Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Max Habicht
         1001 Nacht

            Vorgeschichte
            Der Esel, der Ochs
               und der Bauer
            Nächte

              ...
              329.
              330.
              331.
              332.
              333.
              334.
              335.
              336.
              337.
              338.
              339.
              340.
              341.
              342.
              343.
              344.
              345.
              ...
            Inhalt nach Titel
            Inhalt nach Nummer

337. Nacht

Als das Abendessen vorüber war und man schnell abgeräumt hatte, so trat an die Stelle des Musikchors ein Trupp von Tänzern und Tänzerinnen. Sie führten nach der Landessitte allerlei Arten von figurierten Tänzen auf. Zuletzt tanzten ein Tänzer und eine Tänzerin ganz allein mit einer erstaunlichen Leichtigkeit, und jeder von ihnen entwickelte alle den Anstand und die Gewandtheit, deren sie nur irgend fähig waren. Es war nahe an Mitternacht, als Aladdin - der damals in China bestehenden Sitte zufolge - aufstand und der Prinzessin Badrulbudur die Hand bot, um mit ihr zu tanzen und damit die Hochzeitsfeierlichkeit zu beschließen. Sie tanzten so schön, dass sie die Bewunderung der ganzen Gesellschaft erregten. Nach Endigung des Tanzes behielt Aladdin die Prinzessin an der Hand und sie gingen miteinander in das Zimmer, wo das hochzeitliche Lager für sie bereitet war. Die Frauen der Prinzessin kleideten sie aus und brachten sie zu Bett. Aladdins Diener taten ihm ein gleiches, und alle entfernten sich sodann. So endigten die Feierlichkeiten und Lustbarkeiten der Hochzeit Aladdins und der Prinzessin Badrulbudur.

Als Aladdin am folgenden Morgen erwachte, erschienen seine Kammerdiener, um ihn anzukleiden. Sie zogen ihm ein ganz anderes, aber nicht minder reiches und prächtiges Kleid an als am Hochzeitstag. Hierauf ließ er sich eines von seinen Leibpferden vorführen, bestieg es, und begab sich, umgeben von einem zahlreichen Gefolge von Sklaven, welche vor ihm, hinter ihm und zu beiden Seiten gingen, nach dem Palast des Sultans. Der Sultan empfing ihn mit denselben Ehrenbezeigungen wie das erste Mal, er umarmte ihn, ließ ihn neben sich auf dem Thron sitzen und befahl, dass man ein Frühmahl auftragen solle. "Herr," erwiderte Aladdin, "ich bitte Euer Majestät, mich für heute wegen dieser mir zugedachten Ehre zu entschuldigen, ich komme soeben euch zu bitten, dass ihr mir die Ehre erzeigen möchtet, in dem Palast der Prinzessin nebst eurem Großwesir und den Großen eures Hofes ein Mittagsmahl einzunehmen." Der Sultan genehmigte dies mit vielem Vergnügen. Er stand sogleich auf, und da der Weg nicht weit war, so geruhte er, sich zu Fuße dahin zu begeben. Er brach also auf, während Aladdin zu seiner Rechten, der Großwesir zu seiner Linken, die Großen des Hofes hinter ihm als Gefolge, und vor ihm her die Trabanten und seine vornehmsten Hausbeamten gingen.

Je näher der Sultan dem Palast Aladdins kam, desto mehr erstaunte er über die Schönheit desselben. Diese Verwunderung stieg bei seinem Eintritt noch höher. Bei jedem Zimmer, welches er sah, brach er in neue Beifallsbezeigungen aus. Aber als sie nun in den Saal mit vierundzwanzig Fenstern, wohin Aladdin sie eingeladen, hinaufgelangt waren, und er die Verzierungen desselben, besonders aber die mit den schönsten und größten Diamanten, Rubinen und Smaragden besetzten Gitterfenster betrachtet hatte, wurde er davon so überrascht, dass er ganz regungslos stehen blieb. Nachdem er eine Weile so da gestanden, sagte er zu dem neben ihm stehenden Großwesir: "Wesir, ist es möglich, dass es in meinem Königreich und so nahe an meinem Palast einen so prächtigen Palast geben konnte, von welchem ich bis jetzt nichts wusste?" - "Euer Majestät," erwiderte der Großwesir, "wird sich vielleicht erinnern, dass ihr vorgestern dem Aladdin, als ihr ihn für euren Schwiegersohn anerkannt hattet, die Erlaubnis erteiltet, einen Palast dem eurigen gegenüber aufzuführen. An demselben Tag war bei Sonnenuntergang an dieser Stelle noch kein Palast vorhanden, und gestern hatte ich die Ehre, euch zuerst zu melden, dass der Palast fertig gebaut sei." - "Ich erinnere mich wohl daran," antwortete der Sultan, "aber ich hatte mir nicht eingebildet, dass dieser Palast ein Wunder der Welt sein würde. Wo in aller Welt findet man denn Bauwerke, die, statt aus Stein- oder Marmorschichten, aus Gold- und Silberschichten aufgeführt sind, und wo die Fenster Vergitterungen haben, die mit Diamanten, Rubinen und Smaragden besetzt wären? Dergleichen ist auf Erden nie gesehen worden."

Der Sultan besah und bewunderte die Schönheit der vierundzwanzig Gitterfenster. Doch indem er sie zählte, fand er, dass das vierundzwanzigste unvollendet geblieben war. "Wesir," rief er, - denn der Großwesir machte es sich zur Pflicht, nicht von seiner Seite zu weichen, - "ich bin sehr erstaunt, dass ein Saal von solcher Pracht an dieser Stelle unvollendet geblieben ist." - "Herr," erwiderte der Großwesir, "Aladdin war offenbar zu sehr gedrängt, und es fehlte ihm an Zeit, dies Fenster den übrigen gleich machen zu lassen. Aber es lässt sich denken, dass er die erforderlichen Edelsteine besitzt, und dass er ehestens daran arbeiten lassen wird."

