| Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info | |
|
Homepage Literatur Schiller, Friedrich Biografien Hoffmeister - Schillers Leben Vorwort Inhalt 1. Teil 2. Teil 3. Teil 1. Kapitel 2. Kapitel Tod des Vaters, Schwester Geburt des zweiten Sohnes Die Xenien Die Votivtafeln 3. Kapitel Balladen 4. Kapitel 5. Kapitel 6. Kapitel 7. Kapitel 8. Kapitel 9. Kapitel 10. Kapitel 11. Kapitel 12. Kapitel 13. Kapitel 14. Kapitel |
Zweites KapitelTod des Vaters und der jüngsten SchwesterIm Frühjahr 1796 überzogen die Franzosen unter Jourdan und Moreau Süddeutschland. Das allgemeine Unglück, unter dem das Vaterland seufzte, traf auch in besonderer Gestalt die Schillersche Familie auf der Solitude. Ein epidemisches Fieber, welches in dem österreichischen Lazarett wütete, ergriff die jüngste Tochter Nanette, und raffte sie in der Blüte der Jugend hinweg. Es war ein Mädchen von vielem Talent, die, von leidenschaftlicher Liebe erfüllt, ihres Bruders Trauerspiele auf der Bühne darzustellen, ihren Sinn auf eine theatralische Laufbahn gerichtet hatte. Sie erheiterte noch ihre letzten Lebensmomente mit der freundlichen Hoffnung, dass ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen werde. Aber auch der Vater und die ältere Tochter Luise erkrankten an demselben Fieber; die gebeugte Mutter stand allein da. Schillers Angst und Sorge war groß bei der Nachricht dieser schrecklichen Lage der Seinen. Wäre er nur so gesund gewesen, wie bei seiner Reise vor drei Jahren – er hätte sich durch nichts abhalten lassen, zu ihnen zu eilen. Aber er war über ein Jahr beinahe nicht aus dem Haus gekommen, und so schwächlich, dass er fürchtete, entweder die Reise nicht auszuhalten, oder bei seinen Eltern selbst sogleich zu erkranken. Das alte Übel, schlaflose Nächte und Krämpfe, ließ seine Gesundheit nicht aufkommen. Er bewog daher seine älteste Schwester, die Rätin Reinwald in Meiningen, nach der Solitude zur eisen, um die Ihrigen zu unterstützen und zu trösten. Die hierüber an Reinwald und seine Gattin geschriebenen Briefe, welche Frau von Wolzogen in Schillers Biographie aufbewahrt hat, zeigen ihn uns als den zärtlichsten Bruder und als den frömmsten Sohn. Keine Spur von dem reflektierenden Dichter, von dem scharfsinnigen Denker; man sieht nur den Menschen, von dem man meinen sollte, er habe von jeher nur das Feld der Liebe und Dankbarkeit angebaut. Damit die Schwester und die Mutter nicht aus ängstlicher Sparsamkeit irgendeine heilsame Maßregel zur Wiederherstellung der Kranken versäumen möchten, erklärte er sich mit Freuden bereit, alle Kosten zu tragen, und hieß die Frau Reinwald, sich das Geld von Cotta auszahlen zu lassen; auch die Reisekosten wollte er ihr gern vergüten. Sie unternahm die Reise, unterstützte die Mutter, schützte das Haus bei einem Überfall der Franzosen so gut als möglich, und kehrte erst im Herbst wieder zu ihrem Gatten zurück, nachdem sie ihres Vaters bis zu seinem letzten Atemzug treu und besonnen gepflegt hatte. Denn auch dieser, welcher längst an einem bedenklichen körperlichen Übel litt, wurde im September eine Beute der Seuche. Schiller war tief ergriffen, und fühlte sich seiner Schwester Reinwald in inniger Dankbarkeit und Achtung aufs Neue verbunden. Nur das vermehrte seinen Schmerz, dass er selbst den Geschiedenen nicht den letzten Tribut seiner kindlichen, seiner brüderlichen Gesinnung hatte zollen, dass er seiner lieben, seiner guten Mutter nicht hatte beistehen können. „Ich darf nicht daran denken!“, ruft er aus. „as hat unsere gute Mutter nicht an unseren Großeltern getan, und wie sehr hat sie ein Gleiches von uns verdient.“ Wohl dem Menschen, der für solche ferne, kleine Dinge ein Gedächtnis hat, in dem die Härte des Schicksals und die Strenge der Arbeit dieses weiche Gefühl noch nicht erstickt haben! Die zweite Schwester wurde den Ihrigen erhalten, und für die Witwe wurde in Leonberg eine Einrichtung getroffen. Noch vor Kurzem hatte eine geschickte Künstlerin, Frau Simanowitz, geborene Reichenbach, von Ludwigsburg, ihm durch Übersendung des wohlgeratenen Bildnisses seiner Mutter eine große Freude gemacht. Ein geborener Württemberger, Roos, welcher sie im Winter von 1797 auf 1798 in Leonberg kennen lernte, entwirft folgende Zeichnung von ihr: „Sie war eine noch angenehme sechzig- bis fünfundsechzigjährige Frau, deren mageres und faltenreiches Gesicht dennoch Heiterkeit und Freundlichkeit aussprach. Ihre wenigen Haupthaare waren ergraut, und ihre Körperhaltung bei kleiner (?) Statur war etwas vorgebückt; ihre Rede hingegen floss leicht und munter, und hatte noch einen angenehmen Ton, sowie ihr Benehmen Anmut und Übung im gesellschaftlichen Leben zeigte.“ Die schmerzlichen Tage der Krankheit und des Todes seines Vaters und seiner Schwester Nannette wurden durch Körner erleichtert, welcher Schiller im Mai auf acht Tage in Jena besuchte. Auch war in diesen Monaten der Verkehr mit Goethe besonders häufig und zusammenhängend. Dieser war im Jahr 1796 vier Wochen, im Februar und März, in Jena. Der Freund seines Herzens und der Freund seines Geistes kamen, um ihn zu beruhigen und zu zerstreuen. Gegen Ende des Jahres aber, Anfangs November, kehrte der lang ersehnte Wilhelm von Humboldt mit seiner Familie endlich von Berlin nach Jena zurück, und blieb daselbst bis in den April des folgenden Jahres, zur größten Erquickung Schillers. Auch Alexander von Humboldt gesellte sich auf einige Zeit zu ihnen. |
|
© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle |
|