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Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 39. 40. 41. 42. 43. 44. 45. 46. 47. 48. 49. 50. 51. 52. 53. 54. 55. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
47. NachtDinarsade weckte auch diese Nacht sehr früh; und die Sultanin, um die Wissbegierde ihrer Schwester zu befriedigen, erzählte weiter, was sich in dem unterirdischen Palast zwischen der Frau und dem Prinzen zutrug. "Der zweite Kalender," hub sie an, "fuhr also in der Erzählung seiner Geschichte fort: "Um der schönen Frau die Mühe zu ersparen, bis zu mir zu kommen, beeilte ich mich, ihr zu nahen; und indem ich ihr eine tiefe Verbeugung machte, sprach sie zu mir: "Wer seid ihr? Seid ihr ein Mensch oder ein Geist?" - "Ich bin ein Mensch, Herrin," antwortete ich ihr, indem ich mich wieder aufrichtete, "und ich habe keinen Verkehr mit den Geistern." - "Durch welches Abenteuer," fuhr sie mit einem Seufzer fort, "befindet ihr euch hier? Es sind fünf und zwanzig Jahre, dass ich hier wohne, und während dieser ganzen Zeit habe ich keinen andern Menschen hier gesehen, als euch." Ihre große Schönheit, die mich schon hingerissen hatte, ihre Sanftmut, und die Freundlichkeit, mit welcher sie mich empfing, gaben mir die Dreistigkeit, ihr zu antworten: "Herrin, bevor ich die Ehre habe, eure Neugierde zu befriedigen, erlaubet mir, euch zu sagen, dass ich mich unendlich glücklich preise über die unversehene Begegnung, welche mir Gelegenheit darbietet, mich in meiner Betrübnis zu trösten, und vielleicht auch euch glücklicher zu machen, als ihr seid." Ich erzählte ihr aufrichtig, durch welches seltsame Schicksal sie in meiner Person einen Königssohn in solchem Zustande vor sich sähe, und wie der Zufall es gewollt, dass ich den Eingang ihres prächtigen, aber allem Anscheine nach dennoch langweiligen Gefängnisses, gefunden hätte. "Ach, Prinz," sagte sie, abermals seufzend, "ihr habt wohl Ursache zu glauben, dass dieses so reiche und prachtvolle Gefängnis, nichts desto weniger ein sehr langweiliger Aufenthalt ist. Auch der reizendste Ort kann nicht gefallen, wenn man wider seinen Willen daselbst ist. Ihr habt gewiss schon von dem großen Epitimarus gehört, dem Könige der Ebenholz-Insel, welche so genannt ist, weil sie dieses köstliche Holz im Überfluss hervorbringt. Ich bin die Tochter dieses Königs. Der König, mein Vater, hatte mich einem Prinzen zur Gemahlin bestimmt, der mein Vetter war; aber in der ersten Hochzeitnacht, mitten unter den Lustbarkeiten des Hofes und der Hauptstadt der Ebenholz-Insel, bevor ich meinem Manne zugeführt war, entführte mich ein Geist. Ich sank in diesem Augenblick in Ohnmacht und verlor alles Bewusstsein; und als ich wieder zu mir selber kam, befand ich mich in diesem Palast. Ich bin lange darüber untröstlich gewesen; aber die Zeit und die Notwendigkeit haben mich daran gewöhnt, den Anblick des Geistes zu ertragen. Es sind, wie ich euch schon gesagt habe, fünf und zwanzig Jahre, dass ich an diesem Orte bin, wo ich sagen kann, dass ich alles nach Wunsch habe, was zum Leben gehört, und was eine Prinzessin befriedigen könnte, welche nur den Staat und den Putz liebte. Von zehn zu zehn Tagen kömmt der Geist, eine Nacht bei mir zu liegen; nicht öfter schläft er hier, und seine Entschuldigung darüber ist, dass er mit einer andern Frau verheiratet sei, die eifersüchtig sein würde, wenn seine Untreue gegen sie zu ihrer Kenntnis käme. Indessen, wenn ich seiner bedarf, sei es Tag oder