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Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 908. 909. 910. 911. 912. 913. 914. 915. 916. 917. 918. 919. 920. 921. 922. 923. 924. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
916. NachtGeschichte von dem Erzbetrüger 1)Ein großer Betrüger, der sich aber das Ansehen der größten Redlichkeit zu geben verstand, pflegte unter dem Schein des Handeltreibens in die Städte zu gehen, sich zu den vornehmsten Bewohnern zu gesellen, und durch das rechtlichste Benehmen sich alle Leute zu Freunden zu machen: Sodann aber durch irgend eine List jemanden zu betrügen, und hierauf in ein anderes Land zu entweichen. Einst trug es sich zu, dass er mit Waren in eine Stadt kam, und dort sehr bald mit den vornehmsten Kaufleuten eine Freundschaft schloss, die in Kurzem so weit ging, dass er fast immer bei ihnen, oder sie bei ihm waren. Dies hatte bereits eine lange Zeit gedauert, als er sich zur Abreise anschickte. Als sich diese Nachricht unter seinen Freunden verbreitete, so wurden diese darüber sehr betrübt. Eines Morgens wandte er sich an den Reichsten unter ihnen, setzte sich neben ihn, borgte sich etwas Geld, auf welches er ihm ein Pfand gab, und als er weggehen wollte, bat er ihn um die Auslieferung dessen, was er bei ihm niedergelegt habe. "Was hast du denn bei mir niedergelegt?", fragte der Kaufmann. - "Ach, Du weißt ja, ich meine den Beutel mit den tausend Goldstücken." Da sprach der Kaufmann: "Wenn hast Du mir ihn denn gegeben?" - "Bei Gott," erwiderte der andere, "war es nicht an dem und dem Tag? Bei dem und dem Kennzeichen wirst Du Dich gewiss noch daran erinnern." - "Davon weiß ich kein Wort," entgegnete der Kaufmann wiederum. Hiermit entspann sich zwischen ihnen ein lebhafter Wortwechsel, der so laut wurde, dass die Nachbarn alles hörten, was zwischen ihnen vorgefallen war. Der Betrüger wandte sich nun zu ihnen, und sagte: "Dieser ist mein Freund. Ihm habe ich etwas zu verwahren gegeben, was er mir nun ableugnet! Wem kann man nun trauen?" Die Leute sprachen: "Dieser Mann ist uns nur als sehr rechtschaffen bekannt. Wir haben nichts als Treue, Redlichkeit und Verstand bei ihm bemerkt. Er wird doch jetzt nicht unser Zutrauen täuschen." Andere wandten sich dagegen zum Kaufmann, und sagten: "Erinnere Dich doch, vielleicht hast Du es vergessen." Er indessen erwiderte: "Ich weiß nicht, was er sagt. Er hat mir nie etwas anvertraut." Der Betrüger sagte dagegen: "Ich bin eilig und im Begriff abzureisen. Ich habe, Gott sei Dank! Viel Vermögen, und dieses ist mir nicht verloren, aber er muss mir versprechen, es künftig zu bezahlen." Dies fanden die Leute sehr billig, und der Kaufmann kam fast in Gefahr, seinen guten Ruf zu verlieren. Einer seiner Freunde indessen, der sich für sehr klug und verständig hielt, näherte sich ihm heimlich, und versprach ihm, den Betrüger zu überlisten, denn er kenne ihn als einen Lügner. "Du sollst von dem Verdacht bald befreit werden," fügte er hinzu, "denn ich werde ihm sagen, dass er den Beutel bei mir niedergelegt habe, und dass Du es nicht gewusst hast." Der Kaufmann war damit sehr zufrieden, und sein Freund wandte sich zum Betrüger, und sprach: "Mein Herr, ich bin der und der. Ihr seid im Irrtum. Der Beutel ist bei mir, und mir habt ihr ihn anvertraut. Meinem Freund ist die Sache ganz fremd." Da