Der Löwenstuhl
Bruchstück
I.
Erster Akt
(1.)
(Abgeordneter.
Burgvogt.)
Abgeordneter.
Der großen Riegelschlösser mächtige Bändiger,
Die ehrnen Schlüssel, händiget sogleich mir ein,
Nachdem ihr dieser Pforten krachendes Gewicht
Auf seinen rostenden Angeln kräftig umgewandt.
Lasst mich den lang verschlossnen Heldenraum zuerst
Ernsthaft begrüßen, dessen Glanz ich nie gesehen.
Sieg prangend sendet königliche Macht mich her,
Besitz zu nehmen dieser seit geraumer Zeit
Verlassnen Burg und wieder alsbald den Besitz
Zu verleihn dem würdigen Führer seiner Heereskraft,
Der seines Dieners grau gelocktes Haupt gesandt,
Die königliche Gnade dankbar zu empfahn.
Burgvogt.
Vom edlen Grafen, meinem Herrn, hierher gesandt,
Verehr’ ich dich, des Königs Abgeordneten.
(2.)
Burgvogt (allein).
Nicht lange wirst du, altes, unbewohntes Schloss,
Entbehren deines jahrelang vermissten Schmucks;
Denn neuer Herrschaft bist du durch des Königs Gunst
Nun untergeben, die dich köstlich schmücken wird.
Maultier und Saumross treten schon mit schwerem Tritt
Den Berg heran, und viel Gepäcke bringen sie.
(3.)
(Burgvogt.
Hausgesinde.)
(4.)
(Burgvogt. Ritter.)
Hebe, Ruhender, dich vom Stuhl auf!
Deines Herrn Wort bring’ ich schnell.
Auf! Und säume nicht allen Haurat
Aufzustellen nach Gebühr,
Denn der Herr kommt, und die Frau auch.
(5.)
(Ritter. Gefolge.)
(6.)
(Graf. Gräfin.
Nachher Burgvogt.)
Burgvogt.
Schon ist dein Wille, mein Gebieter, ausgeführt,
Im weiten Schlossraum deiner Schätze Herrlichkeit
Besitzergreifend ausgebreitet aufgestellt.
Der bunte Teppich kündet von den Wänden schon
Der Väter Taten, alter Fürsten Gnadenblick,
Und von dem Schenktisch blinket goldener Pokal,
Vergangner Lust Erinnerung, Erneuerung.
Fürs andre sorgen gleichen Fleißes
andre schon;
Was mir zu leisten oblag, Herr, es ist getan.
Graf.
Gebührend Lob entgehe nicht dem Tätigen,
Besonders wenn das Alter ihn zur Ruhe schon
Und stiller Feier später Zeit berechtigte.
Doch unerträglich bleibt es dem Gebietenden,
Wenn kühn sich stützend auf ein früheres Verdienst
Ein alter Diener Widersetzlichkeiten wagt,
In seines Herren Burgbezirk den Herren spielt
Und wiederholt Verbotnes ungebührlich treibt.
Dies nicht zu dulden, ist des Herren Recht und Pflicht,
Der ganz allein gebieten und verbieten soll.
(7.)
(Gräfin. Burgvogt.)
Burgvogt.
So geht er hin und lässt mich hier beschämt zurück,
Gleich einem Knaben überrascht, verloren stehn,
Hier an den Boden angefesselt. Jene ziehn,
Die Jagdgenossen, schadenfroh an mir vorbei.
So wenig Schonung kann der alte Diener sich
Getrösten, der sein Leben seinem Herrn geweiht!
Der Obre klagt, dass er sich keinen Dank erwirbt
Für manche Wohltat; ebendies klag’ ich auch,
Der Untern einer. Wüsste der Befehlende,
Wie manchen Schritt, wie mannigfachen Händegriff
Ein einzig Wort, das seinen Lippen leicht entfliegt,
Den Diener kostet, der den Willen leisten soll
Und leistend jeglichen Genuss des Tags entbehrt,
Fürwahr, ein so durchbrachtes Leben machte doch
Des Danks der Schonung wert ein graues Haupt.
Gräfin.
Dergleichen Rede wage nicht vor meinem Ohr!
Sie ziemt der Diener keinen, dich am wenigsten,
Dich alt und grau gewordnen unterm Schutz des Herrn,
Der heute dich gescholten im Vorübergehn.
Wer bist du denn? Dass du mit ihm zu rechten wagst,
Ihm, der euch alle nähret, aufrecht hält und schützt,
Und wenn ihr in den Burgen den bequemen Tag
Aus wohl durchruhter Nächte Hand empfangt,
Im Felde sich Gefahren kühnlich bloßgestellt
Und so im Rate sorgenvolle Zeit vollbracht,
Was ihr verzehrtet, erst erwarb und immer mehr,
Damit ihr immer zehren könnt, erworben hat!
Bedenke dies, und in bescheidner Niedrigkeit
Lass diese Zornflut brausend über dich ergehn.
