Goethe

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7. Weissagungen des Bakis

1.
Wahnsinn ruft man dem Kalchas, und Wahnsinn ruft man Kassandren,
   Eh' man nach Ilion zog, wenn man von Ilion kommt.
Wer kann hören das Morgen und Übermorgen? Nicht einer!
   Denn, was gestern und eh'gestern gesprochen - wer hört's?

2.
Lang und schmal ist ein Weg. Sobald du ihn geheft, so wird er
   Breiter; aber du ziehst Schlangengewinde dir nach.
Bist du ans Ende gekommen, so werde der schreckliche Knoten
   Dir zur Blume, und du gib sie dem Ganzen dahin.

3.
Nicht Zukünftiges nur verkündet Bakis; auch jetzt noch
   Still Verborgenes zeigt er, als ein Kundiger, an.
Wünschelruten sind hier; sie zeigen am Stamm nicht die Schätze,
   Nur in der fühlenden Hand regt sich das magische Reis.

4.
Wenn sich der Hals des Schwanes verkürzt und mit Menschengesichte
   Sich der prophetische Gast über den Spiegel bestrebt,
Lässt den silbernen Schleier die Schöne dem Nachen entfallen,
   Ziehen dem Schwimmenden gleich goldene Ströme sich nach.

5.
Zweie seh' ich! Den Großen! Ich seh' den Größern! Die beiden
   Reiben mit feindlicher Kraft einer den andern sich auf.
Hier ist Felsen und Land, und dort sind Felsen und Wellen!
   Welcher der größere sei, redet die Parze nur aus.

6.
Kommt ein wandernder Fürst, auf kalter Schwelle zu schlafen,
   Schlinge Ceres den Kranz, stille verflechtend, um ihn;
Dann verstummen die Hunde; es wird ein Geier ihn wecken,
   Und ein tätiges Volk reut sich des neuen Geschicks.

7.
Sieben gehn verhüllt und sieben mit offnem Gesichte.
   Jene fürchtet das Volk, fürchten die Großen der Welt.
Aber die andern sind's, die Verräter! Von keinem erforschet;
   Denn ihr eigen Gesicht birget, als Maske, den Schalk.

8.
Gestern war es noch nicht, und weder heute noch morgen
   Wird es, und jeder verspricht Nachbarn und Freunden es schon;
Ja, er verspricht es den Feinden. So edel gehn wir ins neue
   Säklum hinüber, und leer bleibt die Hand und der Mund.

9.
Mäuse laufen zusammen auf offnem Markte; der Wandrer
   Kommt auf hölzernem Fuß vierfach und klappernd heran.
Fliegen die Tauben der Saat in gleichem Momente vorüber,
   Dann ist, Tola, das Glück unter der Erde dir hold.

10.
Einsam schmückt sich zu Hause mit Gold und Seide die Jungfrau;
   Nicht vom Spiegel belehrt, fühlt sie das schickliche Kleid.
Tritt sie hervor, so gleicht sie der Magd; nur einer von allen
Kennt sie; es zeiget sein Aug' ihr das vollendete Bild.

11.
Ja, vom Jupiter rollt ihr, mächtig strömende Fluten,
   Über Ufer und Damm, Felder und Gärten mit fort.
Einen seh' ich! Er sitzt und harfeniert der Verwüstung;
   Aber der reißende Strom nimmt auch die Lieder hinweg.

12.
Mächtig bist du! Gebildet zugleich, und alles verneigt sich,
   Wenn du mit herrlichem Zug über den Markt dich bewegst.
Endlich ist er vorüber. Da lispelt fragend ein jeder:
   "War denn Gerechtigkeit auch in der Tugenden Zug?"

13.
Mauern seh' ich gestürzt und Mauern seh' ich errichtet,
   Hier Gefangene, dort auch der Gefangenen viel.
Ist vielleicht nur die Welt eine großer Kerker? Und frei ist
   Wohl der Tolle, der sich Ketten zu Kränzen erkiest.

14.
Lass mich ruhen, ich schlafe. - "Ich aber wache." - Mit nichten! -
   "Träumst du?" - Ich werde geliebt! - "Freilich, du redest im Traum." -
Wachender, sage, was hast du? - "Da sieh nur alle die Schätze!" -
   Sehen soll ich? Ein Schatz, wird er mit Augen gesehen?

15.
Schlüssel liegen im Buche zerstreut, das Rätsel zu lösen,
   Denn der prophetische Geist ruft den Verständigen an.
Jene nenn' ich die Klügsten, die leicht sich vom Tage belehren
   Lassen; es bringt wohl der Tag Rätsel und Lösung zugleich.

16.
Auch Vergangenes zeigt euch Bakis; denn selbst das Vergangne
   Ruht, verblendete Welt, oft als ein Rätsel vor dir.
Wer das Vergangene kennte, der wüsste das Künftige; beides
   Schließt an heute sich rein als ein Vollendetes an.

