Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Max Habicht
         1001 Nacht

            Vorgeschichte
            Der Esel, der Ochs
               und der Bauer
            Nächte

              ...
              325.
              326.
              327.
              328.
              329.
              330.
              331.
              332.
              333.
              334.
              335.
              336.
              337.
              338.
              339.
              340.
              341.
              ...
            Inhalt nach Titel
            Inhalt nach Nummer

333. Nacht

Ohne erst die Antwort seiner Mutter abzuwarten, öffnete Aladdin die Tür nach der Straße, und ließ alle seine Sklaven, paarweise nacheinander, immer einen weißen und einen schwarzen Sklaven mit einem goldenen Becken auf dem Kopf, und sofort bis zum letzten, hindurchgehen. Nachdem auch seine Mutter hinter dem letzten schwarzen Sklaven hinausgegangen war, verschloss er die Türe, und wartete ruhig in seinem Zimmer, in der Hoffnung, dass der Sultan nach diesem Geschenk, welches er gefordert hatte, ihn endlich zum Schwiegersohn annehmen würde.

So wie der erste weiße Sklave aus Aladdins Haus hervortrat, bleiben alle Vorübergehenden, die ihn sahen, stillstehen, und ehe die achtzig weißen und schwarzen Sklaven alle heraus waren, wimmelte die Straße von Volk, welches von allen Seiten herbeiströmte, um ein so prachtvolles und außerordentliches Schauspiel anzusehen. Die Kleidung eines jeden Sklaven war so reich an Stoff und Edelgestein, dass die besten Kenner nicht zu fehlen glaubten, wenn sie jeden Anzug auf mehr denn eine Million schätzten. Die Nettigkeit und das genaue Anpassen eines jeden Kleides, der Anstand, das angenehme Wesen, der ebenmäßige und stattliche Wuchs eines jeden Sklaven, ihr feierlicher Zug in gleichmäßig abgemessenen Zwischenräumen, der Glanz der außerordentlich großen Edelsteine, die in der schönste Anordnung rings um ihre Gürtel in echtes Gold gefasst waren, und die ebenfalls aus Edelsteinen zusammengesetzten Rosen an ihren Turbanen, die in einem ganz eigentümlichen Geschmack gearbeitet waren, setzten diese ganze Menge von Zuschauern in eine solche Verwunderung, dass sie nicht müde wurden, sie anzusehen, und sie mit den Augen so weit als möglich zu verfolgen. Die Straßen waren so mit Menschen eingefasst, dass jeder genötigt war, an der Stelle zu bleiben, wo er stand.

Da man mehrere Straßen entlang gehen musste, ehe man zum Palast gelangte, so machte dies, dass ein guter Teil der Stadt, Personen aus allen Klassen und Ständen, Augenzeugen dieses bezaubernden Aufzuges waren. Endlich langte der erste dieser achtzig Sklaven an der Pforte des ersten Schlosshofes an. Die Pförtner, welche gleich bei Annäherung dieses wundervollen Zuges sich in zwei Reihen aufgestellt hatten, hielten ihn für einen König, so reich und prachtvoll war er gekleidet, und näherten sich ihm, um den Saum seines Kleides zu küssen. Doch der Sklave, vom Geist unterwiesen, hielt ihn zurück, und sprach zu ihnen ganz ernst: "Wir sind bloß Sklaven. Unser Herr wird erst erscheinen, wenn es Zeit sein wird."

Der erste Sklave kam an der Spitze des ganzen Zuges hierauf in den zweiten Hof, der sehr geräumig, und worin der Hofstaat des Sultans während der Sitzung des Diwans aufgestellt war. Die Anführer eines jeden dieser Trupps waren sehr prächtig gekleidet, aber sie wurden weit verdunkelt, als die achtzig Sklaven erschienen und Aladdins Geschenk brachten, wozu sie selber mitgehörten. Im ganzen Hofstaat des Sultans gab es nichts so glänzendes zu sehen, und der gesamte Schimmer und Glanz der ihn umgebenen Herren vom Hof war nichts im Vergleich mit dem, was sich hier ihren Blicken darbot.