Sie ebbet wieder und befruchtet nach und nach
Des stillen, erst mit Macht bespülten Landes Grund.
Drum geh und sende jenes Mannes greises Haupt,
Das den Gemahl zum Zorn gereizt, nicht leer, doch bald
Aus dem Bezirk, wo nun der Graf allein befiehlt,
Seit ihm der König diesen Burgpalast verliehn,
Und leiste weiter, was wir sonst von dir gewohnt.
(8.)
Gräfin (allein).
Der Schönheit wie der Neigung Wert verliert sich bald,
Allein der Wert des Goldes bleibt.
Die Neigung treibt den jungen Mann zur Schönheit hin,
Doch Habe freut den älteren.
(9.)
(Gräfin. Sohn.)
Sohn.
Liebe Mutter! In dem neuen,
Erst betretenen Palaste
Deinen viel geliebten Kindern,
O! Gewähr’ ein großes Fest.
Gräfin.
Schaffet euch die Feste, Kinder!
Selbst nach Herzenslust und Willkür.
In des Schlosses weiten Hallen
Spielt und freuet euch des Raums.
Sohn.
Solcher Freuden, die vergönnt sind
Ohne Fragen, ohne Bitten,
Wissen wir wohl zu genießen;
Doch ein andres wünschen wir.
Gräfin.
Sage, Kleiner, was verlangst du?
Aber schnell! Denn viel zu schaffen
Gibt mir unsres Königs Ankunft.
Seiner Gnaden Ungeduld.
Sohn.
Draußen harret auf dem Schlossplatz
Eines hoch betragten Mannes
Hilfsbedürft’ge, kummergraue,
Schlecht bekleidete Gestalt.
Gräfin.
Schon bedacht ist sein Bedürfnis,
Schon versorget ihn der Burgvogt.
Speis’ und Trank und milde Gaben
Trägt er gleich mit sich davon.
Sohn.
Andre Wünsche noch im Herzen,
Leichtbefriedigte, bewegt er.
Schöne Märchen erst erzählt’ er,
Brachte dann die Bitten an.
Gräfin.
Rede denn; doch rede schleunig!
Sohn.
„Eh’ ich“ – so begann der Alte –
„Berg hinab durch Wald und Felsen
Und der Täler Grausen wandle,
O, verschafft mir des Palastes
Innern Anblick, dass ich Bilder
Edlen Menschenwerks, im Geiste
Still erbaut, von hinnen trage.“
Also sprach er, wie ich spreche,
Und so bat er, wie ich bitte.
Mutter! Gönn’ ihm diese Gabe,
Diesen Trost des einz’gen Blicks.
(10.)
(Greis.
Kinder.)
Kinder.
Einführung.
Greis.
Anrede ans Haus. Preis dem Bauenden. Glückes Gefühl.
Daurender Zustand usw. (Monostrophisch.)
Kinder.
Ob er schon hier gewesen. Den alten Besitzer gekannt.
Greis.
Bejaht es.
Kinder.
Soll ihnen erzählen! Sich setzen auf den Löwenstuhl.
Greis.
Beugt seine Knie davor.
Kinder.
Bringen einen Feldstuhl.
Greis.
Setzt sich und erzählt die Geschichte des Löwensessels.
(Eddas
Rhythmen.)
Kinder.
Freuen sich der Gerechtigkeit. Wo er hingekommen.
Greis.
Vorige Zeit. Wichtige, eh’ ihr geboren wart. Tiefe des
Zustandes vorher. Entstehung des Kriegs. Usurpator. Ver-
jagung der Treuen. Widerstand. Flucht mit einer Tochter.
Kinder.
Mehr zu hören!
Greis.
Abschied.
Dich mild gebornes junges Paar
Segn’ ich, segn’ ich, lege die Hände euch auf,
Dass ihr solcher edlen Wohnung festlichen Anblick
Gönnen möget dem trüberen Blick.
Welch Gefühl ergreift den lange Schweifenden,
Diesen Ort erblickend!
(11.)
(Vorige.
Burgvogt.)
Eilig, eilig weg von hinnen!
Nur kein Zaudern, kein Besinnen!
Ja, er hat es uns geschworen,
Alle sind wir nun verloren.
Greis.
Nein, ich will [mich] nicht verbergen!
Lasst sie kommen, seine Schergen!
Lasst ihn toben, lasst ihn wüten.
(12.)
(Vorige.
Graf. Gefolge.)
Tretet her, folgte all dem Gebote des Herrn!
Ergreift mir des Manns unfestliches Bild!
Fasset an! Hier walte Befehl und Gewalt!
Kein Schwächlicher soll sich dem Dienst entziehn!
II.
Der Löwenstuhl.
(Oper.)
Massives weitläufiges Erdgeschoss
eines großen Palastes.
Prolog.
(Tanz von Dämonen,
leise, fledermausartig. Pauken- und Trompetenschall außen.)
