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      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Hoffmeister - Schillers Leben

            Vorwort
            Inhalt

            1. Teil
            2. Teil
               1. Kapitel
               2. Kapitel
               3. Kapitel
               4. Kapitel
               5. Kapitel
               6. Kapitel
               7. Kapitel
               8. Kapitel
               9. Kapitel
               10. Kapitel
                  Schiller als phil. Schriftsteller
                  Rückblick
            3. Teil

Zehntes Kapitel

Schiller als philosophischer Schriftsteller und Prosaiker überhaupt

   Ehe wir nun unseren Freund weiter auf seiner Laufbahn durch den dritten Lebensabschnitt begleiten, müssen wir einige allgemeine Bemerkungen über sein Philosophieren nebeneinander reihen, wodurch wir uns den Weg zu einer tieferen Charakteristik der Schillerschen Prosa bahnen. Hiermit schließen wir billig alles ab, was wir über seine philosophischen und historischen Schriften zu sagen haben, so dass wir es in Zukunft, was seine literarische Tätigkeit betrifft, nur noch mist Schiller dem Dichter zu tun haben werden.

   Zuvörderst bringen wir in Erinnerung, dass Schiller sein spekulatives Interesse auf einen Teil der Philosophie, auf das Moralisch-Ästhetische, beschränkte. Er philosophierte, um im vollen Sinn des Wortes Mensch und Dichter werden zu können. Die Ideen des sittlich guten und des Schönen waren so hervordringend in ihm, dass er nur in ihrem Gebiet forschte, was wahr sei. Eine von der Kalokagathie getrennte Wahrheit hatte für ihn gar kein, oder nur ein vorübergehendes Interesse.

   Und selbst diesen besonderen Teil der Philosophie behandelte er nicht in einem förmlichen Lehrgebäude. Das ist es, was ficht noch an ihm vermisste, wenn er sagte, dass ihm Einheit mangle. Diese Einheit, meinte Fichte, sei zwar in Schillers Gefühlen, aber nicht in seinem System; komme er dahin, und dies hänge allein von ihm ab, so sei von keinem anderen Kopf so viel – es sei schlechterdings eine neue Epoche von ihm zu erwarten. Gelangte aber auch Schiller nicht dahin, ein System aufzustellen, so geht doch wirklich durch alle seine Ansichten eine wundervolle Konsequenz. Es ist die Konsequenz, welche in der Einheit jeder Menschenseele liegt, aber in dem hoch begabten Geist allein hell und voll hervortritt. Weil Schiller philosophierend immer nur sein edel organisiertes Geistesleben interpretierte, seine großartige Weltanschauung erläuterte, und sich immer nur durch sein reines Gefühl und durch seine inneren Erfahrungen führen ließ, so konnte er, wenn er nur bei dieser unmittelbaren Wahrheit des Bewusstseins blieb, beinahe nie in der Sache, sondern höchstens nur in der Begründung der Sache irren, und nur wenn sein Scharfsinn weiter von dieser Quelle jeglicher Wahrheit abschweifte, kann er uns oft nicht mehr genügen. Wir haben gezeigt, in welchem organischen Verband seine philosophischen Abhandlungen zu seinem innersten Leben stehen. Alle seine Aufsätze über das Erhabene und die Tragödie gründen sich auf sein Freiheitsprinzip; die Theorie des Schönen suchte er aus seinem zweiten Lebenselement, der Humanität, zu schöpfen; und seine ganze Dichtungsweise führt er auf die Idealität zurück, ganz so, wie diese sich eigentümlich in ihm gestaltet hatte. Wenn ihm auch Kenntnis fremder Systeme abging, konnte es ihm an Ideen doch nie mangeln; er hatte ja eine ganze Welt auszubeuten! Nicht zu leugnen ist freilich, dass er nach dem Vorgang Kants die Theorie des Erhabenen bei weitem wissenschaftlich genügender ausbildete, als die Lehre des Schönen, wo er als Kants Gegner auftrat, und der Dichtkunst überhaupt, wo er gar keinen Führer mehr hatte. Dessen ungeachtet muss Schiller mit Kant als der Vater der ganzen neueren Ästhetik angesehen werden.

