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Homepage Literatur Schiller, Friedrich Biografien Hoffmeister - Schillers Leben Vorwort Inhalt 1. Teil 2. Teil 1. Kapitel 2. Kapitel 3. Kapitel 4. Kapitel Abfall der Niederlande Antrittsrede in Jena Drei historische Abhandlungen Memoiren Vorrede zur G. Malteserordens Geschichte 30-j. Krieges Denkwürdigkeiten Vieilleville Schiller als Historiker 5. Kapitel 6. Kapitel 7. Kapitel 8. Kapitel 9. Kapitel 10. Kapitel 3. Teil |
Viertes KapitelHistorische ArbeitenNachdem wir unseren Freund an seinen neuen Wohnort, in seine Amtstätigkeit als Professor der Geschichte und in die dortigen Lebensverhältnisse eingeführt haben, scheint hier der angemessenste Ort zu sein, die in Jena geschriebenen, und größtenteils mit jener Amtstätigkeit zusammenhängenden historischen Aufsätze und Werke der Reihe nach kurz zu charakterisieren und daran eine allgemeinere Charakteristik des Geschichtsschreibers zu schließen. Vorher müssen wir jedoch noch das historische Werk, welches ihm den Weg zu seiner neuen Bestimmung gebahnt hatte, „die Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande“, nebst einigen Beilagen betrachten. Dieses Werk, für welches Schiller so große Vorbereitungen und so gründliche Studien gemacht, konnte endlich zur Michaelismesse 1788 erscheinen. Mit ihm hatte Schillers Leben einen neuen üppigen Schössling getrieben, nach welcher Richtung jetzt eine geraume Zeit seine besten Kräfte hinflossen. Wenn uns erzählt wird, dass der Verfasser es zum Teil in Volkstädt in der beglückenden Nähe seiner Freundinnen ausgearbeitet habe, und dass diesen die einzelnen Abschnitte frisch vorgelesen worden, so erklärt sich schon hieraus die Innigkeit und Wärme, welche uns aus manchen Partien anhaucht. Unser Herz wird beim Lesen milde und menschenfreundlich angeregt, wie sein Gemüt durch die Liebe beim Schreiben gestimmt war. Indes zog das Werk seine Hauptnahrung aus Schillers Freiheitsprinzip, nicht aus jenen zarteren Gemütsstimmungen. Den hoch geschwollenen Storm seiner politischen Ideen leitete er nun aus dem Drama in die Geschichte – aus der Tragödie der Bühne in die Tragödie des Lebens. Dem Riesenkampf des Menschengeistes, welchen Kampf er bisher dichtend aus seiner eigenen Seele gesponnen, spürte er jetzt in der Geschichte nach; die hohe Gestalt der Freiheit ist es, die überall im Hintergrund dieses historischen Gemäldes steht. Der Verfasser bezeichnet selbst in der Einleitung diesen Gesichtspunkt als denjenigen, aus dem er seinen Gegenstand bearbeitet hat und betrachtet wissen will. Und in der Tat ist auch das ganze Gemälde unter den Gesichtspunkt der Freiheit im Kampf mit der Tyrannei gestellt. Die Charakterschilderungen, die Erzählung der Begebenheiten, die Wahl der Behandlung des Stoffes, die vielen eingestreuten Bemerkungen – alles blickt nach diesem einen Ziel hin. Überall kommt er auf diese Grundidee seines Werkes zurück und holt auch die Erklärungsgründe der Tatsachen so viel als möglich aus demselben Prinzip. An hundert Stellen macht er Opposition gegen das Priestertum, gegen die Inquisition, gegen das Mönchswesen, gegen den politischen Despotismus, gegen jegliche Willkür, und nimmt überall in Schutz die Heiligkeit der Gesetze, die unantastbaren Rechte des Menschen, die heiligen Gefühle der Natur, die freieste Beweglichkeit der Individuen im Gegensatz gegen die abstrakte Einförmigkeit des Staatsmechanismus. Aber der vorgesetzte Zweck und die beabsichtigte Wirkung wurden nicht erreicht, weil diese Revolutionsgeschichte leider ein Fragment geblieben ist. Während die „Einleitung“ sich andeutend über das Ganze verbreitet, beschränkt sich die darauf folgende Erzählung selbst auf die vorbereitende Epoche der eigentlichen Geschichte. Das Fragment endigt nämlich mit der Abdankung Wilhelms von Oranien, mit dem Verfall des Geusenbundes und der Gründung von Albas blutiger Herrschaft; und zwei Beilagen sind zugegeben, von denen uns die eine die Verteidiger der Freiheit, die Grafen Egmont und Hoorn, auf dem Schafott zeigt, während wir in der anderen die Stadt Antwerpen der Übermacht des Prinzen von Parma erliegen sehen. Schiller führt also