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Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 643. 644. 645. 646. 647. 648. 649. 650. 651. 652. 653. 654. 655. 656. 657. 658. 659. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
651. NachtIch billigte ganz ihre Vorstellungen, und als mein Bruder sich mir nahte, um mich zu umarmen, empfand ich anstatt der Liebe einen unbezwinglichen Widerwillen; und wenn ich mich nicht vor meinen Eltern gefürchtet hätte, würde ich ihn weit von mir zurückgestoßen haben. Ich verfluchte innerlich diesen scheußlichen Gebrauch; aber was sollte ich machen, und wie sollte ich ihn mit dem unbeugsamen Gesetz des Propheten, in welchem ich leben und sterben wollte, in Übereinstimung bringen? Meine Eltern und mein Bruder beharrten fest auf ihrem Entschluss. Der verhängnisvolle Augenblick nahte, und ich ging oft zu meiner Amme, um mit ihr, die meinen Schmerz aufrichtig teilte, zu weinen. "Meine Mutter," sagte ich zu ihr, "warum hast Du mich ein Gesetz gelehrt, das sich unseren Gebräuchen widersetzt? Wenn ich es nicht kennte, würde ich nicht strafbar sein." "Meine Tochter," erwiderte sie mir, "höre auf, Dich zu betrüben. Ich will Dich ein gutes Mittel lehren, um der Verfolgung, welche Du erleidest, zu entgehen. Wenn der Groß-Chan Dir befehlen wird, Deinen Bruder zu heiraten, sollst Du ihm antworten: Ich kann Euer Majestät nicht eher gehorchen, als bis ich reiten gelernt habe. Dies ist eine unter den Frauen unseres Landes gebräuchliche Übung, und ich kann sie nicht mehr lernen, sobald ich verheiratet bin. Dies Begehren wird Deinem Vater nicht seltsam erscheinen, da die Reitkunst die einzigste Wissenschaft ist, in welcher man hier die Frauen unterrichtet. Wenn Dir diese Gnade gewährt ist, so beunruhige Dich nicht mehr und lass mich für das weitere sorgen." Einige Tage nachher gab der König ein großes Fest, zu welchem er alle Großen seines Hofes und sogar fremde Fürsten einlud. Mein Bruder saß zu seiner Rechten und Eure Magd zu seiner Linken. Als nun der Geist der Gäste vom Dunst des Weines erhitzt war und die süße Harmonie der Instrumente ihre Herzen erweicht hatte, gedachte mein Bruder meiner und richtete das Wort an meinen Vater. "Herr," sagte er zu ihm, "Ihr habt meiner Schwester befohlen, mich zum Gatten zu nehmen; aber sie stößt mich ungeachtet Eurer Befehle immer zurück: Befehlt Ihr doch, mich ohne weitere Zögerung heute Abend in ihr Bett aufzunehmen." Der Groß-Chan sah mich mit erzürntem Antlitz an und sagte mir, dass diese beständigen Weigerungen irgend einen heimlichen Handel vermuten ließen, dass ihm aber mein Kopf für meine Sittsamkeit bürgen sollte. "Mein Vater," erwiderte ich ihm, "Gott bewahre mich davor, dass ich mich Eurer hohen Willensmeinung widersetzen sollte. Ehe man mich jedoch mit meinem Bruder verbindet, wünschte ich reiten und die Waffen führen zu lernen; denn Ihr wisst, dass sich eine Frau nach ihrer Verheiratung mit diesen Übungen nicht ohne die größte Gefahr befassen kann." Der Groß-Chan bewilligte mir gern diese Bitte, und mein Bruder musste sich mit Geduld waffnen. Er tröstete sich, indem er mir selbst Unterricht gab, um meine Fortschritte zu befördern. Ich bewunderte seine Geduld und beklagte seine Liebe. Er war so gut, so sanft, so gefällig! Mit welcher Gewandtheit, mit welcher Anmut schoss er einen Pfeil! Mit welcher Gelenkigkeit tummelte er ein Pferd! Wie verstand er es, mir eine Geschicklichkeit beizubringen, die ich von Natur besaß! Ohne das Gesetz unseres Propheten hätte ich vielleicht seine Liebe geteilt. Ich schien immer sehr gewandt, und mir selber war ich es niemals genug. Endlich an einem schönen Sommertag, nachdem er mich mein Pferd lange hatte herumtummeln lassen, hob er mich mit Leichtigkeit aus dem Sattel, und ich fand mich auf dem Gras liegend. |
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