Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Max Habicht
         1001 Nacht

            Vorgeschichte
            Der Esel, der Ochs
               und der Bauer
            Nächte

              ...
              154.
              155.
              156.
              157.
              158.
              159.
              160.
              161.
              162.
              163.
              164.
              165.
              166.
              167.
              168.
              169.
              170.
              ...
            Inhalt nach Titel
            Inhalt nach Nummer

162. Nacht

"Wir erstaunten alle nicht wenig über diese Worte," fuhr der Schneider fort, "und wir begannen eine sehr üble Meinung von dem Barbier zu hegen, ohne zu wissen, ob der junge Fremde berechtigt war, in solchen Ausdrücken von ihm zu sprechen. wir erklärten sogar, das wir einen Mann, von dem uns eine so abscheuliche Schilderung gemacht würde, nicht an unserem Tisch leiden würden. Der Hausherr bat den Fremden, uns zu erzählen, was für eine Ursache er hätte, den Barbier zu hassen."

"Herr," erwiderte der junge Mann, "ihr sollt wissen, dass dieser verdammte Barbier an meiner Lahmheit Schuld ist, und dass mir etwas höchst Grausames widerfahren ist. Ich habe deshalb den Schwur getan, alle die Orte, wo ich ihn finde, zu meiden, und nicht mit ihm in derselben Stadt zu wohnen. Deshalb habe ich mich von Bagdad entfernt, wo ich ihn zurückließ, und habe eine lange Reise gemacht, um mich hier mitten in der Großen Tatarei niederzulassen, wo ich mir schmeichelte, ihn niemals zu sehen. Ich finde ihn jedoch nun, gegen meine Erwartung, hier, und das nötigt mich, mich wider Willen der ehre zu berauben, mit euch mich zu ergötzen. Noch heute will ich mich aus eurer Stadt entfernen, und mich, wenn ich kann, an Orte begeben, wo er mir nicht vor Augen kommt."

Er wollte uns nach diesen Worten verlassen, aber der Hausherr hielt ihn noch zurück, und bat ihn, noch bei uns zu bleiben, und uns die Ursache der Abneigung zu erzählen, die er gegen den Barbier hegte, der während dieser ganzen zeit die Augen niederschlug und still schwieg. Wir verbanden unsere Bitten mit denen des Hausherrn, und endlich setzte sich der junge Mann, unserem Andringen nachgebend, auf das Sofa, und erzählte uns, nachdem er dem Barbier, aus furcht ihn zu sehen, den Rücken zugewandt hatte, folgendermaßen seine Geschichte:

"Mein Vater bekleidete in Bagdad einen Rang, der ihm erlaubte, auf die ersten Stellen Anspruch zu machen, aber er zog jederzeit ein ruhiges leben allen Ehren, die er verdienen konnte, vor. Ich war sein einziges Kind, und als er starb, war mein Geist schon gebildet, und ich alt genug, um über das große Vermögen, welches er mir hinterlassen hatte, schalten zu können. Ich verschwendete es nicht auf törichte Weise, sondern ich machte einen Gebrauch davon, der mir die Achtung der ganzen Welt zuzog.

Noch hatte ich keine Leidenschaft gefühlt, und weit entfernt, für die Liebe empfänglich zu sein, muss ich, vielleicht zu meiner Schande, gestehen, dass ich den Umgang mit Frauen sorgfältig vermied. Als ich mich eines Tages auf einer Straße befand, sah ich eine große Anzahl Frauen mir entgegen kommen. ich ging in eine kleine Straße, in deren Nähe ich mich befand, und setzte mich neben einer Haustüre auf eine Bank. Ich saß einem Fenster gegenüber, auf welchem ein Gefäß mit sehr schönen Blumen stand, und ich hatte die Augen darauf gerichtet, als das Fenster sich öffnete, und ich ein junges Fräulein erscheinen sah, deren Schönheit mich blendete. sie warf ihre Augen auf mich, und indem sie die Blumen mit einer Hand, weißer als Alabaster, begoss, sah sie mich mit einem Lächeln an, welches mir eben so viel Liebe für sie einflößte, als ich bis dahin Abneigung gegen alle Frauen gefühlt hatte. Nachdem sie die Blumen begossen, und mir einen höchst bezaubernden Blick zugeworfen hatte, der mir vollends das Herz durchbohrte, machte sie das Fenster wieder zu, und ließ mich in einer unbeschreiblichen Unruhe und Verwirrung.

Ich würde lange in diesem Zustand geblieben sein, wenn der Lärm, den ich auf der Straße hörte, mich nicht wieder zu mir selber gebracht hätte. Ich wandte meinen Kopf, indem ich aufstand, und sah, dass es der erste Kadi der Stadt war, der, von fünf oder sechs Untergebenen begleitet, auf einem Maultier ritt. Er stieg vor der Tür des Hauses ab, in welchem die junge Schöne das Fenster geöffnet hatte, und ging hinein, woraus ich schloss, dass er ihr Vater wäre.

Ich kam in meine Wohnung in einem Zustand, sehr verschieden von dem, in welchem ich sie verlassen hatte, erregt von einer Leidenschaft, die umso heftiger war, da ich ihre Regung noch niemals empfunden hatte, und ich legte mich in einem heftigen Fieber, welches eine große Betrübnis in meinem Haus verursachte, zu Bett. meine Verwandten, die mich liebten, und wegen einer so plötzlichen Krankheit sehr beunruhigt waren, eilten schnell herbei, und quälten mich sehr, ihnen die Veranlassung zu sagen, wovor ich mich aber wohl hütete, mein Stillschweigen machte sie nur noch unruhiger, und die Ärzte vermochten diese Unruhe nicht zu zerstreuen, weil sie aus meinem Übel, das ihre Arzneimittel nur ärger machten, nicht klug werden konnten.

Meine Verwandten begannen an meinem leben zu verzweifeln, als eine alte Frau aus ihrer Bekanntschaft mich besuchte. Sie betrachtete mich mit vieler Aufmerksamkeit, und nachdem sie meinen Zustand untersucht hatte, erkannte sie, ich weiß nicht durch welchen Zufall, den Grund meiner Leiden. Sie nahm meine Verwandten bei Seite, bat sie, sie möchten sie mit mir allein, und alle meine Leute hinausgehen lassen.

Als sich alle aus dem Zimmer entfernt hatten, setzte sie sich mir zu Häupten, und sagte: "mein Sohn, ihr habt bis jetzt die Ursache eures Übels halsstarrig verschweigen. Allein mir braucht ihr sie nicht zu gestehen, ich besitze Erfahrung genug, um dies Geheimnis zu durchdringen, und ihr werdet mir nicht in Abrede stellen, dass es die Leibe ist, die euch krank macht. Ich kann eure Heilung bewirken, wenn ihr mir nur sagt, wer das glückliche Fräulein ist, welche euer so unempfindliches Herz zu rühren wusste, denn ihr steht in dem Ruf, die Frauen nicht zu leiben, und ich bin nicht die letzte gewesen, die das bemerkt hat: Doch es ist nun eingetroffen, was ich vorausgesehen habe, und ich bin sehr erfreut, dass mir die Gelegenheit zu Teil wird meine Talente anzuwenden, um euch aus der Not zu helfen."

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de