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XVII.

1061. Begriff ist Summe, Idee Resultat der Erfahrung; jene zu ziehen, wird Verstand, dieses zu erfassen, Vernunft erfordert.

1062. Was man Idee nennt: Das, was immer zur Erscheinung kommt und daher als Gesetz aller Erscheinungen uns entgegentritt.

1063. Nur im Höchsten und im Gemeinsten trifft Idee und Erscheinung zusammen; auf allen mittlern Stufen des Betrachtens und Erfahrens trennen sie sich. Das Höchste ist das Anschauen des Verschiednen als identisch; das Gemeinste ist die Tat, das aktive Verbinden des Getrennten zur Identität.

1064. Was uns so sehr irre macht, wenn wir die Idee in der Erscheinung anerkennen sollen, ist, dass sie oft und gewöhnlich den Sinnen widerspricht.
   Das Kopernikanische System beruht auf einer Idee, die schwer zu fassen war und noch täglich unseren Sinnen widerspricht. Wir sagen nur nach, was wir nicht erkennen noch begreifen.
   Die Metamorphose der Pflanzen widerspricht gleichfalls unsren Sinnen.

1065. Das Erhabene, durch Kenntnis nach und nach vereinzelt, tritt vor unserm Geist nicht leicht wieder zusammen, und so werden wir stufenweise um das Höchste gebracht, was uns gegönnt war, um die Einheit, die uns in vollem Maß zur Mitempfindung des Unendlichen erhebt, dagegen wir bei vermehrter Kenntnis immer kleiner werden. Da wir vorher mit dem Ganzen als Riesen standen, sehen wir uns als Zwerge gegen die Teile.

1066. Es ist ein angenehmes Geschäft, die Natur zugleich und sich selbst zu erforschen, weder ihr noch seinem Geiste Gewalt anzutun, sondern beide durch gelinden Wechseleinfluss miteinander ins Gleichgewicht zu setzen.

1067. Sich den Objekten in der Breite gleichstellen, heißt lernen; die Objekte in ihrer Tiefe auffassen, heißt erfinden.

1068. Was man erfindet, tut man mit Liebe, was man gelernt hat, mit Sicherheit.

1069. Was ist denn das Erfinden? Es ist der Abschluss des Gesuchten.

1070. Was ist der Unterschied zwischen Axiom und Enthymem? Axiom: Was wir von Haus aus, ohne Beweis anerkennen; Enthymem: Was uns an viele Fälle erinnert und das zusammenknüpft, was wir schon einzeln erkannten.

1071. Die Freude des ersten Gewahrwerdens, des so genannten Entdeckens, kann uns niemand nehmen, Verlangen wir aber auch ehre davon, die kann uns sehr verkümmert werden; denn wir sind meistens nicht die ersten.

1072. Was heißt auch erfinden und wer kann sagen, dass er dies oder jenes erfunden habe? Wie es denn überhaupt, auf Priorität zu pochen, wahre Narrheit ist; denen s ist nur bewusstloser Dünkel, wenn man sich nicht redlich als Plagiarier bekennen will.

1073. Mit den Ansichten, wenn sie aus der Welt verschwinden, gehen oft die Gegenstände selbst verloren. Kann man doch im höheren Sinne sagen, dass die Ansicht der Gegenstand sei.

1074. Es ist viel mehr schon entdeckt, als man glaubt.
   Da die Gegenstände durch die Ansichten der Menschen erst aus dem Nichts hervorgehoben werden, so kehren sie, wenn sich die Ansichten verlieren, auch wieder ins Nichts zurück: Rundung der Erde, Platos Bläue.

1075. Es sind zwei Gefühle die schwersten zu überwinden: Gefunden zu haben, was schon gefunden ist, und nicht gefunden zu sehen, was man hätte finden sollen.

1076. Denken ist interessanter als Wissen, aber nicht als Anschauen.

1077. Das Schrecklichste für den Schüler ist, dass er sich am Ende doch gegen den Meister wiederherstellen muss. Je kräftiger das ist, was dieser gibt, in desto größerem Unmut, ja Verzweiflung ist der Empfangende.

1078. Man datiert von Baco von Verulam eine Epoche der Erfahrungs-Naturwissenschaften. Ihr Weg ist jedoch durch theoretische Tendenzen oft durchschnitten und ungangbar gemacht worden. Genau besehen, kann und soll man von jedem Tag eine neue Epoche datieren.

1079. Jeden Tag hat man Ursache, die Erfahrung aufzuklären und den Geist zu reinigen.

1080. Der gemeine Wissenschaftler hält alles für überlieferbar und fühlt nicht, dass die Niedrigkeit seiner Ansichten ihn sogar das eigentlich Überlieferbare nicht fassen lässt.

1081. Wenn in Wissenschaften alte Leute retardieren, so retrogradieren junge. Alte leugnen die Vorschritte, wenn sie nicht mit ihren früheren Ideen zusammenhängen; junge, wenn sie der Idee nicht gewachsen sind und doch auch etwas Außerordentliches leisten möchten.