Sobald dem Sultan der Zug und die Ankunft dieser Sklaven gemeldet worden war, hatte er Befehl gegeben, sie herein treten zu lassen. Als sie nun erschienen, fanden sie den Diwan frei und offen, und sie traten daher in der vollkommensten Ordnung hinein, ein Teil zur Rechten ein anderer Teil zur Linken. Nachdem sie alle herein waren, und vor dem Thron des Sultans einen großen Halbkreis gebildet hatten, setzte ein jeder der schwarzen Sklaven das Becken, welches er trug, auf den Fußteppich nieder. Sie warfen sich sämtlich nieder, und berührten mit ihrer Stirn den Teppich. Die weißen Sklaven taten dasselbe zu gleicher Zeit. Sie standen dann alle wieder auf, und die Schwarzen enthüllten sehr geschickt die Becken, welche vor ihnen standen, und alle blieben dann, die Arme auf der Brust gekreuzt, mit der größten Ehrerbietung stehen.

Aladdins Mutter, welche unterdessen bis zum Fuß des Thrones vorgeschritten war, sagte zu dem Sultan, nachdem sie sich niedergeworfen hatte: "Herr, mein Sohn Aladdin weiß recht wohl, dass dieses Geschenk, welches er Euer Majestät sendet, weit unter dem steht, was die Prinzessin Badrulbudur verdienen würde. Gleichwohl hofft er, dass Euer Majestät, so wie die Prinzessin, es genehmigen und es anzunehmen geruhen werden, und zwar mit umso mehr Zuversicht, da er der Bedingung, die ihr ihm vorzuschreiben beliebtet, nachzukommen gesucht hat."

Der Sultan war gar nicht im Stand, die Begrüßung der Mutter Aladdins aufmerksam anzuhören. Der erste Blick, den er auf die vierzig goldenen, mit den glänzendsten und kostbarsten Kleinoden angefüllten Becken und auf die achtzig Sklaven warf, welche sowohl ihren Mienen nach, als wegen der erstaunlichen Pracht und Kostbarkeit ihrer Kleidung, Könige zu sein schienen, hatten ihn gleich so überrascht, dass er sich von seiner Verwunderung gar nicht erholen konnte. Anstatt auf die Anrede der Mutter Aladdins zu antworten, wandte er sich an den Großwesir, der selber nicht begreifen konnte, wo ein solcher Überfluss von Reichtum wohl hergekommen sein möchte. "Nun, Wesir," sagte er jetzt ganz öffentlich, "was denkst du von dem, wer er auch sein mag, der mir ein so reiches und außerordentliches Geschenk schickt, und den wir beide nicht kennen? Hältst du ihn wohl für unwürdig, die Prinzessin Badrulbudur, meine Tochter, zu heiraten?"

Wie viel Eifersucht und Betrübnis der Wesir auch darüber empfand, zu sehen, dass ein Unbekannter vorzugsweise vor seinem Sohn der Schwiegersohn des Sultans werden sollte, so wagte er doch nicht, seine wahre Meinung zu verhehlen. Es war zu augenscheinlich, dass das Geschenk Aladdins mehr als hinreichend war, um ihn zu der Aufnahme in eine so hohe Verbindung würdig zu machen. Er antwortete also dem Sultan, indem er ganz auf dessen Ansicht einging: "Herr, ich bin so weit entfernt zu denken, als sei derjenige, der Euer Majestät ein so würdiges Geschenk dargebracht hat, der ihm zugedachten Ehre unwürdig, dass ich vielmehr wagen würde, zu behaupten, er verdiente noch weit mehr, wenn ich nicht überzeugt wäre, dass es auf der Welt keinen Schatz gibt, der die Prinzessin, Tochter Euer Majestät, an Wert aufwiegen könnte." Die Herren vom Hof, welche dieser Sitzung beiwohnten, gaben durch ihre Beifallsbezeugungen zu erkennen, dass ihre Meinung von der des Großwesirs nicht verschieden waren.