   Indem er beim Philosophieren von Tatsachen seines geistigen Lebens ausgeht, ist seine Methode kritisch und anthropologisch. Aus dem Menschengeist, nicht aus dem Gegenstand will er die Wahrheit entwickeln. Die eigene Empfindung, äußerte er sich1), müsse die Tatsachen hergeben, auf die der Philosoph baue, die weise Natur habe den moralischen Instinkt dem Menschen zum Vormund gesetzt, bis die helle Einsicht ihn mündig mache. Auf diese über alle Reflexion und künstliche Kultur erhabene, unmittelbare Quelle des Wahren, Guten und Schönen kommt Schiller allenthalben zurück, an diese reine Menschheit in uns appelliert er überall. Von daher fließt seiner Philosophie ihr lebendigster Geist und ihr reichster Gehalt zu. Er bestimmt das Verhältnis der Wahrheit zur Wissenschaft durch folgende, für unsere Zeit besonders merkwürdige Worte: „Ehe der Mensch anfängt zu philosophieren, ist er der Wahrheit näher, als der Philosoph, der seine Untersuchung noch nicht beendigt hat. Man kann deswegen ohne alle weitere Prüfung ein Philosophen für irrig erklären, wenn dasselbe, dem Resultat nach, die gemeine Empfindung gegen sich hat; mit demselben Recht aber kann man es, für verdächtig halten, wenn es, der Form und Methode nach, die gemeine Empfindung auf seiner Seite hat. Mit dem Letzteren mag sich ein jeder Schriftsteller trösten, der eine philosophische Deduktion nicht, wie eine Unterhaltung am Kaminfeuer, vortragen kann. Mit dem Ersteren mag man jeden zum Stillschweigen bringen, der auf Kosten des Menschenverstandes neue Systeme gründen will.“

   Indessen hatte Schiller den Menschengeist zu wenig wissenschaftlich studiert, als dass er imstande gewesen wäre, seine Forschungen durchweg anthropologisch zu begründen und der einzig richtigen Methode immer treu zu bleiben. Bisweilen verstieg er sich, bei schwindendem Boden des Tatsächlichen, in unfruchtbare Abstraktionen, und quälte sich, aus allgemeinen Begriffen, wie Form und Inhalt, Notwendigkeit und Zufall u. dgl., bedeutungsvolle Wahrheiten abzuleiten. Hier rächte es sich für einige Zeit an ihm, dass er bloß die Blüte der Philosophie seines Meisters abgepflückt hatte. Daraus ferner, dass er nicht das ganze Gebiet der Philosophie mit sicherem Blick überschaute, und somit nicht imstande war, für jedes Problem seine besondere Stelle aufzufinden, folgte seine Eigentümlichkeit, das Spezielle gern an das Allgemeinste, das Untergeordnete an das Höchste anzuknüpfen, und sooft die Mittelglieder zu überspringen. Es fällt ihm schwer, eine Untersuchung streng innerhalb der Sphäre ihrer Gattung zu halten; er geht beinahe in jeder Abhandlung bis zu den Grundsätzen seiner Philosophie zurück, und will in jedem Aufsatz womöglich seine ganze Weltansicht aussprechen. Doch wirkte zu dieser Eigentümlichkeit auch seine ideale Natur mit, welche gern alles bis zum Allgemeinsten, Notwendigen, Unbedingten emportrieb. Unbefriedigt durchschritt er immer das ganze Reich des philosophischen Wissens, und stand nur an den notwendigen Grenzen der menschlichen Vernunft still.

