Goethe

www.wissen-im-Netz.info

Goethe - Werke

Homepage
   Literatur
      Goethe
         West-östlicher Divan
            Moganni Nameh
            Hafis Nameh
            Uschk Nameh
            Tefkir Nameh
            Rendsch Nameh
            Hikmet Nameh
            Timur Nameh
            Suleika Nameh
            Saki Nameh
            Mathal Nameh
            Parsi Nameh
            Chuld Nameh
            Aus dem Nachlass
            Noten, Abhandlungen

Aus dem Nachlass

 

So der Westen wie der Osten
Geben Reines dir zu kosten.
Lass die Grillen, lass die Schale,
Setze dich zum großen Mahle:
Mögst auch im Vorübergehn
Diese Schüssel nicht verschmähn.


   Wer sich selbst und andre kennt,
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.

   Sinnig zwischen beiden Welten
Sich zu wiegen, lass' ich gelten;
Also zwischen Osten und Westen
Sich bewegen, sei's zum Besten!


Hör' ich doch in deinen Liedern,
O Hafis, die Dichter loben;
Sieh, ich will es dir erwidern:
Herrlich, den der Dank erhoben!


   Sollt' einmal durch Erfurt fahren,
Das ich sonst so oft durchschritten,
Und ich schien, nach vielen Jahren,
Wohlempfangen, wohlgelitten.

   Wenn mich Alten alte Frauen
Aus der Bude froh gegrüßet,
Glaubt' ich Jugendzeit zu schauen,
Die einander wir versüßet.

   Das war eine Bäckerstochter,
Eine Schusterin daneben;
Eule keinesweges jene,
Diese wusste wohl zu leben.

   Und so wollen wir beständig,
Wettzueifern mit Hafisen,
Uns der Gegenwart erfreuen,
Das Vergangne mitgenießen.


Hafis, dir sich gleichzustellen,
   Welch ein Wahn!
Rauscht doch wohl auf Meeres Wellen
   Rasch ein Schiff hinan,
Fühlet seine Segel schwellen,
   Wandelt kühn und stolz;
Will's der Ozean zerschellen,
   Schwimmt es, morsches Holz.
Dir in Liedern, leichten, schnellen,
   Wallet kühle Flut,
Siedet auf zu Feuerwellen;
   Mich verschlingt die Glut.
Doch mir will ein Dünkel schwellen,
   Der mir Kühnheit gibt.
Hab' doch auch im sonnenhellen
   Land gelebt, geliebt!


Gar viele Länder hab' ich bereist,
Gesehen Menge von Menschen allermeist,
Die Winkel sogar hab' ich wohl bedacht,
Ein jeder Halm hat mir Körner gebracht.
Gesegnete Stadt, nie solche geschaut,
Huris auf Huris, Braut und Braut!


Dass es Hauses Glanz sich mehre
Als ein ewig Eigentum
Und der Sohn so halt' auf Ehre,
Wie der Vater hielt auf Ruhm.


Mit der Deutschen Freundschaft
Hat's keine Not,
Ärgerlichster Feindschaft
Steht Höflichkeit zu Gebot;
Je sanfter sie sich erwiesen,
Hab' ich immer frisch gedroht,
Ließ mich nicht verdrießen
Trübes Morgen- und Abendrot;
Ließ die Wasser fließen,
Fließen zu Freud' und Not.
Aber mit allem diesem Blieb ich mir selbst zu Gebot:
Sie alle wollten genießen,
Was ihnen die Stunde bot;
Ihnen hab' ich's nicht verwiesen,
Jeder hat seine Not.
Sie lassen mich alle grüßen
Und hassen mich bis in Tod.


Mich nach- und umzubilden, misszubilden
Versuchten sie seit vollen fünfzig Jharen;
Ich dächte doch, da konntest du erfahren,
Was an dir sei in Vaterlandsgefilden.
Du hast getollt zu deiner Zeit mit wilden,
Dämonisch genialen jungen Scharen,
Dann sachte schlossest du von Jahr zu Jahren
Dich näher an die Weisen, Göttlich-Milden.


Zu genießen weiß im Prachern
Abrahams geweihtes Blut;
Seh' ich sie im Basar schachern,
Kaufen wohlfeil, kaufen gut.


So traurig, dass in Kriegestagen
Zu Tode sich die Männer schlagen,
Im Frieden ist's dieselbe Not:
Die Weiber schlagen mit Zungen tot.


Schwarzer Schatten ist über dem Staub der Geliebten Gefährte;
Ich machte mich zum Staube, aber der Schatten ging über mich hin.


   Sollt' ich nicht ein Gleichnis brauchen,
Wie es mir beliebt,
Da uns Gott des Lebens Gleichnis
In der Mücke gibt?

   Sollt' ich nicht ein Gleichnis brauchen,
Wie es mir beliebt,
Da mir Gott in Liebchens Augen
Sich im Gleichnis gibt?


