| Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info | |
|
Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 634. 635. 636. 637. 638. 639. 640. 641. 642. 643. 644. 645. 646. 647. 648. 649. 650. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
642. NachtAls sie sich etwas erholt hatte, ging sie landeinwärts und fand eine freundliche Landschaft, mit Bächen und Fruchtbäumen, die ihren Durst und Hunger stillten, reichlich versehen. Am zweiten Tage gelangte sie in eine prächtige Stadt. Sie wurde wie alle Fremden vor den Sultan geführt, der sie fragte, wer sie wäre. Sie erzählte ihm, sie hätte ihr Leben der Frömmigkeit gewidmet und wäre auf der Wallfahrt nach Mekka begriffen, ihr Schiff hätte an der Küste seines Landes Schiffbruch erlitten, und sie wüsste nicht, ob sich außer ihr noch jemand gerettet hätte. Sie bat sodann den Sultan, ihr eine Wohnung anweisen zu lassen, wäre es auch eine noch so elende, wenn ihr nur seine Gnade dahin folgte, und sei verspräche ihm dafür, den Überrest ihrer Tage in Gebeten für sein Heil und das Heil seiner Untertanen hinzubringen. Der Sultan, der sehr fromm war und das Unglück der armen Frau innig bedauerte, erfüllte ihr Gesuch gern und freundlich und ließ ihr ein anmutiges Gartenhaus in der Nähe seines Palastes zu ihrem Wohnsitz anweisen, in welchem er sie oft besuchte, sich mit ihr über religiöse Gegenstände besprach und sich an diesen Gesprächen, da sie wirklich sehr fromm war, ungemein erbaute. Nicht lange nach ihrer Ankunft beten widerspenstige Untertanen, die seit mehreren Jahren die gewohnten Abgaben verweigert hatten, und gegen welche der Sultan, so sehr auch seine Einkünfte dadurch geschmälert wurden, keine Gewalt brauchen wollte, reumütig um Vergebung und versprachen für die Zukunft strenge Pflichterfüllung. Der Sultan schrieb dieses glückliche Ereignis den Gebeten der heiligen, von ihm aufgenommenen Frau zu und äußerte diese Meinung in vollem Diwan gegen seine Hofleute, die sie nun weiterverbreiteten. Da, wie das Sprichwort sagt, die Schafe immer dem Leithammel folgen, so war dies auch hier der Fall. Leute von allen Ständen erbaten sich Gebete und Ratschläge von der heiligen Frau, und zwar mit so gutem Erfolg, dass die Zahl der Bittenden sich täglich vergrößerte. Auch waren sie nicht undankbar, und die Heilige hatte in kurzer Zeit eine höchst beträchtliche Summe beisammen. Ihr Ruf erstreckte sich über die Grenzen des Reiches, in welchem sie lebte, und verbreitete sich nach und nach über alle von den wahren Gläubigen bewohnten Länder. Aus allen Reichen Asiens strömten diese in Menge herbei, sie um ihre Gebete anzuflehen. In ihrem sehr erweiterten Wohnsitz unterhielt sie eine große Anzahl verlassener Personen, auch speiste und tränkte sie viel armes Volk, welches zu ihr pilgerte. Doch es ist Zeit, dass wir zu ihrem frommen Gatten zurückkehren. Der gute Kadi hatte ein ganzen Jahr lang in Mekka seine Andacht verrichtet und alle heiligen Stellen in der Umgegend besucht, worauf er sodann nach Bagdad zurückkehrte. Aber wie groß war sein Kummer, als er die Untreue seiner Frau und die Abreise seines Bruders erfuhr, der, wie ihm gesagt wurde, die über seine Familie gekommene Schande nicht zu ertragen vermocht und, ohne seitdem etwas von sich hören zu lassen, die Stadt verlassen hätte. Diese traurigen Nachrichten machten einen solchen Eindruck auf ihn, dass er allen weltlichen Beschäftigungen und Sorgen entsagte und das Leben eines wandernden Religiösen annahm, der von Ort zu Ort und von Land zu Land wanderte, um alle wegen ihrer Heiligkeit bekannten Personen zu besuchen. Zwei Jahre hindurch hatte er mehrere Königreiche durchreist, als der Ruf seiner Frau zu seinen Ohren drang, ohne dass er jedoch ahnte, dass die, deren Namen mit Schande bedeckt war, jene viel gepriesene Heilige wäre. Er reiste also nach der Hauptstadt des Sultans, um durch ihre Gebete Trost zu erlangen. |
|
© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle |
|