   Einen großen Einfluss auf seine philosophischen Abhandlungen hatte auch der Umstand, dass er über manches mit sich selbst nicht im Klaren war, wenn er sich zum Schreiben niedersetzte. Der geordnetste Kopf arbeitete gewöhnlich – nach keiner Disposition. Indem er so, wie ein Reisender auf einem noch unbetretenen, unsichern Weg, ohne das Ziel klar im Auge zu haben, mit stets wacher Umsicht und Achtsamkeit vorwärts schritt, und nicht selten auf ganz ungeebnete, hindernisvolle Pfade geriet, hatte er meistens eine mühevolle Reise, und war bisweilen ermüdet, ehe er am Ziel angelangt war. Indessen hat ein solcher Mangel an einem festen Plan auch seine gute Seite. Er gestattet häufige Episoden, wodurch die Aufsätez durch treffende Bemerkungen, durch interessante Ausführungen des Themas in fremde Gebiet hinein bereichert werden, und erlaubt auch beständige Rückblicke zum Prinzip, so dass sich mit jener üppigern Ausbreitung der Gedanken durchweg Tiefe verbindet; wogegen eine planmäßig ausgeführte Arbeit leicht mager und arm wird, und nur in ihrem Fundament, nicht mehr in der Entwicklung desselben tiefsinnig bleibt.

   Wie Schiller alles mit wachem Bewusstsein tat, so legte er sich auch in der Abhandlung über die notwendigen Grenzen beim Gebrauch schöner Formen Rechenschaft über seinen philosophischen Stil ab. Nachdem er hier von dem wissenschaftlichen und populären Ausdruck gesprochen, charakterisiert und verteidigt er unter dem Namen der schönen Diktion seinen eigenen. Sondern wir die in dieser Selbstbeurteilung angegebenen Hauptmomente in ihre Arten, so ergibt sich, dass Schiller zugleich den strengsten rationellen Anforderungen zu genügen, die Einbildungskraft ästhetisch zu beleben, und durch Erweckung des Gefühls zu sittlichen Gesinnungen und Handlungen zu begeistern sucht. Während Goethe alles Gewicht auf die anschauliche Gestaltung legt, ist die Schillersche Diktion aus einem zusammenwirkenden intellektuellen, ästhetischen und rhetorischen Element gebildet. Ein wissenschaftliches Denken, ein poetisches Schaffen, und ein Trieb, auf den Leser auch sittlich zu wirken, sind, nur in verschiedener Weise, die organisierenden Kräfte sowohl seiner Prosa, als seiner Poesie.

   Betrachten wir nun jedes dieser drei Elemente in Besondern, so fließt erstens der logische Charakter seiner Schriften aus der Eigentümlichkeit, selbst die wärmsten Gefühle und lebendigsten Phantasien, ehe er sie ausdrückte, durch sein waches Bewusstsein in Besitz zu nehmen, und alles, was er darstellte, von seinem Denken ausgehen zu lassen. Seine prosaischen Werke werden fast ohne Ausnahme von einem hohen intellektuellen Vermögen getragen. Wir erinnern an den scharf durchdachten Plan im Fiesco und in Kabale und Liebe (wenn es erlaubt ist, die prosaisch geschriebenen Dramen in diese Betrachtung zu ziehen, die sich über Schillers Prosa im Allgemeinen verbreitet), an die fein berechnete Erfindung im Geisterseher, an die Eigenheit, seine Rezensionen, und sogar unbedeutendere Erzählungen unter die Einheit eines allgemeinen Gedankens zu stellen, an jenen Hang in seinen geschichtlichen Darstellungen, die Charakterschilderungen ins Allgemeine zu verarbeiten, das Verschiedenartige und auseinander Liegende in ein Ganzes zusammenzuziehen oder in genialen Überblicken frei zu behandeln, überall allgemeine Reflexionen einzustreuen und die Tatsachen philosophisch zu begründen – kurz an alle die Eigenschaften seiner Historiografie, die aus jenem rationalistischen Grundsatz hervorgehen, dass der Geschichtsschreiber den historischen Stoff aus sich heraus wieder zur Geschichte konstruieren müsse.