Herrlich bist du wie Moschus:
Wo du warst, gewahrt man dich noch.


Sprich! Unter welchem Himmelszeichen
   Der Tag liegt,
Wo mein Herz, das doch mein eigen,
   Nicht mehr wegfliegt?
Und, wenn es flöge, zum Erreichen
   Mir ganz nah liegt?
Auf dem Polster, dem süßen, dem weichen,
   Wo mein Herz an ihrem liegt.


   Süßes Kind, die Perlenreihen,
Wie ich irgend nur vermochte,
Wollte traulich dir verleihen,
Als der Liebe Lampendochte.

   Und nun kommst du, hast ein Zeichen
Dran gehängt, das, unter allen
Den Abraxas seinesgleichen,
Mir am schlecht'sten will gefallen.

   Diese ganz moderne Narrheit
Magst du mir nach Schiras bringen!
Soll ich wohl, in seiner Starrheit,
Hölzchen quer auf Hölzchen singen?

   Abraham, den Herrn der Sterne,
Hat er sich zum Ahn erlesen;
Moses ist, in wüster Ferne,
Durch den Einen groß gewesen.

   David auch, durch viel Gebrechen,
Ja Verbrechen durch gewandelt,
Wusste doch sich loszusprechen:
Einem hab' ich recht gehandelt.

   Jesus fühlte rein und dachte
Nur den Einen Gott im stillen;
Wer ihn selbst zum Gotte machte
Kränkte seinen heil'gen Willen.

   Und so muss das Rechte scheinen,
Was auch Mahomet gelungen;
Nur durch den Begriff des Einen
Hat er alle Welt bezwungen.

   Wenn du aber dennoch Huld'gung
Diesem leid'gen Ding verlangest,
Diene mir es zur Entschuld'gung
Dass du nicht alleine prangest. -

   Doch allein! - Da viele Frauen
Salomonis ihn verkehrten,
Götter betend anzuschauen,
Wie die Närrinnen verehrten.

   Isis' Horn, Anubis' Rachen
Boten sie dem Judenstolze,
Mir willst du zum Gotte machen
Solch ein Jammerbild am Holze!

   Und ich will nicht besser scheinen,
Als es sich mit mir eräugnet,
Salomo verschwur den seinen,
Meinen Gott hab' ich verleugnet.

   Lass die Renegatenbürde
Mich in diesem Kuss verschmerzen:
Denn ein Vitzliputzli würde
Talisman an deinem Herzen.


Lasst mich weinen! Umschränkt von Nacht,
In unendlicher Wüste.
Kamele ruhn, die Treiber desgleichen,
Rechnend still wacht der Armenier;
Ich aber, neben ihm, berechne die Meilen,
Die mich von Suleika trennen, wiederhole
Die Wege verlängernden ärgerlichen Krümmungen.
Lasst mich weinen! Das ist keine Schande.
Weinende Männer sind gut.
Weinte doch Achill um seine Briseis!
Xerres beweinte das unerschlagene Heer;
Über den selbst gemordeten Liebling
Alexander weinte.
Lasst mich weinen! Tränen beleben den Staub.
Schon grunelt's.


   Und warum sendet
Der Reiterhauptmann
Nicht seine Boten
Von Tag zu Tage?
Hat er doch Pferde,
Versteht die Schrift.

   Er schreibt ja Talik,
Auch Neski weiß er
Zierlich zu schreiben
auf Seidenblätter.
An seiner Stelle
Sei mir die Schrift.

   Die Kranke will nicht,
Will nicht genesen
Vom süßen Leiden,
Sie, an der Kunde
Von ihrem Liebsten
Gesundend, krankt.


Die Liebende

Schreibt er in Neski,
So sagt er's treulich,
Schreibt er in Talik,
's ist gar erfreulich,
Eins wie das andre -
Genug! Er liebt,


Nicht mehr auf Seidenblatt
Schreib' ich symmetrische Reime;
Nicht mehr fass' ich sie
In goldne Ranken;
Dem Staub, dem beweglichen, eingezeichnet
Überweht sie der Wind, aber die Kraft besteht,
Bis zum Mittelpunkt der Erde
Dem Boden angebannt.
Und der Wandrer wird kommen,
Der Liebende. Betritt er
Diese Stelle, ihm zuckt's
Durch alle Glieder.
"Hier! Vor mir liebte der Liebende.
War es Medschnun der zarte?
Ferhad der kräftige? Dschemil der daurende?
Oder von jenen tausend
Glücklich-Unglücklichen einer?
Er liebte! Ich liebe wie er,
Ich ahnd' ihn!"
Suleika, du aber ruhst
Auf dem zarten Polster,
Das ich dir bereitet und geschmückt.
Auch dir zuckt's aufweckend durch die Glieder.
"Er ist, der mich ruft, Hatem.
Auch ich rufe dir, o Hatem! Hatem!"


