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73. Nacht

"Im Namen Gottes, meine Schwester," rief Dinarsade vor Tagesanbruch, "ich bitte dich, uns zu erzählen, wie die beiden schwarzen Hündinnen ihre menschliche Gestalt wieder erhielten, und was aus den drei Kalendern wurde." - "Ich werde deine Neugier befriedigen," erwiderte Scheherasade. Sie wandte hierauf ihre Worte an Schachriar, und fuhr folgendermaßen fort:

"Herr, da der Kalif nun seiner Neugier Genüge geleistet hatte, so wollte er den drei Prinzen Kalendern Beweise seiner Größe und Großmut geben, und auch die drei Damen durch Wirkungen seiner Güte erfreuen. Ohne seine Worte erst vom Großwesir wiederholen zu lassen, sagte er selbst zu Sobeïde: "Geehrte Frau, hat denn die Fee, welche sich euch zuerst als Schlange zeigte, und euch ein so strenges Gesetz auferlegte, euch nichts von ihrem Aufenthalt gesagt, oder euch vielmehr nicht versprochen, euch wieder zu besuchen und den beiden Hündinnen ihre menschliche Gestalt wiederzugeben?"

"Beherrscher der Gläubigen," antwortete Sobeïde, "ich habe vergessen, Euer Majestät zu sagen, dass die Fee mir ein kleines Bündelchen Haar gab, und mir dabei sagte, dass ich einst ihrer Gegenwart benötigt sein würde, und wenn ich dann nur zwei dieser Härchen verbrennen wollte, so würde sie in demselben Augenblick bei mir sein, befände sie sich auch eben jenseits des Kaukasus." - "Wo habt ihr das Bündelchen Haare?", versetzte der Kalif. Sie erwiderte, dass sie seit jener Zeit es immer sorgfältig bei sich trage. Sie brachte es in der Tat zum Vorschein, und indem sie den Vorhang, der sie verbarg, ein wenig öffnete, zeigte sie es dem Kalifen. "Wohlan," erwiderte dieser, "wir wollen die Fee kommen lassen: Ihr könnt sie nicht zu gelegenerer Zeit rufen, da ich es wünsche."

Sobeïde willigte darin ein, man brachte Feuer, und sie verbrannte das ganze Bündelchen Haare. Auf der Stelle wurde der Palast erschüttert, und die Fee erschien vor dem Kalifen in der Gestalt einer sehr prächtig gekleideten Dame. "Beherrscher der Gläubigen," sagte sie zu diesem Fürsten, "ihr seht mich bereit, eure Befehle zu empfangen. Die Dame, welche mich auf euren Befehl hierher rief, hat mir einen wichtigen Dienst geleistet. Um ihr dafür meine Erkenntlichkeit zu bezeigen, hab' ich sie wegen der Treulosigkeit ihrer Schwestern gerächt, indem ich diese in Hündinnen verwandelt. Wenn Euer Majestät es jedoch wünscht, so will ich ihnen ihre natürliche Gestalt wieder geben."

"Schöne Fee," erwiderte der Kalif, "ihr könnt mir keine größere Freude machen. Erweist ihnen diese Gunst, ich werde nachher Mittel suchen, sie über eine so harte Buße zu trösten. Vorher aber hab' ich noch eine Bitte an euch, zu Gunsten der Dame, die von einem unbekannten Mann so grausam misshandelt worden ist. Da ihr so eine Menge von Dingen wisst, so glaub' ich, dass auch dies euch nicht unbekannt ist. Erzeigt mir den Gefallen und nennt mir den Barbaren, der sich nicht damit begnügte, eine so große Barbarei auszuüben, sondern der seine Frau noch obendrein ihres ganzen Besitztums beraubt hat. Ich erstaune, dass eine so ungerechte, so unmenschliche, meine Machtvollkommenheit so verletzende Handlung nicht zu meiner Kenntnis gelangt ist."

"Um Euer Majestät gefällig zu sein," erwiderte die Fee, "werd' ich die beiden Hündinnen in ihren früheren Zustand zurückversetzen, die Dame so von ihren Narben heilen, dass man gar nicht bemerken soll, dass sie jemals geschlagen worden ist, und sodann werd' ich euch denjenigen nennen, der sie so hat misshandeln lassen."

Der Kalif ließ die beiden Hündinnen bei Sobeïde holen, und als sie da waren, brachte man der Fee, ihrem Verlangen gemäß, eine mit Wasser angefüllte Schale. Sie sprach darüber Worte, die niemand verstand, und besprengte sodann Amine und die beiden Hündinnen. Sie wurden in zwei Damen von erstaunlicher Schönheit verwandelt und Amines Wunden verschwanden. Hierauf sagte die Fee zum Kalifen: "Beherrscher der Gläubigen, ich muss euch jetzt entdecken, wer der unbekannte Mann ist, den ihr zu kennen verlangt. Er ist euch sehr nahe verwandt, den es ist der Prinz Amin1), euer ältester Sohn, Bruder des jüngeren, des Prinzen Mamoun2). Da er sich nach der Erzählung, die man ihm von ihrer Schönheit gemacht hatte, leidenschaftlich in diese Dame verliebt, so lockte er sie unter einem Vorwand zu sich und heiratete sie. In Hinsicht auf die Streiche, die er ihr hat geben lassen, ist er auf gewisse Weise zu entschuldigen. Sie war in der Tat ein wenig zu leichtsinnig, und ihre Entschuldigungen waren wohl dazu geeignet, ihn Glauben zu machen, dass in der Tat etwas Schlimmeres vorgefallen wäre, als es wirklich der Fall war. Das ist Alles, was ich zur Befriedigung eurer Neugier sagen kann." Nach diesen Worten grüßte sie den Kalifen und verschwand.

