Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Hoffmeister - Schillers Leben

            Vorwort
            Inhalt

            1. Teil
            2. Teil
               1. Kapitel
               2. Kapitel
               3. Kapitel
               4. Kapitel
               5. Kapitel
               6. Kapitel
               7. Kapitel
               8. Kapitel
               9. Kapitel
                  Überdruss an der Spekulation
                  Fichte
                  Rückkehr zur Poesie
                  Der Musenalmanach
                  Schiller begr. Dichtweise...
                  Über naive und sent. Dichtung
                  Über den Gebrauch...
               10. Kapitel
                  Schiller als phil. Schriftsteller
                  Rückblick
            3. Teil

Über naive und sentimentale Dichtung

   Aus diesen Gedanken erwuchs ihm nach und nach die berühmte Abhandlung „Über die naive und sentimentalische Dichtung“, ohne dass er am Anfang selbst den ganzen Umfang seiner Ideenbewegung überblickt zu haben scheint. Denn er wollte anfangs nur einen kleinen Aufsatz über das Naive schreiben, der sich ihm allmählich zu der Frage erweiterte: „In wie fern kann ich bei meiner Entfernung von dem (naiven) Geist der griechischen Poesie noch Dichter sein, und zwar besserer Dichter, als der Grad jener Entfernung zu erlauben scheint1)?“ So wurde er also zur Rechtfertigung der „sentimentalischen“ (modernen) Dichtung getrieben. Er wandte sich aber von der poetischen Produktion umso lieber noch einmal zur prosaischen Darstellung zurück, weil ihm die oben erwähnte erschöpfende Anstrengung beim Produzieren einen Wechsel in der Arbeit wünschenswert machte.

   Dass wir den Ursprung dieser in der Ästhetik Epoche machenden Abhandlung richtig angegeben haben, möge uns eine Äußerung Goethes2) bezeugen: „Der Begriff von klassischer und romantischer Poesie, der jetzt über die ganze Welt geht, und so viel Streit und Spaltungen verursacht, ist ursprünglich von mir und Schiller ausgegangen. Ich hatte in der Poesie die Maxime des objektiven Verfahrens, und wollte nur diese gelten lassen. Schiller aber, der ganz subjektiv wirkte, hielt seine Art für die rechte und um sich gegen mich zu wehren, schrieb er den Aufsatz über naive und sentimentalische Dichtung. Er bewies mir, dass ich selbst wider meinen Willen romantisch sei, und meine Iphigenia, durch das Vorwalten der Empfindung, keineswegs so klassisch und antik sei, als man vielleicht glauben möchte. Die Schlegel ergriffen die Idee und trieben sie weiter, so dass sie sich denn jetzt über die ganze Welt ausgedehnt hat, und nun jedermann von Klassizismus und Romantismus redet, woran vor fünfzig Jahren niemand dachte.“ Und auf ähnliche Weise urteilt Goethe in dem „Einwirkung der neueren Philosophie“ überschriebenen Aufsatz3).

   Bei der neuen Geistesrichtung, in welche Schiller bereits eingetreten war, und bei dem praktischen Zwecke, der ihm vorschwebte, musste er in dieser Schrift sich mehr ins Weite ausbreiten, als in die Tiefe der Spekulation hinabsteigen. Es musste ihm mehr um die Anwendung, um die Beurteilung fremder poetischer Erzeugnisse, und um die Rechtfertigung seiner eigenen Dichtungsweise, als um die Ergründung des Wesens und Zwecks der Dichtkunst zu tun sein. So brachte er zur Abfassung eines lebenvollen Gemäldes alle Bildung der Philosophie mit, ohne die Leser durch deren abstrakte Formeln abzuschrecken, wie er es zum Teil durch seine bisherigen Horenaufsätze getan hatte. Kein größerer Aufsatz ist so frei von der Kantschen Schule, als dieser; in keinem erscheint uns der eigentümliche Geist, die Seele seines Urhebers so geläutert, als hier.

   Als die Aufgabe der Poesie und jedes Dichters wird in der Schrift folgende bezeichnet: „Der Menschheit ihren möglichst vollständigen Ausdruck zu geben.“ Diese Aufgabe kann auf doppelte Weise gelöst werden. Entweder ist jenes vollendete Ganze der Menschheit, jener Zusammenklang der sinnlichen und geistigen Kräfte, durch eine Gunst der Natur ursprünglich schon in dem Dichter vorhanden; oder der Dichter sucht jene durch die Kultur in ihm aufgehobene Harmonie zwischen Sinn und Vernunft auf moralischen Wege wieder herzustellen. Die aus dem Ganzen der menschlichen Natur entspringende Dichtung nennt Schiller die naive, die antike, die Naturdichtung, die durch eine moralische Idee vermittelte heißt er die sentimentalische, moderne, die Idealdichtung. Die Feststellung dieser Unterscheidung und die Charakterisierung beider Dichtungsweisen ist der Zweck und Hauptinhalt der ganzen Schrift.