   Noch entschiedener zeigt sich Schillers überragende Nationalität in seinen philosophischen Schriften, wo sie nicht allein die Form, sondern auch den Inhalt verschafft. Hier tritt sie vorzüglich in der begriffsmäßigen Bestimmtheit und scharfen Unterscheidung an den Tag. Bei Goethe beruht die Bestimmtheit des Ausdrucks auf ästhetischer Klarheit, auf einer anschaulichen Individualisierung; bei Schiller gründete sie sich vornehmlich auf die Operationen des Erklärens, Einteilens, Beweisens und auf die genaueste sprachliche Bezeichnung dieser Formen. Das Eigentümliche der Schillerschen Verstandeskraft lag vorzüglich in einem ausgezeichneten Distinktionsvermögen, im Scharfsinn. Wo es nur möglich ist, hebt er je zwei fruchtbare Begriffe hervor, die er in jeglicher Weise miteinander vergleich und einander entgegensetzt, und deren Wesen er zu ergründen sucht, indem er alle ihre möglichen Wechselbeziehungen aufspürt. Es könnte ein ganzes System solcher Gegensätze aufgezählt werden; denn Schillers Gedankengang bildete sich, ohne Zweifel auch durch den Widerstreit der Außenwelt mit seinem Innern, wesentlich dualistisch und antithetisch aus, und erst in der dritten Periode möchten sich durch die Versöhnung mit dem Leben diese inneren, auch durch die Kantsche Philosophie verstärkten Gegensätze allmählich ausgleichen. Solche Gegensätze sind unter anderen: Freiheit und Notwendigkeit, Freiheit und Despotismus, Ideal und Wirklichkeit, Natur und Kultur, Vernunft (Pflicht) und Sinnlichkeit, Schönheit und Erhabenheit, Anmut und Würde, Form und Gehalt.

   Diese antithetische Art zu denken und zu empfinden hat auf Schillers ganzen schriftstellerischen Charakter einen großen und wesentlichen Einfluss. Beschränken wir uns hier darauf, diesen Einfluss in seinen prosaischen Schriften zu verfolgen, so muss vor allem auffallen, dass die meisten seiner ästhetischen Abhandlungen nicht über einen Gegenstand, eine Idee, sondern über je zwei Ideen handeln. Alle Aufsätze über das Erhabene sind auf die Gegenbegriffe von Freiheit und Notwendigkeit gegründet; die Abhandlungen über Anmut und Würde, und über naive und sentimentalische Dichtung enthalten die Gegensätze, über welche sie sich verbreiten, schon in ihren Überschriften. War es aber nicht möglich, eine ganze Schrift unter einen solchen Gegensatz zu stellen, so finden sich wenigstens viele einzelne Partien antithetisch behandelt. Hieraus entstehen denn jene kontrastierenden Charakterschilderungen und die unvergleichlich schönen Parallelgemälde, worin Schiller ein einziger Meister ist, z.B. die Charakteristik des Real- und des Idealmenschen2), des philosophischen Kopfes und des Brotgelehrten3), der griechischen und der französischen Tragödie4), die Parallelen der Verwilderung und der Erschlaffung5), des rohen Wilden und des entnervten Weichlings6), usw. Diese dualistische Denkweise zeigt sich aber endlich auch in der Gliederung der Sätze, indem Schiller von der Figur der Antithese, namentlich in seinen unter Kantschen Auspizien geschriebenen Abhandlungen, einen häufigeren und ausgedehnteren Gebrauch macht, als vielleicht irgendein anderer deutscher Schriftsteller. Man kann diese Redefigur in allen ihren Gestalten recht eigentlich bei ihm studieren!

   So viel von dem rationellen Charakter der Schillerschen Prosa. Bei diesem wissenschaftlichen Gedankenausdruck begnügte sich aber unser Schriftsteller nicht. Weil er nicht für eine Kaste schreib, sondern sich stets auf allgemein menschliche Standpunkte stellte, so suchte er seinen Darstellungen durch die Einbildungskraft eine allgemein menschliche Form zu geben. Der strenge Zusammenhang sollte den Schein einer freieren Bewegung gewinnen, und was die Hauptsache ist, das Allgemeine musste durch mögliche Individualisierung anschaulich und lebendig gemacht werden.

