Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
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      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Hoffmeister - Schillers Leben

            Vorwort
            Inhalt

            1. Teil
            2. Teil
            3. Teil
               1.  Kapitel
               2. Kapitel
               3. Kapitel
               4. Kapitel
               5. Kapitel
               6. Kapitel
               7. Kapitel
               8. Kapitel
               9. Kapitel
               10. Kapitel
                  Herausgabe pros. Schriften
                  Gedichtsammlung
                  Neue Gedichte
                  Redaktion von Schauspielen
                  Teilnahme an den Prophyläen
                  Das Jahr 1802
                  Turandot
                  Rätsel
                  Gedichte
                  Beabsichtigtes Schillerfest
                  Adelsverleihung
                  Wohnungskauf
                  Tod der Mutter
                  Plan des Warbeck
               11. Kapitel
               12. Kapitel
               13. Kapitel
               14. Kapitel

Turandot

   Die beiden Theaterdirektoren hatten bei ihren Bestrebungen das Total der Menschennatur vor Augen, und alle gebildeten Völker und Zeiten mussten ihre Schätze dem deutschen Theater, welches sie in Weimar gründen wollten, besteuern. So brachte nun auch Schiller die Turandot von Gozzi auf die Bühne, die er schon in den letzten Monaten des Jahres 1801 metrisch zu bearbeiten begonnen hatte. Selbst Lustspiele zu schrieben, war seiner Gemütsverfassung und Gewöhnung fremd, so wenig man ihm auch ein bedeutendes Talent fürs Komische absprechen kann. „Zwar glaube ich mich“, schreibt er, „derjenigen Komödie, wo es mehr auf eine komische Zusammenfügung der Begebenheiten, als auf komische Charaktere und Humor ankommt, gewachsen; aber meine Natur ist doch zu ernst gestimmt, und was keine Tiefe hat, kann mich nicht lange anziehen.“ Was er nun nicht selbst erschaffen konnte, davon wollte er sich die Vorteile nachbildend aneignen, und so entstanden einige Übersetzungen von Lustspielen, deren erste die Turandot ist. Schiller fühlte sich getrieben, alle Gebiete des Dramas schaffend oder nachbildend zu durchlaufen, um sich endlich auf das geeignetste zurückzuziehen und zu beschränken.

   Bisher hatte man Stücke auf die Bühne gebracht, welche die streng gesonderte Gattung rein darstellten, so dass sie auf den Zuschauer einen fröhlichen oder einen ernsten, immer aber einen einfachen Eindruck machten. Jetzt griffen die Direktoren des Theaters, indem sie sich von den Engländern und Franzosen auch einmal zu den Italienern wandten, zu dem Dichter, welcher Ernst und Scherz ineinander überspielen, und beide Bestandteile durch ihren Gegensatz und eine phantastische, abenteuerliche Märchen- und Feenwelt ausgleicht und gleichsam aufhebt. Dem Zuschauer sollte die Überzeugung beigebracht werden, dass, wie Goethe sagt, das ganze theatralische Wesen nur ein Spiel sei, über das er erhoben stehen müsse, ohne deshalb weniger Genuss daran zu finden.“ Das Theater sollte nicht bloß eine sittliche Bildungsanstalt sein, wie Schiller es in Mannheim gewollt, sondern vornehmlich eine Schule der ästhetischen Kultur, welche neben der moralischen Schätzung und dem logischen Begriff ihre eigentümliche Sphäre und Würde behauptet. Die Freunde muteten daher dem deutschen Publikum ein Stück zu, welchem man, weil es willkürlich und phantastisch ist, und in die sittliche Rührung immer mit lustigen Späßen spielt, schlechterdings nicht durch die groben und vulgären Instrumente des logischen Begriffs und der moralischen Schätzung beikommen kann. So nimmt also die Turandot in dem System der Schillerschen Bestrebungen ihre bestimmte gute Stelle ein.

   Schillers Übertragung dieses Stückes ist mehr eine freie Bearbeitung als eine Übersetzung zu nennen. Gozzi hat die Reden der komischen Figuren Pantalon, Tartaglia, Truffaldin, Brighella nicht ausgeführt, indem er dies den Improvisatoren der vortrefflichen Truppe Sacchi in Venedig überließ. Solche Szenen mussten also von Schiller nach bloßen Andeutungen neu gedichtet werden. So ist z.B. Akt 2, Szene 1 (welche wie Akt 2, Szene 1 der Piccolomini beginnt: „Greift an! Macht, dass ein Ende wird! usw.) ganz Schillers Werk. Muss man den großen Fleiß rühmen, den er auf diese komischen Szenen verwandt hat, so ist dagegen nicht zu billigen, dass er, von Gozzi abgehend, den Männerhass der Prinzessin durch einen rationellen Grund motivierte:

„Ich sehe durch ganz Asien das Weib,
Erniedrigt und zum Sklavenjoch verdammt,
Und rächen will ich mein beleidigtes Geschlecht
An diesem Männervolk etc.

Dergleichen ernste Gründe, wie manches andere würdige Wort, welches der deutsche Dichter die Prinzessin sagen lässt, entrücken ihren Abscheu dem Phantastischen und Willkürlichen, in welchem Element er allein Reize für uns hat. Überhaupt hat sich unter Schillers Händen das Schauspiel ernster und tiefer gestaltet, als er es von Gozzi empfing. Er blieb hierin seinem Charakter getreu, dass er alles mehr in das Bedeutsame hineinarbeitete, als eine heitere, moralisch indifferente Lauen vorwalten ließ. Einen schlagenden Beleg hierzu liefert der Schluss des Stückes. Gozzi lässt die Prinzessin zum Parterre hintreten, und sagen, man möge ihre Übeltaten vergessen, sie sei ja doch auch in sich gegangen, und zum Zeichen, dass man mit dieser Besserung zufrieden sei, möge man ein wenig in die Hände klatschen. Und Schiller? Er lässt den Prinzen (Kalaf) in das Blatt, „welches das Ende seines Unglücks enthält“, einen Blick werfen, und eine Zeitlang in sprachloser Rührung stehen, bis er ausruft:

Götter des Himmels! Mein Entzücken ist
Droben bei euch – die Lippe ist versiegelt.

Hierauf eine stumme, bewegte, rührende Gruppe, und der Vorhang fällt!

   Das Stück wurde in Weimar am 30. Januar 1802 zum ersten Male dargestellt. Aber das Publikum fand sich nach der Jungfrau von Orleans bei diesem gemischten Genre sehr getäuscht, und hatte bei der Aufführung Langeweile. Die zweite Repräsentation, versichert Goethe, sei besser gelungen, ohne dass es geglückt sei, alle Schwierigkeiten zu beseitigen. Der begriffsmäßig trockene und sittliche ernste Sinn der Deutschen hatte für ein solch geistreiches Spiel kein Organ.

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