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            Hoffmeister - Schillers Leben

            Vorwort
            Inhalt

            1. Teil
               1 Kapitel
               2. Kapitel
                  Schiller in lateinischer Schule
                  Schiller auf der Solitude
                  Bericht an den Herzog
               3. Kapitel
               4. Kapitel
               5. Kapitel
               6. Kapitel
               7. Kapitel
               8. Kapitel
               9. Kapitel
               10. Kapitel
            2. Teil
            3. Teil

Zweites Kapitel

Schiller in der lateinischen Schule zu Ludwigsburg

   Schillers Eltern lebten in Lorch in beengten Umständen, da der Hauptmann während dieser ganzen Zeit keinen Sold erhielt, sondern im Dienst seines Fürsten sein in den Feldzügen erspartes, kleines Vermögen einsetzte. Erst auf eine nachdrückliche Vorstellung an den Herzog wurde er in die Garnison von Ludwigsburg versetzt, wo er den rückständigen Sold nach und nach in Terminen ausbezahlt erhielt.

   Diese Übersiedelung fällt in das Jahr 17681). Da sich Schiller ganz im Sinn der Eltern für den geistlichen Stand bestimmt hatte, so wurde der neunjährige Fritz in Ludwigsburg sogleich auf die lateinische Schule geschickt, wo er außer dem Lateinischen auch, obgleich ziemlich spärlich, im Griechischen und Hebräischen unterrichtet wurde. Sein Lehrer wurde der Professor Johann Friedrich Jahn, der noch bis an das Ende des vorigen Jahrhunderts die Ludwigsburger Schule regiert. Er war ein fermer Lateiner, aber, nach Petersens Ausspruch, ein kalter, rauer, murrsinniger Polterer, wie es freilich die meisten Präceptoren jener Zeit sein mochten. In einem Gedicht vom Jahr 1775, Schilderung des menschlichen Lebens, scheint sich Schiller auf ihn zu beziehen:

„Trägt der Knabe seine ersten Hosen,
Steht schon ein Pedant im Hinterhalt,
Der ihn hudelt, ach! Und ihm der großen
Römer Weisheit auf den Rücken malt.“

Ovids Tristien, Virgils Aeneide und einige Oden des Horaz wurden übersetzt. Aber der Lehrer entwickelte diese Schriftsteller nicht, sondern gebrauchte sie nur als Fundgruben von Redeblumen, zierlichen Ausdrücken und Wendungen. Bei einem solchen stockphilologischen Unterricht konnten diese lateinischen Dichter unmöglich einen besonderen Eindruck auf ihn machen, und die in ihm schlummernden, seltenen Anlagen sich nicht glänzend zeigen. Doch war Schiller immer unter den Ersten seiner Abteilung und erhielt bei dem jährlichen Landesexamen, welchem er sich vorschriftsmäßig, um nachher als Theologie-Studierender in eine Klosterschule eintreten zu können, auf dem Gymnasium zu Stuttgart viermal unterwarf, jedes Mal als das günstigste Zeugnis ein doppeltes A2).

   Doch nur die Furcht vor dem Lehrer, vor dem Vater, dem er nur schwer zu genügen vermochte, hielt ihn zum Fleiß an. So oft er es konnte, suchte er, dem Schulzwang zu entrinnen, das Freie auf, und spielte mit seinen Kameraden. In diesen Spielen, bei denen es oft ziemlich wild herging, gab er meistens den Ton an. Er setzte sich bei jüngeren Gespielen in Furcht, imponierte den älteren und jüngeren und wagte sich sogar unverzagt an Erwachsene, wenn er sich von ihnen beleidigt glaubte. In seiner mutwilligen Laune neckte er gern, ohne jedoch seine natürliche Gutmütigkeit zu verleugnen. So hob sich sein Selbstgefühl nicht allein trotz der harten Schulzucht, sondern sogar durch sie. Als Schüler der obersten Abteilung wurde er einst von einem Lehrer unschuldiger Weise so gezüchtigt, dass noch nach mehreren Tagen blaue Flecken auf dem Rücken zu sehen waren. Allein er duldete diese Misshandlung und klage sie weder seiner Mutter, noch seinem Vater3). Aber Erwachsenen gegenüber erschien er noch lange als ein eingeschüchterter, ungewandter Knabe, der, wie Petersen sagt, wegen seines linkischen Wesens vom Vater und den Lehrern Püffe und Ohrfeigen in Menge bekam.