   Zur Begründung dieses Unterschiedes zieht der Verfasser seine ganze Ansicht über die Natur im Gegensatz zur Kultur herbei, wie diese Ansicht allmählich aus der Grunddifferenz, in welcher er und seine ideale Welt von Anfang zu dem wirklichen äußern Leben stand, durch Empfindung und Nachdenken klar in seinem Bewusstsein sich ausgebildet hatte. Er unterscheidet aber die wahre, reine, echt menschliche Natur, wie sie sich bei den Griechen zeigt (welche eben in einem schönen Gleichgewicht der vernünftigen und sinnlichen Kräfte besteht), und die rohe, oder, wie er sie auch nennt, die wirkliche, die bloße Natur voneinander. Indem er nun jenen (hellenischen) Zustand gleichsam als etwas Primitives annimmt, behauptet er, dass uns die Kultur von der Einfalt, Unschuld und Notwendigkeit der Natur abgeführt habe, und dass sie uns zu eben derselben mit Bewusstsein am Ende wieder zurückführen müsse. Zuerst sei der Mensch eins gewesen, die Kunst habe ihn getrennt und entzweit, durch das Ideal kehre er zur Einheit zurück.

   Überall aber, wo die Natur mit der Kunst im Kontrast stehe und sie beschäme, habe die Natur den Charakter des Naiven. Das Naive zeige sich daher, teils wider Wissen und Willen der Person, teils mit völligem Bewusstsein derselben, in großen und vielen Gebieten, bei Kindern, bei genialen Männern, bei großen Menschen jeglicher Gattung, in Worten, in der Schreibart, in Bewegungen, in Handlungen, im Umgang; ja wir fänden sogar ein Analogon dieser naiven Denkart in der äußeren Natur, zu deren still schaffendem Leben, ruhigem Walten, innerer Notwendigkeit, ewiger Einheit, wir uns mit schmerzlichem Verlangen aus den Drangsalen der Kultur zurücksehnten. Nachdem Schiller das Naive in allen diesen Sphären treffend geschildert, und besonders durch die Charakterisierung dieses moralischen Interesses an der Natur, wenn ich so sagen darf, den feinen, zarten Fühlsinn seines Herzens auf eine bezaubernde Weise bewährt und nachdem er endlich nachgewiesen hat, warum nur die Neueren und nicht die alten Griechen, diesen innigen Anteil an der Natur nehmen, geht er zu seinem Hauptgegenstand über. Die echt menschliche Natur kann nämlich auch in dem Dichter vorhanden und wirksam sein, und hierdurch entsteht die naive Dichtung. Lebt dagegen der Dichter in einem sich kultivierenden Zeitalter, und hat er schon an sich selbst den zerstörenden Einfluss willkürlicher oder künstlicher Formen erfahren, oder doch mit ihm zu kämpfen gehabt, so kann er jene schöne Natur nur suchen; die vollendete Menschheit ist nicht mehr in ihm, sie schwebt ihm nur als eine Idee vor, welche er dichtend zu verwirklichen sucht. So entsteht die sentimentalische Dichtung.

   Der naive Dichter rührt uns durch die Natur, durch sinnliche Wahrheit, durch lebendige Gegenwart; der sentimentalische entzückt uns durch Ideen. Das Subjekt des naiven Dichters geht gänzlich in seinem Objekt unter; der sentimentalische lässt seine eigene Person mit ihren Empfindungen und Betrachtungen häufig in den darzustellenden Gegenstand einfließen. Der naive Dichter ist mächtig durch die Kunst der Begrenzung, der sentimentalische durch die Kunst des Unendlichen. Jener besitzt eine Überlegenheit in den Formen und in dem, was sinnlich darstellbar, was körperlich ist; dieser hat einen Vorzug in dem, was man den Geist eines Werkes nennt, und in der Idealität. Jener folgt der einfachen Natur und der Empfindung, indem er als ungeteilte Einheit wirkt; er ist ganz abhängig von der Erfahrung; dieser, in welchem die Einheit durch Abstraktion aufgehoben ist, reflektiert über den Eindruck, den die Gegenstände auf ihn machen, und nur auf jene Reflexion ist die Rührung gegründet, in die er selbst versetzt wird und uns versetzt.