Nacht, so darf ich nur einen Talisman berühren, welcher am Eingange meines Gemaches ist, und alsbald erscheint der Geist. Es sind heute vier Tage, dass er hier gewesen ist; also erwarte ich ihn erst in sechst Tagen; und deshalb könnt ihr fünf Tage bei mir bleiben, und mir Gesellschaft leisten, wenn es euch gefällt. Ich werde mich bemühen, euch eurem Stande und euren Verdiensten gemäß zu bewirten." Ich würde mich zu glücklich geschätzt haben, eine so große Gunst zu erlangen, wenn ich darum gebeten hätte, als dass ich ein so verbindliches Anerbieten hätte ablehnen sollen. Die Prinzessin ließ mich in ein Bad gehen, welches das sauberste, bequemste, und prächtigste war, das man sich vorstellen kann; und als ich wieder heraus kam, fand ich, anstatt meines Kleides, ein anderes sehr reiches, welches ich weniger dieses Reichtums wegen anlegte, als mich der Gesellschaft der Prinzessin würdiger darzustellen. Wir setzten uns auf ein Sofa, das mit einem köstlichen Teppich bedeckt, und mit Kissen vom schönsten Indischen Brokat versehen war; und bald darnach besetzte sie einen Tisch mit den erlesensten Speisen, indem sie folgende Verse aussprach: "Hätte ich deine Ankunft vermutet, so würde ich dir, gleich einem Teppich, ausgebreitet haben das Edelste meiner Seele und das Schwarze meiner Augen. Auf die Erde hätte ich meine Wangen gebreitet, damit dein Weg über meine Augenlieder gegangen wäre." Wir aßen hierauf zusammen, und brachten den übrigen Teil des Tages sehr angenehm zu, und zur Nacht nahm sie mich in ihr Bett auf. Am folgenden Tage, da sie mir auf alle Weise Vergnügen zu machen suchte, bewirtete sie mich zu Mittage mit einer Flasche alten Weins, des trefflichsten, den man trinken kann; und aus Gefälligkeit trank sie auch einige Züge mit mir davon. Als mir nun der Kopf von diesem angenehmen Getränke erhitzt war, sprach ich zu ihr: "Schöne Prinzessin, es ist schon zu lange, dass ihr hier lebendig begraben seid; folget mir, kommt und erfreut euch wieder des wahrhaften Tageslichtes, dessen ihr seit so vielen Jahren beraubt seid. Verlasset das falsche Licht, das euch hier täuscht." "Prinz," antwortete sie mir lächelnd, "lasset diese Rede. Ich achte den schönsten Tag auf der Welt für nichts, wofern ihr hier von zehn Tagen mir neun gewährt, und dem Geiste den zehnten überlasset." - "Prinzessin," fuhr ich fort, "ich sehe wohl, dass die Furcht vor dem Geiste euch dieses Sprach eingibt. Ich meinerseits fürchte ihn so wenig, dass ich seinen Talisman samt dem darauf geschriebenen Zauberschnörkel in Stücken schlagen will. Mag er dann kommen, ich erwarte ihn. Wie gewaltig und furchtbar er auch sein mag, ich will ihn das Gewicht meines Armes fühlen lassen. Ich schwöre hier, alles, was es von Geistern auf der Welt gibt, zu vertilgen, und ihn zuerst." Die Prinzessin, welche die Folgen davon voraussah, beschwur mich, den Talisman nicht anzurühren. "Das wäre das Mittel," sagte sie zu mir, "uns beide zu Grunde zu richten. Ich kenne die Geister besser, als ihr." Aber die Dünste des Weines ließen mir die Vernunftgründe der Prinzessin nicht eingehen; ich trat mit dem Fuß in den Talisman und zerschmetterte ihn in mehrere Stücke. In diesen Worten bemerkte Scheherasade, dass es Tag war, und schwieg; und der Sultan stand auf. Da er aber nicht zweifelte, dass der zerbrochne Talisman irgend ein merkwürdiges Ereignis zur Folge haben würde, so beschloss er, auch das Übrige der Geschichte zu hören. |
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