   Auf der lateinischen Schule zu Ludwigsburg mussten die Zöglinge Glückwünsche zum Neujahr schreiben. Schiller brachte seinen lateinischen, prosaischen Glückwunsch für das neue Jahr 1769 zugleich in deutsche Verse und dieses ist sein erstes Gedicht, welches sich noch erhalten hat4). Es ist ganz im frommen Stil eines Kirchenliedes. Dass er fleißig geübt wurde, lateinische Verse zu machen, konnte als Vorübung zum Dichten in der Muttersprache angesehen werden. Sein Lehrer Jahn war ein gewandter Versifikator.

   Erst gegen das elfte Lebensjahr trat allmählich, von gewissen Seiten, das Ungewöhnliche seiner Natur hervor. Schon in diesem Alter verlor er den Geschmack an den herrschenden Knabenspielen, am Ballspiel, Springen, an Possen und Torheiten. In den Freistunden schlenderte er mit einem ausgewählten Freund in Ludwigsburgs reizenden Baumpflanzungen oder in den schönen nahe liegenden Gegenden umher. Kindisch-chimärische Pläne für das zukünftige Leben, Klagen über das harte Schicksal, Gespräche über die tief umnachtete Zukunft waren dann seine gewöhnliche, liebste Unterhaltung. Den leidigen Schulzwang, dessen er sich früher durch tolles Knabenspiel entledigt hatte, überflog er jetzt mit den Fittichen des Gedankens. Unter peinlicher Einschränkung erwachte die tragische Stimmung, der Beruf seines Lebens.

   Diese freien Phantasiespiele zeigten sich bei einer Veranlassung, an welche der Dichter selbst seinen ehemaligen Schulkameraden, den Hofmedikus Elwert in Cannstadt, nach mehr als zwanzig Jahren mit der lebendigsten Erzählung aller Umstände wieder erinnerte. Er hatte mit diesem als Sekundaner den Katechismus in der Kirche aufzusagen. Ihr Religionslehrer, wie Petersen sagt, ein beschränkter, bösartiger Frömmling, drohte ihnen, sie durch und durch zu peitschen, wenn sie auch nur ein Wörtchen fehlen sollten. Die Knaben fingen nach ergangener Frage mit zitternder Beklemmung an, brachten jedoch ihre Aufgabe ohne Anstoß zu Ende. Dafür erhielt jeder eine Belohnung von zwei Kreuzern. Sie beschlossen dafür auf dem Hartenecker Schlösschen saure Milch zu essen. Allein diese war hier nicht zu haben, und der Preis von Käse und Brot ging über ihre Barschaft. Mit leerem Magen wanderten sie daher nach Neckarweihingen, wo sie endlich für drei Kreuzer eine Milch erhielten, in einer reinlichen Schüssel und sogar mit silbernen Löffeln, und sich für den noch übrigen Kreuzer Johannistrauben kauften. Über dieses köstliche Mahl geriet Schiller in eine poetische Begeisterung. Als die Knaben das Dorf verlassen hatten, stieg er auf den Hügel, von welchem man Harteneck und Neckarweihingen überschauen kann und sprach in einer gereimten pathetischen Ergießung über den Ort, der sie hungrig entlassen, seinen Fluch, über den anderen, der ihnen Labung gegeben, seien Segen. Billigt, sagt Petersen, sollte diese Anhöhe Schillershügel heißen.

   Da Schiller die christliche Lehre unter einer solchen Form beigebracht wurde, konnte sie in Gemüt und Gesinnung keine Wurzel schlagen. Frau von Wolzogen sagt, es scheine ihr, als sei er mit harten Dogmen in frühestem Jugendunterricht gequält worden. Schwab versichter5): Der Superintendent Zilling in Ludwigsburg, der Religionslehrer seiner Knabenjahre, ist noch jetzt im Mund des Volks als ein „lutherischer Pfaffe“ verschrien. Ein und dieselbe Sache wurde ihm durch häusliche Einflüsse wert und durch den Unterricht widerwärtig. Doch jene überwogen und er blieb seiner Neigung zum geistlichen Stand treu.

   Als neunjähriger Knabe sah er zum ersten Mal in Ludwigsburg das Theater. Ungeachtet nur pomphafte Opern und Ballette gegeben wurden, machte die Bühne doch Eindruck auf ihn. Er vergnügte sich geraume Zeit, mit ausgeschnittenen Papierdocken dramatische Szenen darzustellen und soll auch, wie Ariost in seiner Kindheit, mit seinen Schwestern kleine Schauspiele aufgeführt haben.

Ü   Þ


1) Nach Schillers eigenhändigem Notizbuch „in den Dezember des Jahres 1766“. ­
2) Siehe meine größere Biographie Th. I. S. 15.
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3) So Petersen nach Reinwald im N. Literar. Anzeiger. 1807. Nr. 49, S. 780 f.
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4) Siehe meine Nachlese zu Schillers Werken bei Cotta Bd. 1, S. 5.
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5) Über den Kultus des Genius S. 122.
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