| Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info | |
|
Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 337. 338. 339. 340. 341. 342. 343. 344. 345. 346. 347. 348. 349. 350. 351. 352. 353. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
345. NachtAls der Zauberer auf diese Weise das traurige Schicksal seines Bruders erfahren hatte, verlor er keine Zeit mit fruchtlosem Bedauern, sondern fasste auf der Stelle den Entschluss, seinen Tot zu rächen, setzte sich zu Pferd und machte sich auf den Weg nach China. Die Reise ging über Ebenen, Ströme, Gebirge, Wüsten, eine lange Strecke fort, ohne unterwegs irgendwo anzuhalten, und so kam er denn unter unglaublichen Beschwerden nach China und sofort in die Hauptstadt des Landes. In der Gewissheit, dass er sich nicht getäuscht und nicht dies Reich mit einem andern verwechselt habe, machte er in dieser Hauptstadt Halt und nahm da seine Wohnung. Den Tag nach seiner Ankunft ging der Zauberer aus und indem er durch die Stadt spazierte, nicht etwa um die Schönheiten derselben zu besehen, die ihm sehr gleichgültig waren, sondern in der Absicht, die Maßregeln zu Vollführung seines verderblichen Anschlages einzuleiten, ging er in die besuchtesten Orte hin und horchte auf das, was man da sprach. An dem einen dieser Orte, wo man sich die Zeit mit allerlei Spielen vertrieb, und wo, während die einen spielten, sich die andern von den Neuigkeiten und Angelegenheiten des Tages unterhielten, hörte er seltsame Dinge erzählen von der Tugend und Frömmigkeit und selbst von den Wundertaten einer von der Welt abgeschiedenen Frau, Namens Fatime. In der Meinung, dass ihm diese Frau in irgend etwas bei seinem Vorhaben behilflich sein könne, zog er einen von der Gesellschaft bei Seite und bat ihn, ihm doch etwas genaueres über diese heilige Frau und über die Wunder, die sie verrichte, zu sagen. "Wie," sagte dieser Mann, "ihr habt diese Frau noch nie gesehen, noch auch niemals von ihr reden gehört? Durch ihr Fasten, durch ihre strenge Lebensweise und durch das gute Beispiel, das sie gibt, ist sie Gegenstand der Bewunderung der ganzen Stadt. Außer Montags und Freitags geht sie nie aus ihrer kleinen Einsiedelei heraus, und an den Tagen, wo sie sich in der Stadt sehen lässt, tut sie unendlich viel Gutes, und jeden der mit Kopfschmerzen behaftet ist, heilt sie durch das Auflegen ihrer Hände. Der Zauberer verlangte über diesen Punkt nichts weiter zu wissen, und fragte den Mann bloß noch, in welcher Gegend der Stadt die Einsiedelei dieser heiligen Frau sich befände. Der Mann beschrieb ihm genau die Stelle. Nachdem er diese Erkundigung eingezogen und den ruchlosen Plan, von dem wir bald sprechen werden, gefasst und entworfen hatte, beobachtete er, um seiner Sache noch gewisser zu sein, gleich an dem nächsten Tag, wo sie ausging, alle ihre Schritte, ohne sie aus den Augen zu verlieren, bis er sie am Abend in ihre Einsiedelei zurückkehren sah. Als er sich den Ort gut gemerkt hatte, begab er sich an einen der schon erwähnten Orte, wo man ein gewisses warmes Getränk zu sich nahm, und wo man die ganze Nacht zubringen konnte, wenn man Lust hatte, besonders bei großer Hitze, wo man in diesem Land lieber auf Matten als in Betten schläft. Nachdem der Zauberer dem Wirt das wenige, was er sich da hatte geben lassen, bezahlt hatte, ging er um Mitternacht fort und geraden Weges nach der Einsiedelei der heiligen Fatime, - unter