfen.

701. Im Idealen kommt alles auf die élans, im Realen auf die Beharrlichkeit an.

702. Das wunderlichste im Leben ist das Vertrauen, dass andre uns führen werden. Haben wir’s nicht, so tappen und tolpen wir unsern eigenen Weg hin; haben wir’s, so sind wir auch, eh’ wir’s uns versehen, auf das schlechteste geführt.

703. Die ungeheuerste Kultur, die der Mensch sich geben kann, ist die Überzeugung, dass die andern nicht nach ihm fragen.

704. Wer hätte mit mir Geduld haben sollen, wenn ich’s nicht gehabt hätte?

705. Die Menschen glauben, dass man sich mit ihnen abgeben müsse, da man sich mit ihnen abgeben müsse, da man sich mit sich selbst nicht abgibt.

706. Wie viel vermag nicht die Übung! Die Zuschauer schreien, und der Geschlagne schweigt.

707. Wenn mir eine Sache missfällt, so lass’ ich sie liegen oder mache sie besser.

708. Wer in sich recht ernstlich hinabsteigt, wird sich immer nur als Hälfte finden; er fasse nachher ein Mädchen oder eine Welt, um sich zum Ganzen zu konstituieren, das ist einerlei.

709. Der Tiger, der dem Hirsch begreiflich machen will, wie köstlich es ist, Blut zu schlürfen.

710. Gesunde Menschen sind die, in deren Leibes- und Geistesorganisation jeder Teil eine vita propria hat.

711. Wenn weise Männer nicht irrten, müssten die Narren verzweifeln.

712. Manche sind auf das, was sie wissen, stolz, gegen das, was sie nicht wissen, hoffärtig.

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