(Dämon erwacht, tritt
hervor und prologisiert.)
Erster Akt
(1.)
(Abgeorndeter.
Schaffner. Chor.)
(Eintritt mit Chor.
Erstaunen über die Leere. Übergabe der Schlüssel. Exposition. Neues Chor
beim Einbringen der Möbel, Teppiche usw. Exposition des Löwenstuhls.)
Denn die Treue
Legt der Ehre
Noch der Güter
Fülle zu.
(2.)
(Schaffner.)
(Exposition der Großheit,
doch Gewaltsamkeit des Herrn.)
(3.)
(Schaffner.
Dazu Herzogin. Tochter, nachher Söhne.)
(Weitere Exposition.
Herzogin empfiehlt dem Schaffner Mildtätigkeit gegen die Armen. Arie,
übergehend ins Duett mit der Tochter, ins Terzett mit dem Schaffner. Die
zwei Söhne treten ein. Neugierde nach dem Löwensaal. Ab mit dem
Schaffner.)
(4.)
(Herzogin. Tochter.)
(Exposition der Abneigung
gegen den Ehestand. Projekt zur Heirat mit dem König.)
(5.)
(Die Vorigen. Der
Herzog.)
(6.)
(Die Vorigen. Der
König. Alle Chöre.)
Zweiter Akt
(1.)
Burgplatz und Garten, das letztere
mehr als das erstere.
(Tochter allein.)
(Allgemeiner Ausdruck eines
geheimen schmerzlichen Verhältnisses.)
Sollt nach Tagen und nach Jahren
Das Geheimnis zu erfahren
…………..
Ach, der König! Unter Großen
Er der Größte, wird verstoßen
Seine Gattin, seinen Sohn.
(2.)
(Tochter. König.)
(Sie entdeckt die Abkunft
der Mutter.)
Ja, du sollst die Meine werden,
Ja, die Meine bist du schon.
Teile den Genuss der Erden,
Meine Länder, meinen Thron.
Ja, es wird entschieden werden,
Die Entdeckung naht sich schon.
Deine Wälder, deine Herden,
Deine Güter, deinen Thron.
Und man erzählt sich,
Sie sei die Tochter
Des größten Fürsten,
Des Überwundnen,
In wildem Kriege
Geraubt, erbeutet,
Zu neuem Kriege,
Zu wildem Siege
Anlass bereitet.
Es ist ein Märchen.
Sie war des Armen,
Des Bettlers Kind.
König.
Es ist nicht möglich
Gestalten
Von hoher Würde,
Ja, sie entfalten
Erhabner Ahnen
Erneutes Bild.
Tochter.
Nur allzu wahr ist’s.
Am Scheidewege
Fand er den Alten,
Der ihm die Tochter
Bedenklich traute.
König.
Nur ein verstellter …
(3.)
(Die Vorigen.
Herzog.)
(4.)
(Alle. Jagdchöre.)
(5.)
(Der Herzog entrüstet
zurück.)
(Herzog. Herzogin.
Tochter. Kinder. Schaffner. Jagdchöre.)
Mit dem Alten kann der Alte
Ganz allein barmherzig sein.
Und wir werden immer lachen,
Wenn du uns befehlen willst.
Sieh nur, sieh an diesen Sachen,
Was du bist und was du giltst.
Dritter Akt
(1.)
Löwensaal.
(Chor der Frauen.
Schaffner.)
(Bewunderung, fernere
Exposition des Löwenstuhls.)
(2.)
(Herzogin. Tochter.)
(Ermutigung.)
(3.)
(Herzogin. Kinder.)
(4.)
(Kinder. Alte.)
(5.)
(Die Vorigen.
Schaffner.)
(Der Alte soll sich
verstecken; widersetzt sich.)
(6.)
(Die Vorigen. Der
Herzog.)
(7.)
(Die Vorigen.
Herzogin. Tochter.)
(8.)
(Die Vorigen. Der
König.)
(9.)
(Die Vorigen außer
dem Herzog.)
(10.)
Schatz- und Rüstkammer.
(Chor der Männer die
Waffen bewundernd. Chor der Frauen die Schätze bewundernd. Der
Schaffner.)
(11.)
(Die Vorigen.
König. Herzog. Herzogin. Tochter. Kinder.)
(Schaffner übergibt’s dem
Könige. König schenkt’s dem Herzog. Eine Rüstung steigt empor und redet
ein. Tritt herunter. Entdeckung und Entwicklung. Die Rüstungen werden
lebendig.)
Chöre.
Königlicher Bedienten
Herzoglicher Bedienten
Gerüstete
Frauen.
Und er baute den Palast,
Ach, ein Gott so schien er fast
Rede weiter
Und die Schale war zerbrochen,
Und da lag der Knabe tot.
O des jammervollen Zornes!
Und zwei goldne Löwen waren
Zeichen der Gerechtigkeit.
Ü
Þ
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