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Homepage Literatur Schiller, Friedrich Biografien Hoffmeister - Schillers Leben Vorwort Inhalt 1. Teil 1 Kapitel 2. Kapitel 3. Kapitel Aufenthalt Karlsakademie 4. Kapitel 5. Kapitel 6. Kapitel 7. Kapitel 8. Kapitel 9. Kapitel 10. Kapitel 2. Teil 3. Teil |
Drittes KapitelAufenthalt in der Karlsakademie in StuttgartDer Professor Abel, in der oben erwähnten handschriftlichen Mitteilung über Schiller, bemerkt, dass die ganze Lehrlaufbahn in der Karlsakademie in drei Kursus eingeteilt gewesen sei, einen philologischen, einen philosophischen und einen Berufskursus. Mit philosophischen Wissenschaften hatte sich Schiller auf der Solitude nur oberflächlich beschäftigen können, weil er schon vom zweiten Jahr an Jurisprudenz trieb und im ersten noch Schulddisziplinen fortsetzte. Deswegen machte er nun erst im ersten Jahr seines Aufenthalts in Stuttgart, 1776, vor seinem Studium der Medizin, den philosophischen Kursus durch. Letzteres begann er erst 1777, und setzte es bis zu seinem Austritt aus der Karlsschule am Ende 1780, also vier Jahre, fort1). Schiller hörte bei dem Professor Schwab (dem bekannten Gegner Kants und Reinholds und Verfasser mehrerer Preisschriften, dem Vater des wackern Dichters und Literarhistorikers G. Schwab) Logik, Metaphysik und Geschichte der Philosophie; bei dem Professor Abel („nachmaligem Prälaten von Abel, einem edlen, liebreichen Mann, dessen Andenken im Herzen vieler Schüler lebt, die binnen fünfundsechzig Jahren in Stuttgart, Tübingen und im Kloster Schöntal zu seinen Füßen saßen“) Psychologie, Ästhetik, Geschichte der Menschheit und Moral. Ein neuer Geist mächtige sich Schillers, seit er Philosophie trieb. „Alle diese Wissenschaften“, erzählt sein letztgenannter, geliebter Lehrer, „interessierten ihn, denn er hörte nicht nur mit Aufmerksamkeit zu, und las nicht nur die besten Schriften in allen diesen Fächern, die er erhalten konnte, sondern er unterredete sich auch über dieselben, so oft er nur konnte. Es geschah häufig, dass einzelne Zöglinge der Akademie ihren Lehrer an dem Akademietor, bis wohin ihnen zu gehen gestattet war, erwarteten, ihn dann in den Saal, in dem er die Vorlesung hielt, begleiteten, und ebenso nach vollendeter Vorlesung wieder mit ihm bis an jene Stelle gingen. Während dieser Zeit wurde dann bald über die Gegenstände die Vorlesungen, bald über andere, besonders politische Gegenstände oder auch über Privatangelegenheiten einzelner, über welche sie ihren Lehrer als Freund zu Rate zogen, gesprochen. Manchmal wurde ein, vor Anfang der Vorlesungen angefangener Diskurs, besonders wenn er einen wissenschaftlichen oder politischen Gegenstand hatte, auch noch im Vorlesungssaal fortgesetzt und daher die Vorlesung öfters, nicht zum Nachteil der Zöglinge, später angefangen. Solche Gelegenheiten benutzte Schiller emsig, besonders unterhielt er sich mit großer Teilnahme über Menschenkenntnis, ein Studium, das er auch nachher, als er schon in den dritten Kursus, in dem das Berufsfach gelehrt wurde, folglich zur Medizin übergangen war, eifrig fortsetzte. Vorzüglich bemühte er sich, die psychologischen und medizinischen Kenntnisse zu einem Zweck zu verbinden, so wie die eine Art durch die andere zu erweitern und zu erhöhen. Sogar hörte er nach Vollendung des medizinischen Studiums die psychologischen Vorlesungen zum zweiten Mal. Auch hatte seine erste Disputation einen psychologischen Gegenstand. Noch erfreulicher für jeden, den Schiller interessierte, war die Bemerkung, dass die Moral vorzügliche Wichtigkeit für ihn hatte. Fergusons Moralphilosophie war es, die ihn am meisten anzog. Ich kenne einen Mann von ausgezeichnetem Charakter, einst Mitschüler und durch das ganze Leben innigen Freund Schillers, der überzeugt ist, dass er die Bildung seines Charakters vorzüglich dem häufigen Lesen Fergusions schuldig sei. Des trefflichen Garve Erläuterungen Fergusons wusste er beinahe auswendig und auch die anderen Schriftsteller, die er vermutlich besonders durch Abel erheilt, Mendelssohn, Sulzer, Lessing brachten den Feuerkopf allmählich zur Klarheit und Besonnenheit. Durch diese Unterweisung und Lektüre wurde sein Denkvermögen auf philosophische Interessen gezogen, die auch von allen wissenschaftlichen den poetischen und sittlich-religiösen, von denen er durchdrungen war, am meisten verwandt sind, und sein philosophisches Talent musste viel früher reifen, als in der Abgeschlossenheit und in dem Widersterben gegen äußeren Druck selbst seine dichterischen Anlagen. Seine ersten wissenschaftlichen Aufsätze sind weit vollendeter, als seine ersten Gedichte. So kam es denn, dass diese früh gewonnene, wissenschaftliche Ausbildung, welche schon vor der Reife des Dichtergeistes selbstständig geworden war, sich diesem letzteren bei Schiller zeitlebens nicht als dienendes Mittel unterordnete, und dass Poesie und Philosophie bei ihm in einem gewissen sich nur allmählich ausgleichenden Konflikt standen, welcher sowohl sein Dichten als auch sein denken durchaus eigentümlich färbte und gestaltete. Ihr wünscht den großen Dichter in Schiller kennen zu lernen? Wohlan, er ist nur in seinem Wechselbund mit dem großen Denker zu erfassen. Doch konnte die Wissenschaft Schiller der Poesie nicht mehr entziehen. Sie, welche sein innerster Beruf war und zugleich durch religiös-humane Stimmungen des Herzens, wie durch den heroischen Drang der Seele, genährt wurde, war in seinem Seelenleben durch Lektüre und eigene Versuche bereits eine unbesiegbare Macht geworden. sie wuchs aber zu einem alles überflutenden Strom an, als Schiller (wohl Ende 1775 oder im Anfang des folgenden Jahres) Shakespeare kennen lernte. Diese Bekanntschaft kann uns nur ihr eigener Urheber, Abel, erzählen. „Noch erinnere ich mich mit Vergnügen einer Szene“, sagt derselbe, „deren auch schon im Morgenblatt und in einer kurzen Lebensgeschichte Schillers Erwähnung geschehen ist. Ich war gewohnt, bei Erklärung psychologischer Begriffe Stellen aus Dichtern vorzulesen, um das Vorgetragene anschaulicher und interessanter zu machen. Dieses tat ich insbesondere auch, als ich den Kampf der Pflicht mit der Leidenschaft, oder einer Leidenschaft mit einer andern erklärte, welchen anschaulicher zu machen ich einige der schönsten hierher passenden Stellen aus Shakespeares Othello, nach der Wielandschen Übersetzung vorlas. Schiller war ganz Ohr, alle Züge seines Gesichts drückten die Gefühle aus, von denen er durchdrungen war; er richtete sich auf, und horchte wie bezaubert. Kaum war die Vorlesung