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Drittes KapitelProfessur und Lebensverhältnisse in JenaSchiller war noch nicht dreißig Jahre alt, als er, nach zweijährigem Aufenthalt in Weimar und Rudolstadt, sein akademisches Lehramt in Jena antrat. Hatte Jena schon früher zu den berühmtesten Universitäten Deutschlands gehört, so war es besonders nicht lange vor Schillers Ankunft eine lockende Stätte für wissenschaftliche Wallfahrten geworden. Seitdem der Schwiegersohn Wielands, der junge Reinhold, hier als Prophet des neuen philosophischen Evangeliums seinen Sitz aufgeschlagen hatte (1787), durfte es mit jedem Jahr kühner gegen Göttingen in die Schranken treten; die anderen deutschen Universitäten wichen in den Hintergrund zurück. Die Anzahl tüchtiger, strebsamer, meist jüngerer Professoren mehrten sich fortwährend, der Geist zog den Geist an1). Und neben den Männern fehlte es nicht an schönen, Kunst liebenden und gern poetisch schwärmenden Frauen. In dem geselligen Leben zeigte sich eine große Mannigfaltigkeit von Sitten und Persönlichkeiten. Man konnte kaum eine größere Verschiedenheit in Manier, Kleidung, wissenschaftlicher und sittlicher Kultur antreffen, als in Jena. Die grellsten Kontraste bestanden nebeneinander, und es war einem jeden freigestellt, zu erscheinen und zu handeln, wie er es für gut fand, solange er nur nicht die Gesetze der Gesellschaft mutwillig mit Füßen trat. Von den gemeinsten und rohsten Manieren bis zur großstädtischen Überverfeinerung in Sitte und Kleidung, von der beschränktesten Betrachtung der Wissenschaft eines Privatdozenten bis zum freisten überblick und zur heitersten Lebensansicht des Weltmannes – für diese ganze Reihe von Lebensformen konnte man in Jena Repräsentanten finden. „Die akademische Jugend war froh bis zur Ausgelassenheit und ohne Ahnung außer dem Gebiet ihrer Studien und ihres Humors liegender Aufgaben; eben diese Negation des Politischen kam der Laune zustatten; es war harmlose Heiterkeit, es war Poesie darin. In der Unbekümmertheit um äußerliche Eleganz aber blieben die akademischen Lehrer hinter den Zuhörern wenig zurück, man lebte dem Geist ohne alle Normalformen der Konvenienz. Ebenso unbefangen war man in kirchlichen Angelegenheiten. Hier galt in Jena, gleichwie in Weimar, eine nur wenig beschränkte Toleranz. Im Gegensatz gegen den preußischen Obskurantismus der Wöllnerschen Zeit war man mit Herz und Zunge froh, im Licht der Freiheit des Gedankens zu verkehren2).“ So war die geistige Atmosphäre, in die jetzt unser Schiller trat. Bei Reinhold, Paulus, Griesbach, Schütz und anderen Männern konnte er auf einen freundschaftlichen Empfang hoffen. Bei der akademischen Jugend aber durfte er beinahe auf so viele Verehrer rechnen, als die Universität lebenskräftige Jünglinge zählte. Er, der jetzt noch der Liebling der gesamten Jugend ist, war damals ihr Abgott. Alle Verhältnisse schienen sich ihm günstig zu stellen – wenn er nur selbst ein besseres Herz zu seinem Beruf hätte fassen können. Er erkannte in seinem Innersten eine ganz andere Bestimmung, so dass es ihm bei Übernahme seines Lehramtes unmöglich wohl zumute sein konnte. Daher auch die Worte: „Nun muss ich mich Hals über Kopf beeilen, dass ich mich für meinen Beruf (Gott verzeih’ mir’s!) auch tüchtig mache.“ Indes überraschte ihn der Anfang der Vorlesungen, die er gegen Ende Mais eröffnete3), beinahe unvorbereitet, denn die ersten Wochen gingen mit Besuchen und Einrichtungen hin. Er las im ersten Semester wöchentlich zweimal, Dienstags und Mittwochs, abends von sechs bis sieben Uhr, und zwar über alte Geschichte bis zu Alexander dem großen. So blieben ihm fünf volle Tage zur Vorbereitung und zu schriftstellerischen Arbeiten. Später hielt er auch Vorlesungen über die Geschichte der europäischen Staaten und der Kreuzzüge. Ein so rauschender Beifall, wie vielleicht keinen zweiten akademischen Lehrer seiner Zeit, wurde unserem neuen Dozenten zu Teil. Gegen vierhundert Studierende strömten in das Griesbachsche Auditorium, wo er las. Und hier zeigte sich sogleich, was für eine Gewalt die bloße Gegenwart einer hohen Persönlichkeit auf jugendliche Gemüter übt. Es war nämlich damals die rohe Gewohnheit, dass der Professor beim Anfang des Lehrkursus mit allgemeinem Stampfen empfangen wurde, was für ein Zeichen des Beifalls galt, wogegen sich as Missfallen durch Scharren mit den Füßen kund gab. Aber