Hudhud auf dem Palmensteckchen,
      Hier im Eckchen,
Nistet äuglend, wie charmant!
Und ist immer vigilant.


Hudhud sprach: "Mit einem Blicke
hat sie alles mir vertraut,
Und ich bin von eurem Glücke
Immer, wie ich's war, erbaut.
Liebt ihr doch! - In Trennungsnächten
Seht, wie sich's in Sternen schreibt:
'Dass gesellt zu ew'gen Mächten
Glanzreich eure Liebe bleibt'."


Hudhud als einladender Bote

Dich beglückte ja mein Gesang,
Nun dräng' er gern zu dir ins Ferne.
Ich singe Morgen und Abend entlang,
Sie sagen: Besser! Das hör' ich gerne;
Kommt auch ein Blatt von Zeit zu Zeit,
Bringt einen Gruß, lass dich nicht stören!
Aber ist denn Bagdad so weit?
Willst du mich gar nicht wieder hören?


Hudhud erbittet ein Neujahrsgeschenk rätselweise

Ein Werkzeug ist es, alle Tage nötig,
Den Männern weniger, den Frauen viel,
Zum treusten Dienste gar gelind erbötig,
Im einen vielfach, spitz und scharf. Sein Spiel
Gern wiederholt, wobei wir uns bescheiden:
Von außen glatt, wenn wir von innen leiden.
Doch Spiel und Schmuck erquickt uns nur aufs neue,
Erteilte Lieb' ihm erst gerechte Weihe.


   Schön und köstlich ist die Gabe,
Wohl enträtselt das Verlangen;
Dass die Weihe sie empfangen,
Bleibet aber ungewiss.

   Wäre das nicht nachzubringen?
Was er sittsam nicht entraubte,
Wenn sie sich's nun selbst erlaubte!!
Hudhud, geh und melde dies.


Ach, ich kann sie nicht erwidern,
Wie ich auch daran mich freue;
Gnüg' es dir an meinen Liedern,
Meinem Herzen, meiner Treue!


Wein, er kann dir nicht behagen,
Dir hat ihn kein Arzt erlaubt;
Wenig nur verdirbt den Magen
Und zuviel erhitzt das Haupt.


Wisst ihr denn, was Liebchen heiße?
Wisst ihr, welchen Wein ich preise?

*

In welchem Weine
Hat sich Alexander betrunken?
Ich wette den letzten Lebensfunken:
Er war nicht so gut als der meine.


Wo man mir Guts erzeigt überall,
   's ist eine Flasche Eilfer.
Am Rhein und Main, im Neckartal,
   Man bringt mir lächlend Eilfer.
Und nennt gar manchen braven Mann
   Viel seltner als den Eilfer:
Hat er der Menschheit wohlgetan,
   Ist immer noch kein Eilfer:
Die guten Fürsten nennt man so,
   Beinahe wie den Eilfer;
Uns machen ihre Taten froh,
   Sie leben hoch im Eilfer.
Und manchen Namen nenn' ich leis,
   Still schöppelnd meinen Eilfer:
Sie weiß es, wenn es niemand weiß,
   Da schmeckt mir erst der Eilfer.
Von meinen Liedern sprechen sie
   Fast rühmlich wie vom Eilfer,
Und Blum' und Zweige brechen sie,
   Mich kränzend udn den Eilfer.
Das alles wär' ein größres Heil -
   Ich teilte gern den Eilfer -
Nähm' Hafis auch nur seinen Teil
   Und schlurfte mit den Eilfer.
Drum eil' ich in das Paradies,
   Wo leider nie vom Eilfer
Die Gläub'gen trinken. Sei er süß
   Der Himmelswein! Kein Eilfer.
Geschwinde, Hafis, eile hin!
   Da steht ein Römer Eilfer!


   Wo kluge Leute zusammenkommen,
Da wird erst Weisheit wahrgenommen.
So gab einst Sabas Königin
Gelegenheit zum höchsten Sinn.

   Vor Salomo, unter andern Schätzen,
Lässt sie eine goldene Vase setzen,
Groß, reicher, unerhörter Zier,
Fischen und Vögeln und Waldgetier,
Worum sich krause Schnörkel häufen,
Als Jakin und Boas an beiden Knäufen.

   Sollt' ein Knecht allzu täppisch sein,
Stößt eine wüste Beule hinein;
Wird augenblicks zwar repariert,
Doch feines Auge den Makel spürt,
Genuss und Freude sind nun geniert.

   Der König spricht: "Ich dacht' es eben!
Trifft doch das Höchste, das uns gegeben,
Ein allzu garstiger Schmitz daneben.
Es können die Eblis, die uns hassen,
Vollkommnes nicht vollkommen lassen."

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.