vollendet, so begehrte er das Buch von mir, und von nun an las und studierte er dasselbe mit ununterbrochenem Eifer. Goethe schildert in Meisters Lehrjahren den Einfluss, den das Lesen Shakespeares auf Meisters Bildung äußerte. Gewiss war der Einfluss dieses unbegreiflichen Genies noch größer auf einen Jüngling, der mit dem Geist des Engländers ungleich mehr Verwandtschaft hatte. Shakespeare verdrängte schnell auf eine geraume Zeit hin alle anderen Dichter aus Schillers Geist. Das Studium desselben war lange seine alleinige Beschäftigung, Erreichung dieses Vorbildes ganze Jahre hindurch sein einziges Sinnen und Trachten. Sein Freund von Hoven schenkte ihm in späteren Jahren (als sich Schiller 1793 in Ludwigsburg aufhielt) die Wielandsche Übersetzung2), und er sagte dankend, er könnte sein Lieblingsgericht abtreten, um in den Besitz dieser köstlichen Bände zu kommen. Er fühlte sich zwar, wie er später sagt, bei dieser ersten Bekanntschaft empört durch Shakespeares Kälte und Unempfindlichkeit, die ihm erlaube, im höchsten Pathos zu scherzen. Doch dieser ungeheure Abstand von der eigenen sittlich sentimentalen Gemütsstimmung riss ihn nur umso mächtiger hin, und nach jahrelangem Studium hatte er auch das Individuum des englischen Dichters lieb gewonnen und war fähig, die Natur aus der ersten Hand zu verstehen. Die poetische Verbrüderung, von welcher oben geredet wurde, wollte nicht nur genießen, sondern auch selbst produzieren. Jeder wählte sich ein Stoff von einer anderen Gattung, Schiller natürlich eine Tragödie. Er war Anfangs um einen tauglichen dramatischen Stoff so verlegen, dass er, um mit seinen eigenen Worten zu reden, um einen solchen seinen letzten Rock und sein letztes Hemd mit Freuden würde hingegeben haben. Da las er in der Zeitung von der Selbstentleibung eines Studierenden und es wurde nun der Student von Nassau begonnen, aber nicht ausgeführt. Bald geriet er auf eine andere Geschichte, auf Kosmus von Medici, welche eine auffallende Ähnlichkeit mit Julius von Tarent, von Leisewitz, hatte, und woran er lange mit angestrengtesten Kräften arbeitete. Später verwarf und vernichtete er das Ganze und nur einzelne Züge, Gedanken und Situationen nahm er in die Räuber auf. Gleichzeitig sprach sich sein poetischer Trieb in lyrischen Versuchen aus, von denen Petersen sagt, sie seien benahe noch unvollkommener, als seine dramatischen. In dem Gedicht: Schilderung des menschlichen Lebens3), dem zweiten, welches sich erhalten hat, blickt schon die trübe Lebensansicht eines zerrissenen Gemüts durch. Die zweite Strophe heißt:
Ein folgendes Gedicht, der Abend4), erschien im Sommer 1776 im schwäbischen Magazin, dessen Herausgeber, Balthasar Haug, Professor an der Karlsschule, es mit den Worten begleitete, der Verfasser, ein sechzehnjähriger Jüngling, scheine schon gute Muster gelesen zu haben, und mit der Zeit os magna sonaturum zu bekommen – ein erstes öffentliches Lob, welches auf den jungen Schiller einen weit stärkeren Eindruck machte, als man hätte erwarten sollen, da es aus dem Mund eines höchst unbefugten Kunstrichters kam. Der Abend enthält viele Erinnerungen aus Uz, Klopstock und den Psalmen. Folgende Zeilen aber zeigen, worauf damals Schillers ganzes Sehnen und Streben ging. Er spricht vom Gefühl für die Reize der Natur und bricht dann in die Worte aus:
Auch der nächste Versuch vom folgenden Jahr, der Eroberer5), zeigt, dass damals Schiller, wie er selbst sagte, noch ein Sklave Klopstocks war. Es ist ein rohes Verwünschungslied voll Feuer, aber auch voll Schwulst, dessen Sujet entlehnt und verkünstelt ist. Was ging ihn in seinem Gefängnis – der Eroberer an? Dagegen sind zwei Hofgedichte, Empfindungen der Dankbarkeit beim Namensfeste der Reichsgräfin von Hohenheim, die ich zuerst in meiner Nachlese bekannt machte6), wie es sich erwarten lässt, von besserer Form, aber von schwächerem Inhalt. „Der ungestüme Vulkan, der rohe, unförmliche Schlacken auswarf“, um mit Scharffenstein zu reden, verstand es doch also zugleich, in eleganter, zarter Weise Empfindungen auszusprechen. Übrigens spielt die Freundin des Herzogs, die liebreiche Franziska, in der Jugendgeschichte des Dichters eine große Rolle. Petersen sagt bei Anführung obiger Erstlingsversuche: Schillers Dichtkunst sei nur dadurch zur Dichtungskraft geworden, dass er sein ganzes Nachsinnen in den Kern seiner Fähigkeiten auf die Poesie unverrückt gerichtet habe. Die Meisterwerke, die ein glücklicher Zufall ihm in die Hände gab, habe er vielleicht zwölf-, ja zwanzigmal gelesen. Man solle nicht wähnen, dass Schillers frühere Dichtungen leichte Ergießungen einer immer reichen, immer strömenden Einbildungskraft oder gleichsam Einlispelungen einer Kunstgöttin gewesen seien. Keineswegs! Erst nach Anlegung eines Schatzes von erhaltenen Eindrücken, erworbenen Vorstellungen, gemachten Beobachtungen; nach vielen angestellten Bilderjagden und den mannigfaltigsten Befruchtungen seiner Phantasie und seines Geistes; nach vielen misslungenen und vernichteten Versuchen, nach Anstrengungen, die nicht selten einem wahren Pressen und Herauspumpen glichen, habe er sich im Jahre 1777 mit viel verkündender Kraft so weit erhoben, dass scharfsichtige Prüfer aus einzelnen kleinen Äußerungen den künftigen großen Dichter prophezeien konnten. – Das Dichten war ihm auch später nicht ein leichtes Spiel, sondern eine anstrengende Arbeit. Er hatte ja aus der Tiefe einen schweren Gehalt zu Tage zu fördern, und dichtete im Kampf mit missgünstigen äußeren Verhältnissen, mit seiner Kränklichkeit, mit einer der Poesie feindlichen Geisteskraft, der Reflexion. Nach der Schilderung Abels war die Organisation der Karlsschule der wissenschaftlichen und sittlichen Bildung der Zöglinge bei weitem so ungünstig nicht, als man es bisher gewöhnlich gemeint hat. Wie hätten auch sonst große Künstler, Gelehrte, Krieger, Geschäftsmänner, ja einige der ersten Köpfe Europas – außer Schiller, Cuvier und Kielmeyer aus ihr hervorgehen können? Unter den Augen des begeisterten Fürsten, welcher alles selbst beaufsichtigte, dem Unterricht tagtäglich beiwohnte, sich mit den Zöglingen häufig unterhielt, bei Festlichkeiten ihnen Gelegenheit gab, ihr Talent zu zeigen – musste wohl etwas geleistet werden. Wie die Schüler ihren Lehrern bis an das Akademietor entgegen gingen (Heute klingt uns das wie ein Wunder!), haben wir schon oben von Abel gehört und wir vernehmen gern sein ferneres Zeugnis über die Bildungsanstalt Schillers, die wir bisher nur von der Schattenseite kannten. „Offenbar wirkte auf Schillers