Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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            Hoffmeister - Schillers Leben

            Vorwort
            Inhalt

            1. Teil
            2. Teil
            3. Teil
               1.  Kapitel
               2. Kapitel
               3. Kapitel
               4. Kapitel
                  Entscheidung Wallenstein
                  Ringen mit dem Stoffe
                  Ende der Horen
                  Goethes opt. Forschungen
                  Kränklichkeit
                  Plan eines Seedramas
                  Eine Schrift von Humboldt
                  Goethes Propyläen
                  Piccolomini, Lager vollendet
                  Aufführung des letztern
                  Umarbeitung der Piccolomini
                  Vollendung Wallensteins Tod
                  Darstellung dieser Schauspiele
               5. Kapitel
               6. Kapitel
               7. Kapitel
               8. Kapitel
               9. Kapitel
               10. Kapitel
               11. Kapitel
               12. Kapitel
               13. Kapitel
               14. Kapitel

Viertes Kapitel

Entscheidung für den Wallenstein

   Wir betreten ein neues Reich, und wandeln unter einem anderen Himmel. Die lyrische und epische Dichtkunst treibt von nun an nur noch vereinzelte, seltene Sprossen. Die Sonne des Dramas erhebt sich am Horizont, und erleuchtet die übrige Lebensbahn des Dichters. Er leistete und vollendete als Mann, was er als Jüngling versprochen und begonnen hatte.

   Es ist früher erzählt worden, wie sich im Jahr 1790 an die Geschichte des dreißigjährigen Krieges der Plan des Dramas Wallenstein anschloss1), dessen Ausführung aber durch Krankheit und philosophische Studien von Jahr zu Jahr verschoben wurde, ungeachtet Schiller schon 1792 Hand ans Werk legte, und während seines Aufenthaltes in Schwaben, in heiteren Stunden, einige Szenen in Prosa entwarf. Nach seiner Rückkehr drängten die Horen und der Almanach den Wallenstein in den Hintergrund, und blad trat ein neues dramatisches Sujet, die Malteser, an die Stelle des alten. Aber auch diesen Plan schoben dringende Arbeiten, unerbittliche Redaktionsgeschäfte zur Seite. Ein innerer Grund kam dazu. Damals, wo er eben von der Philosophie zur Poesie zurücktreten wollte, stand sein Geist noch ganz und gar nicht im rechten Verhältnis zum Drama überhaupt. Das Schauspiel, mochte es noch so lyrisch sein, war immer ein ungeeignetes Organ für die Ideenmasse, die sich in ihm abgelagert hatte. Er musste erst durch die ideelle, didaktische, epigrammatische Lyrik und die Xeniendichtung hindurch, ehe er, von seiner philosophischen Bürde entladen, mit freierem, reinerem Auge und festerem Schritt beim Drama anlangte. Vor dem Jahr 1796 also konnte er dasselbe beinahe nur in Aussicht stellen. Mittlerweile bemächtigte sich seiner wieder die Gestalt des Wallenstein, und in der Unentschiedenheit, dem trostlosesten Zustand für eine kräftige Seele, verlor er das Zutrauen zu beiden Stücken, zu seinem Dichtertalent. Bei diesen Anwandlungen von Verzagtheit, worin er, wie wir wissen, seine Freunde: Körner, Humboldt, Dalberg über sich zu Rate zog, griff er bisweilen wieder seien früheren epischen Pläne auf, so dass der Ungewissheit kein ende war. Endlich durch das Gelingen seiner ersten poetischen Versuche und den Beifall, den sie bei bewährten Richtern fanden, aufgemuntert, fasste er den Entschluss, sich dauernd der Dichtkunst zu widmen. Er verhandelte über diese Lebensfrage weitläufig mit Humboldt im Oktober 1795, der ihm dann auseinandersetzte, dass die Tragödie offenbar seine Bestimmung sei; nur werde er sich auf die einfache und heroische Gattung zu beschränken haben, da Charakter-Tragödien, wie Goethes Stücke, für ihn große Schwierigkeit haben würden, weil er seine Charaktere mehr aus dem Ideal und aus sich selbst, als unmittelbar aus der Natur schöpfe. Humboldt gab daher für den Moment den Maltesern den Vorzug. Indessen ließen die Horen den Dichter damals nicht an das Trauerspiel kommen, und als sie für den Augenblick befriedigt waren, machte der Almanach für 1797 seine unabweisbaren Anforderungen. Endlich war für den Xenienalmanach gesorgt, und jetzt erst trieb der Sprössling der freien, echten Dichtung. Goethe ermunterte und begeisterte zu neuem positiven Schaffen. „Nach dem tollen Wagestück mit den Xenien“, schrieb er, „müssen wir uns bloß großer und würdiger Kunstwerke befleißigen und unsere proteische Natur, zur Beschämung aller Gegner, in die Gestalten des Edlen und Guten umwandeln.“ Das war Schiller aus der Seele gesprochen. Von unendlicher Lust zu frischer Tätigkeit glühend, entschied er sich im März 1796 – nicht für die Malteser, sondern für den Wallenstein.

   Warum räumte er aber jetzt dieser Tragödie den Vorzug ein? Warum musste die jüngere, frischere Idee einem, wie es scheint, veralteten und abgeschwächten Pläne weichen? Dieses Phänomen bestätigt auf eine leuchtende Weise unsere Darstellung von dem Gang des Schillerschen Geistes. Hätte er sich im Jahr der ideellen Poesie 1795 überhaupt schon für das Drama bestimmen können, so wäre seine Wahl sicher bei den Maltesern stehen geblieben. Aber im Jahr 1796, nach der Xenienzeit, hatte er sich ja aus seiner bisherigen Dichtweise ganz herausgearbeitet. So lag damals nur der realistische Wallenstein in seiner Geistesrichtung, nicht die Malteser, die ein lyrisch ideelle Behandlung forderten. Er war an dem Gebiet angekommen, auf welchem Goethe stand, und befliss sich gerade jetzt, aus seinem bisherigen Stil in den entgegengesetzten überschlagend, eine Zeit lang einer objektiven Darstellung, bis ihm erst später ein unwiderstehlicher Naturdrang wieder die Bewegung zum Ideellen hin gab. Und so geschah es denn durch einen eigentümlichen Entwicklungsgang, dass die am meisten subjektive Tragödie, der Don Carlos, eine beinahe ganz objektive, freilich nach langer Zwischenzeit, zur Nachfolgerin hatte.

Ü   Þ


1) S. T. 2, S. 150. ­

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