   Die naive Dichtung hat ihrem inneren Wesen nach keine Arten unter sich, weil der Dichter zu seinem Gegenstand nur ein einziges Verhältnis haben kann, und ihr Eindruck immer fröhlich, rein, ruhig ist. Die sentimentalische dagegen beruht auf einer Unterscheidung des Wirklichen und Idealen, weshalb das durch sie erregte Gefühl immer gemischt und anspannend ist. Bei ihr findet daher wegen dieser Mehrheit der Prinzipien und des Vorherrschens einer oder der anderen dieser Empfindungen eine Unterabteilung statt. Die sentimentalische Dichtung wird satirisch, wenn sich der Dichter mit Abneigung mehr an das Wirkliche hält; sie wird elegisch, wenn er sich mit Wohlgefallen mehr an Ideale hält, und zwar entsteht die Elegie in engerer Bedeutung, wenn die Natur und das Ideal ein Gegenstand der Trauer sind, und die Idylle in weiterer Bedeutung, wenn sie ein Gegenstand der Freude sind. Satire, Elegie und Idylle sind demnach die Hauptgestalten der sentimentalischen Dichtung.

   Weiter werden dann die beiden Unterarten der Satire, die strafende und die scherzhafte Satire, charakterisiert, und die Anforderungen auseinandergesetzt, die man an die echte Elegie stellen muss („die erhaben über alles, was die Wirklichkeit aufstellt, nur das Recht hat, über das Unendliche zu trauern“); und endlich wird außer der naiven Hirtenidylle, die das kindliche Alter der Menschheit zu ihrem Gegenstand hat, noch eine sentimentalische Idylle gefordert, welche uns die Ideale darstelle, die der Preis und das Ziel der Kultur seien.

   Die naive und sentimentalische Dichtungsweise können beide entarten; daher folgt noch ein Nachtrag über die Platitude und die Überspannung, die Klippen jener Dichtungsweisen. Zieht man aber sowohl von dem naiven als dem sentimentalischen Charakter alles Poetische ab, so bleibt dort der Realist, hier der Idealist übrig, von welcher Grundverschiedenheit der menschlichen Geistesform in einem in der Kultur begriffenen Jahrhunderte zum Schluss des ganzen Aufsatzes eine höchst durchdachte, tief eindringende philosophische Charakteristik gegeben werd.

   Dies sind ungefähr die Hauptgedanken der inhaltsreichen Schrift, die eigentlich aus mehreren, lose zusammengefügten Aufsätzen besteht.

   Keine seiner Abhandlungen, obgleich sie alle Zweige seiner eigentümlichen Gesinnung und Denkweise sind, hat Schiller so ganz, wie diese seine letzte, aus seinem innern und äußeren Leben genommen und auf dasselbe bezogen. Goethe ist zunächst der ihm vorschwebende naive, er selbst ist der sentimentalische Charakter. Und da galt es denn, gegen das poetische Übergewicht seines Freundes seinen eigenen zu verteidigen, und – neben der eigenen sittlichen Hoheit den moralischen Indifferentismus des Freundes zu Ehren zu bringen. Zu diesem letzteren Zweck sucht der Mann weiten Gesichtes und großen Herzens mit einer gewissen Ängstlichkeit, ja mit Misstrauen und Unbilligkeit gegen seine eigene ideale Seelenstimmung alles auf, was zu Gunsten einer edleren realistischen Betrachtung und Behandlung des Lebens gesagt werden kann; und um seine eigene poetische Existenz zu retten, stellt er eine neue Theorie der Dichtkunst auf.

   In jedem aufmerksamen Leser wird die Schrift unauslöschliche Spuren zurücklassen, und wie durch sie der Unterschied zwischen antiker und moderner Dichtkunst zuerst begründet worden ist, so möchte dieser auch später nicht umfassender, scharfsinniger und tiefer erörtert worden sein. Dessen ungeachtet bietet die Art, wie diese Grunddifferenz ermittelt und festgestellt worden ist, manche wissenschaftliche Blößen dar, worüber wir indes, da uns hier der Raum nicht darauf einzugehen gestattet, den Leser auf unsere größere Schrift4) verweisen müssen.

Ü   Þ


1) Schillers Briefwechsel mit Humboldt, S. 258. ­
2) Eckermanns Gespräche mit Goethe, T. 2, S. 203 (2. Aufl.)
­
3) Goethes Werke, Bd. 50, S. 54 f.
­
4) Teil 3, S. 74 bis S. 91.
­

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de