Aladdin, welcher den Sultan verlassen hatte, um einige Befehle zu geben, hatte sich mittlerweile wieder zu ihm gefunden. "Mein Sohn," sagte der Sultan zu ihm, "dieser Saal ist unter allen, die in der Welt sind, der bewunderungswürdigste. Bloß etwas setzt mich in Erstaunen, - dass nämlich dies eine Gitterfenster unvollendet geblieben ist. Ist dies aus Vergessenheit geschehen, oder aus Nachlässigkeit, oder weil die Werkleute nicht Zeit hatten, die letzte Hand an ein so schönes Denkmal der Baukunst zu legen?" - "Herr," antwortete Aladdin, "das Gitterfenster ist aus keinem dieser Gründe so unvollendet geblieben, als ihr es da seht, sondern es ist absichtlich geschehen und die Werkleute haben es auf meinen ausdrücklichen Befehl nicht angerührt. Ich wünschte nämlich, dass Euer Majestät den Ruhm haben sollte, diesen Saal und Palast vollenden zu lassen, und bitte euch, diese meine gute Absicht zu genehmigen, damit ich mich dieser von euch empfangenen Gunst und Gnade einst rühmen und erinnern kann." - "Wenn ihr es in dieser Absicht getan habt," erwiderte der Sultan, "so weiß ich euch vielen Dank dafür, und werde augenblicklich die nötigen Befehle hierzu erteilen." Auch ließ er wirklich die Juwelenhändler, welche am reichsten mit Edelsteinen versehen waren, und die geschicktesten Goldarbeiter seiner Hauptstadt kommen.

Der Sultan stieg unterdessen aus dem Saal wieder herab und Aladdin führte ihn in diejenigen, worin er die Prinzessin Badrulbudur am Hochzeitstag bewirtet hatte. Die Prinzessin erschien einen Augenblick später, und empfing den Sultan, ihren Vater, mit Mienen, welche deutlich verrieten, wie zufrieden sie mit ihrer Ehe sei. Zwei Tafeln standen da, mit den köstlichsten Speisen besetzt, und mit Tischgeschirren, die sämtlich von Gold waren. Der Sultan setzte sich an die erste Tafel, und speiste mit der Prinzessin, mit Aladdin und dem Großwesir. Alle Großen des Hofes wurden an der anderen Tafel bewirtet. Der Sultan fand die Speisen sehr wohlschmeckend und gestand, dass er noch nie herrlicher gespeist habe. Dasselbe sagte er von dem Wein, welcher in der Tat ganz köstlich war. Was er ferner bewunderte, waren vier große Tafelaufsätze, die im Überfluss mit Flaschen, Schalen und Bechern, alle von gediegenem Gold und mit Edelsteinen geschmückt, versehen und besetzt waren. Auch war er über die Musikchöre ganz entzückt, welche im Saal verteilt waren, während das Geschmetter der Trompeten, Pauken und Trommeln in angemessenen Pausen von draußen her ertönte.

Als der Sultan von Tische aufgestanden war, meldete man ihm, dass die Juwelenhändler und Goldarbeiter, die auf seinen Befehl gerufen worden, da wären. Er stieg zum Saal von vierundzwanzig Fenstern hinauf, und als er oben angelangt war, zeigte er den Juwelieren und Goldarbeitern, die ihm gefolgt waren, das Fenster, welches noch unvollendet war. "Ich habe euch kommen lassen," sagte er zu ihnen, "damit ihr mir dieses Fenster zurecht macht und ihm denselben Grad von Vollendung gebt, als die übrigen haben. Besichtigt die andern, und verliert keine Zeit, um mir dieses ganz ebenso zu machen."

Die Juweliere und Goldschmiede besahen sich die dreiundzwanzig übrigen Fenster sehr aufmerksam, und nachdem sie sich miteinander beraten und darüber eines geworden waren, was jeder seinerseits hierzu beitragen könne, erschienen sie wiederum vor dem Sultan, und der Hofjuwelier nahm das Wort und sagte: "Herr, wir sind bereit, unseren Fleiß und unsere Sorgfalt anzuwenden, um Euer Majestät zu gehorchen. Allein wir alle, so viel wir unser hier sind, haben nicht so kostbare noch auch so unendlich viele Edelsteine, als zu einer so bedeutenden Arbeit erforderlich sind." - "Ich habe deren," sagte hierauf der Sultan, "und zwar mehr als nötig sein werden. Kommt nach meinem Palast, ich werde sie euch zu eurer Auswahl und Benutzung überlassen."

Als der Sultan nach seinem Palast zurückgekehrt war, ließ er alle seine Edelsteine bringen, und die Juweliere nahmen eine große Anzahl derselben, hauptsächlich von denen, welche Aladdin geschenkt hatte. Sie brachten sie an dem Fenster an, ohne dass man sonderlich die Fortschritte ihrer Arbeit merkte. Sie holten sich zu wiederholten Malen noch mehrere, und binnen einen Monat hatten sie kaum die Hälfte des Werks vollendet. Sie benutzten endlich alle Edelsteine des Sultans nebst denen, welche der Großwesir von den seinigen dazu hergab, aber alles, was sie davon möglich machen konnten, war, dass das Fenster höchstens zur Hälfte vollendet wurde.

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de