Charakter das Studium der Wissenschaften, so wie das Lesen besserer Schriften sehr wohltätig. Außerdem war der Einfluss seiner Mitschüler und Vorgesetzten, besonders einiger Lehrer bedeutend. Schon die Entfernung von anderen Menschen und öfters auch der Druck der militärischen Disziplin bewirkte, dass ich die Herzen der Zöglinge mehr aneinander anschlossen. Alsdann war es eine sehr gute Idee des Herzogs Karl, dass er das Lehramt von der Aufsicht trennte. Dieses hatte die Folge, dass die Zöglinge selten in den Fall kamen, die Lehrer gegen sich aufzubringen. Vielmehr wurde ihre Zuneigung zu den Lehrern umso größer, je mehr sie von ihren militärischen Vorgesetzten gedrückt zu werden glaubten. Auf der Solitude, wo die Zöglinge, außer ihren Vorgesetzten und Lehrern, beinahe gar niemanden sahen, musste diese Verbindung noch inniger werden. Endlich ward sie auch dadurch befördert, dass der größere Teil der Lehrer mit den ältesten der Zöglinge fast von gleichem Alter war. Aus allen diesen Gründen sah man in der Akademie, was man nicht leicht auf irgendeiner Universität findet: Lehrer und Lernende lebten zum Teil in der innigsten, herzlichsten Freundschaft, die auch nachher durch das ganze Leben fortdauerte. Der Schüler teilte dem Lehrer seine wichtigsten Geheimnisse mit, und fragte ihn in Gegenständen um Rat, die gewöhnlich vor niemandem mehr, als vor Lehrern und Vorgesetzten verborgen gehalten werden. Besonders auffallend war mir eine Folge der oben genannten Verhältnisse. Statt dass in ähnlichen Instituten jeder von allen Mitschülern als ein Verräter angesehen wird, der einen Vorgesetzten von einem Fehler oder von dem strafbaren verhaltne eines Mitschülers Nachricht gibt, gaben hier gerade einige der vorzüglichsten Zöglinge ihre strafbar handelnden Kameraden und zwar mit wissen der letzteren, bei einigen Lehrern an, oder drohten ihnen damit, ohne sich dadurch nur im geringsten einer Verachtung auszusetzen. Doch mussten freilich, sowohl die Zöglinge, die dieses zu tun sich erkühnten, als die Lehrer, denen man solche Eröffnungen machte, in entschieden gutem Kredit stehen, so dass man sicher sein konnte, die Handlungsweise beider habe keinen anderen Grund, als den Eifer für das Gute.“ „Schon früh entstand sogar eine Art geheimer Verbindung zwischen einigen wenigen Lehrern und mehreren der besseren Zöglinge, die keinen andern Zweck hatte, als die Bildung der Zöglinge, teils durch die auf diese Weise verstärkte Einwirkung der Lehrer auf ihre jungen Freunde, teils den wohltätigen, unter Leitung jener Lehrer stehenden Einfluss der Zöglinge untereinander zu befördern. Da solche Jünglinge in bedeutendem Ansehen bei ihren Mitschülern, besonders den jungen, standen, so bemühten sich die letzteren, mit den ersteren in Verbindung zu treten, und da die Bedingung Fleiß und Bildung des sittlichen Charakters war, so war dadurch den Besseren der Weg eröffnet, auf andere, besonders die Jüngeren, höchst wohltätig einzuwirken. Diese Verbindung war bald mehr bald minder ausgebildet und wirksam, aber ganz hat sie, wenigstens so lange ich noch Glied der Akademie war, und als solches Kenntnis davon haben konnte, nicht aufgehört.“ „In einer Anstalt, in welcher neben manchem, was die moralische Bildung beförderte, auch vieles statt fand, was sie hinderte, waren solche Mittel sehr nötig, und noch erinnere ich mich mancher, die durch Hilfe derselben, besonders durch ältere Zöglinge, vom Verderben gerettet oder zu höherer Bildung erhoben wurden. Auch Schiller hatte an allem diesen Anteil und lebte mit einigen, obwohl wenigen Lehrern in inniger Freundschaft; er war Vertrauter vieler vortrefflichen Jünglinge, und besonders auch Glied jener engen Verbindung und durch dieses ward seine Moralität nicht wenig befördert. Er verließ die Akademie als ein junger Mann, der nichts Höheres kennt, als Moralität; nur mangelte ihm allerdings noch jene Stärke, durch die man allein fähig wird, auch die heftigsten Leidenschaften, sobald ihre Befriedigung gegen Pflicht und Klugheit anstößt, zu besiegen.“ Diese Schilderung Abels, des „engelgleichen Mannes“, macht das besonders begreiflich, wie Liebe und Freundschaft, und alle anderen Knospen des Gemüts, die Schiller vom Mutterhaus und von Lorch her mitbrachte, in dem rauen Klima der Karlsschule nicht allein nicht erstarben, sondern reicher empor blühten und tiefere Wurzeln schlugen. Je rauer die Behandlung der Aufseher, desto liebreicher war die der Lehrer und aus dem langen Zusammenleben der Zöglinge erwuchsen die festesten Freundschaften. Hätte sich in dem veränderlichen, lärmenden Treiben des die Jugend verflachenden Welttreibens eine gleiche Treue, Innigkeit, Wärme in ihm entwickeln können? – Zu seinen Akademiefreunden gehörten außer den drei schon oft Genannten, Petersen, Scharfenstein und von Hoven (Letzterer war sein Vertrauter von Kindesbeinen an), auch die sich zu Künstlern ausbildenden Dannecker und Zumsteeg. Der Letztere, „einer seiner Vergötterer“, komponierte manche seiner gelungenen Gedichte. Mit beiden Künstlern und mit von Hoven blieb er auch später fortwährend in freundschaftlichen Verhältnissen. Durch die Freundschaft Schillers ist auch das Andenken Lempps7) geadelt, der Ideentiefe mit Gemütstiefe vereinigte. Später (1784) wollte er Schiller bewegen, Maurer zu werden. Dessen Freundschaft, schrieb er damals, nach London reisend von Köln aus, sei das einzige Kleinod, welches er auf der Welt besitze. In seinem letzten Brief an Schiller (1802) sagt er, in den Worten des Glaubens und in den Worten des Wahns seien die Resultate der menschlichen Weisheit enthalten, die hier, wenn nicht Beruhigung, doch Beendigung ihres Nachforschens finde. „Nur lass mir in Zukunft die Astronomie unangefochtne“, fügt er hinzu. „Wie die Spinne den Faden aus sich zeiht, und sich an demselben in freier Luft bewegt, so hat hier der Verstand durch den Kalkül sich einen Faden gesponnen, an dem er bis ans Ende des Weltalls sich fortbewegt.