   Wodurch brachte er nun dieses zweite Element, das ästhetische, in seine Diktion? Wodurch bewirkte er diesen inhaltsvollen Ausdruck des abstrakt Gedachten? Es geschieht durch den umfassendsten Gebrauch der so genannten rhetorischen Figuren. Goethe bedient sich weit seltener der uneigentlichen Ausdrücke, der Vergleichungen, der mythologischen Anspielungen; auf dem anschaulichen Boden, worauf er steht, wird von selbst jeder Satz zum Bild, und jede Periode ist ein Gemälde. Schiller hat das Allgemeine zum Besonderen, das Ideale zum Realen, das Innere zum Äußeren zu machen, und hierzu bedarf es ungewöhnliche Hilfsmittel. Wie macht er z.B. den Gedanken anschaulich, dass uns das Erhabene über die sinnliche Welt hinwegführe, in welcher uns das Schöne durch seine Reize immer gefangne halten möchte? „Die Schönheit unter der Gestalt der Göttin Calypso“, sagt er, „hat den Sohn des tapferen Ulysses bezaubert, und durch die Macht ihrer Reizungen hält sie ihn lange Zeit auf ihrer Insel gefangen. Lange glaubt er einer unsterblichen Gottheit zu huldigen, da er doch nur in den Armen der Wollust liegt; aber ein erhabener Eindruck ergreift ihn plötzlich unter Mentors Gestalt, er erinnert sich seiner besseren Bestimmung, wirft sich in die Wellen und ist frei.“ Dann wendet Schiller auch, um seinem Ausdruck sinnliche Lebendigkeit zu geben, besonders gern die Zerlegung eines Begriffs in seine untergeordneten Teile an. Indem sich die Einbildungskraft dieser besonderen Vorstellungen bemächtigt, malt sie eine jede zu einem eigenen Bild aus, welche sich unter dem Ganzen eines Grundgedankens vereinigen. Solcher Ideenmalereien finden sich besonders viele in seinen philosophischen Werken, und ihnen entsprechen die allgemeinen Schilderungen in seinen historischen Schriften.

   Man könnte sich leicht diese ganze poetische Gestaltung des begriffsmäßig Erkannten als etwas Erkünsteltes denken. Allein durch Schillers Denkvermögen ergoss sich ursprünglich schon ein frischer Strom des reinsten Lebens, und Bilden und denken war bei ihm unzertrennlich. Weil sein Denken wesentlich von seinem Gefühle, seinem Anschauungsvermögen und den Gebilden seiner Phantasie ausging, so war es ihm nicht schwer, seine Ideen wieder in lebendige poetische Gebilde umzusetzen und hierdurch das ursprüngliche Verbundensein derselben in seinem Gemüt wieder herzustellen. Durch eben diese innere Vereinigung seiner Einbildungskraft mit seinem Denkvermögen erhielt auch seine Phantasie und hierdurch das poetische Element seines Stils ihren eigentümlichen Charakter. Schillers von allgemeinen Vorstellungen getragene Einbildungskraft kann selten zu dem herabsteigen, was im strengsten Wortsinn individuell ist und noch seltener bei diesem lange verweilen. Das Ideenvermögen reißt sie immer schnell wieder ins Große und Weite, und so gewinnt sie an Umfang, was sie an Inhalt verliert.

