Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Hoffmeister - Schillers Leben

            Vorwort
            Inhalt

            1. Teil
            2. Teil
               1. Kapitel
               2. Kapitel
                  Eintritt in Weimar
                  Die Familie von Lengefeld
                  Aufenthalt bei Rudolstadt
                  Neigung zu C. von Lengefeld
                  Bekanntschaft mit Griechen
                  Die Götter Griechenlands
                  Die Künstler
                  Die zweifelhaften Gedichte
                  Briefe über Don Carlos
                  Übersetzungen aus Euripides
                  Rückkehr nach Weimar
                  Auf nach Jena
               3. Kapitel
               4. Kapitel
               5. Kapitel
               6. Kapitel
               7. Kapitel
               8. Kapitel
               9. Kapitel
               10. Kapitel
            3. Teil

Kapitel 2

Eintritt in Weimar, Lebensverhältnisse

   Wir nehmen den Faden der Erzählung der äußeren Lebensverhältnisse unseres Dichters da, wo wir ihn im ersten Teil fallen ließen, beim Einritt Schillers in Weimar, wieder auf.

   Weimar galt längst als ein klassischer Boden. Die verwitwete Herzogin Amalia hatte, zuerst als Vormund ihres Sohnes, und seit 1774, wo dieser die Regierung übernahm, durch ihren mütterlichen Einfluss, Weimar zum Mittelpunkt einer edleren, freieren Bildung gemacht, welche von hier aus über das ganze Vaterland ausstrahlte. Mehr Gelehrte, Dichter und Künstler fanden sich in dem kleinen Ort zusammen, als in irgendeiner anderen Stadt Deutschlands und unter ihnen Geister des ersten Ranges, wie Goethe, Herder, Wieland. Seele und Zentralpunkt all’ dieser verschiedenartigen Persönlichkeiten und Talente blieb fortwährend die geistreiche, vielseitig gebildete, gewandte Herzogin, die in ihrer Muße in künstlerischen und wissenschaftlichen Beschäftigung jeder Art den schönsten und edelsten Genuss für ihren regen Geist fand. Ihr Schloss in Weimar, ihr Landhaus in Tieffurt waren Versammlungsörter aller schönen Geister und ausgezeichneten Talente. Jeder Fremde von Geist und Ruf wurde in ihrem ausgewählten Kreis mit Huld und Anerkennung aufgenommen. Wieland aber war der tägliche Gesellschafter und gefeierte Hausgenosse der Herzogin.

   In diese Stadt und in die Nähe solcher Personen und Verhältnisse trat nun der achtundzwanzigjährige Schiller, als einer der letzten großen Geister, welche sich hier zusammenfanden. Er kam nicht als ein Unbekannter, und eigentlich auch nicht als ein Fremder. Sein Dichterruf verbürgte ihm eine gute Aufnahme, und durch den Titel, womit ihn der regierende Herzog Carl August, der Freund Goethes, beehrt hatte, war er Weimarscher Untertan. An der Frau von Kalb fand er die wohl bewährte Freundin, wie er sie erwartet hatte, in deren Umgang er seines Geistes froh werden konnte.

   Goethe war damals in Italien, und auch die Herzogin Amalia bereitete sich zu einer Reise jenseits der Alpen vor, um durch Bewegung und milderes Klima ihre wankende Gesundheit zu befestigen und in dem schönen und merkwürdigen Land ihre Weltbetrachtung zu erweitern. Mit Studien und Zurüstungen zu dieser Reise beschäftigt, nahm sie gerade jetzt weniger Interesse an Schiller, als sie sonst dieser bedeutenden neuen Erscheinung zugewandt hätte. Der Herzog war viel abwesend und scheint damals keinen besonderen Anteil an Schiller bezeigt zu haben. Von Wieland dagegen wurde er mit herzlichem Wohlwollen aufgenommen; in seinem Umgang, in seinem Familienkreis wurde ihm frei und wohl. „Wir werden schöne Stunden haben“, schrieb er damals: „Wieland ist jung, wenn er liebt.“ Und nach einer Bekanntschaft von drei Vierteljahren äußerte er sich über dies Verhältnis: „Mit Wieland bin ich genau verbunden, und ihm gebührt ein großer Teil an meiner jetzigen Behaglichkeit, weil ich ihn liebe und Ursachehabe, zu glauben, dass er mich wieder liebt. Weniger Umgang“, fügt er bei, „habe ich mit Herder, ob ich ihn gleich als Mensch wie als Schriftsteller hoch verehre. Der Eigensinn des Zufalls trägt eigentlich die Schuld, denn wir haben unsere Bekanntschaft ziemlich glücklich eröffnet. Auch fehlt es mir an Zeit, immer nach meiner Neigung zu handeln.“

