Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Max Habicht
         1001 Nacht

            Vorgeschichte
            Der Esel, der Ochs
               und der Bauer
            Nächte

              ...
              332.
              333.
              334.
              335.
              336.
              337.
              338.
              339.
              340.
              341.
              342.
              343.
              344.
              345.
              346.
              347.
              348.
              ...
            Inhalt nach Titel
            Inhalt nach Nummer

340. Nacht

Der Großwesir ließ den Sultan nicht lange auf sich warten. Er kam in solcher Eile, dass weder er noch seine Leute im Vorübergehen darauf Acht hatten, dass Aladdins Palast nicht mehr an seiner Stelle stand. Selbst die Pförtner, als sie die Pforte des Palastes öffneten, hatten es nicht einmal bemerkt.

Der Großwesir redete den Sultan mit den Worten an: "Herr, die Eile, womit Euer Majestät mich hat rufen lassen, lässt mich schließen, dass irgend etwas außerordentliches vorgefallen sei, da euch ja nicht unbekannt ist, dass heute Sitzung der Ratsversammlung ist, und dass ich folglich meiner Pflicht gemäß mich ohnehin bald eingestellt haben würde." - "Das, was vorgefallen ist, ist wirklich etwas außerordentliches, wie du gesagt hast, und du wirst mir es bald zugeben. Sage mir, wo ist der Palast Aladdins?" - "Der Palast Aladdins?", erwiderte der Großwesir ganz erstaunt. "Ich ging soeben an demselben vorbei, und er war, wie mich dünkt, noch an seiner Stelle. Gebäude, die so fest und dauerhaft als dieses da ausgeführt sind, ändern nicht so leicht ihre Stelle." - "Geh einmal in dieses Kabinett und sieh hin," antwortete der Kalif, "und du wirst mir bald etwas Neues davon melden."

Der Großwesir begab sich in den offenen Erker und es ging ihm wie dem Sultan. Als er sich völlig versichert hatte, dass Aladdins Palast nicht mehr da stehe, wo er gestanden, und dass keine Spur mehr davon vorhanden sei, so trat er wieder zu dem Sultan. "Nun, hast du Aladdins Palast gesehen?", fragte ihn dieser. - "Herr," erwiderte der Großwesir, "Euer Majestät wird sich erinnern, dass ich früher immer sagte, dass dieser Palast, der durch seinen ungeheueren Reichtum eure Bewunderung auf sich zog, bloß ein Werk der Zauber sei, doch Euer Majestät wollte nicht darauf achten."

Der Sultan, welcher das, was der Großwesir ihm in Erinnerung brachte, nicht abzuleugnen vermochte, geriet in einen umso größeren Zorn, da er seinen früheren Unglauben nicht in Abrede stellen konnte. "Wo ist," rief er, "dieser Betrüger, dieser Verbrecher, damit ich ihm den Kopf abschneiden lassen kann?" - "Herr," antwortete der Großwesir, "er hat sich vor einigen Tagen bei Euer Majestät beurlaubt. Man muss ihn fragen lassen, wo sein Palast hingekommen ist. Er muss es wissen." - "Das hieße ihn mit zu viel Schonung behandeln," erwiderte der Sultan, "geh du und gib dreißig meiner Reiter den befehl, ihn gefesselt vor mich zu führen." Der Großwesir ging und überbrachte den Reitern den Befehl des Sultans, und unterrichtete den Befehlshaber derselben, wie sie sich dabei benehmen sollten, damit er ihnen nicht entschlüpfte. Sie gingen ab und trafen Aladdin etwas fünf bis sechs Stunden von der Stadt auf der Heimkehr von der Jagd. Der Anführer ritt an ihn hinan und sagte zu ihm, der Sultan habe große Sehnsucht, ihn wieder zu sehen, und habe sie daher abgeschickt, um es ihm anzuzeigen und ihn auf dem Rückweg zu begleiten.

Aladdin ahnte nicht das mindeste von dem wirklichen Anlass, der diese Abteilung der Leibwache des Sultans zu ihm geführt hatte, und setzte seinen Rückweg fort. Doch als er etwas noch eine halbe Stunde von der Stadt entfernt war, umringte ihn die Reiterschar und der Anführer derselben nahm das Wort und sagte zu ihm: "Prinz Aladdin, zu unserem großen Bedauern müssen wir euch erklären, dass wir vom Sultan den Befehl haben, euch zu verhaften und euch als einen Staatsverbrecher zu ihm zu führen. Wir bitten euch zugleich, es nicht übel aufzunehmen, dass wir unsere Pflicht erfüllen, und es uns zu verzeihen."