Dieser Fürst, mit Bewunderung erfüllt und zufrieden mit den Verwandlungen, die er eben veranlasst hatte, beging nun Handlungen, von welchen ewig die Rede sein wird. Zuerst ließ er den Prinzen Amin, seinen Sohn, rufen, sagte ihm, dass er nun seine heimliche Verheiratung und die Ursache der Verwundung Amines wisse. Der Prinz wartete nicht auf den Befehl seines Vaters, sie wieder zu nehmen, sondern nahm sie auf der Stelle wieder.

Der Kalif erklärte hierauf, dass er sein Herz und seine Hand Sobeïde gäbe, und schlug die drei andern Schwestern den drei Kalendern und Königssöhnen vor, die sie mit vielem Dank zu Frauen nahmen. Der Kalif wies jedem einen prächtigen Palast in Bagdad an, erhob sie zu den ersten Würden seines Reiches und nahm sie in seinen Rat. Der erste Kadi Bagdads, der mit Zeugen herbeigeholt wurde, setzte die Heiratskontrakte auf, und dem berühmten Kalifen Harun Arreschyd wurden tausend Segenswünsche gespendet, da er das Glück so vieler Personen machte, die unglaubliche Unglücksfälle erlitten hatten."
Es war noch nicht Tag, als Scheherasade diese Geschichte beendigte, die so oft war unterbrochen und fortgesetzt worden. Dies gab Veranlassung, eine neue anzufangen. Indem sie also ihre Worte an den Sultan richtete, begann sie, wie folgt:

Geschichte Sindbads, des Seefahrers

"Herr, unter der Regierung eben dieses Kalifen Harun Arreschyd, von welchem ich so eben sprach, lebte in Bagdad ein armer Lastträger, namens Hindbad. An einem ganz vorzüglich heißen Tag trug er eine sehr schwere Bürde von einem Ende der Stadt zum andern. Er war von dem bereits zurückgelegten Weg sehr ermüdet, und hatte noch eine tüchtige Strecke zu gehen, als er in eine Straße kam, auf welcher ein sanfter Zephyr wehte, und deren Pflaster mit Rosenwasser besprengt war. Da er keinen günstigeren Wind erwarten konnte, um sich auszuruhen und neue Kräfte zu sammeln, so legte er in der Nähe eines großen Hauses seine Bürde auf die Erde und setzte sich darauf.

Plötzlich wurden seine Geruchsnerven von einem ausgesuchten Wohlgeruch gereizt, der, von Aloe und Räucherwerk herstammend, aus den Fenstern eines Hauses kam und, vermischt mit dem des Rosenwassers, die Luft durchbalsamte. Über dem hörte er im Innern ein Konzert von verschiedenen Instrumenten begleitet von dem harmonischen Gesang der Nachtigallen und anderer Vögel. Dieser anmutige Gesang und der riechbare Dampf mehrerer Fleischspeisen ließen ihn dort irgend ein Fest vermuten, bei welchem man sich ergötzte. Er wollte wissen, wer in diesem Hause wohnte, das ihm nicht recht bekannt war, weil er keine Veranlassung gehabt hatte, oft auf diese Straße zu kommen. Um seine Neugier zu befriedigen, näherte er sich einigen prächtig gekleideten Dienern, die er an der Türe sah, und fragte einen unter ihnen, wie der Hausherr hieße. "Wie," erwiderte der Diener, "ihr wohnt in Bagdad und wisst nicht, dass dies die Wohnung des Herrn Sindbad, des Seefahrers, ist, dieses berühmten Reisenden, der alle Meere durchschifft hat, welche die Sonne beleuchtet?" Der Träger, welcher von Sindbads Reichtümern wohl hatte reden hören, konnte sich nicht enthalten, einen Mann zu beneiden, dessen Zustand ihm ebenso glücklich vorkam, als er den seinigen beklagenswert fand. Da sein Geist durch diese Betrachtungen erbittert ward, erhob er seine Augen gen Himmel und sagte laut genug, um gehört zu werden: "Mächtiger Schöpfer aller Dinge, erwäge den Unterschied zwischen mir und Sindbad. Ich erleide täglich tausend Beschwerden und habe große Mühe, mich und meine Familie von schlechtem Gerstenbrot zu ernähren, während der glückliche Sindbad mit Verschwendung unermessliche Reichtümer vergeudet und ein Leben voll Lust und Freude führt! Was hat er getan, um von dir ein so angenehmes Los zu erhalten?" Bei dieses Worten stampfte er mit dem Fuß auf die Erde, wie ein Mensch, der sich seinem Schmerz und seiner Verzweiflung gänzlich überlässt.

Er war noch mit diesen traurigen Gedanken beschäftigt, als er aus dem Haus einen Diener auf sich zukommen sah, der ihn heftig beim Arm ergriff und zu ihm sagte: "Kommt, folgt mir, Herr Sindbad, mein Gebieter, will euch sprechen."

Der in diesem Augenblick anbrechende Tag verhinderte Scheherasade, diese Erzählung fortzusetzen, die sie jedoch in der nächsten Nacht auf folgende Weise wieder aufnahm:

Ü   Þ


1) Der Treue, Wahrhafte. ­
2) Der Glaubwürdige.
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