   Den wiederholten Antrag Wielands, Mitarbeiter an seiner Zeitschrift, dem Deutschen Merkur zu werden, konnte Schiller nicht zurückweisen. Die Einladung war ehrenvoll und vielleicht auch vorteilhaft; Schiller suchte sich den väterlichen Freund zu verpflichten und gewogen zu erhalten. Er versprach, dem Journal seine ganze Kraft zu widmen, und Wieland hoffte, dass dasselbe durch sein Eingreifen wieder eine frischere und jugendlichere Gestalt gewinnen werde. Schiller ließ es an Anstrengung nicht fehlen, diesen Erwartungen zu entsprechen. Die Jahrgänge 1788 und 1789 des Merkur sind durch treffliche Beiträge von seiner Meisterhand ausgezeichnet, mit denen wir unsere Leser nach und nach bekannt machen werden. Seien eigene Zeitschrift ließ er in dieser Zeit zurücktreten; im Jahr 1787 erschien von der Thalia gar nichts, und in dem folgenden Jahr nur das fünfte Heft, das vom Herausgeber nur eine Fortsetzung des Geistersehers enthält. Als aber später die Thalia wieder gewichtiger hervortrat, mussten Schillers Beiträge für den Merkur umso seltener und kürzer werden, da ihn in diesen Jahren auch die von Dresden mit herübergebrachte Geschichte des Abfalls der Niederlande, als seine Hauptarbeit, stark beschäftigte. Vom Jahr 1790 an hörte seine Teilnahme am Merkur gänzlich auf. Doch störte dies sein gutes Vernehmen mit Wieland in keiner Weise. Wer hätte auch mit ihm, dem humansten, nachsichtigsten Menschen, nicht gut auskommen können?

   Die vielfachen, zum Teil mühevollen und zeitraubenden Arbeiten aber, die Schiller in Weimar beschäftigen, machten eine eingezogene Lebensweise nötig. Hatte er in Dresden mehr unter Freunden gelebt und sich der Gesellschaft und den Menschen hingegeben, so schloss er sich hier gegen gesellschaftliche Vergnügungen ab. Er ging selten aus, und wenn er einmal sein Zimmer verließ, so suchte er am liebsten ein weises Gespräch bei einem geistreichen Freund, oder die stille Einsamkeit im weitläufigen, reizenden Park, wo man ihn bisweilen gegen Abend lustwandeln und sich nach den am wenigsten besuchten Orten hinwenden sah. Sein frugales Mittagessen ließ er sich wieder, wie in Mannheim, auf sein Zimmer bringen; abends genoss er selten etwas anderes, als Butterbrot, wozu er Bier trank. Diesem Getränk hatte er auch schon früher den Vorzug gegeben, wogegen er in späteren Jahren den Wein vorzog, sowie er sich auch durch eines der vielgesungensten Punschlieder, die Vermählung der vier Elemente, zu einem erklärten Punschliebhaber bekannte.

   Übrigens gebot ihm ja auch schon der geringe und unsichere Ertrag seiner Feder, in welchem sein ganzes Einkommen bestand, eine zurückgezogene und eingeschränkte Lebensweise. Sein Erwerb mochte oft kaum zur Bestreitung seiner notwendigsten Bedürfnisse hinreichen; und bei manchen unabweisbaren Ehrenausgaben, und bei seinem Ungeschick, seine kleine Wirtschaft ordentlich zu führen – denn durchgängig ökonomisch zu leben, war gewiss die letzte Tugend, die er lernte – kam er wohl nicht selten in große Verlegenheit. Bei dem Mangel anderer Zeugnisse hierüber muss uns ein Beweis für viele gelten. In einem Brief vom Jahr 1795 an Goethe schreibt er: „Ich erinnere mich, wie ich einmal vor sieben Jahren in Weimar saß, und mir alles Geld, bis etwa auf zwei Groschen Porto, ausgegangen war, ohne dass ich wusste, woher neues zu bekommen. In dieser Extremität denken sie sich meine angenehme Bestürzung, als mir eine längst vergessene Schuld der Literaturzeitung übersendet wurde.“ So war unser Schriftsteller, während ganz Deutschland seine Werke bewunderte und er überall Verehrer und Freunde seiner Muse hatte, ganz auf sich gestellt, ganz verlassen, und seine Existenz grenzte bisweilen an Mangel und Not. Wie fröhlich hätte sich sein Genius entfalten können, wenn er eine jährliche Rente von nur einigen hundert Talern gehabt hätte!