“ – Schillers vertrauteste Freunde waren feurige Musenverehrer, oder hatten einen Hang zur Spekulation oder mussten sich wenigstens durch imponierende Kraftäußerungen hervortun. Er sah bei ihrer Wahl aber auch vorzüglich auf Güte des Herzens. Die Akademie gehörte gleichsam zum Hofstaat des Herzogs, den eine Galerie vom Schloss leicht jede Stunde in die Mitte der Zöglinge führen konnte. Er selbst, mit der Gräfin von Hohenheim und anwesenden fürstlichen Personen oder eingeladenen Gästen war häufig zugegen, wenn sie in dem hundertneunzig Fuß langen und achtunddreißig Fuß breiten prachtvollen Saal speisten8), ja er selbst pflegte in einem angrenzenden runden Tempel, und nur äußerst selten im Schloss, Tafel zu halten. Auch auf Redouten wurden die Zöglinge bisweilen kommandiert, wo sich die Demoiselles von der Ecole der Gräfin einfanden. Eine andere Zerstreuung waren Theaterstücke, welche den Zöglingen, die Lust dazu hatten, jährlich einige Male vor dem Herzog und seiner Geleibten aufzuführen erlaubt war; die weiblichen rollen mussten gleichfalls durch Zöglinge des Instituts gegeben werden. Uriot, der französische Sprachlehrer9), leitete die Einübung der Schauspiele auf der Solitude, wo z.B. der Geizige von Molière und der Deserteur von Mercier in französischer Sprache aufgeführt wurden. In Stuttgart wurden deutsche Stücke beliebt. Unser junger Freund ließ es sich am 11. Februar des Jahres 1780, am Geburtsfest des Herzogs, ankommen, als Schauspieler sich zu versuchen. Was Wunder, dass ihn, der, heimlich mit seinen Räubern beschäftigt, ganz in der Schauspielerkunst lebte, die Lust anwandelte, die Kunst des Roscius zu üben! Die Wahl des Stückes, die Verteilung der Rollen und andere Anordnungen wurden dieses Mal Schiller überlassen. Er wählte Goethes Clavigo und für sich die Hauptrolle des Trauerspiels, durch einen Missgriff, denn in der Rolle des Beaumarchais hätte er mehr sich selbst spielen können. Die Ouvertüre hatte Zumsteeg komponiert. Aber wie spielte Schiller? Ohne alle Übertreibung darf man sagen: Abscheulich. Was rührend und feierlich sein sollte, war kreischend, oder strotzend und pochend; Innigkeit und Leidenschaft drückte er durch Brüllen, Schnauben und Stampfen aus; kurz, sein Spiel war die vollkommenste Ungeberdigkeit, bald zurückstoßend, bald Lachen erregend. Bei der Stelle, wo es heißt: „Clavigo bewegt sich in höchster Verwirrung auf dem Sessel10)“, warf sich Schiller in so wilden Zuckungen auf dem Stuhl herum, dass die Zuschauer lachend erwarteten, er würde herunterpurzeln. Die näselnde Stimme und das beständige Blinzeln der krankhaft geröteten Augen verstärkte den übeln Eindruck des Spiels, welches den Freunden für lange Zeit unendlichen Stoff zum Lachen und zu Scherzen gab11). Petersen bemerkt hierbei, dass unter anderen auch Shakespeare und Alfieri mittelmä9ge, wo nicht schlechte Schauspieler gewesen seien, und auch Voltaire, der sich ebenfalls, und zwar meistens in seien eigenen Tragödien, als Schauspieler versucht habe, sei nichts weniger als glücklich gewesen. – Goethe war längst und fortwährend der Abgott des Bundes; für seinen Werther, Götz von Berlichingen schwärmten, glühten sie. Da kam der Angebetete selbst mit dem Herzog von Weimar auf einer Reise durch Stuttgart, am 14. Dezember 1779, in die Anstalt, und die Freunde sahen den noch jungen Dichter in beneidenswerter, glücklicher Freiheit, an der Seite eines Fürsten, der sein Freund war! „Nicht gering war das Aufsehen“, sagt Petersen, „das der schön gestaltete, mit genialischer Kraft auftretende und um sich blickende Mann in der Akademie erregte.“ Hätte Goethe es ahnen können, dass hier seinem reifern Alter der teuerste Freund aufwuchs, auch er würde die Bewegung der Jünglinge geteilt haben. Da Schiller in dem Ruf eines ausgezeichneten Kopfes stand, so wurde er zweimal am Geburtstag der Gräfin von Hohenheim, am 10. Februar, als Redner hervorgezogen, zumal da er dem Herzog in Unterredungen durch Geistesgegenwart und Witz längst bekannt und wert war. Solche Reden gehörten zum Prunk und Glanz des Hofes. Die Frage, welche Schiller im Jahr 1779 vor einer großen Versammlung zu beantworten hatte, war, wie alle, welche dieser Fürst selbst aufgab, etwas seltsam, schief und wunderlich. Sie lautete nämlich: Gehört allzu viel Güte, Leutseligkeit und große Freigebigkeit im engsten Verstand zum Begriff der Tugend? Ich kann in das ungünstige Urteil Petersens nicht einstimmen, welcher der Rede auch ihre sechsundvierzig Ausrufzeichen und ungefähr hundertundvierzig Gedankenstriche zum Vorwurf macht12) – woran freilich alle Schriften des jugendlichen Schiller überaus reich sind. Ist auch die Sprache zuweilen platt und allzu Schubartisch, und im Inhalt und Ausdruck das Meiste maßlos und unbändig, so zeigt sich im Ganzen doch ein außerordentliches Rednertalent, und Schiller machte dadurch gewiss einen besseren Eindruck, als durch seine Rolle des Clavigo. Deswegen wurde ihm auch für den nächsten Geburtstag, im Jahr 1780, dieses Amt abermals übergeben und er sprach über die Tugend, in ihren Folgen betrachtet. Schiller übergab der Gefeierten das eigenhändig geschriebene und mit allegorischer Zeichnung verzierte Manuskript dieses Vortrags in Samteinband und Franziska hielt es zeitlebens in Ehren. Beide Reden sind unschätzbare Zeugnisse des groß hervorbrechenden, mächtig ausgreifenden Charakters des hochherzigen, feurigen Jünglings13). Dieser Freiheitsdrang, dieses Selbstständigkeitsgefühl hatte in ihm seit Jahren im Sittlichen, im Politischen, im Religiösen, im Philosophischen, im Poetischen entschieden die Oberhand bekommen. Durch den fortdauernden Druck erstarkte die Seele zum mutigen Gegendruck, und gewahrte erstaunt in sich selbst neue, wunderbare Kräfte. Die Sonne der ewigen Geistesselbstständigkeit ging im leuchtend und erwärmend im Bewusstsein auf, um nie mehr unterzugehen. Schon früh, am 20. Februar 1775, schrieb er an seinen Freund Moser: „Du wähnst, ich soll mich gefangen geben dem albernen, obgleich im Sinn der Inspektoren ehrwürdigen Schlendrian? Solange ich meinen Geist frei erheben kann, wird er sich in keine Fesseln schmiegen. Dem freien Mann ist schon der Anblick der Sklaverei verhasst, – und er sollte geduldig in Fesseln tragen, die man ihm schmiedet? O Karl!14) Wir haben eine ganz andere Welt in unseren Herzen, als die wirkliche Welt ist! – Empörend kommt es mir oft vor, wenn ich einer Strafe entgegen gehen soll, wo mein Bewusstsein für die Rechtlichkeit meiner Handlungen spricht. Die Lektüre einiger Schriften von Voltaire hat mir noch gestern sehr viel Verdruss gemacht.“ – Schon in demselben Jahr hatte er einmal mit einigen Kameraden den unausgeführten Plan gefasst, sich durch die Flucht für immer in Freiheit zu setzen – sagte aber später lächelnd, mit Anspielung auf Muhamed: „Die Inspektoren würden nach dieser Flucht keine neue Zeitrechnung festgesetzt haben.