diesem Namen war sie nämlich in der ganzen Stadt bekannt. Er öffnete ohne Mühe die Tür, denn sie war mit einer bloßen Klinke versehen. Als er eingetreten war und die Tür ganz leise wieder zugemacht hatte, sah er Fatime bei hellem Mondschein an freier Luft schlafend auf einem Sofa, das mit einer schlechten Matte überdeckt war, und gegen ihre Zelle hingelehnt daliegen. Er näherte sich ihr, zog einen Dolch, den er an seiner Seite trug, und weckte sie. Als die arme Fatime die Augen aufschlug, erschrak sie nicht wenig darüber, einen Mann zu erblicken, der im Begriff war, sie zu erdolchen. Er setzte ihr den Dolch auf die Brust und sagte zu ihr: "Wenn du schreist oder nur das mindeste Geräusch machst, so bist du des Todes, aber stehe auf und tue, was ich dir sage." Fatime, welche angekleidet schlief, stand vor Schrecken zitternd auf. "Fürchte dich nicht," sagte der Zauberer zu ihr, "ich will bloß dein Kleid haben. Gib es mir her und nimm dir dafür das meinige." Sie vertauschten ihre Kleider, und nachdem sich der Zauberer das Kleid Fatimes angezogen, sagte er zu ihr: "Jetzt färbe mir mein Gesicht gleich dem deinigen, und zwar so, dass ich dir ähnlich sehe, und dass die Farbe nicht ausgeht." Da er sah, dass sie noch immer zitterte, so sagte er, um sie zu beruhigen und zu bewegen, das, was er verlangte, mit größerer Zuversicht zu tun: "Fürchte dich nicht, sage ich dir noch einmal: Ich schwöre dir bei dem Namen Gottes, dass ich dir das Leben lasse." Fatime ließ ihn in ihre Zelle eintreten, zündete ihre Lampe an, nahm einen Pinsel und einen gewissen Saft, den sie in einem Gefäß stehen hatte, rieb ihm damit das Gesicht ein und versicherte ihn, dass die Farbe nicht ausgehen, und dass sein Gesicht ganz wie das ihrige aussehen würde, ohne den mindesten Unterschied. Sodann setzte sie ihm ihre eigene Kopfbedeckung aufs Haupt, nebst einem Schleier, und zeigte ihm, wie er sich mit demselben auf dem Gang durch die Stadt das Gesicht verhüllen müsste. Endlich, nachdem sie ihm einen großen Rosenkranz, der ihr vorn bis auf den Gürtel herabhing, um den Hals geschlungen, gab sie ihm denselben Stab in die Hand, den sie gewöhnlich zu führen pflegte, heilt ihm zugleich eine Spiegel vor und sagte: "Da blickt einmal hinein, und ihr werdet sehen, dass ihr mir auf das vollkommenste ähnlich seid." Der Zauberer fand alles nach Wunsch, heilt aber der guten Fatime den Schwur nicht, den er ihr so feierlich geleistet hatte. Damit man nicht, wenn er sie erstäche, Blutspuren sehen möchte, so erwürgte er sie, und als er sah, dass sie ihren Geist aufgegeben, schleppte er ihre Leiche bei den Füßen zu dem Wasserbehälter der Einsiedelei, und warf sie da hinein. Der so als heilige Fatime verkleidete Zauberer brachte nach Vollführung dieser verruchten Mordtat den übrigen Teil der Nacht in der Einsiedelei zu. Den folgenden Tag früh um ein oder zwei Uhr, obwohl die heilige Frau an diesem Tag nicht auszugehen pflegte, unterließ er doch nicht das Ausgehen, in der Überzeugung, dass ihn niemand deshalb fragen würde, und im Fall ihn jemand fragen würde, wollte er schon darauf antworten. Da er bei seiner Ankunft sich vor allen Dingen nach Aladdins Palast erkundigt und ihn sich angesehen hatte, und da er dort seine Rolle zu spielen Willens war, so nahm er sogleich seinen Weg dahin. Sobald man die heilige Frau erblickte, - als wofür den Zauberer das Volk hielt - so ward sie sogleich von einer