   Dieser äußeren Beschränkung ungeachtet fühlte sich der Genügsame im freien Genuss seines Geistes und seiner Tätigkeit glücklich. In solchem Sinn schrieb er damals an seinen Freund Moser: „Ich bin jetzt, wonach ich mich so gesehnt habe, in Weimar, und wähne in Griechenlands Ebenen zu wandeln. Der Herzog ist ein vortrefflicher Fürst, ein wahrer Vater der Künste und Wissenschaften, von denen ich hier auch keine einzige verwaist getroffen habe, du müsstest denn das steife Zeremoniell der Höfe in die ernste Reihe der Künste und Wissenschaften aufnehmen wollen. Du kennst die Männer, auf welche Deutschland stolz sein kann: Einen Herder, Wieland und andere; und eine Mauer umschließt mich jetzt mit ihnen. Wie viel Treffliches hat nicht Weimar! – Ich denke hier, wenigstes im Weimarschen, mein Leben zu beschließen, und endlich einmal ein Vaterland wieder zu erhalten.“

   Außer mit Wieland und Herder, war Schiller allmählich noch mit manchen interessanten Männern in eine Verhältnis gekommen. So genoss er zuweilen einen heiteren Abend mit Ridel, dem Erzieher des Kronprinzen, und mit Friedrich Schulz, Verfasser einiger prosaischer Schriften. Ein wöchentlicher Club, wo er mitunter eine Partie Whist spielte, zog ihn von seinen angestrengten Arbeiten ab und brachte einige Abwechslung in sein einförmiges Schriftstellerleben. Bode, Bertuch, Corona Schröter fanden sich hier mit anderen gebildeten Personen zusammen. Auch führte er, wie Caroline von Wolzogen erzählt, mit dem Geheimrat Schmidt1), der viel Anteil an der Literatur nahm und früher mit Klopstock in Verbindung gestanden hatte, oft interessante Gespräche über Richardsons Clarissa, welche dieser, wie Schiller selbst, sehr hoch hielt.

   Aber bei all’ diesem Umgang fehlte ihm etwas Bedeutendes, das er nicht entbehren konnte, wenn er sich glücklich fühlen sollte, – gemütliche Anregung. Vielleicht mit dem einzigen Wieland mochte ein Herzensverkehr möglich sein; aber von ihm war er eigentlich doch noch mehr durch den Abstand seiner Empfindungsweise und Lebensansicht, als den der Jahre, getrennt. In dieser Hinsicht musste er den Unterscheid Weimars von Dresden, wo ihn die innigste Freundschaft erquickt hatte, lebhaft fühlen. Der ganze Weimarsche Gesellschaftston wollte ihn nicht ansprechen. Hatte er schon früher geurteilt, dass „die Kursachsen nicht die liebenswürdigsten unter den Sachsen seien“, so konnte er in einem Brief an Schwan aus dieser Zeit, worin er doch alles mögliche Gute hervorhebt, von den Weimaranern nicht mehr rühmen, als dass sie „eine leidliche Menschenart“ seien; und er fügte wehmütig bei: „Die Schwaben sind doch ein liebes Volk das erfahre ich je mehr und mehr, seitdem ich andere Provinzen Deutschlands kennen lernte.“ Bei allem Interesse an der Literatur, welches man zur Schau trug, und bei aller von den vorzüglichsten Geistern ausströmenden Bildung war der gesellschaftliche Ton in Weimar mehr verneinend und absprechend, als belebend und anerkennend. Ein unbehaglicher Geist der Reflexion und Kritik hielt die Gemüter befangen. Schiller aber sehnte sich, je mehr er sich selbst damals von diesem Geist umstrickt und gelähmt fühlte, umso inniger nach der unmittelbaren, unverfälschten Natur und den lauteren Aussprüchen schöner Menschlichkeit. Sein guter Genius sorgte dafür, dass diese Sehnsucht befriedigt wurde.

Ü   Þ


1) An seine Tochter richtete er damals einige Verse, eine Widmung des Don Carlos, welche in meinen Supplem. Zu Sch. W. II, 263 mitgeteilt sind. ­

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de