1082. Das wäre wohl der werteste Professor der Physik, der die Nichtigkeit seines Kompendiums und seiner Figuren, gegen die Natur und gegen die höh’ren Forderungen des Geists gehalten, durchaus zur Anschauung bringen könnte.

1083. Alle Hypothesen hindern den ’ó, das Wiederbeschauen, das Betrachten der Gegenstände, der fraglichen Erscheinungen von allen Seiten.

1084. Wer kann sagen, dass er eine Neigung zur reinen Erfahrung habe? Was Baco dringend empfohlen hatte, glaubte jeder zu tun, und wem gelang es?

1085. Die Konstanz der Phänomene ist allein bedeutend; was wir dabei denken, ist ganz einerlei.

1086. Die Phänomene sind nichts wert, als wenn sie uns eine tiefere reichere Einsicht in die Natur gewähren oder wenn sie uns zum Nutzen anzuwenden sind.

1087. Die schönste Metamorphose des unorganischen Reiches ist, wenn beim Entstehen das Amorphe sich ins Gestaltete verwandelt. Jede Masse hat hiezu Trieb und Recht. Der Glimmerschiefer verwandelt sich in Granaten und bildet oft Gebirgsmassen, in denen der Glimmer beinahe ganz aufgehoben ist und nur als geringes Bindungsmittel sich zwischen jenen Kristallen befindet.

1088. Die Vögel sind ganz späte Erzeugnisse der Natur.

1089. Das Große, Überkolossale der Natur eignet man so leicht sich nicht an; denn wir haben nicht reine Verkleinerungsgläser, wie wir Linsen haben, um das unendlich Kleine zu gewahren. Und da muss man doch noch Augen haben wie Carus und Nees, wenn dem Geiste Vorteil entstehen soll.
   Da jedoch die Natur im Größten wie im Kleinsten sich immer gleich ist und eine jede trübe Scheibe so gut die schöne Bläue darstellt wie die ganze weltüberwölkende Atmosphäre, so find’ ich es geraten, auf Musterstücke aufmerksam zu sein und sie vor mir zusammenzulegen. Hier nun ist das Ungeheure nicht verkleinert, sondern im Kleinen, und ebenso unbegreiflich als im Unendlichen.

1090. „Nur die gegenwärtige Wissenschaft gehört uns an, nicht die vergangne, noch die zukünftige.“

1091. In der Geschichte der Naturforschung bemerkt man durchaus, dass die Beobachter von der Erscheinung zu schnell zur Theorie hineilen, und dadurch unzulänglich, hypothetisch werden.

1092. Wir würden unser Wissen nicht für Stückwerk erklären, wenn wir nicht einen Begriff von einem Ganzen hätten.

1093. Die Wissenschaften so gut als die Künste bestehen in einem überlieferbaren (realen), erlernbaren Teil und in einem unüberlieferbaren (idealen), unlernbaren Teil.

1094. In der Geschichte der Wissenschaften hat der ideale Teil ein ander Verhältnis zum realen als in der übrigen Weltgeschichte.

1095. Geschichte der Wissenschaften: Der reale Teil sind die Phänomene, der ideale die Ansichten der Phänomene.

1096. Vier Epochen der Wissenschaften: Kindliche, poetische, abergläubische; empirische, forschende, neugierige; dogmatische, didaktische, pedantische; ideelle, methodische, mystische.

1097. Kant beschränkt sich mit Vorsatz in einen gewissen Kreis und deutet ironisch immer darüber hinaus.

1098. Es ist das Eigne zu bemerken, dass der Mensch sich mit dem einfachen Erkennbaren nicht begnügt, sondern auf die verwickelteren Probleme losgeht, die er vielleicht nie erfassen wird. Jenes einfache Fassliche ist durchaus anwendbar und nützlich und kann uns ein ganzes Leben durch beschäftigen, wenn es uns genügt und belebt.

1099. Theorie und Erfahrung (Phänomen) stehen gegeneinander in beständigem Konflikt. Alle Vereinigung in der Reflexion ist eine Täuschung; nur durch Handeln können sie vereinigt werden.

1100. Es gibt jetzt eine böse Art, in den Wissenschaften abstrus zu sein: Man entfernt sich vom gemeinen Sinne, ohne einen höhern aufzuschließen, transzendiert, phantasiert, fürchtet lebendiges Anschauen, und wenn man zuletzt ins Praktische will und muss, wird man auf einmal atomistisch und mechanisch.

1101. Die Wissenschaften zerstören sich auf doppelte Weise selbst: Durch die Breite, in die sie gehen, und durch die Tiefe, in die sie sich versenken.

1102. Alles, was man in Wissenschaften fordert, ist so ungeheuer, dass man recht gut begreift, dass gar nichts geleistet wird.

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