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Abhandlung über das TheaterUmso entschiedener wandte er nun seine Tätigkeit seinen gegenwärtigen Mannheimer Verhältnissen zu, und gedachte vor allem, einen Aufsatz zu seinem Eintritt in die deutsche Gesellschaft zu schreiben. Am 26. Juni 1784 las er in einer öffentlichen Sitzung die Abhandlung: Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken? Die nachher zuerst in der Rheinischen Thalia (Heft I.) gedruckt erschien. Es ist dieselbe, welche unter dem Titel: Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet, in Schillers Werk aufgenommen wurde, nur dass hier die Einleitung und einige Stellen wegblieben1). Hatte der frühere Aufsatz: „Über das gegenwärtige deutsche Theater“ eine untergeordnete, temporelle Bedeutung, und war er eigentlich nur abwehrend und negativ, so erhob sich jetzt der unablässig fortschreitende Dramatiker zu einer allgemeinen, freien und positiven Würdigung der Schaubühne, und schrieb diese Abhandlung, welche zu jener früheren sich gerade so verhält, wie Don Carlos zu den drei ersten Dramen. Ja, dieser Aufsatz ist ein Vorläufer des Don Carlos; der Dichter weihte sich durch ihn zu dieser neuen Tragödie ein. Wie er in dem Don Carlos die Weltansicht seiner ersten Entwicklungsperiode bejahend und in dem edelsten Stil entfaltet, so stattet er in dieser Vorlesung sich und anderen auf eine hinreißende Weise Rechenschaft über die erhabene Kunst ab, die er sich zur Lebensaufgabe gewählt. Bei aller Verschiedenheit hängen doch die beiden genannten Abhandlungen in dem Hauptpunkt zusammen. In der Skizze über das gegenwärtige deutsche Theater hatte Schiller nur furchtsam eine Vergleichung des Schauspiels mit der Moral und Religion gewagt; hier führt er unverzagt diese Idee weiter aus, und weist dem Theater seinen Rang neben den ersten Anstalten des Staates, der Kirche und Schule an. Wie die positiven Staatsgesetze durch Moral und Religion ergänzt werden, so wird die Wirksamkeit dieser beiden letzteren und somit die Bildung des Menschen, nur durch die Kunst und namentlich die Schaubühne vollendet. Sie war ihm, in weiterer Wortfassung, ein sittlich-religiöses Institut, ein Hauptmittel zur allseitigen Bildung und Veredlung des Menschen. Schiller war gewaltsam von der Kanzel und dem Lehrstuhl verdrängt worden; er flüchtete sich auf die Bühne, und verkündigte von hier seine Religion der Humanität und seine Moral der Menschenwürde. Er gestaltete das Theater zu einem Heiligtum, einem Gotteshaus um. Darnach bestimmt er im vorliegenden Aufsatz den Wirkungskreis der Bühne. Sie schwellt die Seele mit tugendhaften Empfindungen und Entschlüssen an, und erfüllt sie mit Abscheu vor dem Laster, und, noch weiter wirkend, als Gesetz, Moral und Religion, heilt sie die große Klasse der Toren durch Scherz und Spott; sie ist dadurch, dass sie uns mit den Menschen bekannt macht, eine Schule der praktischen Weisheit, sie offenbart uns die dunkeln, geheimnisvollen menschlichen Schicksale und bereitet uns vor, unser eigenes würdig zu ertragen; sie predigt uns Nachsicht gegen Fehlende, Duldung gegen anders denkende, diese schönsten Tugenden der modernen Kultur, und dient eben so sehr der Aufklärung des Verstandes; denn von ihr fließen richtigere Begriffe, geläuterte Grundsatz, reinere Gefühle durch alle Adern des Volkes. Durch eine gute Schaubühne könnte auch der Nationalgeist mächtig entflammt werden; und endlich gewährt die Schaubühne dem Menschen die edelste Erholung und reinste Freude, indem sie ihn zugleich über den tierischen Genuss und die Anspannung der Arbeit emporhebt, und sie verbindet die verschiedenartigsten Menschen miteinander, indem sie ihnen die Fesseln der Konvenienz abstreift; sie verbrüdert einen mit dem andern durch das eine sympathetische Gefühl, ein Mensch zu sein. Diese Gedanken sind in dem Aufsatz mit einer hinreißenden Kraft und in rhythmisch bewegter, melodiereicher Sprache dargestellt. Die Abhandlung wäre vielleicht unübertrefflich, wenn das Schauspiel nicht allzu streng in den Dienst der Moral und Belehrung gestellt wäre. Erst später erhob Schiller die Dichtkunst über alle besondere moralische und didaktische Zwecke und erkannte sie in ihrer Selbstständigkeit an. 1) S. meine Supplemente zu Schillers Werken IV. S. 147 ff. |
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