“ In den letzten Jahren seines Aufenthalts in der Karlsschule, entschlüpfte er öfters abends, oder in anderen Freistunden, mit einigen vertrauten, aus seinem Kerker, um der Menschen Tun und Treiben zu sehen. Er war von einer unbeschreiblichen Begierde erfüllt, in die wirkliche Welt überzutreten, deren Handel und Wandel, wie er in einem Brief sagt, er bisher nur aus der Geschichte gefolgert habe. Öfter auch entzog er sich ganz allein, als die Anstalt noch auf der Solitude war, der Aufsicht, und schweifte einsam um Mitternacht durch den nahe gelegenen, Stunden langen Wald. Was seine religiösen Ansichten betrifft, so hatte er schon, wenn auch dem eigenen Bewusstsein verhüllt, eine geteilte Gesinnung mit in das Institut gebracht: Innige, warme Anhänglichkeit an den positiven Kirchenglauben durch häusliche Einflüsse, und eine gewisse Abneigung gegen denselben, durch einen abstrusen Dogmenunterricht. Nun kam durch philosophische Studien und schnell erstarkende Denkkraft auch das schmerzliche Bewusstsein dieser geteilten, schwankenden religiösen Überzeugung hinzu, welches Schiller in dem Morgengebet am Sonntag (1776 oder 1777) so rührend und schön ausgesprochen hat15). „Oft“, ruft er aus, „hüllte banger Zweifel meine Seele in Nacht ein; oft ängstigte sich mein Herz, Gott! Du weißt es, und rang nach himmlischer Erleuchtung von Dir. Du hast mich zu trüben Tagen aufbehalten, mein Schöpfer! Zu Tagen, wo der Aberglaube zu meiner Rechten rast und der Unglaube zu meiner Linken spottet. Da stehe ich und schwanke oft im Sturm, und ach! Das schwankende Rohr würde knicken, wenn Du es nicht empor hieltest, mächtiger Erhalter Deiner Geschöpfe, Vater derer, die Dich suchen. Ach, mein Gott! So erhalte mein Herz in Ruhe, dass es fähig sei, Dich, o Gott! Und den Du gesandt hast, Jesus Christus, zu erkennen; denn nur dies ist Wahrheit, die das Herz stärkt, und die Seele erhebt. Die Glocke schallt, mich in den Tempel zu rufen. Ich eile, dort mein Bekenntnis zu festigen“ etc. – Aber die einmal erregten „Zweifel, Ungewissheit, Unglaube, Qual“ ließen sich in einem Geist, wie der seinige, nicht durch Gebete beruhigen und versöhnen. Voltaire und besonders Rousseau, der gewaltig in sein Wesen einschlug, beförderten die Krisis. In Kurzem war ihm aller fester Boden der Überlieferung entzogen und er klammerte sich jetzt krampfhaft an die Philosophie an, die ihm allein seine heiligsten, sittlich-religiösen Überzeugungen und den Frieden seiner Seele retten und begründen konnte. Er konnte sich nur denkend restituieren. Das Selbstvertrauen des feien Gedankens führte ihn nun zu einem schwindelnden pantheistischen Ideenbau, zu welchem er Gott, Unsterblichkeit, Freiheit, Liebe, Glückseligkeit und alle anderen höchsten Güter der Menschheit keck zusammenfügte, und er träumte sich einen Augenblick glücklich in seiner Schöpfung. Aber bald – wohl erst nach seinem Austritt aus der Akademie, gewahrte er, dass seinem kühnen Gebäude nur – die Grundlage fehlte. „Mein Herz suchte sich eine Philosophie“, rief er zagend aus, „und die Phantasie unterschob mir Träume: Die wärmste war mir die wahre.“ Wie er früher eine Zeit des Zweifelns an dem Überlieferungsglauben durchlebt hatte, so trat jetzt eine neue Periode des Zweifelns ein, dass die menschliche Vernunft der Erkenntnis der Wahrheit gewachsen sei, und diese zweite Skepsis fand nicht eher ihr Ende, als bis er durch Kant auf eine in ihren Ansprüchen gemäßigte, auf wissenschaftliche Kenntnis der Organisation der Menschenvernunft gegründete Philosophie gelangt war, welche ihm die Wahrheit und den Seelenfrieden geläutert für immer zurückgab. Diesen Entwicklungsgang der Philosophie seiner sittlich-religiösen Überzeugungen nach den angedeuteten Perioden hat uns Schiller selbst, in den etwa neun Jahre später ausgearbeiteten philosophischen Briefen, die er aber schon in Stuttgart entwarf, auf das Glänzendste und Hinreißendste dargestellt. Diese Briefe stellen Selbsterlebtes dar und sind deswegen so unendlich bezaubernd. Jener Julius ist der gläubig vertrauende, der schwankende, der Phantasiesysteme bauende, der verzweifelnde und endlich der sich weise zurechtfindende Schiller selbst. Aber er spricht gleichsam nur scheinbar von sich selbst: Sein individueller Gang ist der Gang der Menschheit. Diese Emanzipation des Geistes von der Überlieferung und allem Angelernten, die größte Revolution im menschlichen Denksystem, fällt zwischen die Jahre 1776 und 1778, von welchem Jahr allmählich die Räuber entstanden. Er lebte damals im ersten Vollgenuss jenes Lustgebäudes des Julius, welches sein herz ihm diktiert und seine Phantasie, statt der Vernunft, eilfertig aufgeführt hatte, und selbst das Hochgefühl dieses Wahnes musste den Heroismus seiner Seele steigern, welchen das Widerstreben gegen Druck und Zwang geboren hatte. Zwei Schriftsteller besonders bestärkten ihn in diesem Heldengang des Geistes: Plutarch und Rousseau. Von Geschichtswerken las Schiller nur solche, in welchen er Stoff zu Schauspielen zu finden hoffte, dem Plutarch aber hing er deswegen an, weil er ihm hohe Charaktere entgegenführte. Als er die Akademie verlassen hatte, waren Plutarchs Biografien (acht Bände) in der Übersetzung von Schirach und der Wielandsche Shakespeare (zwölf Bände) die beiden größeren werke, die sich der unbemittelte kaufte16). „Es ist brav, dass sie dem Plutarch getreu bleiben“, schreibt er noch 1788 an eine Freundin. „Das erhebt über diese platte Generation und macht uns zu Zeitgenossen einer besseren, kraftvollern Menschheit.“ Rousseau aber, frei denkend, hoch gesinnt, wie Schiller, von ähnlichem Schicksal und sogar, wenn wir wahr bereichtet sind, von ähnlicher Körperform17), „Rousseau, der aus Christen Menschen wirbt“, war ein Abgott seiner Jugend. An seinen Räubern dichtend, befestigte sich Schiller in diesen Hochgefühlen der Menschenwürde und des Seelenadels. Auf die Vernunft sollte alles gebaut, durch eigene Kraft alles errungen, jedem Schicksal getrotzt werden. „Nein! Nein! Ein Mann muss nicht straucheln. – Sei, wie du willst, namenloses Jenseits – bleibt mir nur dieses mein Selbst getreu. – Sei, wie du willst, wenn ich nur mich selbst mit hinübernehme. – Außendinge sind nur der Anstrich des Mannes. – Ich bin mein Himmel und meine Hölle.“ Scharffenstein charakterisiert diese Seelenfassung durch folgende Worte: „Schillers Philosophie bekam ein stoisches Gepräge; man findet es in seinen Werken deutlich genug ausgesprochen, wes Geistes Kind er war. Den fürs Leben so stählenden Satz: Glückseligkeit sei mehr eine persönliche Eigenschaft, urgierte er mit schwellender Brust und pfropfte er in die meinige. Wäre Schiller kein großer Dichter geworden, so war für ihn keine Alternative, als ein großer Mensch im aktiven, öffentlichen Leben zu werden, aber leicht hätte die Festung sein unglückliches, doch gewiss ehrenvolles Los werden können.