Diese Erklärung war eine große Überraschung für Aladdin, der sich unschuldig fühlte. Er fragte den Anführer, ob er wohl wisse, welches Verbrechens man ihn angeklagt habe. Doch dieser antwortete, dass weder er noch seine Leute das geringste davon wüssten.

Als Aladdin sah, dass seine Leute der Reiterschar nicht gewachsen waren und ihn sogar verließen, so stieg er vom Pferd ab und sagte: "Hier bin ich. Vollzieht den Befehl, der euch aufgetragen ist. Gleichwohl kann ich versichern, dass ich mir keines Verbrechens bewusst bin, weder gegen die Person des Sultans noch gegen den Staat." Man warf ihm sogleich eine dicke und lange Kette um den Hals, womit man ihn auch mitten um den Körper band, so dass er die Hände nicht frei hatte. Als der Anführer sich an die Spitze der Reiterschar gestellt hatte, fasste ein Reiter das Ende der Kette, und führte so, hinter dem Anführer her reitend, Aladdin, der zu Fuß ihm folgen musste und in diesem Zustand in die Stadt hineingebracht wurde.

Als die Reiter in die Vorstadt kamen, zweifelten die ersten, welche Aladdin als Staatsverbrecher daher geführt sahen, keinen Augenblick, dass es ihm den Kopf kosten würde. Da er allgemein beliebt war, so ergriffen einige Säbel und andere Waffen, und die, welche keine hatten, bewaffneten sich mit Steinen und folgten hinter den Reitern drein. Einige derselben, die sich im Nachtrab befanden, schwenkten um und machten Miene, sie auseinander zu sprengen, doch die Anzahl der letzteren nahm so sehr zu, dass die Reiter beschlossen, es sich nicht weiter merken zu lassen und zufrieden zu sein, wenn sie den Palast des Sultans erreichten, ohne dass man ihnen den Aladdin entrisse. Um dies zu bewerkstelligen, trugen sie große Sorge, die ganze Breite der Straße, je nachdem sie weiter oder enge war, einzunehmen, und so gelangten sie denn an den Platz vor dem Palast, wo sie sich in einer Linie aufstellten und gegen die bewaffnete Volksmasse Front machten, bis ihr Befehlshaber und der Reiter, welcher Aladdin führte, in den Palast eingetreten waren und die Pförtner das Tor hinter ihnen geschlossen hatten, um das Volk abzuhalten.

Aladdin wurde vor den Sultan geführt, der in Begleitung des Großwesirs ihn auf dem Balkon erwartete. Sobald er ihn erblickte, befahl er dem Scharfrichter, welcher dazu hinbestellt worden war, ihm den Kopf abzuschneiden, ohne dass er ihn weiter anhören oder irgend einigen Aufschluss von ihm haben wollte.

Als der Scharfrichter sich Aladdins bemächtigt hatte, nahm er ihm die Kette ab, die um seinen Hals und Leib geschlungen war, und nachdem er ein Leder, das mit dem Blut von unzähligen hingerichteten Verbrechern befleckt war, auf die Erde hingebreitet hatte, ließ er ihn darauf niederknien und verband ihm die Augen. Hierauf zog er sein Schwert heraus, und schickte sich an, den tödlichen Streich zu führen, indem er ausholte, und den Säbel dreimal in der Luft herum schwang, auf das Zeichen des Sultans wartend, um Aladdin den Kopf abzuhauen.

In diesem Augenblick bemerkte der Großwesir, dass der Pöbel, der die Reiter überwältigt und den Platz erfüllt hatte, anfing, die Mauern des Palastes an mehreren Stellen mit Leitern zu ersteigen und sie sogar niederzureißen, um eine Öffnung zu machen. Er sagte daher zu dem Sultan, noch ehe dieser das Zeichen gab: "Herr, ich bitte Euer Majestät, den Schritt, den ihr zu tun im Begriff seid, reiflich zu überlegen. Ihr lauft Gefahr, euren Palast erstürmt zu sehen, und wenn dies Unglück geschähe, so könnten die Folgen davon sehr Unheil bringend sein." - "Mein Palast erstürmt?", erwiderte der Sultan. "Wer dürfte sich dies erkühnen?" - "Herr," antwortete der Großwesir, "Euer Majestät darf nur einen Blick auf die Mauern ihres Palastes und auf den Platz werfen, um die Wahrheit meiner Behauptung einzusehen."

