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641. NachtAbenteuer eines Kadis und seiner FrauIn Bagdad lebte einst ein Kadi, der sein Amt auf die tadelloseste Weise verwaltete und durch das Beispiel seines Privatlebens seinen strengen Rechtssprüchen noch mehr Kraft gab. Nachdem er seinem ehrenvollen Posten mehrere Jahre hindurch vorgestanden hatte, wünschte er nach Mekka zu pilgern und begab sich, nachdem er die Erlaubnis des Kalifen erhaltne hatte, auf seine fromme Wanderschaft, seine schöne Frau unter der Obhut seines Bruders zurücklassend, der sie wie seine Tochter zu behandeln versprach. Kaum war jedoch der Kadi fort, als der Bruder, von Leidenschaft angetrieben und seinem Versprechen ungetreu, seiner Schwägerin unverschämte Zumutungen machte, die sie aber mit Verachtung abwies. Da sie jedoch nicht gern ihren Mann gegen einen so nahen Verwandten aufbringe wollte, so bemühte sie sich, ihren Schwager durch Vorstellungen von der Schändlichkeit seiner Absichten zu überzeugen. Aber diese Mühe war vergeblich. Der Abscheuliche wiederholte seine Zumutungen, statt sie zu bereuen, und drohte ihr endlich, sie des Ehebruchs anzuklagen und sie der ganzen Strenge der Gesetze zu überliefern, wenn sie ihn nicht erhören wollte. Da auch diese Drohung eine vergebliche war, so bestach er Zeugen, die aussagten und beschworen, sie hätten sie eine Untreue begehen sehen, worauf sie dann verdammt wurde, hundert Peitschenhiebe zu bekommen und sodann aus der Stadt verbannt zu werden. Als nun die unglückliche Frau ihre schmerzliche Bestrafung erlitten hatte, wurde sie von dem Scharfrichter unter dem Geschrei und Gespötte des Pöbels durch die Stadt und dann vor das Tor geführt, wo man sie ihrem ferneren Schicksal überließ. Sich der Vorsehung ergebend und ohne Murren gegen ihr Verhängnis beschloss sie, sich nach Mekka zu wenden in der Hoffnung, dort ihren Mann zu finden und sich bei ihm, dessen Meinung allein einen Wert für sie hatte, von ihrer Schmach zu reinigen. Nachdem sie einige Tage gewandert war, kam sie in eine Stadt und sah eine große Volksmenge dem Scharfrichter folgen, der einen jungen Mann an einem ihm um den Hals gebundenen Strick führte. Sie erkundigte sich nach dem Verbrechen des Sträflings und erfuhr, dass er hundert Dinare schuldig wäre, die er nicht bezahlen könnte, und deshalb die Strafe, welche die Landesgesetze über zahlungsunfähige Schuldner festgesetzt, erleiden und aufgehängt werden müsste. Von Mitleid bewegt, gab die Frau des Kadis das Geld her, obgleich es fast alles war, was sie besaß. Der junge Mann wurde in Freiheit gesetzt, fiel vor ihr auf die Knie und gelobte ihr, sein Leben ihrem Dienst zu weihen. Sie benachrichtigte ihn von ihrem Vorsatz, nach Mekka zu pilgern, worauf er sich denn erbot, sie zu beschützen, was sie mit Dank annahm. Sie reisten nun zusammen weiter, waren jedoch kaum einige Tage gewandert, als der junge Mann, seiner Verpflichtung uneingedenk und dem Antrieb seiner lasterhaften Leidenschaft folgend, seine Wohltäterin durch Anträge von der schlimmsten Art beleidigte. Die unglückliche Frau stellte ihm die Undankbarkeit und Nichtswürdigkeit seines Betragens vor, und der junge Mann schien überzeugt und reuig; aber sein Herz war voller Rachsucht. Nach einigen Tagen erreichten sie die Seeküste, der junge Mann gab, ein Schiff gewahrend, ein Zeichen, und man schickte ein Boot ans Ufer, welches den jungen Mann an Bord des Schiffes brachte, zu dessen Befehlshaber er nun sagte, er hätte ein schönes Frauenzimmer zu verkaufen, welches er ihm für tausend Dinare lassen wollte. Der Schiffsherr, gewohnt, an dieser Küste Sklavinnen zu kaufen, begab sich ans Ufer und bezahlte dem gottlosen jungen Mann das verlangte Geld, worauf dieser seines Weges ging und die junge Frau auf das Schiff gebracht wurde. Sie setzte voraus, ihr Reisegefährte hätte diese Gelegenheit ergriffen, um ihr die Beschwerlichkeit der Reise zu erleichtern, indem er ihr eine Überfahrt nach einem Seehafen in der Nähe von Mekka verschaffte; aber ihre Verfolgung sollte hier noch nicht enden. Am Abend wurde sie durch die rohen Zumutungen des Schiffspatrons beleidigt, der, über ihr Weigern erstaunt, sagte, dass er sie als seine Sklavin für tausend Dinare gekauft hätte. Die Unglückliche entgegnete ihm, sie wäre ein freies Weib; aber das machte auf den viehischen Seemann keinen Eindruck, und da er sah, dass er mit Zärtlichkeit nichts ausrichtete, so nahm er seine Zuflucht zu Gewalt und Schlägen, um sie seinen Begierden unterwürfig zu machen. Ihre Kraft war fast erschöpft, als das Schiff plötzlich auf Felsen stieß, der Patron auf das Verdeck eilte und das Schiff in wenigen Minuten scheiterte. Die tugendhafte Frau hatte unwillkürlich ein Brett umfasst, auf welchem sie mehrere Stunden von den Wellen hin und her, endlich aber an eine Küste geworfen wurde. |
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