erwiderte der Betrüger mit Ruhe und Höflichkeit: "Bei Gott, der Beutel, den Du bei Dir hast, Du edler und rechtschaffener Mann, ist in sicheren Händen. Ich bin deshalb ganz unbesorgt, denn er ist bei Dir so gut, wie bei mir aufgehoben. Ich habe nur mit dem Beutel angefangen, den ich bei diesem Mann eingelegt habe, weil ich wusste, dass er nichts weniger als habsüchtig ist." Diese Wendung machte den Mann so bestürzt, dass er nicht wusste, was er antworten sollte, und die Leute wurden dadurch so getäuscht, dass sie jeden der beiden zwangen, dem Betrüger tausend Goldstücke auszuzahlen, welcher somit zweitausend davon trug, und bald darauf abreiste. Der Kaufmann sagte nun zu seinem Freund, der sich für so klug hielt: "Die Geschichte, die sich mit uns zugetragen hat, gleicht ganz der Fabel von dem Falken und der Heuschrecke." - "Erzähle mir diese Fabel." Der Falke und die HeuschreckeWisse, hub er an, dass ein Falke und eine Heuschrecke ihre Nester nahe beieinander hatten. Die Heuschrecke sehnte sich nach der Freundschaft des Falken. Darum näherte sie sich ihm eines Tages, und sprach: "O Herr und Fürst der Vögel, ich bin ganz entzückt über Deine Nähe, und fühle mich veredelt durch Deine Nachbarschaft." Der Falke dankte ihr für diese Gesinnungen, und gestattete ihr, ihn öfter zu besuchen, woraus bald eine nähere Freundschaft entstand. Da sprach eines Tages die Heuschrecke zu ihm: "Wie kommt es doch, dass ich Dich stets so einsam und zurückgezogen sehe? Nie bemerke ich einen Freund von Deiner Art bei Dir, auf den Du in den Tagen der Trübsal bauen, und mit dem Du Dich bei Langeweile unterhalten könntest, denn das Sprichwort sagt: Der Mensch erhält seine Ruhe und seine Kraft nur durch einen Genossen, der, noch mehr als er selbst, das Bedürfnis der Freundschaft fühlt. Aus einem solchen Verhältnis bloß entsteht Freude, und auf einen solchen Freund bloß kann man in Trübsal bauen. Da ich nun selbst zu schwach bin, um für Dich das zu sein, was Du berechtigt bist, zu erwarten, und ich doch Dein Wohl wünsche, so überlasse es mir, dass ich Dir einen Vogel aussuche, der Dir an Gestalt und an Kraft gleichkommt." - "Das will ich Dir gern gestatten," erwiderte der Falke, "und ich werde mich hierin ganz auf Dich verlassen." Hierauf suchte die Heuschrecke unter einer Anzahl von Vögeln einen aus, der ihr an Gestalt und Wesen dem Falken gleich zu sein schien, und zwar den Geier. Sie schloss mit ihm Bekanntschaft, und wies ihn an den Falken, um mit diesem Freundschaft zu halten. Einst traf es sich, dass dieser krank wurde, während welcher Zeit der Geier den Falken pflegte, bis er wieder genas. Als aber nach kurzer Zeit ein Rückfall eintrat, und der Falke wieder Pflege bedurfte, brachte die Heuschrecke einen Adler mit, der sie beide auffraß. Dies geschah, weil die Heuschrecke keine Kenntnis von dem Wesen und Charakter der Tiere hatte. "Du aber, lieber Freund," fuhr der Kaufmann fort, "hast durch List mir zu helfen gesucht. Doch keine List hilft gegen das Geschick, und die Vorherbestimmung überwältigt alle Vorsichtsmaßregeln. - Wie schön und richtig ist daher, was der Dichter sagt: Oft entgeht der Blinde dem Graben, in welchen der stolze
Sehende hineinfällt. Doch diese Geschichte ist nichts gegen die von dem König und der Frau des Kammerherrn. |
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