Der Sultan verschob jetzt die Sache nicht länger, und dachte selbst nicht einmal daran, sich zu erkundigen, ob Aladdin auch wohl die übrigen erforderlichen Eigenschaften besäße, um sein Schwiegersohn werden zu können. Der bloße Anblick dieser unermesslichen Reichtümer, und die Emsigkeit, womit Aladdin seine Forderungen erfüllt hatte, ohne wegen der ungeheuren Bedingungen, die ihm vorgeschrieben worden, die mindeste Schwierigkeit zu machen, überredete ihn leicht, dass ihm nichts fehlte, um ihn zu einem ganz vollkommenen Mann und zu einem solchen zu machen, wie er ihn wünschte. Um daher Aladdins Mutter so befriedigt zu entlassen, als sie es nur irgend wünschen konnte, sagte er zu ihr: "Gute Frau, geh und sage deinem Sohn, dass ich ihn mit offenen Armen erwarte, und dass, je früher er kommen wird, um aus meiner Hand die Prinzessin, meine Tochter, zu empfangen, um so mehr Vergnügen es mir machen wird."

Sobald Aladdins Mutter sich mit jener Freude, deren eine Frau von diesem Stand, wenn sie ihren Sohn unerwartet auf eine so hohe Stufe gelangt sieht, nur irgend fähig sein kann, sich entfernt hatte, hob der Sultan die Sitzung dieses Tages auf, stand vom Thron auf und befahl, dass die zum Dienst der Prinzessin verordneten Verschnittenen herbeikommen, die goldenen Becken aufheben und sie nach den Zimmern ihrer Gebieterin tragen sollten, wo er dieselben mit Muße näher betrachten wollte. Dieser Befehl wurde durch die Fürsorge des Oberhauptes der Verschnittenen auf der Stelle vollzogen.

Die achtzig weißen und schwarzen Sklaven wurden nicht vergessen. Man ließ sie in das Innere des Palastes hineinkommen, und kurze Zeit darauf befahl der Sultan, der von ihrer prächtigen Kleidung mit der Prinzessin Badrulbudur gesprochen hatte, dass man sie vor ihrem Zimmer aufstellen sollte, damit sie dieselben durch die Gitterfenster beobachten und sich überzeugen konnte, dass er, weit entfernt in seiner Beschreibung irgend etwas übertrieben zu haben, vielmehr ihr weit weniger gesagt hatte, als an der Sache wirklich war.

Aladdins Mutter kam unterdessen nach Hause, und zwar mit einer Miene, welche die gute Nachricht, die sie ihrem Sohn brachte, genügend ankündigte. "Mein Sohn," sagte sie zu ihm, "du hast alle Ursache vergnügt zu sein. Du bist, wider meine Erwartung, zur Erfüllung deiner Wünsche gelangt, und du weißt, was ich dir hierüber gesagt habe. Um dich nicht zu lange in gespannter Erwartung zu halten, will ich dir nur sagen, dass der Sultan, mit Zustimmung seines ganzes Hofes, dich für würdig erklärt hat, die Prinzessin Badrulbudur zu besitzen. Er erwartet dich, um dich zu umarmen und die Heirat abzuschließen. Denke jetzt nur darauf, dich auf diese Zusammenkunft vorzubereiten, damit sie der hohen Meinung, die er von dir gefasst hat, entspreche. Allein nach den Wundern, die ich dich bisher habe vollführen sehen, bin ich fest überzeugt, dass du es hierin an nichts fehlen lassen wirst. Ich darf indessen nicht vergessen, dir zu sagen, dass der Sultan voll Ungeduld auf dich wartet. Verliere daher keine Zeit, um dich zu ihm zu begeben."

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de