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Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 683. 684. 685. 686. 687. 688. 689. 690. 691. 692. 693. 694. 695. 696. 697. 698. 699. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
691. NachtWir haben die Eltern dieses Unglücklichen lange in Trauer über die Abwesenheit ihres Sohnes und die Krankheit ihrer Nichte verlassen. Sie hatten keinen anderen Trost als die kleine Baumwollstaude, welche sie nicht versäumten jeden Morgen mit ihren Tränen zu befeuchten; ihr einziges Vergnügen war, das schöne Grün der Blätter dieser Staude zu betrachten und sorgfältig zu untersuchen, ob seine Samenkapsel noch immer hübsch rot wäre. Sie zersprang denselben Tag, als der Unglückliche umkam, und die Blätter des Strauchs verwelkten. Der Vater und die Mutter, die nach ihrer Gewohnheit sehr früh aufgestanden waren, um ihn zu begießen, gerieten in Verzweiflung, als sie ihn in diesem Zustand sahen; ihr Wehgeschrei erweckte das ganze Haus; und der Emir von Kufa, der aus Gefälligkeit bei ihnen geblieben, war nicht der letzte, ihnen beizuspringen. Er gereute ihn nun sehr, hierher gekommen zu sein, und besonders, dem jungen Mann einen so unseligen und für die Kranke jetzt so unnützen Rat gegeben zu haben. Indessen wollte man dieser das Unglück, welches ihren Gatten betroffen hatte, verbergen, und man machte ohne ihr Wissen alle Anstalten zu einem prächtigen Leichenbegängnis. Die Trauersängerinnen und Klageweiber, welche gewöhnlich die Leichen begleiten, übertrafen bei dieser Gelegenheit sich selbst; ihr durchdringendes Geschrei und ihre Klagegesänge hätten die Herzen der Unempfindlichsten gerührt. Die Armen, die herbeikamen, empfingen überflüssige Almosen, ohne dass man sich erkundigte, aus welchem Land sie her wären. Alle bedeutenden Personen von Damaskus wurden eingeladen und bildeten ein glänzendes Gefolge bei diesem Leichengepränge. Die Armen, welche weinend und sich die Haare ausraufend nachfolgten, boten ein weniger glänzendes, aber für das Andenken des Sohnes Ali Dschoharis viel rührenderes Schauspiel dar. Der Vater und die Mutter blieben dreißig Tage lang in der tiefsten Eingezogenheit und nahmen nicht mehr Nahrung zu sich, als nötig war, um nicht Hungers zu sterben. Unterdessen langweilte es den in dem Palast Salomons zurückgebliebenen Derwisch, seinen Gefährten zu erwarten; er machte also einige zauberische Verrichtungen, um zu erfahren, was aus ihm geworden wäre. Wie groß war seine Verzweiflung, als er das bejammernswürdige Ende seines Freundes vernahm! Weil er sich nicht mehr schmeicheln konnte, ihm nützlich zu sein, bat er den Geist, ihn nach Damaskus zu bringen. Dieser fasste ihn in seine Arme, und in einem Augenblick sahen sich beide an die Tore von Damaskus versetzt; hierauf verschwand der Geist, und der Derwisch trat in die Stadt. Sein erster Gang war nach der Mujé-Moschee, wo die Ulemas, die Kadis, die Fakire und alle durch ihre Frömmigkeit ausgezeichneten Personen sich im Gebet befanden; ihre Andacht und die auf ihrem Antlitz ausgedrückte Traurigkeit verkündigen genugsam, dass sie für jemand beteten, den sie innig betrauerten. Der Derwisch vernahm bald, dass man die Leichenfeier des Sohnes Ali Dschoharis beging, dessen Leichnam man gleichwohl nicht hatte. "Wie ist es möglich," rief der Derwisch aus, "dass man hier schon diese unglückliche Neuigkeit weiß? Ich wollte nicht zu ihnen gehen aus Furcht, sie ihnen unwillkürlich kundzutun. Ja, es gibt hier ein Geheimnis, welches ich nicht begreife: Ich muss versuchen, es zu erforschen. Ohne sich länger aufzuhalten, lief er nach dem Haus seines alten Wirtes. Ihre Wiedererkennung war, obwohl stumm, doch nicht minder rührend: Indem sie einander anblickten, entstürzte ein Tränenstrom ihren Augen; kaum hatten sie die Kraft, sich gegenseitig den Bart zu küssen. Zuletzt sank der unglückliche Vater seinem Freund ohnmächtig in die Arme. Dieser fragte nun, wie man jenen Unfall hier so bald hatte erfahren können. Ein Sklave erzählte ihm die Geschichte von der Baumwollenstaude, welche bei der Abreise des jungen Mannes gepflanzt worden, und es war kein Grund vorhanden, an der Wahrheit des Vorganges zu zweifeln. Mustapha ging in den Garten, um die verhängnisvolle Baumwollenstaude zu sehen, aber man hatte sie schon ausgerissen. Sogleich rief er den ihm dienstbaren Geist, welcher auf der Stelle erschien. "Du musst mir Mittel verschaffen," sprach er, "meinen Wirt zu trösten." "Mein Gebieter," antwortete ihm dieser, "ich möchte Euch gern dienen; Ihr kennt meinen Eifer und meine Zutätigkeit: Aber was ist mit einem gevierteilten Mann anzufangen? Ich will mich bemühen, die Stücke zu sammeln und sie Euch bringen, damit man ihm wirklich die Ehre des Leichenbegängnisses erweisen kann. Das ist alles, was ich für Euch zu tun vermag; wenigstens wird seine Seele des den wahren Muselmännern verheißenen Glückes genießen." |
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