   Wie nun Spekulation und Poesie, so arbeitete endlich auch sein sittliches Lebenselement an seinem sprachlichen Ausdruck. Es gibt eine doppelte Lebendigkeit der Darstellung, eine objektive, welche aus der Individualisierung entsteht, und eine subjektive („sentimentalische“), welche der Verfasser aus der Innigkeit seiner Gefühle in sein Werk ausströmt. Was nun Schiller an jener ersten Lebendigkeit zurücklassen musste, das suchte er durch die zweite Art der Belebung des Ausdrucks nachzuholen. Alles Warme, Glühende, alles Innige, Rührende, Ergreifende, Erschütternde in Schillers Darstellungen fließt größtenteils aus dieser Quelle. Besonders war in seiner ersten und noch in der ersten Hälfte seiner zweiten Lebensperiode sein jedesmaliger Stoff ganz in seinem Herzen, ja Schiller war dieser Stoff selbst. Deswegen lassen seine Worte solch einen unendlichen, nicht gerade ästhetischen, sondern sittlich menschlichen Eindruck zurück. Aber auch diejenigen seiner Schriften, in denen die objektive Darstellung oder die rationelle Behandlung vorherrscht, nehmen uns durch einen hohen sittlichen Ernst und eine redliche Wahrheitsliebe für sich ein. Niemals behandelt er eine Arbeit als ein leichtes, gleichgültiges Spiel, sondern in jeden Gegenstand legt er das Gewicht seiner Persönlichkeit, und nicht selten zum Nachteil einer gefälligen und anmutigen Form.

   Doch bei dieser sittlichen Erwärmung und Belebung lässt er es nicht bewenden. Nicht allein unbewusst dringen seine Gemütskräfte, dringt der affektvolle Zustand, in welchem er schreibt, in seine Rede ein, sondern er legt es auch absichtlich darauf an, in dem Leser den seinigen ähnliche Gemütsbewegungen hervorzubringen und sie zu edeln Gesinnungen und Handlungen zu begeistern. Hierdurch wird sein Stil rhetorisch.

   Das Rhetorische der Darstellung geht aus einem überwiegend praktischen Interesse hervor, weswegen es sich auch ausschließlich bei praktischen Völkern und sittlich bewegten Menschen findet. Aber nicht immer und bei allen Völkern wird ein starker praktischer Trieb die Rhetorik hervorrufen, sondern nur da, wo die Wirklichkeit mit den Ideen, von denen der Schriftsteller bewegt wird, in grellem Widerspruch steht. In der griechischen Literatur ist daher, solange die Freiheit der Griechen bestand, im ganzen keine Rhetorik; und doch waren die Griechen die tatkräftigsten Menschen, die es je gegeben hat. Aber zwischen den Ansichten und Wünschen der Besten und dem wirklichen Leben fand noch kein unversöhnlicher Gegensatz statt; beide ruhten auf einem gemeinschaftlichen Boden; der Einzelne konnte seinem praktische, seinem politischen Interesse durch ein freies Eingreifen in die Lebensverhältnisse in Wort und Tat Luft machen. Ganz anders ist es dagegen, wenn dem sittlich und politisch bewegten Schriftsteller das Eingreifen in das Leben nach seinen Ideen unmöglich und das ganze freie Wort über das Öffentliche untersagt ist. Ist er in diesem Fall nicht von Hoffnungslosigkeit, wie Takitus, erfüllt, so wird seine Schreibweise sich notwendig rhetorisch gestalten. Indem er nicht unmittelbar auf geradem Weg wirken kann, sucht er mittelbar durch Umwege das Gefühl, die Gesinnung und die Handlungsweise seiner Leser für seine Ansichten zu bestimmen. Hieraus erklärt es sich, warum durch Schillers Werke eine rhetorische Ader geht. Was diesem großen sittlich politischen Charakter im Leben auszuführen, oder wovon ihm unmittelbar frei zu reden verweigert war, das sprach er, so gut es sich tun ließ, als Geschichtsschreiber, Philosoph und Dichter aus. Was er nicht loben konnte, dichtete er. Daher ist er in seinen frühesten Werken, wie er es selbst von sich aussagt7), am meisten rhetorisch. In der späteren Zeit überwand die wissenschaftliche Kultur und sein poetischer Genius sein überwiegendes praktisches Lebenselement, so dass von seiner dritten Periode an das Oratorische aus seinen Schriften meist verschwindet. Mit dem Nachlassen des politischen Interesses war der Rhetorik die Wurzel durchschnitten.