“ Übrigens teilten Schiller und seine Freunde unter der drückendsten Subordination nur gesteigert die Stimmung, die allgemein durch die Zeit verbreitet war und sich besonders im Württembergischen aussprach. Unwillig ertrug man die Willkür der weltlichen und geistlichen Macht, schwer empfand man das Beengende spießbürgerlicher Formen im Haus, Kirche und Staat, und sehnte sich überall nach natürlicheren, freieren und zeitgemäßeren Verhältnissen. Wir haben oben schon einen Kanal kennen lernen, durch welchen dieser unzufriedene Zeitgeist ins Institut drang: Die Lehrer selbst unterhielten sich mit den Zöglingen über Politik. Natürlich musste von ihnen besonders der revolutionäre Pfaffen- und Jesuitenfeind, der leidenschaftliche und unglückliche Chr. Fr. Daniel Schubart geschätzt werden, der sich in seiner „Chronik“ zum Organ dieser Volksstimmung aufwarf. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die Jünglinge diese freisinnige, literarisch-politische Zeitschrift zu verschaffen wussten. Wie musste sich ihr Anteil steigern, als Schubart vom Jahr 1777 an, ohne Verhör und Rechtsspruch, auf dem Asperg schmachten musste und zu derselben Zeit sein Sohn Ludwig durch die Gnade des Herzogs in der Akademie ein Unterkommen fand. Schiller schloss sich an den Sohn an, und aus dessen späteren Briefen geht deutlich hervor, dass Schiller an dem Vater ein sehr großes Interesse nahm. Einige kräftige Gedichte Schubarts, sagt Scharffenstein, vorzügliche die Fürstengruft, machten in der Karlsschule auf Schiller einen großen Eindruck. Später wallfahrtete er einige Mal auf den Asperg, um den damals noch scharf Überwachten persönlich kennen zu lernen. Aber bei der Gegenwart eines steifen, aufpassenden Sergeanten oder des Festungs-Kommandanten konnte die Mitteilung nur oberflächlich sein. Er nahm nachher eine Ankündigung der gesammelten Gedichte Schubarts in seine Thalia auf. Schubart selbst war für den Dichter der Räuber mit Bewunderung erfüllt. „Außer Schiller“, schrieb der Gefangene, „wüsst’ ich kaum einen jungen, deutschen Mann, dem heilige Geniusfunken aus der Seele, wie Lohe vom Opferaltar, emporsteigen. Und in einer, wie es scheint, wenig gekannten, begeisterten Ode besingt er den jungen Titanen – „seinen trauten Schiller, den er so heiß und brüderlich liebe, an dessen Feuerbusen er jüngst lag und weinte“, und dankt ihm,
Mit dieser Verehrung Schubarts stimmt, was Petersen erzählt: Schiller habe, neben der Ausarbeitung der Räuber, gleichzeitig verschiedene kleine lyrische Stücke, unter anderen auch die Fürstengruft gedichtet, welche so anfing: „Jüngsthin ging ich mit dem Geist der Grüfte.“ Aus dem Schillerschen Produkt, fährt Petersen, im Widerspruch mit Scharffenstein, wohl unrichtig zu erzählen fort, habe Schubart sein berühmtes Gedicht großenteils genommen. Übrigens wuchs Schillers Freiheitssinn gleichsam organisch aus seiner eigenen Seele, nicht aus äußeren Weltverhältnissen, die vielleicht noch über seinem Horizont lagen. Um die Zeit des nordamerikanischen Freiheitskrieges waren beinahe alle besseren Köpfe der Akademie in politische Parteien geteilt: Einige waren Anhänger der Engländer, die meisten dagegen Freunde der Amerikaner. Schiller bekümmerte sich um diese Völkersache damals nicht im Geringsten, der Gang der Freiheit beschäftigte seine Teilnahme gar nicht. Er las wahrscheinlich keine Zeitung19). Durch die bisher eingeflochtene Geistesgeschichte Schillers haben sich uns die Grundkräfte von selbst herausgestellt, die sein inneres Leben und dessen Produkte, seine Werke organisierend gestalten. In der Tiefe walten, innigst verbunden, sich ergänzend oder mäßigend, ein humanes Prinzip der Liebe und ein heroisches der Freiheit, und seine Weltanschauung, die ihm auf diesen Säulen gegründet war, fasste er auf und sprach er aus, bald philosophisch, bald poetisch. Nur aus der Verbindung dieser Elemente kann Schiller, wie es seit dem Erscheinen meiner größeren Schrift auch anerkannt ist, begriffen werden; wer nur ein Element auffasst, besitzt Schiller nur verstümmelt. Er ist zusammen ein liebenswürdiger Mensch, ein gewaltiger Held, ein Denker und ein Dichter. Er hat eine dreifache Bedeutsamkeit, eine persönliche, eine spekulative und eine poetische und jede bedingt die andere, keine aber folgt aus der anderen. In dieser Verbindung dessen, was in anderen Individuen sich gewöhnlich nur vereinzelt findet, besteht seine in sich reiche und tiefe Natur. Wie wir bisher durch diese Elementarkräfte unter bestimmten äußeren Einflüssen die geistige Grundform Schillers sich haben bilden sehen, so werden wir einzig und allein, wenn wir diesen vierfach verschlungenen Faden festhalten, Schillers Seelenkämpfe und innere Entwicklungen und den einigen Geist seiner verschiedenartigen Werke wirklich verstehen können. Denn die Einheit dieser das Geistesleben Schillers organisierenden Grundtrieb, ihre gemeinschaftliche Quelle, ist, wie ich in meinem größeren Werk20) hinreichend nachgewiesen habe, der Menschengeist, teils in seiner reinmenschlichen, zeitlichen Entfaltung, teils in seiner freien ewigen Selbstständigkeit, welchen allein nach jener humanen und nach dieser dämonischen Seite hin, Schiller denkend durchforschte oder dichtend ausprägte. Denn die Gottheit einerseits, und die Körperwelt andererseits, bildeten gleichsam nur die Grenze seiner Weltbetrachtung. In den zwei ersten Perioden seines Lebens bekämpften sich häufig das humane und das dämonische Prinzip, die Poesie und die Spekulation oder diese scheinbar unverträglichen Elemente traten nacheinander an den Tag oder sie waren auch oft, sich beeinträchtigend, in einem Werk zusammen. Erst beim Eintritt in die dritte Periode sind die humanen Ansprüche der Liebe und die heroischen der Freiheit vollkommen versöhnt, und die poetische Form ist die allein herrschende, die Spekulation die freiwillige Dienerin derselben geworden. Goethes sagte einmal im Gespräch: „Die Freiheit gehe durch alle Werke Schillers“, was jener Meister, der den größten Sinn für das Mannigfaltige hatte, nimmermehr so verstand, als herrschte die Freiheit einzig und ausschließend bei ihm, oder als könne alles, etwa auch das Sentimentale, Elegische, von dem – Freiheitsprinzip abgeleitet werden. Nach diesem allein hätte Schiller auch ein gefühlloser, unmenschlicher Stoiker sein können, und brauchte weder Dichter noch Denker zu sein. Der ganze Schiller vereinigt in allen seinen Werken diese verschiedenartigen Elemente, selbst da, wo eines vorherrscht. Auf jedem Blatt seines Lebens werden wir diese Viereinigkeit schaffen und gestalten sehen. Auch sein Äußeres hatte zugleich einen humanen und heroischen Ausdruck. „Alles Übrige an ihm“, sagt Goethe21), „seine Haltung, sein Gang auf der Straße, jede seiner Bewegungen, war stolz und großartig; aber seine Augen waren sanft.