für Schillers hohen Wert war das Gefühl der Achtung so tief, dass ihn das überfüllte Auditorium ohne jene pöbelhafte Beifallsbezeugung mit der größten Stille empfing. Eine Auszeichnung, welche später auch anderen hoch geachteten Professoren widerfuhr, die sich dadurch nicht wenig geschmeichelt fühlten. Über die Antrittsrede, womit Schiller seine Vorlesung auf die würdigste Weise eröffnete, wird später die Rede sein. Von diesen Vorlesungen überhaupt aber wird uns berichtet, sie hätten sich durch Kraft, Feuer und lichtvolle Ideen ausgezeichnet, aber sie seien zu pathetisch und rhetorisch gewesen, wodurch die lückenhaften Kenntnisse des Redners nicht hätten verhüllt werden können. Man habe überall gesehen, dass selbst das Beste, was er vorzutragen hatte, vielleicht erst seit gestern erworben war. Alles sei noch zu frisch gewesen, und es habe überall die Sicherheit eines festen, positiven Wissens gefehlt4). Doch junge Leute fühlen sich schon befriedigt, wenn sie nur angeregt und ergriffen werden, wobei es ihnen auf eine ängstliche Genauigkeit des Wissens nicht so viel ankommt. Am anregendsten aber unterrichtet häufig der Lehrer, dem die Sache selbst noch neu und frisch ist. Sein Ringen mit dem Gegenstand entzündet ein ähnliches Ringen in den Zuhörern. Besonders aber war damals die Richtung der Geister, zumal unter der Jugend, durch die große Aufregung, welche die kritische Philosophie und bald auch die unerhörten Zeitereignisse zu äußern begannen, überwiegend philosophisch und reflektierend geworden. Die nackte historische Wahrheit galt wenig im Gedankensystem der Menschen. Wie mussten bei einem solchen Zeitgeschmack Schillers historische Vorlesungen entzücken! Mochten auch Ungewohnheit im öffentlichen Sprechen, eine etwas unangenehme Stimme und der schwäbische Dialekt einige Hindernisse in den Weg legen, so mussten doch seine belebten, ideenreichen Vorträge in hohem Grad anziehend sein, und waren vielleicht damals in ihrer Gattung etwas ganz neues. Nach den drei aus diesen Vorlesungen gedruckten Aufsätzen zu urteilen, von denen wir später noch sprechen werden, möchten seine Zuhörer auch wenig Recht gehabt haben, sich über zu viel Rhetorik zu beschweren; denn sie sind viel einfacher und schmuckloser abgefasst, als seine übrigen, ursprünglich für den Druck bestimmten historischen Schriften. Im Ganzen aber hat er ohne Zweifel die Gabe des Kathedervortrags wenigstens nie in dem Grad erlangt, als er das Talent des freien wissenschaftlichen Gesprächs mit Freunden besaß. Zu dem ungewöhnlichen Beifall, den er als Dozent genoss, kamen angenehme gesellige Verhältnisse, die ihm seine Existenz verschönerten. „Mit dem Griesbachschen Haus“, schreibt er, „bin ich jetzt sehr in Verbindung; ich weiß nicht, wodurch ich mir den alten Kirchenrat gewogen gemacht habe; aber er scheint es mit mir wohl zu meinen, und über wissenschaftliche Dinge spreche ich gern mit ihm. Sonst habe ich mich hier noch ziemlich gut, und mit dem Schützschen und Reinholdschen Haus lebe ich noch in den Flitterwochen, und lasse mir schöne Dinge sagen. Einige unter den Professoren interessieren mich, und ich denke gut und leicht mit ihnen zu leben.“ So fühlte er sich in Jena bald über Erwarten behaglich, glücklicher, als an irgendeinem Ort, wo er bisher gelebt hatte. Dazu kam das bisher unbekannte, beruhigende Gefühl, endlich eine bleibende Stätte und in einem größeren Vereine eine gedeihliche Wirksamkeit gefunden zu haben. „Ich schöpfe Vergnügen aus dem Gedanken“, schreibt er in diesem Sinn, „dass ich hier zu Hause bin; und ich hänge auch mehr mit der Welt zusammen, die mich umgibt, weil ich hier zu einem Ganzen gehöre. Jeder Besuch von jungen Leuten oder Professoren, jede andere Gelegenheit, in die ich dadurch verwickelt werde, bringt diesen Gedanken zurück und erneuert dieses für mich neue Vergnügen.“ Mit seinen Rudolstädter Freundinnen stand er unterdessen in einem fortwährenden Briefwechsel, und nur das schmerzte ihn in seiner neuen Lage, dass er verhindert war, so viele und lange Briefe zu schreiben, wie in Weimar, dass seine Gedanken nicht mehr so ungestört bei der Geliebten weilen konnten. Er fühlte das Einengende einer bestimmten Lebenstätigkeit, welchem Zwang sich sein Genius mit Widerstreben unterwarf, wie Pegasus dem Joch. 1)
Vergl. Weimars Musenhof, von Wachsmut (1844) S. 95 u.f.
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