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         Biografien
            Hoffmeister - Schillers Leben

            Vorwort
            Inhalt

            1. Teil
            2. Teil
               1. Kapitel
               2. Kapitel
               3. Kapitel
               4. Kapitel
               5. Kapitel
               6. Kapitel
               7. Kapitel
               8. Kapitel
               9. Kapitel
               10. Kapitel
                  Schiller als phil. Schriftsteller
                  Rückblick
            3. Teil

Rückblick

   Indem wir uns nun anschicken, in dem nächstfolgenden Teil unsern Schiller auf die freie Sonnenbahn der Poesie zurück zu begleiten, scheint es angemessen, zur Orientierung des Lesers, auf die hinter uns liegende Laufbahn einen Blick zu werfen und uns die Frage zu beantworten: Wie weit hatte Schiller am Schluss des zweiten Lebensabschnittes die Aufgabe, die ihm durch Naturanlage und Schicksal gefallen war, selbsttätig gelöst, und welchen Standpunkt in seiner fortschreitenden Geistesentwicklung nahm er damals ein?

   Es war notwendig, bei der Darstellung seines Entwicklungsganges von einigen ursprünglichen Grundtrieben auszugehen, die tatsächlich in seinem Seelenleben vorliegen. Wir konnten uns leicht überzeugen, dass sein geistiges Leben in eine philosophische Denkkraft und ein poetisches Talent auseinander trat, während sein sittliches Leben in dem doppelten Element des Heroismus und der Humanität Gestalt und Inhalt bekam. Keines von diesen Momenten durfte unbeachtet bleiben, weil jedes alle anderen bestimmt und von allen anderen bestimmt wird – so dass wir z.B. Schillers dichterische Bildungskraft nicht begreifen können, wenn wir sein intellektuelles Vermögen nicht mit berücksichtigen, welches seiner Poesie ihre Form gab, und wenn wir den Seelenheroismus und die Humanität seines Gemütes unbeachtet lassen, welche seiner Dichtung den ewigen Gehalt zutrugen und die himmlische Weihe erteilten.

   In der frühsten Jugend Schillers sahen wir zuerst diese humane Seite seiner sittlichen Natur durch Religiosität und kindliche Anhänglichkeit sich kund geben, bis bei erstarkendem Selbstgefühl, unter einem langen und harten Erziehungsdruck, in der unbehaglichen Nähe eines eigenmächtigen Fürsten, durch die Zauberstimmen Plutarchs und Rousseaus und die ersten fernen Anzeichen einer neuen Weltepoche, jenes starke und stolze Freiheitsgefühl in ihm geweckt und groß erzogen wurde, welches sich in dem gigantischen Geist bald zu einer entschiedenen und reinen republikanischen Weltansicht verallgemeinerte. Was aber seine geistigen Talente betrifft, so sahen wir bei einem strengen Unterricht und einer großen Eingezogenheit sein eminentes Denkvermögen sich früher bis zu einer gewissen Reise entfalten, als sich selbst sein poetischer Genius zu entbinden vermochte, der nur allmählich durch fleißige Lektüre von Dichterwerken Form und Gehalt gewann, und sich allein in unbedeutenden Nachahmungen und Gelegenheitsgedichten aussprach, bis Schiller den angeschwollenen Freiheitsstrom seines Busens in seine Räuber ergießen musste. So entstand denn jene Trias von Jugenddramen, in denen der Dichter, in verschiedenen, bestimmt gesonderten Sphären, den Unmut seiner Cato-Seele polemisch und negativ aussprach, bis seine republikanische Weltansicht sich endlich so weit gegliedert und bereichert hatte, dass er sie in seinem Don Carlos positiv zu einem glänzenden Gemälde ausbreiten konnte. Die Stoffe, welche er in dieser Periode zu lyrischen Produkten aus den Stimmungen seines Gemütes schöpfte, tragen, weil die Humanität seines Herzens noch nicht zu einiger selbständigen Ausbildung gediehen war, beinahe alle den Stempel des Gewaltigen und Heroischen an sich, in dessen Richtung einseitig der Freiheitsstolz Schillers ganzes Leben damals gerissen hatte. Aber blad holte er das Versäumte nach. Als er durch die kühne Tat seiner Flucht und das Weltbürgerdrama des Don Carlos seinem Freiheitsprinzip genug getan hatte, bildeten sich im Verlauf der Jahre, bei ruhiger Betrachtung der Dinge und erweiterter Kenntnis der Welt durch den Umgang mit trefflichen Männern und edlen Frauen in Mannheim, Bauerbach, Leipzig, Dresden und während seines ersten Aufenthalts in Weimar, die humanen Kräfte seiner Natur harmonischer und vielseitiger aus. Doch erst in Rudolstadt, in der Lengefeldschen Familie, zur Zeit seiner innigen Befreundung mit den Griechen, hob eine edle Liebe alle Schätze seines reich begabten, tiefen Gemütes an den Tag, läuterten sich seine Gefühle zu der idealen Reinheit und Schöne, die uns in allem anspricht, was er von dieser Zeit an geschrieben hat. Diese Gemütsveredlung trug denn auch dazu bei, seine weltbürgerlichen Stolz zu mäßigen und ihm in seinen Äußerungen alles Anstößige zu nehmen. So wirkte jetzt das humane Prinzip bildend auf das der Freiheit zurück.

