Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Max Habicht
         1001 Nacht

            Vorgeschichte
            Der Esel, der Ochs
               und der Bauer
            Nächte

              ...
              655.
              656.
              657.
              658.
              659.
              660.
              661.
              662.
              663.
              664.
              665.
              666.
              667.
              668.
              669.
              670.
              671.
              ...
            Inhalt nach Titel
            Inhalt nach Nummer

663. Nacht

Diese Zeile bestätigten dem Greis den Verdacht, den er schon über das Geschlecht meiner Schwester hegte,, welche er wie eine Abenteurerin betrachtete. Ihr begreift, dass diese Vermutung ihr eben nicht zum Vorteil bei ihm gereichte, und dass die vorgeschlagene Verbindung ihm gerade nicht sehr gefiel. Die Ausdrücke des Zettels erlaubten ihm jedoch keinen Zweifel über den Ausfall des Spiels. Sein Geiz flößte ihm die Mittel ein, durch welche er diese Verbindung verhindern könnte. Es kam nur darauf an, die vorgeschlagene Bedingung zu beseitigen. Ein geschickt benutztes Radiermesser machte ihn davon los, und nachdem die drei wichtigen Worte ausradiert waren, siegelte er das Papier wieder zu und legte es an den Ort, von welchem er es genommen hatte. Das Spiel, obgleich lange und wohl durchfochten, endete durch einen entscheidenden Zug, den meine Schwester auf gewisse Weise ihrem Gegner vorbereitet hatte, um ihm zu zeigen, dass sie absichtlich verlöre. Dieser griff eifrig nach dem Zettel, las ihn, lachte und sagte: "Euer Vermögen gehört mir. Was das Geschenk Eures Herzens betrifft, so hattet Ihr nicht nötig, diese Bedingung zu machen, da das meinige Euch schon lange gehört."

"So lest doch," erwiderte sie, "so lest doch mein Schreiben zu Ende."

"Aber ich kann ja doch nicht mehr lesen, als Ihr geschrieben habt."

Meine ungeduldige Schwester nahm ihm das Papier aus den Händen und war erstaunt, die wichtigsten Worte ausgelöscht zu sehen. Sie bemühte sich, ihre Unruhe zu verbergen. "Mein Gedächtnis," sagte sie, "wird meiner Unbesonnenheit zu Hilfe kommen. Nehmt diese Hand an. Sie gehört Euch ebenso wohl als meine Person."

"Mein Freund," sagte der junge Mann, "ich begnüge mich mit Eurem auf rechtliche Weise gewonnenen Vermögen. Aber ich habe nicht die Absicht, Euch zum Sklaven zu machen. Niemals werde ich Eure Freiheit antasten. Sie ist ein zu kostbares Gut, um im Spiel drangesetzt zu werden: Verkauft Euch an andere als an Eure Freunde."

"Wenn ich Euch zum Gatten nehme," sagte meine Schwester zu ihm, "so glaube ich mir keinen Herrn zu geben." Der junge Mann fand sich durch diesen Vorschlag schwer beleidigt, geriet in den heftigsten Zorn und zog seinen Kandschar. "Elender Fremdling," sagte er, "was macht Dich so frech, zu glauben, dass Männer von meinem Rang sich Deinen schändlichen Begierden hingeben könnten!"

Glücklicherweise hielt der Vater den Arm seines Sohnes zurück. Die arme Fremde hatte kaum Zeit, die Flucht zu ergreifen, und nachdem sie den besten Tisch in Kairo gehalten hatte, war sie nun dahin gekommen, betteln zu müssen.

Ich sah sie eines Tages ganz mit Lumpen bedeckt ankommen. Sie war genötigt, sich zu nennen, um erkannt zu werden. Ich warf mich an ihren Hals, indem ich einen Strom von Tränen vergoss, und gab ihr meine schönsten Kleider. Die Undankbare nahm meine Liebkosungen und meine Kleider mit Gleichgültigkeit an. Sie zitterte vor Wut, als sie erfuhr, dass ich unsern Vetter geheiratet hatte. Dieser bezeigte sich jedoch so freundschaftlich gegen sie, dass sie ihren Unwillen verbarg.

"Ihr seid," sagte er, "genug in der Welt herumgekommen, um die Gefahren der Reisen und die Unbeständigkeit des Glückes zu kennen. Bleibt bei uns. Ich übernehme es, Euch zu ersetzen, was Ihr verloren habt, und Euch einen Gatten auszusuchen, mit dem Ihr ruhige Tage verleben sollt. Wir wollen dann alle als eine Familie leben.

Aber das Glück, dessen ich genoss, war für meine Schwester eine grausame Qual. Wir waren nicht wenig verwundert, sie einige Zeit nach ihrer Ankunft neue Vorbereitungen machen und uns die Summe abfordern zu sehen, welche wir zu ihrer Mitgift bestimmt hatten, mit dem Versprechen, sie uns nach ihrer Heimkehr zurückzuzahlen.

"Wagt Ihr diese Heimkehr zu hoffen?", sagte mein Gatte zu ihr. "Die erste Reise hat Euch Euer Vermögen gekostet. Fürchtet, auf dieser zweiten um Eure Person und Euer Leben zu kommen."

Wir bekamen keine andere Antwort von ihr als die, dass sie ohne Geld reisen würde, weil ihr Talente ihr schon welches erwerben würden. Da wir verzweifelten, diese halsstarrige Frau zur Vernunft zu bringen, gaben wir ihr eine ziemlich beträchtliche Summe. Sie brachte zwei Jahre auf dieser Reise zu, und während dieser brachten uns unsere fruchtbaren Ländereien reichliche Ernten, und unsere Herden mehrten sich ansehnlich.

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de