Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Max Habicht
         1001 Nacht

            Vorgeschichte
            Der Esel, der Ochs
               und der Bauer
            Nächte

              ...
              704.
              705.
              706.
              707.
              708.
              709.
              710.
              711.
              712.
              713.
              714.
              715.
              716.
              717.
              718.
              719.
              720.
              ...
            Inhalt nach Titel
            Inhalt nach Nummer

712. Nacht

Als der Prinz Chansad dem König, seinem Vater, die seinem Rang gebührende Ehre erwiesen hatte, bestieg er den Thron, und nachdem er mit ebensoviel Wohlwollen und Leutseligkeit die Huldigungen der Großen und der Wesire empfangen, beschäftigte er sich mit den schwierigen Verrichtungen der Regierung und erwarb sich durch sein Betragen bald die Segnungen seiner Untertanen.

So regierte er in Frieden einige Zeit lang, als man eines Tages ihm meldete, dass ein Fremder an den Toren des Palastes stände und Einlass begehrte. Er befahl, ihn hereinzuführen.

Dieser Mensch hatte etwas Wildes an sich und ein zurückstoßendes Äußeres. Er näherte sich indessen dem König ohne irgend ein Zeichen der Furcht, und als er vor ihm stand, sprach er zu ihm:

"Herr, möge Gott Euer Majestät lange Jahre verleihen, und vor allen möge er verhüten, dass Ihr durch meine Bitte um die Hand Eurer Schwester Aischah, welche ich zu tun komme, nicht beleidigt werdet."

Die erste Bewegung des Sultans war, die Unverschämtheit des Fremden bestrafen zu lassen, der es gewagt hatte, also zu ihm zu sprechen, aber alsbald erinnerte er sich seines dem König, seinem Vater, gegebenen Versprechens, er war also genötigt, an sich zu halten, und ohne dem Fremdling eine bestimmte Antwort zu geben, befahl er zum großen Erstaunen der Hofleute, ihm im Palast eine Wohnung zu bereiten. Hierauf begab er sich nach den Zimmern der Königin, seiner Mutter, um sich mit ihr zu beraten, welchen Entschluss er fassen sollte.

Als der König Chansad der Königin mitgeteilt hatte, was eben vorgegangen war, wurde diese Fürstin innig betrübt, und beide überlegten, welche Mittel in solchem Unfall anzuwenden wären. Aber sie konnten keinen Ausweg finden, das geheiligte Versprechen zu umgehen, welches sie am Totenbett des letzten Sultans abgelegt hatten, und sie beschlossen damit, dass sie hin sandten und dem Fremdling ankündigen ließen, er möchte sich bereiten, die Hand der Prinzessin zu empfangen.

Das Erstaunen am Hof stieg aufs höchste, als man vernahm, dass die Prinzessin Aischah die Gemahlin eines armen Unbekannten werden sollte, und niemand konnte ein so seltsames Abenteuer begreifen.

Die Hochzeit wurde ohne Pracht in den inneren Zimmern des Palastes gefeiert und war vielmehr ein Gegenstand der Trauer als der Freude für die ganze Familie. Die Prinzessin vor allem, welche mit Ergebung dem Willen ihres Vaters gehorcht hatte, konnte sich nicht enthalten, bitterlich zu weinen, als ihr neuer Gemahl ihr andeutete, so wie er als solcher dazu berechtigt war, dass sie sich bereiten müsste, ihre Familie zu verlassen und ihm zu folgen. Um ihren Schmerz zu besänftigen, versprach er ihr nur, zu erlauben, dass sie ihre Verwandten, welche sie so ungern verließ, jedes Jahr zu besuchen und drei Wochen bei ihnen zubringen könnte.

Trotz dieses Versprechungen ihres Mannes war schon ein Jahr seit der Abreise der Prinzessin Aischah verflossen, und nichts kündigte noch ihre Heimkehr an. Die Besorgnisse ihrer Familie wurden immer lebhafter. Der Sultan sandte nun nach allen Seiten Leute aus, seine Schwester zu suchen, und verhieß demjenigen glänzende Belohnungen, der den Ort ihres Aufenthalts entdecken würde. Jedes Jahr erneuerte er seine Nachforschungen und Verheißungen. Alles war aber fruchtlos, er konnte durchaus keine Kunde von ihr erlangen.

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de