| Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info | |
|
Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 612. 613. 614. 615. 616. 617. 618. 619. 620. 621. 622. 623. 624. 625. 626. 627. 628. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
620. NachtWie groß war jedoch ihr Erstaunen, als sie mitten in der Nacht die Anker lichten befahl und die Warnung aussprach, bei Todesstrafe stillzuschweigen und im Hafen keinen Lärm zu erregen. So stach nun das Schiff ungehindert in See, worauf denn die unerschrockene Befehlshaberin die erschrockenen Frauen tröstete, ihnen ihre eignen Abenteuer erzählte und sie versicherte, dass sie, sobald sie nur wieder bei ihrem Geliebten wäre, wenn sie es wünschten, sicher wieder in ihre Heimat gelangen sollten. Ihr freundliches Benehmen gewann ihr nach und nach so sehr die Herzen ihrer Begleiterinnen, dass sie ihrer Sorgen vergaßen, mit ihrer Lage zufrieden waren und sich in kurzem so an ihre Gebieterin ketteten, dass sie diese, wenn es in ihrer Macht gestanden, nie verlassen hätten. Nach der Fahrt von einigen Wochen war es nötig, auf die erste Küste, die sich darbot, loszusteuern, um Mundvorrat und frisches Wasser einzunehmen. Als man nun Land erblickte, nahte man sich demselben, das Schiff ging vor Anker, und die Frau ging mit ihren Gefährtinnen ans Ufer. Hier wurden sie von Räubern umgeben, welche sie mit Gefangenschaft und ihrer lüsternen Begier bedrohten, worauf das heroische Fräulein, welches ihre Freundinnen bat, ihre Furcht zu verbergen, eine lächelnde Miene annahm und zu dem Anführer der Banditen sagte, Gewalt wäre ganz unnütz, denn sie und ihre Begleiterinnen wären bereit, ihre Liebe zu teilen, da sie sich über die Vorurteile ihre Geschlechts wegsetzten und sich dem Vergnügen geweiht hätten, welchem zuleibe sie von einer Küste zur andern segelten, und nun, so lange sie wünschten, bei ihnen bleiben wollten. Da diese Erklärung den sittenlosen Räubern ganz willkommen war, so legten sie ihre stolzen Blicke und ihre Waffen ab und brachten alle Arten von Vorrat im Überfluss herbei, um ihre Schönen zu bewirten, mit denen sie sich nun zu einem köstlichen Mahl niedersetzten, welches noch durch einen Vorrat von Wein, den das Fräulein in Booten aus ihrem Schiff bringen ließ, verherrlicht wurde. Freude und Fröhlichkeit herrschten, und die Räuber fingen an, nach Liebesgenuss ungeduldig zu werden, als der Duft des Weines, in welches das kluge Fräulein starke Opiate getan, plötzlich auf die Sinne der Lüsternen wirkte und sie alle betäubt niedersanken. Sie zog hierauf mit ihren Gefährtinnen die Säbel ihrer viehischen Bewunderer, und sie töteten sie alle bis auf den Anführer, dem sie Hände und Füße mit starken Stricken banden und, nachdem sie ihm seinen ganzen Bart abgeschnitten hatten, seinen Säbel um den Hals banden, damit er beim Erwachen und beim Anblick seiner erschlagenen Gesellen eine Qual ärger als die des Todes und ein schmerzliches Bedauern über das verlorene Glück empfinden solle. Die Frauen nahmen nun aus den Höhlen der Räuber den Reichtum des dort aufgehäuften Raubes, trugen ihn nebst einem Vorrat von Lebensmitteln und Wasser in ihre Boote, kehrten in ihr Schiff zurück, lichteten die Anker und segelten freudig und triumphierend von einer so gefährlichen Küste. Nach der Fahrt von einigen Wochen entdeckten sie wieder Land und einen geräumigen Hafen, den eine weitläufige und prächtige Stadt umgab. Das unternehmende Fräulein ging vor Anker, zog nebst ihren Gefährtinnen prächtige männliche Kleider an, und so fuhren sie, von reich gekleideten Matrosen gerudert, ans Ufer. Als sie gelandet waren, fanden sie alle Bewohner der Stadt in Trauer und wehmutsvoller Klage über ihren Sultan, der einige Tage zuvor gestorben war. Die Erscheinung eines von so glänzender Begleitung umgebenen Prinzen erregte großes Erstaunen, und man benachrichtigte sogleich den Wesir davon, der bis zur Erwählung eines neuen Monarchen, welche eben stattfinden sollte, die Regentschaft führte. Der Minister glaubte in dieser Ankunft ein Werk des Geschicks zu sehen, machte sogleich dem vermeintlichen Prinzen seine Aufwartung und lud ihn ein, bei der Wahl gegenwärtig zu sein, indem er ihm zugleich erzählte, dass, wenn in diesem Königreich ein Sultan ohne Nachkommenschaft stürbe, nach den Landesgesetzen die Wahl eines neuen Fürsten auf denjenigen unter der vor dem Palast versammelten Menge fiele, auf dessen Schultern sich ein Vogel setzte, dem man fliegen ließe. Der scheinbare Prinz nahm die Einladung an und wurde mit den verkleideten Frauen in einen prächtigen, von allen Seiten offenen Pavillon geführt, um die Feierlichkeit zu sehen. Als nun der Schicksalsvogel von seiner Kette losgelassen wurde, schwang er sich hoch in die Luft und flog dann, nach und nach herabschwebend, eine Weile auf dem Platz hin und her. Endlich flog er in den Pavillon, woselbst das Fräulein und ihre Gefährtinnen saßen, flatterte um ihren Kopf und setzte sich zuletzt auf ihre Schulter, indem er zugleich einen Freudenschrei ausstieß, seinen Hals ausstreckte und mit den Flügeln schlug. Sogleich verneigten sich der Wesir und die Hofleute bis auf den Boden, und die versammelte Menge warf sich zur Erde, laut ausrufend: "Lange lebe unser ruhmvoller Sultan, der von der Vorsehung und dem Geschick erwählte!" |
|
© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle |
|