Als der Sultan den lebhaften und heftigen Volksaufstand gewahrte, war sein Schrecken so groß, dass er augenblicklich dem Scharfrichter befahl, sein Schwert wieder in die Scheide zu stecken, die Binde von Aladdins Augen zu nehmen und ihn freizulassen. Zugleich befahl er seinen Trabanten, auszurufen, dass der Sultan ihm Gnade widerfahren lasse, und dass jeder sich nur entfernen möge.

Nunmehr gaben alle die, welche bereits die Mauern des Palastes erstiegen hatten, und Zeugen von dem waren, was da vorging, ihr Vorhaben auf. Sie stiegen in kurzer Zeit wieder hinab, und voll Freude darüber, einem Mann, den sie wahrhaft liebten, das Leben gerettet zu haben, teilten sie diese Neuigkeit allen Umstehenden mit. Sie verbreitete sich sehr bald unter der ganzen Volksmasse, die den Platz des Palastes erfüllte, und das Ausrufen der Trabanten, welche oben von den Terrassen herab dasselbe verkündigten, machte sie vollends allgemein bekannt. Die Gerechtigkeit, welche der Sultan durch Aladdins Begnadigung demselben erwiesen hatte, entwaffnete den Pöbel und dämpfte den Aufruhr, und nach und nach ging jeder von dannen nach Hause.

Sobald Aladdins ich wieder freien Fußes sah, hob er sein Haupt nach dem Balkon empor, und als er auf demselben den Sultan erblickte, reif er in einem rührenden Ton: "Herr, ich bitte Euer Majestät, mir zu der schon erwiesenen Gnade noch eine neue hinzufügen und mich gnädigst wissen zu lassen, welches denn eigentlich mein Verbrechen ist." - "Was dein Verbrechen ist, Treuloser?", erwiderte der Sultan, "weißt du das noch nicht einmal? Steige hier herauf, ich werde dir es zeigen."

Aladdin stieg hinauf und nachdem er sich dem Sultan vorgestellt, sagte dieser zu ihm: "Folge mir!", und ging vor ihm her, ohne ihn weiter anzusehen. Er führte ihn bis zu dem offenen Erker, und sagte, als er an der Tür war, zu ihm: "Tritt hier hinein. Du musst ja wohl noch wissen, wo dein Palast stand. Sieh dich hier nach allen Seiten um und sage mir dann, was aus ihm geworden ist."

Aladdin sah hin und erblickte nichts. Er bemerkte wohl den ganzen Platz, den sein Palast sonst eingenommen, aber da er gar nicht erraten konnte, wie er so ganz habe verschwinden können, so setzte ihn dies seltsame und überraschende Ereignis in ein Staunen und in eine Bestürzung, die ihn hinderten, dem Sultan auch nur ein einziges Wort zu antworten.

Der Sultan wiederholte voll Ungeduld die Frage: "Sage mir doch, wo dein Palast und wo meine Tochter ist?" Aladdin brach nun sein Schweigen und sagte: "Herr, ich sehe wohl und gestehe es ein, dass er Palast, den ich habe erbauen lassen, nicht mehr auf seiner Stelle steht. Ich sehe, dass er verschwunden ist, und ich kann Euer Majestät nicht sagen, wo er sein mag. Indessen kann ich euch versichern, dass ich keinen Anteil an diesem Ereignis habe."

"Was aus deinem Palast geworden ist," fuhr der Sultan fort, "kümmert mich eben nicht sehr. Meine Tochter ist mir Millionen Mal mehr wert als jener. Darum verlange ich, dass du sie mir wieder schaffst, sonst lasse ich dir ohne weitere Rücksicht den Kopf abschneiden."

"Herr," erwiderte Aladdin, "ich bitte Euer Majestät um vierzig Tage Frist, um die nötigen Maßregeln zu ergreifen, und wenn ich binnen dieser Zeit meinen Zweck nicht erreiche, so gebe ich euch mein Wort, dass ich selber meinen Kopf zu den Füßen eures Thrones niederlegen will, damit ihr nach eurem Belieben darüber verfügen könnt." - "Ich bewillige dir die Frist von vierzig Tagen, welche du verlangst," sagte hierauf der Sultan, "doch denke ja nicht etwas, diese Gnade zu missbrauchen und meinem Zorn entfliehen zu können. In welchem Winkel der Erde du auch sein magst, ich werde dich schon zu finden wissen."

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de