“ Aus seinem Auge sprach die Menschlichkeit des Herzens, aus allem Übrigen der Heroismus. Petersen erzählt: „Schiller liebte auch im Lyrischen das Große, Starkergreifende, Tieferschütternde, selbst wenn es sich dem Grässlichen und Grausenhaften näherte. Aber deswegen war er nicht unempfänglich für das rührende und Sanftmütige. Oft las er mit gerührtestem Gefühl die kleinen Lieder Ossians, z.B. „Selma! Dich hüllet Schweigen ein! Morvens Gebüsche weckt kein Laut; Einsamkeit herrscht am Strande, wo sich die Woge bricht.“ Auch verdient angeführt zu werden, dass er im Jahr 1784 an Dalberg in Mannheim schrieb, seine Phantasie habe von seinen Kinderjahren her die schöne Stelle aus Werthers Leiden aufbewahrt: „O, es ist mit der Ferne, wie mit der Zukunft! Ein großes Dämmern es Lichts ruht vor unserer Seele.“ Eine wehmütige, trübe Gemütsstimmung spricht sich in einem Trostschreiben vom 15. Januar 1780 an den Hauptmann von Hoven aus, als dieser seinen jüngeren Sohn verloren hatte: „Ich bin noch nicht einundzwanzig Jahre alt, aber ich darf es Ihnen frei sagen, die Welt hat für mich keinen Reiz mehr, ich freue mich nicht auf den Tag meines Austritts aus der Akademie in die Welt. Mit jedem Schritt, den ich an Jahren gewinne, verliere ich immer mehr von meiner Zufriedenheit; je mehr ich mich dem reifen Alter nähere, desto mehr wünschte ich als Kind gestorben zu sein.“ Wie man vor der Julirevolution gemeinhin nur diese weiche, sentimentale Seite Schillers anerkannte, so wäre es ebenso einseitig, in unseren rüstigeren Tagen nur die starke, heroische gelten zu lassen. Das Herz spielte in seinem Leben eine ebenso große Rolle, als die Freiheit. Er selbst erzählte, dass er in der Akademie über seinen selbst gezogenen Lilien am einsamen, vergitterten Fenster oft stundenlang in den Gefühlen geschwelgt habe, die durch den Roman „Siegwart“ in ihm erregt worden seien. Als Scharffenstein einst durch eine unglückliche, aber arglose Kritik der Gedichte, welche durch die Freundschaft für ihn Schiller inspiriert worden waren, sein Herz gekränkt hatte – „da“, erzählt Scharffenstein, „wurde Schiller nicht kalt, denn kalt konnte er nicht sein, aber er zog sich mit einer zerknirschten Empfindung von mir ab, an die ich noch jetzt mit einer sehr schmerzhaften denke. Er schrieb mir einen sehr langen Brief, worin seine ganze Seele in Aufruhr war; nie ist eine totale Brouillerie zwischen Verliebten so affektvoll geschrieben worden.“ Über Schillers Gesundheitszustand, Aufführung, Strafen und Preise, Naturgaben und Anwendung dieser Gaben in der Akademie kann ich nach den Urteilen der Aufseher und Lehrer zuverlässigen bericht erstatten. Denn ich besitze über diese und andere Punkte die ausführlichen Tabellen der Karlsschule von vier Jahren im Original22). Seine Gesundheit ist für das Jahr 1774 als ziemlich gut, für die folgenden als gut angegeben, so dass sich seine anfängliche schwankende Gesundheit wohl befestigte. Dessen ungeachtet war er auch später jedes Jahr einige Male krank, vielleicht aber nur angeblich und nicht so häufig, als in der ersten Zeit. Sein Betragen gegen „Vorgesetzte, Kameraden und sich selbst“ ist durchweg mit den Ausdrücken „aufmerksam, gefällig, zufrieden“ bezeichnet. Er zog sich aber in jedem der vier Jahre, über welche ich berichten kann, immer fünf „Strafen wegen übler Aufführung“ zu, was eine mittlere Anzahl ist, indem manchen Zöglingen über zwanzig solcher Strafen angeschrieben sind, anderen hingegen weniger oder häufiger, besonders im letzten Jahr, auch gar keine. Schillers Gedächtnis und „die Anwendung seiner Gaben“ sind in allen vier Jahren als „gut“, und in den beiden letzten als „recht gut“ angegeben, welches höchste Lob nur noch einem oder zwei der fünfzig Eleven dieser ersten Abteilung erteilt wird. Sein „Scharfsinn“ endlich ist für 1774, wo er Jurisprudenz studierte, und 1776, wo er die Medizin begann, nur als „mittelmäßig“, in den beiden anderen Jahren als „gut“ angegeben. Das Prädikat „sehr gut“ hat in dieser Zeit aber auch nur ein einziger, der Leutnant Kapff, der in beiden Listen obenan steht, während Schiller 1778 nur die fünfte, und 1779 die zweite Stelle einnimmt. Über diese Fortschritte und diesen Rang wird man sich wundern, ja vielleicht staunen, wenn man bedenkt, dass Schiller seine Hauptkraft der hier, wie im Stift zu Tübingen, geächteten Poesie zugewandt hatte; einen anderen würde die Ausarbeitung der Räuber allein ganz erschöpft haben. Preise aber erhielt Schiller bis zum ersten Januar 1780 zusammen vier, nämlich im Jahr 1773 einen und im Jahr 1779 drei; leider ist auf der Tabelle vom „Jahrestag 1781“ Schiller nicht mehr aufgeführt, so dass über das letzte Jahr, welches er in der Karlsschule zubrachte, nichts erhellt. Von allen fünfzig Kameraden hatten bis dahin nur drei mehr Preise erhalten, nämlich zwei Zöglinge je sechs und jener Leutnant Kapff ihrer acht. Von jenem ersten Preis auf der Solitude ist schon früher die Rede gewesen und auch über die anderen belehrt uns Petersen des Näheren, nachdem er bemerkt hat, dass Schiller vor 1777 in der Wissenschaft nur wenig leistete, indem er einzelne Zweige der Heilkunde zwar mit wahrem Feuereifer, jedoch immer nur stoßweise, nie anhaltend, betrieben habe; seit jenem Jahr aber habe er, trotz seiner Hauptbeschäftigung, der Poesie, seine so genannte Brotwissenschaft keineswegs versäumt. „Nie ermüdendes Forstreben“, fährt dann Petersen fort, „und sichtbares Vorschreiten in allen Fächern, deren Bearbeitung oder Erforschung er sich zum Ziel gesetzt hatte, zeichneten ihn in diesem ganzen Zeitraum aus. Bei den öffentlichen Prüfungen, im Jahr 1778, zeigte er in der Anatomie so viele Kenntnisse, als der Erste, welchem der Preis nur durch das Los zufiel, und das Jahr darauf, am 15. Dezember, erhielt er drei Preise zumal, einen in der Arzneimittellehre, einen in der äußern und einen in der innern Heilkunst; in der deutschen Sprache und Schreibart aber tat er sich mit dem Preiserringer gleich gut hervor. Von allen Zweigen der so viel umfassenden Gesundheitskunde war die Physiologie der anziehendste für ihn. Haller war darin sein bewunderter Führer, doch huldigte er dessen Behauptungen nicht unbedingt. Vielmehr bestritt er mehrere