Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Max Habicht
         1001 Nacht

            Vorgeschichte
            Der Esel, der Ochs
               und der Bauer
            Nächte

              ...
              620.
              621.
              622.
              623.
              624.
              625.
              626.
              627.
              628.
              629.
              630.
              631.
              632.
              633.
              634.
              635.
              636.
              ...
            Inhalt nach Titel
            Inhalt nach Nummer

628. Nacht

Die zwei Wesire landeten nun und begaben sich in den Palast; aber wie groß war das Erstaunen und der Verdruss Ibrahims, als er erfuhr, seine Tochter wäre entflohen, und niemand von ihren Umgebungen hätte trotz wiederholten Nachsuchungen in jedem Winkel der Insel seit ihrer Flucht irgend etwas von ihr erfahren. Da er unter der Dienerschaft des Palastes einen Fremden, blassen, hagern und schwermütig aussehenden jungen Mann erblickte, fragte er, wer er wäre, und erhielt zur Antwort: Ein junger Kaufmann aus Ispahan, der Schiffbruch gelitten und den man aus Menschenleibe aufgenommen hätte. Ibrahim bat nun den Wesir des Sultans Dara, zu seinem Herrn zurückzukehren und ihn von der Vergeblichkeit ihrer Nachsuchungen zu benachrichtigen, indem er ihn zugleich bat, den vermeintlichen Kaufmann in sein Gefolge aufzunehmen und ihn bis Ispahan, durch welche Stadt die Reise ging, mitzunehmen. Dies wurde bewilligt; die beiden Minister nahmen freundlich Abschied voneinander, und jeder zog seines Weges.

Dem Wesir des Sultans Dara gefiel das angenehme Wesen des vermeintlichen Kaufmanns so sehr, dass er sich sehr oft vertraulich mit ihm unterhielt. Diese Vertraulichkeit ermutigte den jungen Mann, ihn nach der Veranlassung einer so weiten Reise zu fragen. Der Wesir erzählte ihm nun von der Ankunft der schönen Wird-al-Ikmam an dem Hof des Sultans Dara, von der Teilnahme, welche sie diesem Fürsten eingeflösst, von dessen Wunsch, ihrem Missgeschick ein Ende zu machen, und von dem Zweck seiner fruchtlosen Sendung. Bei diesen Worten konnte Ins-al-Wudschud sich nicht länger zurückhalten. Er nannte sich dem Wesir, der ihn mit Zärtlichkeit umarmte und ihm zu diesem Zusammentreffen, das ihn zu seiner Geliebten führte, Glück wünschte. Er behandelte ihn von nun an mit der größten Aufmerksamkeit, versah ihn mit reichen Kleidern und erwies ihm alle Achtung, die einer Person zukam, an welcher sein Sultan so lebhaften Anteil nahm. Ins-al-Wudschud, der nun in seinem Gemüt beruhigt und voll freudiger Erwartung war, lebte und blühte wieder auf, so dass er bei seiner Ankunft in der Hauptstadt des Sultans Dara alle seine frühere Männlichkeit und Schönheit wieder hatte.

Als der Wesir dem Sultan Dara den glücklichen Erfolg seiner Reise mitgeteilt hatte, verlangte dieser den jungen Mann zu sehen, der nun vor dem Thron erschien und sich mit der sicheren Ehrfurcht eines geübten Hofmannes betrug. Der Sultan begrüßte ihn freundlich, ließ ihn nieder sitzen und sich dann von ihm seine Abenteuer erzählen. Er wob in seine beredte Erzählung poetische Anführungen und Stehgreifverse ein, welche den verschiedenen Zufällen und Lagen angemessen waren. der Sultan freute sich sehr über das Gehörte, schickte nach einem Kadi und nach Zeugen, um das Eheband zwischen dem glücklichen Ins-al-Wudschud und der schönen Wird-al-Ikmam zu knüpfen, und sandte zugleich einen Boten an den Sultan Schamich und seinen Wesir Ibrahim, die ihre vermeintlich unwiederbringlichen Verluste, der eine den seines Lieblings und der andere den seiner Tochter, beweinten. Sultan Dara behielt das glückliche Paar eine Zeitlang an seinem Hof und entließ sie sodann mit köstlichen Geschenken in ihr eigenes Land, welches sie sicher erreichten. Dort empfingen sie der Sultan und der reuige Wesir mit der herzlichsten Freude, und dieser letztere machte durch sein jetzigen Betragen seine frühere Härte und Strenge wieder gut. So genossen die Liebenden, durch die Gunst des Sultans und ihrer Familie beglückt, jeder Erdenfreude, bis der Todesengel sie in die Ewigkeit rief.

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de