   Nachdem Schiller in Don Carlos sein politisches Glaubensbekenntnis abgelegt, und in kleineren Gedichten und im Geisterseher die Polemik seines Vernunftglaubens auch gegen positive Kirchensatzungen und Religionsdogmen gerichtet hatte, war sein erste poetisches Geschäft, welches ganz in sittlichen Interessen wurzelte, beendigt, und das seit seinem Austritt aus der Karlsschule zurückgeschobene intellektuelle Bedürfnis war nun nicht mehr zu beseitigen, ja dasselbe kam höchst willkommen, da es die jetzt eintretende lange Lücke der Poesie ausfüllte. Sein auf das Geistige konzentriertes Erkenntnisinteresse musste den Menschengeist im Großen in dessen Schicksalen und Entwicklungen kennen zu lernen, und es musste ihn in seiner Einheit und Wesenheit zu erforschen suchen – er musste Geschichte und Philosophie studieren. Er begann, methodisch vom Äußeren zum Inneren fortschreitend, zugleich aber deswegen mit der Geschichte, weil er sich durch diese Wissenschaft eine bürgerliche Existenz gründen wollte. So eröffnete sich denn seine zweite Lebensperiode, in welcher wir ihn zuerst eine Reihe historischer Schriften verfassen und dann, besonders in dem Triennium, das ihm seine Wohltäter in Dänemark zur Erholung und zum Selbststudium verschafften, sich mit entschiedener Neigung zu dem Anfang und Ende seines Denkens, zur Philosophie, hinwenden sahen. Hier suchten wir nun den Zusammenhang seines Philosophierens mit seiner ganzen Geistesrichtung nachzuweisen und begreiflich zu machen, wie seine nur das Ästhetische bearbeitende Philosophie die Lehre des Erhabenen auf das Freiheitsprinzip und die des Schönen auf das Humanitätsprinzip gründete; vorzüglich aber suchten wir den inneren, organischen Zusammenhang aller seiner philosophischen Abhandlungen vor Augen zu stellen und zu zeigen, wie Schiller sich selbst durch einige Aufsätze, die wir deswegen Übergangsabhandlungen nannten, den Rückweg zur Dichtkunst bahnte, nachdem er in freiestem Gang die ganze Ästhetik durchmessen und diese Aufgabe auf seinem Standpunkt vollkommen gelöst hatte.

   An dieser Stelle angekommen, entwickelt sich ihm nun naturgemäß, und unter den gegebenen Bedingungen mit Notwendigkeit, eine neue Epoche: Es beginnt die Periode der gereiften Kunstpoesie, die uns im dritten Teil dieser Schrift noch darzustellen übrig bleibt.

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