   Es bliebe uns nun, Nachdem wir über die innere Gestalt der Schillerschen Prosa gesprochen, nur noch übrig, von der äußeren oder sprachlichen Form derselben ein Wort zu sagen. Es ist anerkannt, dass Schiller und Goethe unsere Sprache eigentlich erst zu dem gemacht haben, was sie jetzt ist. Wie Schiller die deutsche Prosa der Barbarei trockener Gelehrsamkeit und andererseits dem Spiel einer seichten Unterhaltung entrissen und sie mitten in die reinsten menschlichen Interessen gestellt hat, so hat er auch ihren Sprachformen seinen unsterblichen Geist aufgedrückt. Von seiner Sprache gilt, was er selbst von Coligny sagt: „Er sprach rein, edel, stark, originell“ – und man kann noch hinzusetzen: Bestimmt, klar, bilderreich, und durch alles dies höchst anziehend. Er befriedigt zugleich Verstand, Vernunft, Phantasie, Gefühl und Ohr. Wenn man ihn recht genießen will, muss man ihn laut lesen. In Bezug auf Länge und Kürze der Sätze hat er das richtige Maß getroffen und eine schöne Mannigfaltigkeit beobachtet. Dabei ist nirgends eine Spur von verrenkten Perioden, von fehlerhafter Wort- und Satzfügung. Überhaupt ist der Ausdruck überall fest, sicher und angemessen, und nicht leicht hat ein anderer Schriftsteller so kraftvoll, kühn und erhaben geschrieben, ohne schwülstig zu werden. Nur einfacher hätte er häufig in seinen philosophischen Schriften sein können, in denen ein sich nicht genugtuendes Ringen nach Klarheit oft die Klarheit selbst trübt. Der Rhythmus seiner Sprache ist vortrefflich. Überall sehen wir die Bewegungen seiner Seele im Wellenschlag der Rede. Überall ist die sorgfältigste Rücksicht auf den Wohllaut genommen. Schillers Stil ist ganz und gar durchgearbeitet, sowie seine Gedanken; und alle Vorzüge, die hieraus hervorgehen, eine sorgfältige Wahl der Wörter, eine abgerundete und ebenmäßige Bildung der Sätze und Perioden, finden sich bei ihm in hohem Grad. Seine Sprache ist rein, und nur in einigen Formen und Fügungen hat sich die jetzige Ausdrucksweise von der seinigen entfernt. Nicht ganz zu billigen ist der häufige Gebrauch ausländischer Wörter in seinen historischen und philosophischen Schriften. Im Wallenstein und Tell suchte er hierdurch der Dichtung ein altertümliches und lokales Gepräge zu geben.

   Schiller hat sich in der erzählenden und historischen Darstellung, in der Briefform, in der philosophischen Abhandlung und in der Rede versucht. Aber alle diese Formen haben beinahe einen Charakter, und es fehlt seinem gehaltreichen und vollendeten prosaischen Stil offenbar an Mannigfaltigkeit und Extensität. Er konnte beinahe nur auf eine Weise schreiben; seinem ernsten, immer in Ideen lebenden Geist ging die Biegsamkeit ab. Seine Prosa gehört durchweg der höheren, ja höchsten Gattung an. Sie hat etwas dem Erhabenen Analoges; oft ist sie feierlich und prächtig. Das Allgemeine und Ideale des Schillerschen Stils zeigt sich seiner Form nach eben dadurch, dass er keiner besonderen Gattung angehört.

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1) Schillers Werke (Oktavausgabe), B. 12, S. 3. ­
2) Schillers Werke (Oktavausg.), B. 12, S. 312 ff.
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3) Ebendas., B. 10, S. 416 ff.
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4) Ebendas., B. 11, S. 472 f.
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5) Ebendas., B. 12, S. 17 f.
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6) Ebendas., B. 11, S. 578 f.
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7) Briefwechsel mit Goethe, T. 3, S. 288.
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