17.
Tun die Himmel sich auf regnen, so träufelt das Wasser
   Über Felsen und Gras, Mauern und Bäume zugleich.
Kehret die Sonne zurück, so verdampfet vom Steine die Wohltat;
   Nur das Lebendige hält Gabe der Göttlichen fest.

18.
Sag', was zählst du? - "Ich zähle, damit ich die Zehne begreife,
   Dann ein anderes Zehn, Hundert und Tausend hernach." -
Näher kommst du dazu, sobald du mir folgest. - "Und wie denn?" -
   Sage zur Zehne: sei zehn! Dann sind die Tausende dein.

19.
Hast du die Welle gesehen, die über das Ufer einher schlug?
   Siehe die zweite, sie kommt! Rollet sich sprühend schon aus!
Gleich erhebt sich die dritte! Fürwahr, du erwartest vergebens,
   Dass die letzte sich heut ruhig zu Füßen dir legt.

20.
Einem möcht' ich gefallen! So denkt das Mädchen; den Zweiten
   Find' ich edel und gut, aber er reizet mich nicht.
Wäre der Dritte gewiss, so wäre mir dieser der Liebste.
   Ach, dass der Unbestand immer das Lieblichste bleibt!

21.
Blass erscheinest du mir und tot dem Auge. Wie rufst du
   Aus der innern Kraft heiliges Leben empor?
"Wär' ich dem Auge vollendet, so könntest du ruhig genießen;
   Nur der Mangel erhebt über dich selbst dich hinweg."

22.
Zwei Mal färbt sich das Haar; zuerst aus dem Blonden ins Braune,
   Bis das Braune sodann silbergediegen sich zeigt.
Halb errate das Rätsel! So ist die andere Hälfte
   Völlig dir zu Gebot, dass du die erste bezwingst.

23.
Was erschrickst du? - "Hinweg, hinweg mit diesen Gespenstern!
   Zeige die Blume mir doch; zeig' mir ein Menschengesicht!
Ja, nun seh' ich die Blumen; ich sehe die Menschengesichter." -
   Aber ich sehe dich nun selbst als betrognes Gespenst.

24.
Einer rollet daher; es stehen ruhig die Neune:
   Nach vollendetem Lauf liegen die Viere gestreckt.
Helden finden es schön, gewaltsam treffend zu wirken;
   Denn es vermag nur ein Gott Kegel und Kugel zu sein.

25.
Wie viel Äpfel verlangst du für diese Blüten? - "Ein Tausend;
   Denn der Blüten sind wohl zwanzig der Tausende hier.
Und von zwanzig nur einen, das find' ich billig." - "Du bist schon
   Glücklich, wenn du dereinst einen von tausend behältst.

26.
"Sprich, wie werd' ich die Sperlinge los?", so sagte der Gärtner,
   "Und die Raupen dazu, ferner das Käfergeschlecht,
Maulwurf, Erdfloh, Wespe, die Würmer, das Teufelsgezüchte?" -
   "Lass sie nur alle, so frisst einer den anderen auf."

27.
Klingeln hör' ich: Es sind die lustigen Schlittengeläute.
   Wie sich die Torheit doch selbst in der Kälte noch rührt!
"Klingeln hörst du? Mich deucht, es ist die eigene Kappe,
   Die sich am Ofen dir leis um die Ohren bewegt."

28.
Seht den Vogel! Er fliegt von einem Baume zum andern,
   Nascht mit geschäftigem Pick unter den Früchten umher.
Frag' ihn, er plappert auch wohl und wird dir offen versichern,
   Dass er der hehren Natur herrliche Tiefen erpickt.

29.
Eines kenn' ich verehrt, ja angebetet zu Fuße;
   Auf die Scheitel gestellt, wird es von jedem verflucht.
Eines kenn' ich und fest bedruckt es zufrieden die Lippe;
   Doch in dem zweiten Moment ist es der Abscheu der Welt.

30.
Dieses ist es, das Höchste, zu gleicher Zeit das Gemeinste;
   Nun das Schönste, sogleich auch das Abscheulichste nun.
Nur im Schlürfen genieße du das und koste nicht tiefer:
   Unter dem reizenden Schaum sinket die Neige zugrund'.

31.
Ein beweglicher Körper erfreut mich, ewig gewendet
   Erst nach Norden und dann ernst nach der Tiefe hinab.
Doch ein andrer gefällt mir nicht so; er gehorchet den Winden,
   Und sein ganzes Talent löst sich in Bücklingen auf.

32.
Ewig wird er euch sein der eine, der sich in viele
Teilt und einer jedoch, ewig der einzige bleibt.
Findet in einem die vielen, empfindet die vielen wie einen;
   Und ihr habt den Beginn, habet das Ende der Kunst.

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