seine Darstellung gerade bis zum scheinbaren Untergang der guten Sache. Das Beil des Henkers über dem Haupt eines Menschen, der einige Augenblicke von bürgerlicher und religiöser Freiheit zu träumen gewagt – das ist das Bild der niederländischen Nation, mit dem uns der Geschichtsschreiber entlässt. Dazu kommt, dass wir zur Sache selbst nicht einmal ein rechtes Herz fassen können, wenn wir die Wut, den Unbestand und Kleinmut des Volkes, wenn wir das planlose, uneinige Verfahren der Mitglieder des Geusenbundes, dieser „Vortänzer“ der Freiheit, mit dem nüchternen Blick betrachten, wie Schiller uns diese Dinge darstellt. Denn er ist weit entfernt, dass ihn seine Begeisterung für eine Sache zum parteiischen Urteil näher die Anhänger derselben verführte. Diese Begeisterung aber, von welcher er selbst durchglüht ist, will der Schriftsteller auch im Leser entzünden. Wenn also andere Historiographen möglichst objektiv zu sein sich bemühen, so erfüllt der unsrige seine Darstellung mit seiner eigenen Seele. Er pflanzt das Geschichtliche in die Sphäre seiner eigenen Weltanschauung und lässt es hier ein neues Leben gewinnen. Die Begebenheiten werden hierdurch im Ganzen nicht verfälscht, aber sie erscheinen doch eigen beleuchtet, veredelt, anders gestellt. Zwar kann uns eigentlich jede Geschichtsdarstellung nur ihres Verfassers Ansicht der Geschichte vorführen; dieser gibt uns nie unmittelbar die Sache, sondern nur das Bild der Sache, welches tausendfach abhängig von der Beschaffenheit der Seele, die es aufnahm, und darnach eigentümlich gestaltet ist. Aber unser Geschichtsschreiber geht weiter. Er will, seiner eigenen Erklärung nach, die erhebenden Empfindungen, in welche er selbst durch die niederländische Geschichte versetzt worden, weiter verbreiten; auch andere will er an denselben Anteil nehmen lassen. Hierdurch musste sich der ursprüngliche Charakter der Geschichte selbst noch mehr verändern. Jetzt hat der Geschichtsschreiber nicht mehr allein die Sache, sondern er hat fortwährend hauptsächlich den Leser im Auge. Und wird die Sache selbst nicht eigentlich als ein Mittel gebraucht für eine zu erzielende Wirkung? Die Tatsachen selbst verlieren hierdurch von ihrem heiligen Ansehen und werden willkürlicher behandelt. Diejenigen, welche dem Zweck am besten dienen, werden in den Vordergrund gestellt; die anderen müssen sich fügen, oder, wenn sie dazu zu spröde sind, geschieht ihrer nur kurze Erwähnung oder sie werden ganz verschwiegen. Es kann nicht fehlen, dass durch dieses Streben, für gewisse Ideen zu begeistern, die Darstellung ein rhetorisches Gepräge erhält, wie dieses besonders in der Einleitung und etwa im ersten Drittel des vorliegenden Werkes stark hervortritt. Im Verlauf der Erzählung überlässt sich Schiller dem Strom der Begebenheiten, und wie seien Persönlichkeit und seine Ansichten sich mehr unserem Blick entziehen, so merken wir auch weniger die Absicht des Geschichtsschreibers, unsere Meinungen und unser Empfindungsvermögen zu bestimmen. Dieser rednerischen Kraft und Wärme verbindet sich dann und dient zum Teil die poetische und künstlerische Gestaltung. Konnte er sich nicht enthalten, das sittlich-politische Interesse, von dem er bewegt war, einfließen zu lassen, wie hätte er die Ansprüche, welche Einbildungskraft und Schönheitssinn an jede seiner Arbeiten machten, zurückweisen können? Er selbst setzte, wie wir aus dem Ende der Vorrede ersehen, den eigentümlichen Vorzug dieses Werkes in seine geschmackvolle Form. Wenn sich auf diese Weise Schillers sittliche Kräfte und poetisches Talent ins einen historischen Darstellungen ins Spiel setzten, so beteiligte sich auch durch eine weit eingreifende pragmatische Behandlung des Stoffes sein durchdringender Verstand. Nicht leicht möchte ein anderer Historiker überall so sehr darauf ausgehen, dem ursachlichen Faden, welcher durch das Herz der Dinge geht und sie aneinander bindet, auf die Spur zu kommen; keiner sucht so durch die trügerischen Erscheinungen in das dauernde Wesen der Begebenheiten einzudringen. Alle Lebenselemente Schillers – seine sittlichen, poetischen und intellektuellen Anlagen – ergossen sich also beinahe