großen Menge Menschen umringt. Einige empfahlen sich ihrem Gebet, andere küssten ihr die Hand, andere, die bescheidener waren, küssten ihr bloß den Saum des Gewandes, und noch andere - sei es nun, dass die wirklich Kopfschmerzen hatten, oder dass sie sich bloß dagegen verwahren wollten - neigten sich vor ihr, damit sie ihnen die Hände auflegen möchte, welches er denn auch tat, indem er über sie einige Worte nach Art eines Gebetes murmelte. Kurz, er ahmte die heilige Frau so gut nach, dass alle Leute ihn dafür hielten. Nachdem er mehrere mal unterwegs stehen geblieben war, um den Leuten zu genügen, die von dieser Art Händeauflegen weder eine gute noch schlimme Wirkung empfanden, kam er endlich auf den Platz vor Aladdins Palast, wo es, da das Herbeiströmen der Menschen immer größer wurde, jedem noch mehr erschwert wurde, ihr nahe zu kommen. Die stärksten und eifrigsten drängten sich mit Gewalt durch den Haufen, darüber erhuben sich denn Klagen, die man bis in den Saal von vierundzwanzig Fenstern, worin die Prinzessin Badrulbudur war, hören konnte. Die Prinzessin fragte, was das für ein Lärm sei, und da es ihr niemand sagen konnte, befahl sie, dass jemand hingehen und ihr darüber Nachricht bringen solle. Eine ihrer Frauen sah, ohne den Saal zu verlassen, durch ein Gitterfenster, und meldete ihr sodann, der Lärm rühre von der Volksmenge her, welche die heilige Frau umringe, um sich durch ihr Händeauflegen vom Kopfweh heilen zu lassen. Die Prinzessin, welche schon sehr lange viel Gutes von der heiligen Frau hatte erzählen hören, sie aber noch nie gesehen hatte, war neugierig, sie zu sehen und zu sprechen. So wie sie etwas davon verlauten ließ, sagte das Oberhaupt der Verschnittenen, welches zugegen war, zu ihr. Wenn sie es wünsche, so wolle er sie mit Vergnügen heraufholen lassen, und sie dürfe bloß befehlen. Die Prinzessin genehmigte es, und sogleich fertigte er vier Verschnittene ab, mit dem Befehl, die angebliche Heilige heraufzuholen. Sobald man die Verschnittenen aus dem Palast heraustreten und nach dem Punkt, wo der verkleidete Zauberer stand, hingehen sah, so wich das Volk auseinander. Als jener sich nun frei und die vier auf sich zukommen sah, ging er ihnen umso freudiger entgegen, da er jetzt seine Betrügerei einen guten Gang nehmen sah. Einer von den Verschnittenen nahm das Wort und sagte: "Heilige Frau, die Prinzessin wünscht euch zu sprechen. Kommt und folgt uns." - "Die Prinzessin erzeigt mir viel Ehre," antwortete die angebliche Fatime, "ich bin bereit, ihr zu gehorchen." Mit diesen Worten folgte sie den Verschnittenen, die schon auf dem Rückweg nach dem Palast waren. Als der Zauberer, der unter dem Heiligenkleid ein teuflisches Herz verbarg, in den Saal von vierundzwanzig Fenstern eintrat und die Prinzessin bemerkte, begann er mit einem Gebet, welches eine lange Reihe von Wünschen für ihr Glück, ihr Wohlbefinden, und für die Erfüllung alles dessen, was sie irgend wünschen könnte, enthielt. Hierauf entfaltete er all seine betrügerische und heuchlerische Beredsamkeit, um sich unter dem Mantel der Frömmigkeit bei der Prinzessin einzuschmeicheln, was ihm umso leichter gelang, da die Prinzessin von Natur gutherzig und der Meinung war, alle Leute wären so gesinnt als sie, besonders alle diejenigen, welche er sich zur Pflicht machten, Gott in der Zurückgezogenheit zu dienen. |
|
© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle |
|