derselben in einer eigenen Abhandlung. In der eigentlichen Krankheitslehre (Pathologie) gab er Brendel den Vorzug23). Brendel, ein bedachtvoller Beobachter ganz im hippokratischen Geist, ward von Schiller ungemein geschätzt, aber deswegen nicht auch befolgt. Statt den Gang der Natur mit Sorgfalt und Bedachtsamkeit zu belauschen, die Erscheinungen darin prüfend zu vergleichen und mit Scharfsinn Folgerungen daraus zu ziehen, trug des Dichters Einbildungskraft (wie Julius, in den philosophischen Briefen) Gesetze in Schöpfung und Geschöpfe hinein. Er schrieb der Natur a priori Gesetze vor. Schiller war in der Tat eine Zeit lang so ziemlich auf demselben Irrweg, auf welchem unsere neueren Naturphilosophaster herumtaumeln24). Die Forstschritte, die er übrigens in den Jahren 79 und 80 machte, und zwar im Denken überhaupt, in einer erweiterten Naturansicht, in Sprache, Darstellung und Geschmacksbildung, sind wirklich merkwürdig. Mit Vergnügen und Belehrung vergleicht man die noch übrigen Denkmäler und Zeugen hievon.“ Dies Urteil fällte auch Scharffenstein, der anderthalb Jahre früher die Akademie verließ, als er nach dieser Zeit wieder das erste Mal mit ihm zusammentraf. „Ich erstaunte“, ruft er, „und mein Geist beugte sich vor der imponierenden Superiorität und den Fortschritten, die Schiller mittlerweile gemacht hatte!“ – Schiller brachte es also durch den Überschuss seines eminenten Talents so weit, als die besten seiner Mitschüler durch ihre ungeteilte Kraft. Wie schwer es ihm aber wurde, sich in die strenge militärische Regel zu fügen, beweisen die regelmäßig jedes Jahr wiederkehrenden Disziplinarstrafen, deren ich oben erwähnte. Über jene Abhandlung, in welcher er Haller bestritt, gibt uns das unschätzbare Manuskript Abels die erste erwünschte Auskunft. Als nämlich Schillers Laufbahn in der Akademie vollendet war, schrieb er, der Gewohnheit gemäß, eine, öffentlich in Gegenwart des Herzogs zu verteidigende Dissertation, und zwar seiner Neigung nach, über Physiologie, jedoch so, dass neben dem Tierleben des Menschen immer dessen Seelenleben in Betrachtung gezogen wurde. Allein diese Abhandlung enthielt so starke Stellen gegen Haller, dass der Herzog, der, alles überwachend, hiervon Kunde erhielt, den druck verbot, weil er es durchaus unschicklich fand, dass ein junger Mensch, auch von noch so großen Talenten, einen Mann von Hallers Verdiensten herunterzusetzen sich erkühnte. Schiller hatte die damals neueste Psychologie kennen lernen, und unterwarf aus dem Gesichtspunkt des geistigen Lebens Hallers Körperlehre des Menschen seiner Kritik. Die Abhandlung war Philosophie der Physiologie überschreiben und verbreitete sich in fünf Kapiteln sehr ausführlich über das geistige Leben, das nährende Leben, die Zeugung, den Zusammenhang dieser drei Systeme und über den Schlaf und natürlichen Tod. Nicht ganz das erste Kapitel hat sich erhalten. Ich habe es in meiner Nachlese25) aus dem äußerst zierlich geschriebenen Original-Manuskript, welches plötzlich mit einem Komma abbricht, veröffentlicht. Vermutlich war Schiller durch jenes Verbot des Herzogs an der Vollendung der Abschrift gestört worden. Das Bruchstück ist ein merkwürdiges Denkmal des großen Scharfsinnes und der frühen Reife des Verfassers. Nun musste in aller Eile, wie Abel sagt, eine andere Abhandlung geschrieben werden und da er sich seiner psychologischen Kenntnisse bewusst war und zugleich auch seine Kenntnisse in der Medizin zeigen wollte, so schrieb er (1780) seinen Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen. Sie erschien in Stuttgart gedruckt, mit einer Zueignung an den Herzog Karl26), worin er unter anderem sagt: „Philosophie und Arzneiwissenschaft stehen unter sich in der vollkommensten Harmonie. Diese leiht jener von ihrem Reichtum und Licht, jene teilt dieser ihr Interesse, ihre Würde, ihre Reize mit.“ Dieses Schriftchen ist, wie das vorhergehende, sorgfältig disponiert, so dass man in ihm schon den überschauenden und ordnenden Geist sieht, den Goethe später an Schiller rühmt. Diese Abhandlung, die Frucht seiner Berufsstudien in der Karlsschule, ist eine Fortsetzung der früheren unterdrückten; manches ist aus dieser herübergenommen und darauf weiter gebaut. Schiller gebiert sich hier ganz als Mediziner, indem er durch alle Erscheinungen des Lebens die Behauptung durchführt, wie der Geist abhängig vom Körper sei. Der Satz: „Der Mensch ist nicht Seele und Körper, der Mensch ist die innigste Vermischung dieser beiden Substanzen – der Mensch ist seiner Natur nach ein gemischtes Wesen,“ war die Idee, von welcher er ausging, und auf welche er später seien Lehre des schönen und Erhabenen, der Anmut und Würde gründete. Petersen urteilt: „Hier trifft man überall auf eigentümliche Ansichten, überraschende Zusammenstellung, tiefe Blicke; und Sprache und Einkleidung sind meisterhaft. Zur Erklärung dieses auffallenden Fortschreitens muss man indessen auch in Anschlag bringen, dass Schiller in jenem Zeitpunkt Searchs (Tukers) Licht der Natur, Herders „Auch eine Philosophie der Geschichte der Menschheit“, Schlözers Vorstellung der Universal-Geschichte und mehrere Schriften von Sturz und Zimmermann fleißig gelesen und erwogen hatte.“ Im Wissenschaftlichen kam der junge Schriftsteller durch Unterricht und Lektüre aus einer trefflichen Schule, während er im Poetischen und Rhetorischen wie ein ungebändigtes Füllen auslief und sich seinen eigenen Weg suchte. Auch in diesem Aufsatz zeigte sich das Selbstgefühl des besonnen und scharf denkenden Jünglings. Durfte er auch den berühmten Haller nicht mehr bekämpfen, so konnte er sich doch nicht enthalten, dessen Landsmann Lavater als einen Schwärmer zu bezeichnen und sogar in den Räubern, zu deren Verfassungsgeschichte und Charakteristik wir jetzt übergehen, bespöttelt er Lavaters Physiognomik. 1) So
vermute ich. Am 18. November 1775 bezog die Militärakademie das Erziehungshaus
in Stuttgart; nach dem 14. Dezember desselben Jahres bestimmte er sich (nach
Petersen) für die Medizin, aber er fing sie wohl erst im Dezember 1776 wirklich
zu studieren an und diesem Fachstudium ging der im Text angegebene
philosophische Vorbereitungskursus unmittelbar vorher. Diesen konnte er vor
seinem Studium der Rechte, also vor dem Jahr 1774, weil er damals noch ein Knabe
und mit Schulwissenschaften beschäftigt war, unmöglich durchnehmen. Es ist auch
nicht wahrscheinlich, dass Schiller fünf Jahre lang Medizin studiert habe! Vier
Jahre sind dazu eine hinreichend lange Zeit.
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