ebenmäßig in dieses Werk. Zu leugnen ist aber nicht, dass die Fülle des Gehalts, welche Schiller durch alle Kanäle seines Geistes in sein Werk leitet, das Tatsächliche oft überwuchert und beinahe erdrückt, dass die Einbildungskraft mit den Gegenständen ein zu freies Spiel treibt und sie aus eigenem Fond zu sehr bereichert, und dass endlich viele Erklärung nicht aus dem speziellen Begebenheiten, sondern aus allgemeinen Ansichten des Verfassers hergenommen sind. Aus dem Gesagten möchte es einleuchtend geworden sein, dass Schiller sein erstes historisches Werk nicht anders schreiben konnte, als er es wirklich schrieb. Wie er in seinen ersten Dramen übersprudelte, so legte er in sein erstes Geschichtswerk eine Überfülle des Gehalts aus sich selbst. Die Geschichte war ihm noch nicht anderes, als ein Werkzeug, an dem er die Wahrheit seiner bisher bloß poetisch gestalteten Ideen nun in der Wirklichkeit prüfte; und wie sich durch seine historischen Vorstudien philosophische Gedanken ziehen, so leitete er diese jetzt auch durch sein Geschichtswerk. Die Rechte der Geschichte konnten noch nicht überall geschont werden, weil er sich gedrungen fühlte, vor allem die jenen bisweilen widerstrebenden Rechte seiner eigenen Natur geltend zu machen. In dieser Darstellung sind alle Tugenden enthalten, die den historischen Stil Schillers charakterisieren, aber es fehlt noch das schöne Maß der Vollendung. Wie aber die Dramen der ersten Periode an Feuer alle späteren übertreffen, so kommen die folgenden historischen Schriften dieser ersten an Lebendigkeit nicht gleich. Von den beiden Beilagen zu dem Abfall der vereinigten Niederlande erschien die erste im Jahre 1789 in der Thalia unter dem Titel: „Des Grafen Lamoral von Egmont Leben und Tod.“ Den Abschnitt, welcher über Egmonts Leben handelt, ließ der Verfasser später, um sich nicht zum Teil zu wiederholen, wegfallen1), und verändert darnach die Überschrift in folgende: „Prozess und Hinrichtung des Grafen von Egmont und von Hoorn.“ Wir können diese Verstümmelung einer selbstständigen Darstellung zu einem sekundären Bruchstücke nur bedauern. Der Aufsatz ist ein höchst gelungenes und anziehendes biografisches Gemälde, ebenso anspruchslos und natürlich geschrieben, wie der Verbrecher aus verlorener Ehre. Die andere Beilage: „Die Belagerung von Antwerpen durch den Prinzen von Parma in den Jahren 1584 und 1585“ ist erst im Jahr 1795 geschrieben, und aus den Horen genommen. Als Herausgeber dieser Zeitschrift kam er oft wegen Mangels an Manuskripten in Verlegenheit, und so verfasste er damals diesen Aufsatz, um, wie er an Goethe schrieb, in der Geschwindigkeit etwas für das vierte Stück der Horen zu schaffen. Eine solche Arbeit kam ihm nach seinen damaligen philosophischen Beschäftigungen sehr leicht vor. Auch diese kleine abgerundete und spannende Schilderung ist nach Schillerscher Weise unter einen kosmopolitischen, denn seine Weltbetrachtung war damals weiter und freier geworden. Die Grundidee ist aus dem speziellen Ereignis selbst geschöpft. Die Darstellung zeigt (in der Person des Prinzen von Parma), wie der menschliche Erfindungsgeist durch Klugheit, Entschlossenheit und standhaften Willen über ein mächtiges Element obsiegt, und wie im Gegenteil der Mangel dieser Eigenschaften (bei den Belagerten in Antwerpen) alle Anstrengungen des Genies (eines Gianibelli) vereitelt, alle Gunst des Zufalls fruchtlos macht und einen schon entschiedenen Erfolg vernichtet. Diesen beiden Beilagen fügen wir noch eine Erzählung bei, welche Schiller zuerst in den Deutschen Merkur einrücken ließ: „Herzog Alba bei einem Frühstück auf dem Schloss zu Rudolstadt, im Jahr 1547.“ Ohne Zweifel wurde Schiller durch seinen Aufenthalt in Rudolstadt zur Bekanntmachung dieses Vorfalls veranlasst. Er wollte vielleicht der fürstlichen Familie, die ihn hoch schätzte, etwas Freundliches und Angenehmes sagen. Daher erinnert er auch gleich im Anfang an den Heldenmut dieses Hauses, welches dem deutschen Reich einen Kaiser (Günther von Schwarzburg) gegeben habe. 1) Mitgeteilt in meinen Supplementen zu Schillers Werken IV, 401 u. ff. |
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