Homepage
Literatur
Johann Wolfgang von Goethe
Des Künstlers Vergötterung |
Des Künstlers Vergötterung
Drama
Stellt eine Gemäldegalerie
vor, wo unter andern das Bild der Venus Urania in einer breiten goldnen
Rahme, wohl gefirnisst, aufgehängt ist. Ein junger Maler sitzt
davor und zeichnet, der Meister mit andern steht hinter dem Stuhle.
Der Jünger steht auf.
Jünger.
Hier leg’ ich, teurer Meister, meinen Pinsel nieder.
Nimmer, nimmer wag’ ich es wieder,
Diese Fülle, dieses unendliche Leben
Mit dürftigen Strichen wiederzugeben.
Ich stehe beschämt, Widerwillens voll,
Wie vor einer Last ein Mann,
Die er tragen soll
Und nicht heben kann.
Meister.
Heil deinem Gefühl, Jüngling, ich weihe dich ein
Vor diesem heiligen Bilde! Du wirst Meister sein.
Das starke Gefühl, wie größer dieser ist,
Zeigt, dass dein Geist seinesgleichen ist.
Jünger.
Ganz, heil’ger Genius, versink’ ich vor dir.
Meister.
Und der Mann war ein Mensch wie wir,
Und an der Menschheit zugeteilten Plagen
Hatte er weit schwerer als wir zu tragen.
Jünger.
O, warum sah ich sein Angesicht,
Hört’ seiner Lippe Rede nicht!
Du, Glücklicher, kanntest ihn?
Meister.
Ja, mein Sohn.
Ich war noch jung, er nahte schon
Dem Grabe. Ich werd’ ihn nie vergessen.
Wie oft hab’ ich zitternd vor ihm dagesessen
Voll von heißem Verlangen,
Jedes Wort von seinen Lippen zu fangen,
Und, wenn er schwieg, an seinem Auge gehangen. |
|